
“Ficken, Saufen, Oi!” war gestern. SENDESCHLUSS haben auf ihrer vierten LP natürlich ihre Roots nicht vergessen, aber nach einiger Selbstreflexion darf man sich mit Anfang 30 auch eingestehen, dass man das Schreiben des Soundtracks des nächsten feuchtfröhlichen Kneipenabends der Hörer*innen auch gerne anderen Kapellen überlassen kann.

„Ira“ Trackliste:
01. Ira
02. Die Esel reiten wieder
03. Und Action
04. Die Kids
05. Hasskommentar
06. Angst
07. Kämpfer*in
08. Abgebrannt
09. Besserer Mensch
10. One Life One Crew
11. Wandern
Lyrisch jagt hier ganz im Sinne des Albumtitels ein Seitenhieb den nächsten. Angefangen beim Unverständnis der älteren Generation gegenüber der Sorgen, Wünsche und Interessen von jungen Leuten (Die Kids) über den groben Umgangston und die nicht mehr vorhandene Menschlichkeit im World Wide Web (Hasskommentar), das fehlende Angebot und den Wunsch nach Freiheit und Abenteuern als Bewohner*in des Hinterlandes (Und Action) bis hin zur Angst vor der Zukunft, ausgelöst durch das aktuelle Weltgeschehen (Angst), bleibt auf “IRA” kein Auge trocken.
Jedoch wird sich nicht nur mit erhobenem Zeigefinger ausgekotzt, sondern die angestaute Wut auch in Positives umgewandelt. So wird sich mit dem täglichen Streben nach Verbesserung (Besserer Mensch), der Trennung von toxischen Einflüssen aus der Vergangenheit (Abgebrannt), aber auch mit der Feststellung, dass wir alle, ungeachtet von Herkunft, Glaube oder Gender täglich unseren Kampf mit dem Leben führen (Kämpfer*in) auseinandergesetzt.
Das Album fällt alles in allem durchaus eine ganze Spur poetischer aus als seine Vorgänger, trägt aber natürlich wie gewohnt auch glasklare Messages in sich. Gleich zu Beginn machen SENDESCHLUSS einmal mehr unmissverständlich klar, wo sie politisch stehen. “Das hier ist nichts für rechte Spinner! Wir wollen nicht mit euch feiern!” (Die Esel reiten wieder). Aber ganz gleich ob bildlich gesprochen oder unverblümt rausgebrüllt, zeigt das Neunburger Duo über das ganze Album hinweg, dass für politikverdrossene Anti-Woke-Wutbürger und andere Chaoten von konservativ bis rechts außen kein Platz in ihrem Band-Kosmos ist.