Blind Ego – Vom Projekt zur Erfolgsband

RPWL-Gitarrist Kalle Wallner hob sich stilistisch mit seinem Side-Project Blind Ego schon mit dem ersten Album „Mirrors“ doch recht deutlich von seiner Stamm-Band ab. Den vorläufigen Höhepunkt bildete das Album „Liquid“, auf dem, ganz wie bisher auch, verschiedene Sänger zu hören waren. Da „Liquid“ sich zum erfolgreichsten Album der Blind Ego-Historie mauserte, ging Kalle Wallner nach Erscheinen der CD auf Tournee. Hier präsentierte er mit Scott Balaban erstmals einen bis dato unbekannten Sänger, der die Blind Ego-Songs mit unübersehbarer Freude, Können und Begeisterung ins Publikum schmetterte. Diesen Umstand machte sich Kalle Wallner nun zu Nutze, denn er spielte den jüngst erschienenen „Liquid“-Nachfolger mit dem damaligen Live-Line-Up im Studio ein.

 Kalle, was als Erstes auffällt bei „Preaching To The Choir“ ist das Coverartwork, das recht düster daherkommt, genau wie der Opener sowie der Titelsong etwas düsterer klingen. Die ersten Reviews sind ja auch schon reingeschneit, die sich insgesamt doch recht positiv über die Scheibe äußern.

Ja, stimmt, obwohl Musik zu machen erstmal nichts damit zu tun hat, die Rezensenten zufrieden zu stellen. Aber es freut einen natürlich immer, wenn das Album im Vorfeld schon gut ankommt. Aber ich finde nicht, dass das gesamte Album düsterer klingt als die vorherigen Alben. Vielleicht wird aufgrund des Covers dieser Eindruck verstärkt, aber wenn ich mir die alten Platten anhöre, auch die von RPWL, dann war die Melancholie oder das Traurige schon immer ein großer Bestandteil der Musik. Okay, einige nennen das vielleicht düster. Das liegt halt daran, dass ich mich von jeher bei melancholischerer Musik wohler fühle, das ist für mich wie eine warme Decke in die ich mich einmummeln kann. Außerdem ist das für mich eine prima Gelegenheit, meine Emotionen und Gedanken die mich beschäftigen zu verarbeiten. „Burning Alive“ ist letztendlich textlich sogar positiver geworden, als ich es geplant hatte. Das liegt daran, dass diesmal Scott Balaban an den Texten mitgearbeitet hat. Er wollte die Doppeldeutigkeit in den Vordergrund stellen und die Message, dass man sich von all den negativen Geschichten, die dir im Leben so widerfahren können, nicht runterziehen lassen sollst. Es ist doch besser, immer wieder aufzustehen und das Positive herauszukehren als im Selbstmitleid zu ertrinken. Bei „Preaching To The Choir“ ist das etwas anderes, da wollte ich das Düstere schon etwas hervorheben, weil ich das Thema, um das sich der Song dreht auch etwas düster sehe. Wenn du im Internet unterwegs bist oder in der Politik, es geht fast immer nur um diejenigen, die dir eh aus der Hand fressen zufriedenzustellen. Klar hast du auch Recht, denn immer, wenn Songtexte zum Nachdenken anregen, ist eine gewisse Düsternis im Spiel. Das haben wir, gemeinsam mit dem Björn Goobes versucht, mit dem Cover künstlerisch umzusetzen. Jetzt will ich nicht prahlen, aber das hat er wirklich grandios gemacht!

Was ich nur bestätigen kann. Das Artwork schreit ja förmlich nach Vinyl, oder?

Richtig, das Cover verlangt Vinyl und es wird auch Vinyl bekommen. Auch da habe ich mir einen persönlichen Traum erfüllt, denn es wird meine erste goldene Schallplatte werden, haha! So habe ich es zumindest scherzhaft öffentlich gemacht, der wahre Grund liegt eben auch an der farblichen Gestaltung des Covers, die ja leicht ins Goldene geht, da passt goldfarbiges Vinyl wie die Faust aufs Auge. Wir haben übrigens auch „Liquid“ mit großem Erfolg damals als Vinyl aufgelegt, weshalb es mich wirklich freut, dass wir das jetzt auch wieder machen können. Es ist schön, dass momentan wieder mehr Vinyl gekauft wird und diese Wertigkeit des Produkts Musik von den Hörern honoriert wird.

Vielleicht bekommst du ja bald eine richtige Goldene Schallplatte, wer weiß? Das Line-Up bei „Preaching To The Choir“ ist das gleiche wie während der Tour zu „Liquid“. Wurde aus dem Projekt Blind Ego etwa deine Zweitband?

