Orden Ogan – manchmal kommt es knüppeldick!

Zum sechsten Album, den Pannen drumherum, den Besetzungswechseln und der Materie des Science Fiction sprachen wir mit Orden Ogan Kopf Sebastian Leevermann. Das artete dann in ein gut gelauntes, XL Interview aus, da der Sauerländer viel zu erzählen hatte!

Man will ja nicht nur über Covid 19 sprechen, aber euch hat es ja als Band hart getroffen: Keine Konzerte, die Tournee mit Grave Digger und Rage im Vorprogramm wurde mehrfach verschoben und dann gecancelt, aber auch das neue Album „Final Days“ musste verschoben werden!

Ja, ich sag mal die Verschiebungen dank Corona waren nur das Sahnehäubchen oben drauf! Also bei dieser Platte kamen die Verzögerungen daher, ich glaube eigentlich nicht an diese Dinge, als ob jemand wollte dass dies nicht fertig wird. Wir hatten unheimlich viel Pech mit der Produktion, statistisch gesehen ist das eigentlich nicht möglich. Egal worum es gerade ging, ich kann dir locker 15 Situationen aufzeigen die uns jeweils eine Woche zurück geworfen haben. Ich kann mich daran erinnern, dass ich eine Zeit in fünf Tagen weil bei den Drums jeden Tag was kaputt gekloppt wurde was ersetzt werden musste. Das hat auch nichts mit schlechter Vorbereitung zu tun, da war ein neues Becken kaputt, die Gitarren hatten ein Brummen bei den Aufnahmen, bei den Videoclips wurden uns die Locations abgesagt. Ich produziere mit Q-Base das läuft normalerweise unheimlich stabil und dann hatte ich auf einmal das Mixingprojekt im Arsch! Das geht einfach gar nicht, wenn du drei Lieder fertig hast und musst wieder bei null anfangen um den gleichen Sound hinzubekommen. Corona war nur das Sahnehäubchen. Das schockte uns auch nicht mehr, aber die Tournee mit den beiden Bands wäre ein unheimlich tolles German Metal Package geworden. Wie du dir denken kannst ist das auch nicht so schnell geplant gewesen und wir mussten im Vorfeld einige Gespräche führen damit das so laufen konnte. Es ist halt so. Das größte Problem in der Vorbereitungsphase war das mit Gitarrist Tobas Kersting nicht mehr alles rund lief. Ich will ja nicht ins Detail gehen, es ging auch nicht um Kohle. Der hatte auch privat einige Dinge, da muss man auch mal einsehen, dass es nicht mehr so weiter läuft. Das hat mich auch runtergezogen, ich war da im Songwriting blockiert und als wir die Demoversionen fertig hatten dachte ich das alles Schrott ist. Zum Glück hat mich Drummer Dirk zur Seite genommen und gesagt, dass ich spinne. Er fand die Tracks supergeil die wir ausproduzieren sollen. Dafür war ich sehr dankbar. Ich weiß das sagt jeder Musiker, aber ich denke das ist unsere beste Scheibe bisher und die Reaktionen bei den Interviews sind auch fantastisch.

Ich glaube du hast meine Fragen alle schon gesehen, das mit dem Tobi hätte ich auch direkt frage wollen. Tobi war ja sehr lange dabei, du bist das letzte Gründungsmitglied. Die Pressemeldung klang nach Hintertür als ob der Tobi noch eine Chance bekommen würde irgendwann zurück zu kommen, oder sehe ich das falsch?

