Wirtz – Mit einem Gruß aus der Küche

Nach sechs Jahren ist es mal wieder soweit. Deutschrocker Daniel Wirtz geht mit seiner Band auf stromlose Tour, um sein neues Studioalbum „Unplugged II“ vorzustellen. Doch es gibt ein paar wichtige Unterschiede gegenüber der ersten „Unplugged“-Tournee, die nicht nur in der anderen Songauswahl begründet sind.

 Da unser letztes Interview mit dem freundlichen Musiker auch schon fünf Jahre her ist, fragten wir bei Daniel zunächst nach den Änderungen hinsichtlich Arbeitsweise, Produktionsmechanismen und so weiter.

Nun, wir hatten ja mit „Unplugged“ eine schöne Blaupause, an der wir uns orientieren konnten. Wir mussten das Rad zwar nicht neu erfinden, aber vom Arbeitsaufwand hatten wir uns die letzten sechs Jahre schöner geredet, als sie tatsächlich waren. Das heißt, dass der Matthias (Hoffmann, Co-Songwriter, Arrangeur, Produzent-der Verf.) die meiste Arbeit hatte mit dem Schreiben der Noten, dem Umarrangieren der Lieder, das Kümmern um die Musiker und so weiter. Ich glaube für ihn ist es einfacher, mit mir drei normale Platten zu machen als eine Unplugged. Aber wir hatten noch die Bilder im Kopf, wie es damals auf der Straße war. Es ging uns ja nicht darum, nur die Platte rauszuhauen, sondern das Ding auch auf die Bühnen zu bekommen. Spätestens mit den Erinnerungen und den Emotionen an die erste Unplugged-Tour waren alle Zweifel verflogen und die Entscheidung für eine neue Platte in dieser Form gerechtfertigt.

Und das, obwohl es bald nicht mehr in die ganz kleinen, intimen Locations oder Kirchen geht?

Ja, das stimmt wohl, wir sind diesmal schon ein wenig größer gegangen. Wir mussten das aber auch, obwohl so eine Halle wie die Alte Oper in Frankfurt schon eine echte Hausnummer ist. Nee, sehr viele Fans haben sich geärgert, dass sie beim letzten Mal nicht dabei sein konnten, weil die Kapazität der Karten eben nicht ausgereicht hat. Wahrscheinlich haben auch einige die DVD gesehen und sich gedacht, dass sie sich jetzt mal lieber eine Karte kaufen. Wenn wir uns wieder für so kleine Hallen entschieden hätten, wären zu viele Fans traurig gewesen, wenn sie keine Karte mehr bekommen hätten. Oder es wäre für uns eine unendliche Konzertreise geworden (lacht), weil wir dann drei Jahre durch so kleine Dinger ziehen müssten. So haben wir schon darauf geachtet, dass die Rahmenbedingungen stimmen und nicht die ganz kleinen Hallen, aber auch nicht die größten auszusuchen. Die Angst, dass das Zerbrechliche, das Intime vielleicht verloren gehen könnte, hat uns Udo Lindenberg genommen. Er hat es geschafft, aus einem Stadion mit 50.000 Leuten ein Wohnzimmer zu machen. Weil die Musik und die Texte stehen im Mittelpunkt und wenn Udo das mit 50.000 Leuten schafft, sollten wir das auch mit 1.200 Zuschauern hinkriegen.

Das nenn ich mal gesundes Selbstvertrauen, das aber auch meiner Meinung nach völlig berechtigt ist. Unplugged ist ja seit langem schon schwer in Mode. Gerade was die super kommerzielle Schiene wie die vom Branchenriesen MTV angeht, die ich ehrlich gesagt teilweise hasse. Das sind doch keine Konzerte von bestimmten Künstlern wie Peter Maffay beispielsweise, weil viel zu viele Gäste auftreten, die zur Zeit ebenfalls Charterfolge aufweisen und nur Kohle damit gescheffelt werden soll. So ist zumindest mein Eindruck. Aber egal, Udo Lindenberg hast du selbst angesprochen, Die Toten Hosen, Andreas Gabalier…immer mehr deutschsprachige Künstler gehen den stromlosen Weg. Muss man das als Künstler, der was auf sich hält tatsächlich machen?

