Tragedian – raus aus dem tiefen Underground?

Die Multikulti Truppe Tragedian mit Standort Hamburg existiert schon seit 2002, aber leider is dato im tiefsten Underground!Mit neuem Label, relativ frischer Besetzung und der neuen Scheibe „Seven Dimensions“ soll sich das hoffentlich ändern. Wir sprachen mit dem informativen Gitarristen und Songwriter Gabriele Palermo auch über aktuelle, zeitgeschichtliche Vorgänge. Aber lest selbst!

Gabriele, wie kam es denn zum doch recht griffigen Bandnamen Tragedian? Es ist ja schwer überhaupt einen Bandnamen zu finden der nicht mehrfach belegt ist!

Nach einiger Zeit, als die Band gegründet wurde, hatte ich die unmögliche Aufgabe, einen Bandnamen zu finden begonnen. Zu dieser Zeit standen wir in engem Kontakt mit Limb Schnoor und seiner Firma Limb Music Products und er beriet mich damals mit sehr hilfreichen Ratschlägen. Als das Thema der Suche nach einer Band auftauchte, gab er seinen Mitarbeitern ein Memo mit der Bitte um Vorschläge zu einem Bandnamen. TC von der Promo-Abteilung hat Tragedian auf seine Liste geschrieben. Als ich die Namen las, erregte Tragedian meine Aufmerksamkeit. Es fällt auf, es wurde noch nie benutzt und es klingt theatralisch.

Ihr seid ja eine Multi-Kulti Truppe mit Sitz in Hamburg wie kam es denn zur Gründung der Band?

Nachdem ich Stormwarrior im Sommer 2002 verlassen hatte, ging ich Kassetten voller Songs durch, die ich aus Amerika mitgebracht hatte. Zuerst wollte ich mit einer Sängerin, die ich in einem Hamburger Club getroffen habe, eine Band ähnlich wie Chastain gründen. Das einzige Problem war, als sie hart und wütend sang, bekam ich Children Of Bodom statt Leather Leone. Als wir fortfuhren und wir von einem Schlagzeuger und Bassist begleitet wurden, stellte sich heraus, dass sie nicht zu uns passte, als wir uns entwickelten, eine melodische Richtung wie Stratovarious, Sonata Artica und Labyrinth. Sobald wir einen neuen Sänger gefunden hatten, bereiteten wir sofort Songs für ein Demo vor.

Das ihr kulturell breit gefächert seid wirkt sich das deiner Meinung auch auf die Musik aus?

Nicht unbedingt! Ja, wir sind kulturell unterschiedlich, aber musikalisch sprechen wir dieselbe Sprache. Der einzige wirkliche Unterschied und Vorteil ist, dass wir, da Sänger Joan aus Lateinamerika stammt, jetzt die Möglichkeit haben, unsere Songs auf Spanisch für den lateinamerikanischen Markt zu produzieren.

Euer Albumartwork ist ja ein Killer, was soll das denn aussagen, wurde das exklusiv für euch gemacht? Das schreit ja nach einer LP!

Vielen Dank! Ja, das Cover wurde exklusiv von Piotr Szafraniec für uns gemacht. Das Artwork ist eine lose Interpretation eines Portals innerhalb einer Welt. Das heißt, der Hörer kann bestimmen, ob er eine bestimmte Welt oder Dimension verlässt oder betritt, je nachdem, wie er sie interpretiert. „Seven Dimensions“ ist nicht nur unsere erste Veröffentlichung für Pride & Joy-Musik, sondern auch unsere erste Aufnahme als Vinyl-Veröffentlichung.

Mix und Mastering habt ihr ja in die Hände von Eike Freese gelegt, der ist ja auch in Hamburg ansässig. War die Nähe auch ein Grund?

Eike und ich kennen uns seit 20 Jahren. Als ich meine Musikkarriere in Hamburg begann, begann er seine Studiokarriere. Als ich mit einem kleinen Heimstudio anfing und Eike als Produzent aufstieg, war er immer da, um mir zu helfen, wo immer ich es brauchte. Endlich hatten wir mit „Seven Dimensions“ die Gelegenheit, in Chameleon Studio in Hamburg zusammenzuarbeiten. Vor dem Mastering hat Eike einen Post-Mix und einige Feinabstimmungen durchgeführt, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen.

Ehrlich gesagt empfinde ich den Keyboardsound etwas „schräg“, aber auch die Keys an sich manchmal nicht so passend, kannst du das verstehen?

Ich verstehe vollkommen, was du meinst! Aber viele Dinge wurden absichtlich getan, um zu vermeiden, dass die vorherigen Bemühungen wiederholt wurden und neue Dinge ausprobiert wurden, insbesondere neue Keyboard-Sounds anstatt die gleichen Sounds zu benutzen, die jeder gewohnt ist zu hören.

Ihr habt ja auch Bonustracks, eine opulente CD Laufzeit und diverse, bekannte Gastsänger, braucht das eine neue Band heute? Das ist ja 2021 nichts besonderes mehr und ein gern benutztes Stilmittel von vielen Newcomern.