Unsere Vereinbarung ist dass er pausiert für dieses Album und die Touringphase pausiert. Es kann natürlich sein, dass er sagt es bleibt so wie es ist. Aus Freundschaftssicht würde mich das freuen, andererseits haben wir mit Patrick auch einen unfassbar guten Gitarristen gefunden. Der Karl von Torian hat mich auf den Patrick Sperling angehauen weil er merkte das wir Probleme haben und hat den angepriesen: Spielt in keiner größeren Band, sieht aus wie der jungen Zakk Wylde, kann klasse Gitarre spielen, ist Orden Ogan Fan und kann auf Tournee gehen. Da habe ich den dann mal angerufen (lacht), auch wenn wir eine sehr melodische Band sind ist das nicht so einfach zu spielen, da brauchten wir einen fähigen Mann. Als ich dann Patrick anrief hat er sich schlapp gelacht und gemeint ich solle ihn nicht für einen Spinner halten, er habe mit einem Anruf gerechnet. Der wohnt hier circa eine halbe Stunde entfernt von uns, das geht auch gut mit unserem Proberaum. Die ganzen Faktoren passen halt wie Arsch auf Eimer, der ist nett, super motiviert und spielt geile Soli wie bei „In The Dawn Of The AI“. Der andere Neuzugang Bassist Steven Wussow, das kam so: Ich hatte ja 2018 den Daumen gebrochen. Seit dem habe ich nur gesungen. Bei vielen Musikern die sich nur an den Instrumenten festhalten die fühlen sich dann ja auf der Bühne wie verloren, ich war aber anders. Ich war wie ein Fisch im Wasser. Ich fand das total geil, Presse, Crew, Band und Fans haben es toll gefunden. Viele Leute sagten wir sollen das beibehalten. Dabei merkte ich auch, dass diese der Gesangsperformance sehr zuträglich ist. Ich dachte immer Gitarre spielen und singen seien für mich kein Problem gewesen über die Jahre, aber ich wurde da doch eher mal heißer. Dann war klar, dass Bassist Niels Löffler zum Gitarristen aufsteigt. Als die Frage nach dem Bass war hat jeder gesagt der Steven Wussow soll es sein! Der war ja mal Bassist bei Xandria und wir waren mit denen zusammen auf Tournee im Vorprogramm von Powerwolf und haben uns super verstanden. Das ist wohl der Mensch mit dem ich auf der Tour am Meisten geredet habe. Ein super Bassmann, Tier auf der Bühne und geerdet wie wir alle, kein Rockstar. Als ich den anrief war die Reaktion ähnlich wie bei Patrick (lacht) und er meinte nur er käme mal zu einer Probe vorbei. Eigentlich sind solche Besetzungswechsel ein großes Ding, aber Xandria liegen eh auf Eis.

Wohnt der Mann denn auch bei euch in der Nähe?

Nein, aber da wir doch recht fitte Mucker sind und eh nicht so regelmäßig proben geht das schon. Sollten Konzerte oder eine Tournee anstehen wird halt im Vorfeld ein Wochenende durchgeprobt.

Ich bin ja froh, dass ihr einen Bassisten an Bord habt als ich den Namen Powerwolf hörte musste ich dann doch denken, dass ich das immer bei denen live doof gefunden habe. Aber es gab vor Jahren bei euch mal die Idee, dass du auf den Bass umsteigst, habt ihr da nicht daran gedacht?

Ohne Bassisten wollten wir wirklich nicht! Diese Bassphase war wirklich sehr kurz, auch mehr zum Spaß nachher im „The Thing We Believe In“ Videoclip. So nach dem Motto: bekommen die Fans das überhaupt mit? Das hätte ja auch keinen Mehrwert für mich gehabt. Du kannst dich viel besser mit den Leuten verbinden. Die Mannschaft die wir jetzt haben ist sehr sehr stark und ich bin echt gespannt wie das auf der Bühne wirkt.

Ich habe gesehen, dass es ihr die Tournee auf 2022 geschoben habt und mit anderen Vorbands am Start seid. Wie kam es: Schnauze voll von Verschiebungen?

Was soll sich denn bis April 2021 ändern? Nichts! Die Tournee mit Rage und Grave Digger wurde 2x verschoben und dann abgesagt. Die Leute haben ja Verständnis dafür, das merkt man. Jetzt haben wir zwei frische Bands dabei, die Labelkollegen Brothers Of Metal und die Südeuropäer Wind Rose.

Böse gesagt seid ihr mit den anderen Bands schon 1,5 Jahre zum Nichtstun verurteilt?

