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14. Dezember 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

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DORNENREICH
Das Gefühl, dem kein Wort folgen kann *
Sabine Jordan
www.dornenreich.com


Ich verfolge DORNENREICH seit 1999 mit wachsender Begeisterung und nun durfte ich ein Interview machen. Ist ja klar, dass ich unglaublich aufgeregt war und hoffte mit meinen Fragen dem Anspruch dieser Band gerecht werden zu können. Ich denke, dass sich letztendlich ein spannendes Gespräch mit Eviga ergeben hat, der trotz Krankheit und einem langen, vorausgegangen Interview freundlich und sehr ausführlich auf meine Fragen einging und später auch noch in gewohnter Form einen unglaublichen Live-Auftritt hinlegte. Aber lest und entscheidet selbst...

DORNENREICH haben sich sehr stark entwickelt. Ich denke der Sprung von "Her Von Welken Nächten" zu "Hexenwind" war bisher der größte. Ist ja klar, dass nicht alle darüber erfreut waren. Wie gehst Du mit negativen Reaktionen der Fans um?

Dornenreich

Wenn die Kritik fundiert ist, dann merkt man das ja sofort, weil man vielleicht im Hinterkopf schon mal ähnliche Überlegungen angestellt hat. Wenn die Kritik allerdings nur ein haltloses Niedermachen ist, dann prallt das einfach ab.

Also nimmst Du Dir fundierte Kritik aber schon zu Herzen?

Ja, klar, wenn man merkt, dass da eine Auseinandersetzung stattfindet und vielleicht Gedankengänge dabei sind, die man selbst hin und wieder anstellt, dann natürlich schon.

Ich dachte immer, dass einem Kritik als Künstler vielleicht nicht immer unbedingt so viel bedeutet und DORNENREICH beinhaltet ja sehr viel von Dir und Deinen Gedanken...?

Ich nehme die Ebene der Rezeption sehr ernst, wenngleich ich bei den Kompositionen, oder wenn ich einen Text schreibe, nicht daran denke. Da ist es wichtig, dass ich selbst mit dem Ergebnis zufrieden bin. Wie Du selbst gesagt hast, sind beispielsweise die Texte auch sehr persönlich und man gibt damit sehr viel von sich preis.

Auf der Homepage ist zu lesen, dass die Texte auf "In Luft Geritzt" wahrscheinlich knapper als zuvor ausfallen werden. Das finde ich eigentlich sehr schade, da gerade auch die Lyrik charakteristisch für DORNENREICH ist/war. Es wäre - auch wenn mir die Instrumentalstücke sehr gut gefallen - schade, wenn wir in Zukunft auf Deine Gedanken in Wort verzichten müssten.

Es ist ja nicht so, dass das bei jedem Stück so sein wird. Nur grundsätzlich ist es uns bei diesem Album sehr wichtig, dass die Sprache knapp und assoziationsfördernd eingesetzt wird, um den starken Emotionen in der Musik Rechnung zu tragen, die sehr klar vorgeben, wie viele Worte zu verwenden sind und in welcher Weise man sie einsetzen kann.

Also wir werden nicht auf Deine Lyrik verzichten müssen?

Nein, auf keinen Fall. Es ist mir ja durchaus ein großes Anliegen, dass Wort und Text nach wie vor sehr stark ineinander greifen.

Dann vielleicht noch mal zu den Liveauftritten: Ich habe Euch jetzt schon ein paar mal live gesehen, zuletzt auf den Zwischenwelten und davor auf der Prophecy-Konzertnacht im Oktober 2006. Mir ist aufgefallen, dass die Leute bei der Prophecy-Konzertnacht eher ruhiger waren und aufmerksamer und gebannter zuhörten. Während ich auf dem Zwischenwelten teilweise richtig sauer war, weil die Leute geredet haben, oder im DORNENREICH-Shirt dastanden und telefonierten. Bekommt ihr das überhaupt mit und wie empfindet ihr das?

Ja, das ist von Auftritt zu Auftritt unterschiedlich. Bei der Prophecy-Konzertnacht war es sicher so, dass sehr viele Leute anwesend waren, die die Band schon lange verfolgt hatten und sich teilweise sehr stark mit der Band identifizieren können und dementsprechend dem Ganzen großen Respekt entgegenbringen. Das war natürlich auch ein bestuhltes Konzert, was - denke ich - auch einen gewissen Unterschied macht. Und beim Zwischenwelten Festival war es ja so, dass das eine Open-Air-Veranstaltung war und dabei besteht immer die Gefahr, dass sich die Stimmung etwas verliert.