Nein, das glaube ich nicht. Bei uns war es damals der Wunsch der Konsumenten, mal akustisch aufzutreten, denn wir haben bei einem Radiosender ein paar Songs akustisch gespielt. Da war das Geschrei groß, dass wir mal eine Unplugged Tour machen sollten. Aus diesem Wunsch entstand dann der Gedanke, mal einige Songs auf ein Minimum zu kastrieren, aber so, dass wir selber davon überzeugt waren, dass es geil klingt und man es so machen könnten. Die anschließende Tour war ja nur ein Experiment, sogar ein Wagnis, weil wir überhaupt nicht ahnen konnten, was da an Emotionen auf die Zuschauer überschwappte. Ist schon krass, wenn da Leute vor dir sitzen, die ihre Taschentücher rausholen und anfangen zu heulen. Diese Erfahrungen zu machen, wie emotional so ein Auftritt werden kann, war auch für uns auf der Bühne teilweise extrem schwierig. Mit einer Tempo-Box durch die Reihen zu gehen, weil sich da jemand die Seele aus dem Leib heult und zusammenbricht, so etwas vergisst du nicht! Es stand jetzt also kein Kalkül dahinter, aber wir hatten das Gefühl, dass es jetzt an der Zeit ist, das wieder aufleben zu lassen. Auch für mich selbst ist es unglaublich schön, den Raum auf der Bühne zu spüren. Ganz anders als wenn ich von links nach rechts und umgekehrt auf der Bühne rumrenne und über das Kabel vom Gitarristen stolpere! Nein, ich sitze da in der Mitte und kreisförmig hinter mir ein Piano, ein Cello, eine Geige, ein Akustik-Bass…alleine was da an Klang um mich herum entsteht, ist der Wahnsinn. Für mich als Musiker ist das ein Erlebnis, das ich nicht jeden Tag habe und allein von daher kann ich das selbst sehr genießen und ich freue mich ungemein auf die Tour! Obwohl es auch ein sehr teures Projekt ist, da muss ich jeden Monat was in das „Unplugged-Sparschwein“ stecken, denn wir sind ja quasi mit doppelt so vielen Leuten unterwegs wie normal. Das heißt doppelt so viele Gehälter, doppelt so viele Hotelzimmer buchen, mehr Techniker usw. Eigentlich ist so eine Sache ein Luxus-Artikel, den man sich höchstens alle sechs Jahre leisten kann, auch wenn uns in der Zwischenzeit ein paar gute Songs dafür einfallen würden.

Songs sind ein gutes Stichwort für meine nächste Frage. Nach welchen Kriterien sucht ihr die Lieder für die Kuschelversionen aus? Gibt es auch Stücke, die sich partout nicht eignen für die neuen Versionen?

 Eigentlich selektieren sich die Songs selber aus. Alles was mit einem Augenzwinkern betextet ist wie „Freitag Abend“, „Ich Weiß Es Nicht“ oder „Wo Ich Steh“, so etwas brauchen wir nicht herunter zu brechen. Bei der akustischen Umsetzung der Lieder hebst du den Text auf das Podium, alles wird den Lyrics untergeordnet. Von daher kommen nur Stücke in Frage, die der Ernsthaftigkeit der Texte in Verbindung mit den Instrumenten wie Cello, Piano und Co. gewachsen sind. Auf der Platte gibt es allerdings eine Ausnahme, und zwar „Auf Die Plätze, Fertig, Los“. Da war ich fast soweit, den Song von der Platte zu schmeißen. Matthias hat mich aber davon überzeugt, ihn zu behalten, weil er als Opener im Kontext funktioniert. Der Zuhörer kann sich auf die Instrumentalisierung einlassen, weißt du? Stell dir einfach vor du bist in einem Sterne-Restaurant bist und da kommt vorweg ein Gruß aus der Küche bekommst. Da weißt du in etwa wo es hingeht, ist aber nicht der Hauptknaller. Du weißt halt, worauf sich deine Geschmacksnerven einstellen können. Wir wollen auch die Leute auch nicht überstrapazieren mit unserem Seelenschmerz. Ich habe einigen Freunden und Bekannten die langsameren Songs am Stück vorgespielt, da waren einige darunter die nach dem dritten Lied gesagt haben, dass sie eine Pause bräuchten. Vieles ist halt keine leichte Kost, vor allem wenn die Hörer eine Verbindung zu den Texten durch eigene Erfahrungen haben. Für die heißt es dann halt schon nach drei Liedern: „Austreten und eine rauchen“! Von daher gestaltet sich jetzt auch für die Tour die Songauswahl aus „Unplugged“ und „Unplugged II“ schwierig, denn wir müssen die Leute ja auch überleben lassen, haha!“