Das stimmt schon, aber ich habe das Glück noch mein Studio zu haben und es mir fast quasi aussuchen zu können nur Studiojob oder Orden Ogan zu machen. 2020 war eigentlich geplant auch nur Orden Ogan zu machen, da die Planung so gut aussah. Dann kam noch eine Anfrage ob ich die neue Brainstorm machen könnte, worauf ich dann die eine dann auch noch machte da ich die Jungs sehr mag. Dann rief Alex von Rhapsody of Fire an, ja die mache ich dann auch noch (lacht). Dann fing die Covid Scheiße an! Also habe ich die abgelehnten Studiojobs noch mal angerufen und in diesem Metier weitergemacht. Das ganze Geheule bringt halt nichts. Ich bin eher der Typ wenn es Probleme gibt das Beste aus der Situation zu machen! Ich kann verstehen, wenn Leute Fotos von Konzerten posten und dann schreiben sie vermissen das, aber es bringt mir einfach nichts! Es liegt nicht in unserer Hand. Wir müssen halt abwarten und schauen wann es besser wird. Wir haben echt überlegt, ob wir dieses Jahr dann mal ein Streamingkonzert machen. Wir haben das 2020 schon überlegt. Wir wollten das qualitativ hochwertig machen. Ich habe da einige Sachen gesehen die fand ich schlimm, weil da ja eine Band alleine ist. Vielleicht wie einen Musikfilm, nicht wie fünf Leute die auf einer zwei mal zwei Meter großen Bühne stehen. Das werden wir dann vielleicht via Crowdfunding machen, da war ich eigentlich nie Fan von. Das kam mir immer wie betteln vor. Wir werden unsere Fans fragen ob sie darauf Bock haben oder nicht, danach richten wir uns!

Ja, da gibt es riesige Unterschiede in Sachen Aufwand und Kosten: Kiss machen es natürlich riesig, verlangen richtig Asche, andere im Kleinen machen es für umsonst, vielleicht mit Spenden, wieder andere wie Moonspell nehmen recht kleines Geld dafür! Da gib es so viele Sachen!

Das „Wacken Worldwide“ ist dann schon besser gemacht, aber da kam auch keine Konzertstimmung auf. Vielleicht sollte man das irgendwie künstlerischer darstellen, nicht als Livekonzert an sich. Wir haben da einige Ideen die wir probieren wollen.

Bei Orden Ogan bist du seit jeher Hauptsongwriter, aber in der Vergangenheit waren auch Gitarrist Tobias Kerstens und Schlagzeuger Dirk Meyer-Berum als Komponisten geführt, wie sieht das heute bei euch aus?

Tobi hat einem Song mitgeschrieben der „Hollow“ heißt. Ansonsten war das wegen der Situation mit ihm nicht möglich. Dirk war auch am Start. Da gibt es noch einen Typ aus Schleswig-Holstein Stefan „Terazzo“ Manarin der auch den You Tube Kanal Stahlverbieger hat. Der war vor 2008  in der Band, wir zählen ja Orden Ogan offiziell seit 2008 als das „Vale“ Album kam. Vorher waren wir mal aufgelöst und das Ganze sehe ich als Findungsphase. Den habe ich angerufen und gesagt lass uns zwei Wochen an den Deich setzen und Gitarre spielen (lacht). Da sind dann auch sieben bis acht Tracks herausgefallen, wovon drei auf dem Album gelandet sind wie zum Beispiel „In The Dawn Of The AI“. Den Rest habe ich selber geschrieben, für Steven und Patrick war es aber zu spät, der Patrick konnte aber seine Solos noch draufpacken.

Was mir nach einigen Durchläufen aufgefallen ist, dass die Gitarren wieder mehr im Vordergrund stehen und die Refrains sehr im Fokus stehen, wobei die Keyboards mehr Beiwerk und Einsprengsel / Farbtupfer geworden sind, oder?

Da hast du Recht! Die sind natürlich da drauf um die Stimmung des Albums etwas zu unterstreichen, ich denke da besonders an die Sci-Fi Effekte. Aber wenn du eine Nummer hast wie „Let The Fire Rain“ die mit so einem 80er Jahre Heavy Metal Riff anfängt. Ich war nie der riesige DIO Fan, aber ich habe die ganze DIO Discografie durchgeskipt um das zu finden (lacht). Ich denke so wie jetzt haben wir noch nie geklungen, obwohl es im Grunde typisch Orden Ogan ist. Mit zwei so starken Gitarristen bin ich sehr stolz und glaube viel bewegen zu können!

Wie sieht es denn aus mit einer Story zum Album willst du da was zu sagen?

Es liegt wie immer bei uns einem Grundkonzept zugrunde, aber es ist eine keine zusammenhängende Story! Unterschiedliche Arten dessen wie die Welt zugrunde gehen kann: Künstliche Intelligenz, Angriffe von Aliens. Ich bediene mich da Wortfelder als Metapher. Auch bei „Heart Of The Android“ da geht es nur oberflächlich um Androiden, eigentlich geht es um uns Menschen. Bei You Tube schrieb einer. Das Thema ist doch ausgelutscht (lacht). Es geht halt nicht um Androiden. Beim letzten Song „It’s Over“ geht es dann um ein Asteroideneinschlag der das Ende der Welt besiegelt. Den Song mit dem Killervirus haben wir dann absichtlich vom Album genommen. Als das mit Covid los ging haben wir gesagt das geht so nicht! Die Leute hören tagein, tagaus nichts anderes. Das können wir nicht machen, der Track heißt „December“ und wird irgendwann als Single nachgeschoben. Musik soll ja auch irgendwie Eskapismus sein.