Es war sehr schade, auch bei NEUN WELTEN. Die Leute haben sich teilweise gar nicht dafür interessiert, standen vorne und haben gequatscht...

Also manchmal ist es mir selbst rätselhaft, warum die Leute überhaupt zu den Konzerten hingehen, wenn sie dann bloß Desinteresse zeigen...
Ich selbst habe aber von etwaigen Störungen nicht so viel mitgekommen beim Zwischenwelten, weil der Abstand zum Publikum dort größer war.

Aber ihr seid auch immer sehr vertieft, habt oft die Augen zu. Bekommt ihr denn da überhaupt viel mit?

Ja, und gerade heute, in diesem intimen Ambiente wird man sicher sehr klar mitbekommen wie die Stimmung ist und wie die Leute bei der Sache sind. Aber über weite Strecken sind wir doch sehr vertieft in unser Spiel, weil uns die Stücke doch viel abverlangen, viel Konzentration und Hingabe an die Sache. Unser Spiel ist ja besonders dynamisch und das geht sicher nicht von selbst.

Gibt es irgendetwas, dass Euch aus der Ruhe bringen kann, wenn ihr spielt?

Ja, schon. Wenn der Monitorsound zum Beispiel leiser ist, als die Leute, die unten vielleicht quatschen, dann ist das schon irritierend, keine Frage. Wie gesagt, das hat sehr viel mit Konzentration zu tun und da ist es nicht förderlich, wenn die Lautstärke direkt vor der Bühne höher ist, als die Musik selbst.

Auf dem Summer Breeze und in Kaltenbach habt ihr wieder mit kompletter Band gespielt - das habt ihr schon lange nicht mehr gemacht - und wie ich hörte habe ich da wirklich etwas verpasst. Machst Du das aus Spaß an der Sache, oder hast Du richtig Bock darauf und können wir so etwas auch in Zukunft einmal wieder erwarten?

Ja, mir persönlich war es schon immer ein Anliegen, einmal etwas mit Markus Stock (EMPYRIUM) und Thomas Helm (NOEKK) gemeinsam zu machen. Markus hatte mir während des Mischen der "Durch Den Traum" angeboten, dass er gerne mal für ein paar wenige Auftritte Bass spielen würde und so ist das dann immer weiter ins Rollen gekommen. Dadurch, dass wir auch wieder einen guten Kontakt zu unserem Ur-Schlagzeuger Moritz Neuner (Anmerkung der Red.: ist auf der Tour auch Manager) haben, hat sich das immer weiter entwickelt. Wir wollten auch mal wieder testen, inwiefern wir uns darin heute wiederfinden und wie es sich anfühlt, nach so langer Zeit wieder in "Metal-Besetzung" auf die Bühne zu gehen. Es war eine überaus positive Erfahrung. Was mir persönlich sehr gut gefallen hat, war, dass die Musik und die Texte von dem Stück "Trauerbrandung" über die Jahre nicht an Eindringlichkeit verloren haben. Mir ist es ja immer sehr wichtig, eine gewisse Zeitlosigkeit in den Texten zu transportieren und archaische Inhalte aufzugreifen, die immer wieder in jedem Menschenleben eine Rolle spielen. Wir haben durchaus vor, das zu Wiederholen, sofern alle Beteiligten auch Zeit dazu finden werden.

Ihr habt den Auftritt des diesjährigen Summer Breeze Festivals gefilmt, um eine DVD herauszubringen. Moritz schrieb' mir, dass diese erst Ende 2008 erscheinen wird. Warum das denn?

Weil wir uns jetzt erst mal auf das neue Album konzentrieren und es eine große Herausforderung ist, die Stücke für dieses Album live - also ohne Overdubs - einzuspielen. Ein ungemein intensiver Prozeses. Und um eine DVD gut zu realisieren, braucht es ja auch viel Zeit. Aber ich denke, die DVD wird gut werden. Jedenfalls sind wir guter Dinge, da wir die geschnittene Fassung zu einem Stück des Summerbreeze-Auftrittes bereits sehen konnten ...

Wie viel werdet ihr denn am Sound bearbeiten? Es gibt ja viele Live-DVDs, bei denen man zwar Live-Bilder sieht, aber alles andere ist dann so stark bearbeitet, dass man gar nicht mehr hört, dass es eigentlich eine Liveaufnahme war.

Den Tonmitschnitt haben wir noch nicht gehört und werden den Klang finden müssen, der den Bildern, die sehr stark geworden sind, gerecht wird. Es soll ja ein stimmiges Ganzes vermittelt werden. Wir haben übrigens auch vor, einige Stücke unserer Akustik-Auftritte und eventuell auch ein ausführliches Interview zu integrieren. Das braucht alles seine Zeit, vor allem wenn man es zum erstem Mal in der Bandgeschichte macht.