Das macht eben den Reiz an deiner Musik aus. Ganz viele Leute haben eben ähnliche Situationen erlebt, können es aber nicht in Poesie und Musik ausdrücken. Sonst gäbe es auch zu viele Schriftsteller und Musiker. Daniel, gib unseren Lesern doch noch einen kleinen Ausblick auf die Zukunft. Bald steht dein 15-jähriges Bühnenjubiläum als Solokünstler an, wirst du die kommende Unplugged-Tour vielleicht erneut mitschneiden lassen?

 Das glaube ich nicht, denn das hatten wir ja schon. Mir spukt da eine andere Idee im Kopf herum. Wir hatten bei den ganzen Vorbereitungen, bei der Produktion und Aufnahmen ein Kamerateam mit dabei und wollen das später als Dokumentation veröffentlichen. Da gibt es so viel, etwa was vor der Bühne so selbstverständlich rüberkommt oder was im Hintergrund abgeht. Ich denke, dass das für die Fans sehr interessant sein dürfte, weil man den immensen Aufwand dieser Geschichte zeigt und wieviel Aufwand und Herzblut damit verbunden ist, ein Unplugged Album auf die Beine zu stellen. Auf welche Art und wann wir das überhaupt realisieren, weiß ich momentan noch nicht, so sieht aber der grobe Plan jedenfalls aus. Man kann das Ganze ja auch kombinieren, mit drei, vier Songs hintereinander oder dass mal ein Ausschnitt drübergelegt wird.

Na, dahingehend gibt es sicherlich reichlich Optionen! Ich komme zu meiner letzten Frage. Bei Facebook habe ich letztens ein Bild von dir vor dem Mannschaftsbus der Borussia aus Dortmund gesehen. Gehst du etwa der Eintracht aus Frankfurt fremd?

 Haha, nee, keine Angst. Die Eintracht spielt die letzten Jahre einen sehr schönen und attraktiven Fußball! Da ich hier in der Stadt lebe, schlägt mein Herz natürlich auch für diesen Verein. Aber grundsätzlich bin ich einfach nur Fan von schönem Fußball! Ich steh einfach drauf, wenn die Jungs geil mit dem Material Ball umgehen können, was sich dann bei einer WM oder EM noch steigert. Dabei ist es egal, ob es Leipzig, Dortmund oder Gladbach ist. Ich freue mich sogar mit den Mannschaften, auch wenn ich selbst keine nähere Bindung zu ihnen habe. Herrlich zu sehen, wie sehr dieser Sport doch verbindet, bei Facebook habe ich selbst die negativen Kommentare der Schalke Fans geliked! Obwohl…ein Mensch in meinem Team bei WIRTZ ist Bayern-Fan, da frag ich mich schon manchmal wie das geht, haha! Zu Dortmund habe ich jedoch eine tiefere Beziehung, denn ich habe mal 7 Jahre dort gelebt und hier in der Nähe bei einem kleinen Verein selbst gekickt, wenn auch nicht Bundesliga-tauglich. Von daher war der BVB meine erste Liebe! Und du weißt ja, wie das mit der ersten Liebe ist, einen Verein wechselst du ja nicht, nur weil er einmal Scheiße spielt. Das kann man durchaus mit einer Band vergleichen, die mal ein schlechtes Album gemacht hat, oder?

Jawoll, so soll es sein! Fußball und Rock`n Roll gehören doch irgendwie zusammen. Und beim Konzert in Bielefeld bekommst du von mir einen DSC Arminia Bielefeld Wimpel überreicht, wenn die auch (noch) nur in der 2. Liga kicken!

Die Melodie muss stimmen!