DRAGGED UNDER / HAFENKLANG, HAMBURG

Billing

Dragged Under

Ort

Hamburg, Hafenklang

Datum

29.06.2022

Bilder

Marc Schallmaier

Es ist 21.10 Uhr, ich stehe vor dem Hafenklang und bin irritiert. Um mich herum stehen andere Besucher des Konzerts von DRAGGED UNDER. Manche sind wütend, andere nehmen es mit sarkastischem Humor, und wieder andere sind verwundert. Was ist passiert? Wir spulen jetzt ungefähr 85 Minuten zurück.

DRAGGED UNDER haben zwei Hammer Alben abgeliefert, aber leider funkte dieser Kack Virus dazwischen und verhinderte eine entsprechende Tour um allein das erste Album entsprechend zu bewerben. Erst über 8 Monate später konnte man die Sachen packen und das Material live zu promoten.
Und erst Mitte Juni 2022 spielten die fünf Amerikaner ihre ersten Konzerte in Europa überhaupt!
Der Einlass heute im Hafenklang erfolgt ohne Probleme. Auf meine kurze Frage, ob es denn eine Vorband gibt, bekomme ich die Antwort,
dass diese recht kurzfristig absagen musste und kein Ersatz gefunden wurde. Okay, das kann passieren. Schnell ein erfrischendes Bierchen geholt und nochmal kurz vor die Tür, das wunderbare Wetter genießen. Dort treffe ich einen guten Bekannten, den ich heute nicht hier vermutet hätte. Fairerweise sagt er mir gegenüber genau das Gleiche aus.
Wir quatschen ein wenig und kommen auf die ersatzlos gestrichene Vorband zu sprechen. Interessanterweise berichtet er mir davon, dass er diese Band nicht bei Spotify gefunden hat und ernste Zweifel daran hegt, dass es diese Band überhaupt geben würde. Da ich im Vorfeld nicht weiter danach gesucht habe nehme ich das so zur Kenntnis.
Kurz darauf begeben wir uns ins Hafenklang, es ist 20.10 Uhr, und die Dame am Eingang meinte beim Eintreffen, dass DRAGGED UNDER nun auch gleich loslegen würde. Das leere Bier flugs abgegeben, Kamera gecheckt und in Anschlag gebracht und schon einmal Richtung Bühnenrand orientiert. Allerdings dauert es noch einmal 10 bis 15 Minuten, bis die 5 Amerikaner aus Seattle endgültig die Bühne betreten. Dann geht es aber auch sofort richtig los! „Just Like Me“ und „Suffer“ gibt es als Einstieg, und sofort sind die gut 100 Zuschauer auf Betriebstemperatur. Ein kurze Ansage von Frontmann Tony Cappocchi und die Menge kommt geschlossen vor die Bühne. DRAGGED UNDER haben richtig Bock, die Spielfreude ist dem Quintett anzusehen und der kleine Raum auf der Bühne wird so gut es eben geht genutzt.
Erster Wermutstropfen ist der Band-eigene Fotograf. Dieser turnt direkt auf der Bühne oder davor rum und knipst als ob es kein Morgen mehr gibt. Ich fotografiere ja auch, das will ich dem Mann auch gar nicht absprechen, aber bei mir ist nach 3 Songs Schluß, ob mit oder ohne Fotograben, das ist mir egal. Für den kompletten Auftritt sieht man den Kollegen da rumrennen, sehr nervig.
Die Band lässt sich davon nicht irritieren, es werden Späße mit dem Publikum gemacht und weitere Songs abgefeuert. Allerdings taucht dann schon die zweite Sache auf, die mir den Spaß ein wenig nimmt. Es ist ja nichts Neues dass eine Band sich ihre Intros oder auch sonstige Spielereien vom Band einspielen lässt. DRAGGED UNDER halten es jedenfalls noch nicht mal für nötig den Laptop umzudrehen. So kann man auf dem Monitor eine Menge sehen, und ob da nun wirklich alles „Live“ gespielt wurde kann bezweifelt werden. Ein wenig schwingt da auch die folgende Tatsache mit. Der Sound ist irgendwie unausgewogen, das Schlagzeug dominiert das Ganze und alles andere, vor allem der Gesang, sind definitiv zu leise. Dabei hatte man doch ausreichend Zeit für einen Soundcheck?!? Sehr merkwürdig.
Naja, die Show geht weiter, zwischendurch benutzt Bassist Hans Hessburg einen willigen Zuschauer als Fußstütze, da auf der Bühne keine Monitorboxen stehen. Es kommen die Songs 7 („Chelsea“), Nummer 8 („The Real You“) und Lied 9 („Hypochondria“), und die Band geht danach plötzlich von der Bühne.
Das übliche Spiel beginnt: die Band atmet kurz durch und das Publikum verlangt lautstark nach mehr. Also kommt die Kapelle nach kurzer Zeit wieder auf die Bühne. Alles schon tausendmal erlebt.
DRAGGED UNDER lassen das Publikum entscheiden, ob sie „Riot“ oder „Here For War“ spielen soll. Die Menge ist bei „Riot“ lauter, und so wird das Stück intoniert. Danach kommt „Crooked Halos“, die Band bedankt und verabschiedet sich erneut und verschwindet wieder im Backstage.
Zaghafte Zugabe Rufe werden lauter, als plötzlich das Licht angeht und die Hintergrundmusik einsetzt. Ein unmißverständliches Zeichen dafür dass das Konzert beendet ist.

WIE BITTE?

Es sind maximal 45 Minuten vergangen, es gab keine Vorband und die Herren verkrümeln sich jetzt?
Fast alle Anwesenden haben sich Tickets gekauft, die teilweise schon seit über einem Jahr an einer Pinnwand oder einem Kühlschrank hingen. Da finde ich es schon ziemlich frech noch nicht mal eine Stunde zu spielen. Klar, dass die Vorband wegbricht kann ja mal passieren, aber DRAGGED UNDER haben zwei Alben rausgebracht, das sollte doch für mindestens eine Stunde reichen. Und wenn man wirklich nur 40 Minuten Material einstudiert hat (oder eben vorbereitet auf dem Laptop), dann kann man den Set doch einfach zweimal spielen. Habe ich auch schon erlebt, und es war ein Riesenspaß.
So sehr ich die beiden Alben von DRAGGED UNDER auch mag, und der kurze Auftritt stellenweise wirklich gut und unterhaltsam war, so muss man trotzdem festhalten dass durch die kurze Spielzeit die Live Premiere in Hamburg ein Griff ins Klo war.

Not everyone likes Metal - Fuck them!!!