Jon Schaffer und der Sturm aufs Capitol

Jon Schaffer und der Sturm aufs Capitol – Was ich dazu sagen möchte und er wahrscheinlich niemals lesen wird

Machen wir uns nichts vor. Die Musik, die wir lieben, handelt oftmals von dunklen Mächten, Krieg, Mord und Totschlag, Verschwörungen, zuweilen auch von unangemessenem Verhalten gegenüber Frauen, und das ist noch sehr vorsichtig formuliert. Menschen, die sich für so etwas in besonderem Maße faszinieren, haben nicht selten einen kleinen bis kapitalen Dachschaden, und der wird künstlerisch bearbeitet – oder bricht sich gerne einmal anderweitig Bahn in Form von lustigen Eskapaden bis hin zu schwersten Straftaten. Und wenn das passiert, dann kommt man als Fan in die unglückliche Lage, sich zu fragen, ob man diesen Künstler noch unterstützen will oder nicht. Mich erwischte es das erste Mal vor ein paar Jahren. Ich hatte fieberhaft das neue Release von TAU CROSS erwartet, zwei Alben hatte die Band um AMEBIX-Sänger Rob Miller mit Away von VOIVOD an den Drums schon draußen, die erste Single vom dritten Album war bei YouTube online. Doch aus dem Album Release wurde nichts. Das Label veröffentlichte ein Statement, dass es die Zusammenarbeit mit der Band beendet hatte. Grund hierfür war, dass Sänger Rob Miller in seinen persönlichen Danksagungen einen weltweit bekannten Holocaustleugner erwähnt hatte. Ein schlechter Scherz, sollte man meinen. Aber Miller legte in einem öffentlichen Statement nach, sprach davon, besagter Mensch habe ihm den Weg zu neuen Wahrheiten geöffnet. Die Sache war schmerzlich, aber klar, die Band flog aus meiner Sammlung und aus meinen Hörgewohnheiten. Musiker/innen entscheiden, was sie tun, die Fans entscheiden, ob sie sie noch weiter unterstützen wollen. Jon Schaffer ist ein erwachsener Mann, er hat ein Recht auf seine Meinung, und ich muss ertragen, dass die sich nicht mit meiner deckt. Soll er doch zusammen mit einer Vielzahl von anderen Durchgedrehten das Kapitol stürmen, um einen narzisstischen, rassistischen, frauenfeindlichen Multimilliardär (zumindest ist Donald Trump das, wenn man seine Verbindlichkeiten außer Acht lässt) gewaltsam an der Macht zu halten. Außerdem, was schuldet Jon Schaffer mir? Ich habe für Konzerte bezahlt, er hat gespielt. Ich habe für Tonträger bezahlt, die habe ich bekommen. Wenn er offenbar „Dystopia“ und „Plagues Of Babylon“ nicht für Fantasy, sondern die Realität hält, lass ihn doch. Was interessiert ihn meine Meinung, ich spiele Bass in einer Band, die er nicht kennt und schreibe für ein Onlinemagazin, das er noch nie gelesen hat. Damit ist die Sache geklärt, ich kann ICED EARTH und DEMONS AND WIZARDS aus meinen Playlists kicken (bin ich der einzige, der vorgestern das erste Mal von SONS OF LIBERTY gehört hat?), den Laptop zuklappen und ein Bier öffnen – oder doch nicht?