Kommt darauf an, Wenn die Band Newcomer sind, wäre es ein bisschen hilfreich, etwas Aufmerksamkeit zu bekommen. In unserem Fall, wir sind ja Underground aber nicht gerade Neulinge, sehe ich es als Kirsche auf einem Kuchen, zusätzliche Gewürze in der Suppe. Am Ende kommt es darauf an, was man mit Gastmusikern und Sängern erreichen wollen aber es ist wahr, heutzutage ist es nicht mehr wirklich etwas Besonderes. Es ist nur etwas Besonderes, je nach Gast.

Im Moment sind politische Themen wie die Verfehlungen eines Jon Schaffers aktueller denn je wie regelt ihr in der Band politische Ansichten, andere Meinungen? Gibt so ein Tagesthema große Diskussionen innerhalb eurer Band?

Ganz allgemein sind meiner Meinung Religion und Politik die beiden Hauptursachen für Unruhen auf der Welt, einfach weil Menschen die Meinungen der anderen nicht akzeptieren und respektieren können wollen. Am einfachsten ist es, seine Meinung für sich zu behalten, um missverständlichen Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen. Aber als Menschen in einer freien Welt haben wir Anspruch auf Rede- und Gedankenfreiheit. Ich persönlich spreche nicht über Politik und mische mich nicht in politische Diskussionen ein, einfach weil ich Musiker und kein Politiker bin und denke, dass ich informierter sein müsste, um mich qualifiziert äußern zu können. Innerhalb der Band Tragedian, hat jeder das Recht, auf seine eigene Meinung aber die Band ist keine Plattform politischer Meinungsbildung. Unsere gemeinsame Basis ist die Leidenschaft für einen Musikstil, der Dir als Hörer und Fan bis zu einem gewissen Grad den Ausstieg aus dem Hamsterrad des immer mehr von ideologisch aufgeheizten Diskussionen Alltags ermöglicht. Es gibt große Diskussionen innerhalb der Band: über musikalische Arrangements, über Tempo, oder Tonart. Politische Diskussionen würden unseren kreativen Prozess eher abwürgen. Jon Schaffer als Privatperson hat jedes Recht auf der Welt, jeden zu wählen und zu unterstützen, den er will, unabhängig davon, ob es sich um Demokraten, Republikaner oder Trumpisten handelt. Gleiches gilt für Musiker, die Black Lives Matters unterstützen. Aber man muss sich – auch in meinem Fall – als Musiker im Rampenlicht auch bewusst sein, dass man in den Medien eben nicht nur als Privatperson wahrgenommen wird, sondern auch als öffentliche Person, die unter Umständen Einfluss auf das Handeln der Fans hat. Darüber hinaus kann man, wenn man sich dessen bewusst ist, dieses Image als öffentliche Person bewusst einsetzen, um Anliegen zu unterstützen, die einem auch persönlich wichtig sind. Und da beginnt das Problem: wenn eine Privatperson, die den Menschen als Bandgründer oder in anderer öffentlicher Funktion bekannt ist, als Privatperson handelt aber von den Fans und/oder den Medien als öffentliche Person wahrgenommen wird, kann das eigene Handeln negative Folgen für das Ansehen z.B. der Band haben, von der man selbst nur ein Teil ist.

Ich habe in letzter Zeit das Gefühl das viele Bands, Labels nicht wirklich Stellung beziehen um keinen zu verprellen!

Ich glaube, das Problem ist noch verzwickter! Wir sind unter ständiger Beobachtung auch durch die enorme Geschwindigkeit, mit der in den sozialen Medien Nachrichten oder Ereignisse viral gehen. Niemand kann vorhersagen, in welche Richtung sich eine Meinung entwickelt. Dass, was Du in der festen Überzeugung, etwas völlig Harmloses gesagt zu haben, selber postest, kann von anderen vollkommen missverstanden werden. Und weil sich niemand die Zeit nimmt, genau nachzufragen, bist Du auf ein Mal der Buh-Mann. „Political Correctness“ ist ein Minenfeld, das Dich von einem Moment auf den anderen in die Luft sprengen kann. Es ist nicht verwunderlich, dass Bands und Labels sich hier sehr vorsichtig bewegen. Wie gesagt: Politik ist nicht unser Beruf; wir machen Musik. Das, was kürzlich passiert ist – ob man es eine friedliche Demonstration nennt, was es nicht war, denn Menschen sind gestorben, einen Marsch oder einen Sturm auf den Kongress, war – vorsichtig ausgedrückt, unangebracht. Wir Heavy Metal Musiker haben lange in dem Ruf gestanden, außerhalb einer Mehrheitsgesellschaft zu stehen, gegen sie zu revoltieren. Aber genau diese Demokratie ermöglicht uns auch die Freiräume, das zu tun, was wir tun. Wenn dann ein Protest gewaltsam ein öffentliches Gebäude stürmt und Menschenleben gefährdet ist das für mich ein NoGo. Das gilt für alle!  Dass Labels und Bands in unserem musikalischen Genre politische Distanz halten, ist verständlich und sehr klug. Plattenlabels sind hier, um Musik zu verkaufen, und Musiker sind hier, um Musik zu schaffen. Wir sind keine Protestsänger und wollen es auch nicht sein.

"Ein Gitarrenriff sollte nie länger sein, als es dauert, eine Bierflasche zu köpfen.“ Lemmy Kilmister (Motörhead)