Eine ganze Dekade! So lange mussten die Fans von ANTHRAX tatsächlich auf ein neues Studioalbum warten. „For All Kings“ erschien bereits 2016 und seitdem ist verdammt viel passiert. Nun stehen die New Yorker mit ihrem mittlerweile zwölften Studioalbum „Cursum Perficio“ wieder auf der Matte. Der Titel bedeutet übersetzt in etwa „Ich vollende meine Reise“ und sorgt angesichts des fortgeschrittenen Bandalters natürlich für gewisse Spekulationen. Ob das tatsächlich das letzte Album von ANTHRAX ist, wird sich zeigen. Musikalisch klingt die Band jedenfalls keineswegs so, als hätte sie bereits die Koffer gepackt.
Nach dem kurzen Intro „Persistence Of Memory“ geht es mit „The Long Goodbye“ zunächst eher gemächlich los. Ein durchaus melodischer und atmosphärischer Einstieg, der aber schon zeigt, dass ANTHRAX hier nicht einfach „For All Kings 2“ eingespielt haben. Danach kommt mit „It’s For The Kids“ allerdings deutlich mehr Bewegung ins Spiel. Klassischer ANTHRAX-Thrash mit ordentlich Tempo, fetten Riffs und einem Refrain, der sofort hängen bleibt. Genau diese Mischung aus zappeliger Härte, Groove und Eingängigkeit gehört seit jeher zu den großen Stärken der Amis. „Everybody’s Got A Plan“ schlägt anschließend etwas modernere und groovigere Töne an. Keine schlechte Nummer, braucht aber ein paar Durchläufe, bis sie richtig zündet. Dafür kommt danach mit „The Edge Of Perfection“ für mich eines der Highlights der Scheibe. Der Song startet relativ ruhig und baut sich dann immer weiter auf, bevor ANTHRAX plötzlich den Hammer auspacken. Tempowechsel, aggressive Passagen, melodische Momente und sogar ein paar überraschende Ausflüge in dunklere Gefilde machen den fast siebenminütigen Brocken zu einem der abwechslungsreichsten Songs auf „Cursum Perficio“. So darf eine alteingesessene Thrash-Band auch 2026 gerne mal über den Tellerrand schauen. Mit „Infectious“ wird wieder ordentlich Groove ins Spiel gebracht, bevor „NYC 93“ den Old-School-Thrasher gibt. Und genau hier sind ANTHRAX für mich in ihrem Element. Treibende Drums von Charlie Benante, die markanten Gitarren von Scott Ian und Jonathan Donais und darüber Joey Belladonnas unverwechselbarer Gesang. Wer die klassischen ANTHRAX liebt, dürfte bei diesem Teil des Albums ziemlich schnell mit dem Kopf wippen. Das Ding geht einfach nach vorne und macht richtig Bock. Der Titeltrack zeigt sich anschließend wieder von seiner abwechslungsreicheren Seite. Ruhigere Passagen wechseln sich mit aggressiveren und treibenden Momenten ab. ANTHRAX versuchen hier gar nicht erst, möglichst brutal oder technisch beeindruckend zu wirken, sondern setzen auf Dynamik und Atmosphäre. Das funktioniert erstaunlich gut und sorgt dafür, dass das Album trotz seiner insgesamt klaren Thrash-Metal-Basis nicht eintönig wird. Danach geht es mit „T.O.M.B.“ wieder etwas kompromissloser zur Sache. Stampfender Groove, ordentlich Druck und eine gewisse Rotzigkeit, die man von ANTHRAX einfach hören will. „Watch It Go“ setzt noch einen drauf und gehört für mich neben „NYC 93“ zu den Songs, bei denen die Band am deutlichsten ihre alte Thrash-DNA auslebt. Hier wird nicht lange gefackelt, sondern einfach drauflos geholzt. Zum Abschluss gibt es mit „My Victory“ noch einmal eine schöne Mischung aus Melodie, Groove und Thrash. Kein überladenes Finale, sondern ein würdiger Rausschmeißer, der das Album sauber beendet.
Was mir an „Cursum Perficio“ besonders gefällt, ist die Tatsache, dass ANTHRAX trotz ihrer mittlerweile über 40-jährigen Bandgeschichte nicht ausschließlich auf Nostalgie setzen. Natürlich erkennt man die Band zu jeder Sekunde, aber es gibt genügend kleine Ausflüge und moderne Elemente, die das Album frisch halten. ANTHRAX machen schlicht ANTHRAX-Musik und haben dabei hörbar Spaß. Die ganz großen Klassiker der Bandgeschichte werden hier sicherlich nicht vom Thron gestoßen, aber das wäre nach all den Jahren auch eine ziemlich unrealistische Erwartung.
Für mich eines der besseren ANTHRAX-Alben der letzten Jahre (besser Jahrzente) und definitiv ein Album, das noch einige Runden auf dem Plattenteller drehen wird. Hoffentlich ist der Titel nicht wirklich Programm!