Ich würde jetzt noch nicht davon sprechen, dass Blind Ego eine echte Band ist, dafür halte ich die Zügel noch zu fest in der Hand. Aber die Art und Weise und mit wieviel Energie wir damals miteinander Musik auf der Tour gemacht haben, hat mir sehr gefallen. Ich hatte einfach total Bock, mit diesen Leuten quasi Band-mäßig ins Studio zu gehen, um auch den gemeinsamen Schwung mitzunehmen und das Projekt damit weiter voranzutreiben. Ob das jetzt auch in Zukunft so sein wird, kann ich nicht sagen, denn das hängt ja nicht nur von mir, sondern auch von meinen Kollegen ab. Aber im Studio hat es sich schon sehr gut angefühlt, denn ein gemeinsamer Spirit war deutlich erkennbar. Und das hat auch aus dem Album das gemacht, was es ist. Wie gesagt, zur Zukunft kann ich mich noch nicht äußern, jetzt spielen wir erstmal ein paar Konzerte zusammen.

Dein Partner bei RPWL, Yogi Lang, hat mir verraten, dass er für seine eigenen Soloplatten ganz gerne Songs nimmt, die eigentlich für RPWL vorgesehen waren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Arbeitsweise auch für dich gilt, oder täusche ich mich da?

„Nein, das liegt aber in der Tatsache begründet, dass meine Herangehensweise an die Musik eine andere ist, als das bei Yogi der Fall ist. Ich komme ja aus der eher härteren Ecke und meine Lieder für Blind Ego benötigen auch eine Rock-Stimme. Ich merke beim Songwriting zwar relativ früh, was mal daraus werden kann, aber beim Schreiben selbst gehe ich eher ohne Kalkül an die Sache heran. Es ist eher so, dass meine Songs alle in einen Sammelordner kommen und erst später wird herausselektiert. Dabei lasse ich mich auch gerne etwas treiben, versuche meine Stimmungen mitzunehmen und am Ende sieht man halt, was dabei herauskommt. Es gibt sicher auch vereinzelt mal Songs, die für beide Bands passen würden, sich aber im weiteren Verlauf der Arbeiten an den Arrangements und Produktion eben eher für die eine oder die andere Kapelle anbieten. Das entscheide ich auch nicht alleine, sondern spreche das mit Yogi ab, der ja auch eng an der Produktion mitarbeitet. Das ist ja das Schöne daran, wenn man im Team arbeitet. Und ich kann mit beiden auch wunderbar leben, es ist doch super, dass ich mit zwei stilistisch so unterschiedlichen Bands Musik machen kann, die auch noch von relativ vielen Leuten gemocht wird!

Ich bin der Meinung, dass sich ein Side-Project immer deutlich vom Stamm abheben sollte, sonst macht es ja künstlerisch keinen Sinn, oder?

„Ja, auf alle Fälle macht es weniger Sinn, weil es ja sonst langweilig wird. Das war ja damals auch der Hauptgrund, weshalb ich Blind Ego gemacht habe und was die Sache für mich so schön spannend werden lässt. Das Publikum bei den Blind Ego-Shows besteht ja auch nicht nur aus RPWL-Fans, ich habe das Gefühl, dass da schon die härtere Fraktion stark vertreten ist. Im November beim zweiten Teil der „Tales Of Outer Space“-Tour mit RPWL habe ich mit einigen Leute am Merch-Stand gesprochen die gesagt haben: „Hey, die Musik ist ja auch ganz gut, wir kennen dich eigentlich von Blind Ego“…da sieht man, dass es auch andersherum gehen kann. Ich selbst möchte auch nicht ständig die Unterschiede zwischen Blind Ego und RPWL herauskehren, ich finde es einfach gut, dass beides nebeneinander funktioniert.“

Gitarren-Spezialisten bescheinigen dir eine rasante Entwicklung, du zählst mittlerweile zu den besten Saitenhexern Deutschlands, und das völlig zurecht! Was macht so viel Lob mit dir?

Ach ja, ich habe das Gitarrenspiel noch nie als Challenge betrachtet. Ich freue mich wirklich über jeden anderen guten Musiker und sehe mich selbst nicht so gern im Mittelpunkt. Was mich viel mehr freut, ist meine eigene musikalische und künstlerische Entwicklung als Musiker, Songwriter und auch als Produzent. Wenn ich höre, wie ich vor 20 Jahren geklungen habe im Vergleich zu heute, ist da schon ein gewisser Unterschied deutlich, was eben auch ein Stückweit normal ist. Schließlich hat sich ja auch die Technik in den 20 Jahren verändert, aber für mich als Musiker gilt grundsätzlich, dass Stillstand gar nicht geht, sonst wird es schwierig. Dafür finde ich das Thema auch so spannend, es ist doch einfach phantastisch, neue Dinge auszuprobieren und zu experimentieren. Das heißt ja nicht, dass man ständig im Studio an neuen Sounds herumfeilt, sondern einfach mal selbst an Kleinigkeiten tüftelt oder einen neuen Beat ausprobiert. Das finde ich wirklich extrem spannend und wenn mir das als positive Entwicklung von außen angedichtet wird, freut mich das natürlich.