Und es soll wahrscheinlich auch perfekt werden, wie alles von Euch, oder?

Nun, man hat stellt eben gewisse Ansprüche an sich selbst, die über die Jahre gewachsen sind und denen man gerecht werden möchte.
Perfektion wird in diesem Leben kaum geben, doch wir wollen Werke veröffentlichen, denen man an eine Totalität bezüglich der Hingabe während der Entstehungszeit anmerkt.

Welche Rolle spielt denn eigentlich Perfektionismus in Deinem Leben?

Früher war es mir selten möglich, zum Beipsiel "first take"-Aufnahmen stehen zu lassen und zu sagen: "Ok, das war jetzt genau, das was ich wollte". Ich habe sehr, sehr viele Takes - vor allem beim Gesang - gemacht. Aber bei "In Luft geritzt" möchten wir einmal ganz anders an die Sache herangehen, deswegen spielen wir das ganze Album (bzw. Geige, Girtarre und Percussion) live und ohne Klicktrack ein.

Wie stark ist denn Inve in das Songwriting involviert?

Immer stärker. Ich denke wir ergänzen uns sehr gut. Ich bin ein Mensch, der sehr intuitiv an Musik herangeht. Inve ist klassisch ausgebildeter Geiger und kann deshalb auch sehr viel zum Arrangement beitragen. Dadurch, dass dich Geige ja ein sehr melodisches und teilweise auch sehr vokales Instrument ist, ergänzt sich das sehr gut mit der akustischen Gitarre, weil man mit ihr gut rhythmisieren und damit ein lebendiges, erdiges Fundament liefern kann.

Macht ihr auch privat viel zusammen?

Ja, durchaus. Wir wohnen mittlerweile sehr nah beieinander, was vieles erleichtert. Aber prinzipiell machen wir natürlich zusammen Musik - und das ist zeitintensiv.

Gibt es überhaupt noch Zeit neben DORNENREICH irgendetwas anderes zu machen?

Ja, wenngleich wir tatsächlich sehr viel Zeit und Leidenschaft in die Musik fließen lassen. DORNENREICH ist gewiss eine Berufung und neben meiner Teilzeitarbeit auch ein Beruf.

Welche Musik spricht Dich denn privat an? Oder gibt es irgendetwas an Musik, das Dich inspiriert?

Ja, klar. Ich habe einen relativ weiten musikalischen Horizont und höre - nach wie vor - gerne die alten norwegischen Black Metal-Alben, dir mir damals schon viel bedeutet haben, die über die Jahre nichts an Eindringlichkeit verloren haben. Also die alten ULVER, THE 3RD AND THE MORTAL und KVIST. Aber in letzter Zeit auch viel, viel DEAD CAN DANCE, L'HAM DE FOC und BIRCHBOOK . Es ist ganz unterschiedlich, nur spricht mich in erster Linie "handgemachte" Musik sehr an. Elektronische Musik ist nicht so mein Bereich, obwohl ich mich da natürlich schon intellektuell darauf einstellen und sagen kann: "Okay, das ist interessant, was da gemacht wird". Natürlich ist das schon auch ein sehr kreativer Bereich, aber er spricht mich emotional einfach nicht so sehr an.

Dornenreich

Wie stehst Du denn - lyrisch und musikalisch - zu den alten Sachen? Gibt es einen großen Unterschied zwischen Aussage und Wirkung zu den heutigen Stücken, oder ist es nur das äußere Gewand, das ich geändert hat?

Ich denke, die Texte, die ich verfasste, bezogen sich ja schon von Anfang an auf existenzialistische Themen, wie Vergänglichkeit und Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich und der Konfrontation mit der äußeren Wirklichkeit, ganz ursprüngliche Gefühls- und Gedankenzustände, die immer wieder im Leben eines Menschen eine Rolle spielen, - gekoppelt mit einer starken Naturmetaphorik und Natursymbolik. Es war mir schon immer sehr, sehr wichtig, dass in den Texten äußerst bildhafte und eindringliche Aussagen getroffen werden, die abseits des größeren Ganzen eines Textes und des ganzen Albums für sich stehen können. Im Grunde ist für mich die Sehnsucht, die schon zu Demozeiten in unserer Musik enthalten war, über die Jahre immer erhalten geblieben, also das Gefühl, dem kein Wort folgen kann, wie es in einem Text aus "Hexenwind" ja heißt. Und gerade auch in der akustischen Instrumentierung tritt das sehr stark zu Tage, finde ich. Es ist sehr, sehr nackt, teilweise sehr zerbrechlich, dadurch aber auch sehr, sehr eindringlich und zutiefst leidenschaftlich bzw. sinnlich.