Das ist wie im TV, da ja „The Stand“ passend zur Pandemie wiederaufgelegt worden. Fast jeder Liedtitel bei euch gibt es genauso, oder leicht abgewandelt als bekannten Film, nehmen wir nur „Final Days“, „Black Hole“, „Alone In The Dark“, „Interstellar“. Du bist ja auch Filmfan, war das Absicht?

Das mit „Fina Days“ wusste ich zum Beispiel gar nicht! Ja, das sind alles Themenbereiche im Dark Sci-Fi. Es geht zum Beispiel bei „Black Hole“ nicht um ein schwarzes Loch, sondern über Depression. „Alone In The Dark“ sollte um Trennung gehen, aber es geht um einen Astronauten allein im Weltraum. Alles hat bei uns mehrere Interpretationsebenen, ich freue mich dann wie ein Kind, wenn ich das zusammengebastelt habe. Es wirkt dann wie A, aber am Ende ist es B. (lacht).

Ist es auch Zufall, dass die Brothers Of Metal Sängerin Ylva Eriksson auf der Scheibe auftaucht, oder Plan denn die sind ja jetzt als Vorband geplant, vorher waren es ja Rage und Grave Digger?

Das Liebesduett mit Peavy Wagner wollte ich mir sparen! Das Liebeskonzept war klar darauf gemünzt, dass die zweite Strophe von einer Frau gesungen werden muss. Ich mag das nicht immer sagen, da dies bescheuert klingt, aber Orden Ogan waren für mich auch immer Kunst und Selbstverwirklichung. Da kann auch kein Label sagen du musst jetzt fertig werden. Man merkt das auch an diesen Verzögerungen, ich muss das in den Player einlegen können und happy sein! Wir haben nie überlegt was strategisch günstig ist bei den Gastbeiträgen, AFM Records haben uns die Sängerin vorgeschlagen. Habe die auch mal live gesehen und auf Platte angehört und das gut gefunden, die singt ja bei Brothers Of Metal mit mehr Power, bei uns ist das ja etwas zarter geworden. Das hat die auch toll hinbekommen, der Name ist jetzt kein Namedropping. Das die am Ende mit uns auf Tournee gehen hat dann aber Sinn gemacht.

Ich schätze auch, dass es dann mit dem Gastsolo von Gus G (Firewind) bei „Interstellar“ ähnlich lief?

Wir wollten halt unbedingt ein tolles Solo und einen Gastbeitrag haben, da Gitarrist Niels auch bei Leaves‘ Eyes spielt und mit Firewind auf Tournee war, hatte er als ersten Gedanken Gus und da dieser ja auch beim gleichen Label ist war das ganz einfach. Bei Gus wusste ich sowieso was ich bekomme ist mega geil. Außerdem ist das auch ein kleiner Ritterschlag, der Ozzy Osbourne Gitarrist. Ich bin auch mit ihm etwas im Kontakt der ist völlig unkompliziert.

Was mir halt auffällt, die Lieder sind bis auf zwei schön kompakt, ist das Zufall?

Die Zeiten bei denen ich Lieder brauche mit sieben Minuten und 48 Parts sind lange vorbei. Ich muss nicht „Easton Hope II“ schreiben. Auch zu „Gunmen“ und „Ravenhead“ war mir das schon klar. Ich finde es krasser, wenn die Leute denken das Lied fängt gerade erst an und dann ist es schon vorbei wie bei „Interstellar“ (lacht). Die Lieder sind von der Struktur dann schon etwas poppig, aber für einen Popsong ist es viel zu lang und es passiert in den Liedern immer etwas anderes, so dass nicht zu viele Wiederholungen sind. Ich bin jetzt nicht der typische Musiker der sich nach einem Album auf die Schulter klopft, ich bin auch bei mir selbst sehr kritisch. Trotzdem bin ich sehr stolz auf das Teil und glaube wirklich, dass es das Beste ist was wir bisher gemacht haben!

"Ein Gitarrenriff sollte nie länger sein, als es dauert, eine Bierflasche zu köpfen.“ Lemmy Kilmister (Motörhead)