Nein, ist es meiner Meinung nach nicht. Musiker/innen sind keine Staubsaugervertreter. Sie verkaufen uns mehr als nur Dienstleistungen und Waren. Sie verkaufen uns ein Lebensgefühl, waren Influencer, lange bevor dieses Wort als Bezeichnung für Selfies schießende Teenager den deutschen Sprachraum eroberte. Wenn sie auf der Bühne stehen, dann schenken sie uns ein Gefühl von Zugehörigkeit, das Gefühl verstanden zu werden, Teil von etwas Größerem zu sein. Ihre Songs begleiten uns teilweise von Kindheit an, waren in wichtigen Augenblicken unseres Lebens treue Begleiter, beim ersten Bier, der ersten Kippe, dem ersten Kuss, dem ersten Sex, erinnern uns an durchzechte Nächte mit alten Freunden oder an die verlorene große Liebe. Ihre Gesichter, Bandlogos, Albumcover, Songzeilen lassen wir uns unter die Haut stechen, wir kaufen ihre Merchandise-Artikel, nähen Patches auf unsere Jacken, füttern ihre Egos auf Konzerten und helfen ihnen damit, unsichtbare Wunden zu heilen. Wir sind der Grund dafür, dass sie da stehen, wo sie sind, wir tragen ihr Erbe weiter, und wir entscheiden darüber, wie man sich an sie erinnert, und wofür. Sie haben sich in unser Leben eingenistet und in unsere Erinnerungen gebrannt. Dieses Gefühl von Vertrautheit, das sie durch ihre Kunst erschaffen, geht mit Verantwortung einher. Sie schulden uns mehr als das, wofür sie bezahlen. Sie schulden uns, trotz allen Anrechts auf Eskapaden und trotz einer unsererseits erwartbaren Frustrationstoleranz und Fanliebe, ein derartiges Mindestmaß an Selbstkontrolle und Zurückhaltung, dass wir uns noch ohne Scham als ihre Fans bekennen können. Damit wir uns nicht wertvollen Erinnerungstücken trennen müssen und unsere immateriellen Erinnerungen nicht für immer vergiftet werden. Dieses Mindestmaß an Selbstkontrolle und Zurückhaltung schulden sie nicht nur den Fans, sondern auch den Bands und anderen Musiker/innen, die sie begleiten, ihrem Freundeskreis und ihrer Familie.

Doch soviel sie uns auch schulden, sie gehören uns nicht. Die sozialen Medien sind schon voll von Forderungen an verschiedene Musiker, sich von Jon Schaffer zu distanzieren. Am häufigsten lese ich diese Forderung gerichtet an Hansi Kürsch. Die Mediengeilheit, das Geifern nach immer neuen News in der Sache überschlagen sich, und mittendrin sitzen Menschen, die fassungslos zusehen, wie ein alter Freund sich mit Anlauf in einem Riesenhaufen Scheiße verrennt. Sich fragen, wo er gerade ist, ob es ihm gut geht, ob er sich in einer psychischen Ausnahmesituation befindet und Hilfe benötigt, ob sie die Zeichen nicht gesehen haben, Schlimmeres hätten verhindern können. Sie sehen die Bilder aus dem Capitol, wissen, dass ein ihnen lieber Mensch jetzt vom FBI gesucht wird. Während die einen also gerade gedankliche Endlosketten bauen, wen sie wegen Verbindungen zu Jon Schaffer jetzt alles boykottieren und wo sie das alles lauthals und in Großbuchstaben kundtun müssen, welchen sensationsgeilen und schlecht recherchierten Artikel von welchem szenefremden Möchtegernexperten sie wo als nächstes teilen, machen sich die anderen gerade ernsthafte Sorgen.

Donald Trump wird einzig in der Hinsicht berechenbar bleiben, dass er immer noch schlimmer kann als vorher, und das Woche für Woche für Woche. Er hinterlässt ein gespaltenes Land. Joe Biden wird Präsident der Vereinigten Staaten, in einem Alter, in dem andere ihre politische Laufbahn beenden. Was er hinterlassen wird, das wissen wir erst in ein paar Jahren. Jon Schaffers Bild geistert jetzt mit einem Fahndungsaufruf des FBI durchs Netz. Über sein musikalisches Erbe entscheidet er mit dem, was er in den kommenden Tagen tun wird, und die Fans tun es auch. Viele Fragen sind offen, die Antworten auf sie werden warten müssen. Vielleicht legt er in den nächsten Tagen noch ein zwei Schippen drauf und ich bereue dann, nicht einfach geschrieben zu haben: „Jon Schaffer ist ein Arschloch“. Das weiß ich jetzt noch nicht. Eines steht aber fest: ICED EARTH, DEMONS AND WIZARDS, alle Musiker/innen, die Jon Schaffer über die Jahre begleitet haben, alle Fans, die ihm über die Jahre die Treue gehalten haben und zu seiner (momentan zugegebenermaßen für ihn selbst wenig förderlichen) Bekanntheit verholfen haben, verdienen etwas Besseres als das, was er am 06.01.2021 gezeigt hat. Ich hoffe, es kommt der Tag, an dem er sich daran erinnert.