Ich war begeistert als ich "Hexenwind" zum ersten Mal gehört habe, ich fand' die anderen Sachen auch immer unglaublich, nur das hat mich umgehauen, vielleicht auch, weil ich es nicht unbedingt erwartet hätte. Ich höre "Hexenwind" sehr gerne zum Laufen, weil das Album auf mich eine meditative Wirkung ausübt.

Ja eben, man kann es halt so oder so sehen, im Gegensatz dazu, wenn man sagt, es sei monoton. Ich persönlich finde es eher hypnotisch, weil unsere Intention die war, dass man durch die repetitiven Passagen, den Hörer dazu zwingt, sich mit seiner eigenen Vorstellungskraft auseinanderzusetzen. Wir liefern nicht den ganzen Film, sondern nur die Basis, mit Hilfe von sehr gefühlsstarken Melodien. Das war uns sehr wichtig, deswegen ist das Album auch so minimalistisch und so reduziert in den Arrangements, weil wir uns selbst als ausübender Künstler für die Stimmung, die transportiert werden sollte, sehr stark zurücknehmen wollten. Deswegen findest sich auch weniger Gesang auf "Hexenwind", wohingegen bei "Her Von Welken Nächten" ja praktisch von der ersten Sekunde bis zur letzten die Musik immer verbunden mit Gesang und Stimme war. Bei "Hexenwind" wollten wir der Musik an sich schon viel mehr Raum geben.

"Hexenwind" sollte ja ursprünglich ein Projekt werden?

Das war eine über alle Maßen ambitionierte Sache und hätte ein Doppelalbum werden sollen, woraus dann letztendlich "Hexenwind" und "Durch Den Traum" geworden sind, weil es irgendwann logistisch einfach nicht mehr machbar gewesen wäre, 100 Minuten so individuell arrangierter Musik innerhalb eines Mixprozesses gut abzuschließen.

Das heißt DORNENREICH bleibt immer DORNENREICH und es gibt kein Projekte?

Ja, schon. Ich war zwar bei den letzten drei ANGIZIA-Alben beteiligt, aber mir ist es wichtig, dass ich in erster Linie mit DORNENREICH das verwirkliche, was mich zuinnerst beschäftigt. Und bis zu einem Gewissen Grad, so finde ich, schmälert es auch oft die Glaubwürdigkeit von Musikern, oder Künstlern, wenn sie sehr, sehr viele Projekte an den Start bringen, weil dies ja dann doch irgendwann heißt, dass die "Hauptband" nicht alles widerspiegelt, was man ausdrücken möchte. Allerdings ist die menschliche Seele eine weites, weites Land und ich will nich ausschließen, dass ich nicht selbst eines Tages, ein Projekt neben DORNENREICH realisieren werde.

Eine Frage hätte ich eigentlich noch... Wie ist das denn mit den Künstlernamen? Sind diese ein Relikt aus den Zeiten, als man DORNENREICH noch eher in den Black Metal-Bereich eingeordnet hätte, oder haben auch diese eine tiefere Bedeutung, was ich ja eigentlich eher vermuten würde. Eure bürgerlichen Namen findet man schließlich relativ einfach heraus und Inve kannte ich bis letztes Jahr auch nur unter dem Namen Thomas Riesner. Wie kamt ihr zu den Namen und was bedeuten sie?

Die Pseudonyme sollen das Zeitlose, Mystische und Ästhetische DORNENREICHs mittragen. Deshalb bestehen sie aus - sagen wir - wohl klingenden aber gezielt bedeutungslosen Silbengefügen. Und glaub' mir: es ist gar nicht so leicht, interessante Silbenkombinationen zu finden, die nicht sofort unpassende Assoziationen wecken...

Vielen, vielen Dank für Deine Antworten, es hat sehr, sehr viel Spaß gemacht.

Ich danke Dir. Dein Interesse an der Band freut mich sehr.

Es gibt wenige Bands, die mir persönlich so sehr am Herzen liegen und DORNENREICH schaffen es sogar immer wieder mich live in ihren Bann zu ziehen. Nach diesem Interview sind mein Respekt und meine Bewunderung weiter gewachsen, ich kann nur meinen imaginären Hut ziehen und mich nochmals für die ausführlichen Antworten bedanken. Ich hoffe wir werden noch viel von DORNENREICH hören, lesen und sehen.

*) Zitat aus dem DORNENREICH-Song "Der Hexe Flammend' Blick"

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