Gibt es für dich auch andere Gitarristen als Inspirationsquelle, abgesehen von David Gilmour natürlich?

Das kann ich als jemand, der nebenbei viel Musik hört und Platten kauft natürlich nie ganz ausschließen. Dabei lege ich mich stilistisch nicht gerne fest, ich höre auch Blues und Klassik, in letzter Zeit wieder mehr Klassik. Doch auch straighte Rockmusik finde ich faszinierend, ich nenne jetzt mal einfach die Foo Fighters, die sogar meine Frau und meine Tochter gerne mögen und mit uns auf einem gemeinsamen Nenner ist, höhö (lacht ironisch!). Spaß beiseite, ich glaube, dass sich jeder, der Songs schreibt von gewissen Einflüssen nicht freisprechen kann.

Ist das eventuell auch ein Grund für die große Abwechslung auf „Preaching To The Choir“?

Ich mag es generell lieber abwechslungsreich, auch wenn ich ein Buch lese beispielsweise! Am schönsten ist es doch, wenn man ab und zu auch mal überrascht wird oder die Geschichte nicht von vornherein vorhersehbar ist. Und genauso verhält es sich mit der Musik, wenn man spätestens nach dem vierten Song schon das ganze Album gehört hat, finde ich das langweilig. Ich mag es sehr, wenn ein Song mal eine Wendung nimmt oder wenn ich genauer hinhöre, einen ungeraden Takt erkenne, der mir vorher gar nicht aufgefallen ist. Diese Abwechslung ist ja auch mein Job, durch die Produktionen mit anderen Künstlern in unserem Studio bin ich ja quasi gezwungen, mich der Abwechslung zu öffnen. Schön auf alle Fälle, wenn ich das auch mit meiner Musik glaubhaft nach außen transportieren kann.“

Das gelingt dir ohne Zweifel. Ich würde bei meiner nächsten Frage gerne noch einmal auf Scott Balaban zurückkommen, weil ein Sänger ja extrem wichtig für den Sound einer Platte ist. Vor „Liquid Live“ war er mir zumindest völlig unbekannt, wobei er bei der genannten Tour auch bei allen Zuschauern überaus gut ankam, nicht nur wegen seiner tollen Stimme, sondern auch durch seine überaus symphatische Ausstrahlung sowie der enormen Bühnenpräsenz! Erzähl doch unseren Lesern einmal wie ihr euch gefunden habt.

Scott hatte früher eine Band, die Amon Ra hieß und ebenfalls progressive Musik machte. Die waren etwas keyboardlastiger unterwegs und vorwiegend im Münchener Raum etwas bekannter. Die waren auch schon mal mit Saga unterwegs, es kam aber aus unerfindlichen Gründen nie zu einer offiziellen Platte, obwohl es Songs genug gab. Lustigerweise haben sie diese langersehnte Platte vor drei oder vier Jahren fertig gestellt und in Eigenregie rausgebracht, obwohl sich die Mitglieder schon lange von der Musik verabschiedet hatten. Ja, Scott hat nur noch aus Spaß etwas Musik gemacht und über eine gemeinsame Bekannte bin ich in München bei einer Veranstaltung über ihn gestolpert. Wir wurden einander vorgestellt und es hat gleich gepasst bei uns. Neben Blind Ego macht Scott aber auch nichts mehr. Einmal haben wir gemeinsam in etwas anderer Besetzung ein Unplugged-Konzert gespielt, aber das war nur im kleinen Rahmen und hat mit Blind Ego nichts zu tun.“

Unplugged ist ja momentan auch ein großes Thema. Dabei kann ich mir gerade Blind Ego stromlos gar nicht vorstellen, du etwa?

Doch, das finde ich schon, man muss sich das nur trauen und nicht versuchen, die Songs ein zu eins umzusetzen! Wenn man aber einen anderen Ansatz zu den Songs findet und gegebenenfalls andere Parameter in den Vordergrund stellt, warum nicht? Damit wäre ja auch ein anderer Zugang zu der Musik möglich, was auch viel Spaß macht. Wir haben das sogar schon zwei, dreimal gemacht, aber nur im eher privaten Kreis.

Okay, letzte Frage: Was liegt nach der Tour für dich bzw. RPWL noch in diesem Jahr an?

Wir produzieren das nächste Subsignal Live-Album und auch das neue Studioalbum von Sylvan ist in Planung. Im Herbst steht dann das 20-jährige RPWL-Jubiläum mit großer Geburtstags-Tournee an und wir werden zu diesem Anlass das erste RPWL-Album neu auflegen. Wir haben vor, die Songs zu überarbeiten und alles das machen, wozu wir damals noch kein Geld hatten, haha! Du kannst dir sicher sein, dass uns garantiert nicht langweilig wird.

Und den vielen Fans anspruchsvoller Musik damit auch nicht! Wir wünschen weiterhin viel Erfolg!

Die Melodie muss stimmen!