Aus Frankreich erreicht uns die neue Scheibe von Slave One. Ich fand bereits ihre letzte Scheibe „Omega Disciples“ ziemlich cool und war direkt gespannt, wie das neue Material klingen wird. Obwohl die Band bereits seit 2009 unterwegs ist und es sich hierbei um ihren dritten Longplayer handelt, sind sie derzeit noch relativ unbekannt. Ein Umstand, der sich gern mit dem neuen Output ändern darf, denn so viel vorab: die Jungs stecken mit derart viel Detailliebe und Herzblut in ihren Songs, dass Fans kontemporären Disso-Deaths hier direkt voll auf ihre Kosten kommen.
Sieht man sich die Recordinginfos an, so stolpert man direkt über Robin Stone. Der ausgesprochen umtriebige Australier, der derzeit zu den oberen Namen des vertrackten Death Metal Drummings zu zählen ist, hat auch auf dieser Scheibe die Drums eingespielt. Das spricht zwar für Qualität, aber warum ist auf der Scheibe nicht Sébastien zu hören – Gründungsmitglied und seines Zeichens selbst ein mehr als fähiger Drummer? Auf Nachfrage wird mir bestätigt, dass er die Drums tatsächlich selbst bereits einmal im Kasten hatte, es dann aber Komplikationen mit dem ursprünglichen Studio gab, weshalb die Band noch einmal von vorn anfangen durfte. Andere Bands hätten spätestens jetzt (aus Budgetgründen) zu programmierten Drums gegriffen – oder dies eh wie viele vorn vornherein gemacht. Insofern ein sehr großes Lob von meiner Seite an SLAVE ONE für diese Entscheidung, hier echte Drums ab des üblichen Konservenbreis zu wählen. Zum Sound sei aber auch anzumerken, dass die Gitarren anscheinend sehr hart geschnitten worden sind, wodurch bei ihnen leider nicht selten das Gefühl entsteht, man habe es hier mit MIDI-Gitarren zu tun. Das trübt ein wenig den Höreindruck – ist aber zum Glück nicht so schlimm, dass man die Songs nicht dennoch wirken lassen kann.
Wie klingt das nun aber alles zusammen? Es ist modern-extrem, dissonant, stellenweise tief in der Black-Metal-Kiste wühlend, dann wieder mit dieser klinischen, organischen Wucht, wie man sie eher aus dem Dunstkreis von ULCERATE kennt – und trotzdem ist das Ganze mehr als die Summe seiner Referenzen.
Was sich dabei wie ein roter Faden durchzieht, ist dieses sehr eigene Songwriting-Prinzip: Raserei, dann plötzlich offen gezogene Passagen, in denen der Raum aufgeht, und darüber (oder darunter) dissonante Harmonien, die nicht einfach nur bratzig sein wollen, sondern wirklich Spannung halten. Und je länger das Album läuft, desto klarer wird: Das ist kein Zufallsprodukt, sondern eine bewusst komponierte Soundkollage, die sich ihren Weg nimmt.
Der Opener „A Sigil Traced With Coal“ setzt die Duftmarke sofort. Ich hatte hier unmittelbar GORGUTS im Ohr – irgendwo zwischen der abstrakteren “From Wisdom to Hate”-Phase und dem sphärischen Ansatz von “Colored Sands”. Nicht als plumpe Kopie, sondern eher als Koordinatensystem: diese kantige Rifflogik, dieses “es rumpelt nicht, es argumentiert”, und dazu ein Ton, der einem direkt sagt: Hier wird nicht warmgespielt, hier beginnt das Album in medias res.
„Daeva (Avestan Vortex)“ legt dann nach – und zwar mit einem Einstieg, der mich erst mal sehr stark an ULCERATE erinnert. Dieses Gefühl von Sog, von etwas, das sich nicht “riffweise” vorstellt, sondern als Strudel auftut. Und genau daraus kippt der Song später in einen Part, der fast schon zu den Landsleuten von GOJIRA schielt: rhythmisch greifbarer, körperlicher; bevor das Stück das eigene Introriff wieder aufgreift und anschließend wieder in Dissonanzen und teils deutlich blackmetallisch gefärbte Passagen abbiegt. Das macht Spaß, weil es nicht beliebig wirkt: Es ist nicht “wir können auch Groove”, sondern eher “wir zeigen kurz eine Tür – und ziehen sie dir dann wieder unter den Füßen weg”.
„Sulphur“ ist dann so ein Song, der für mich das Songwriting der Band noch einmal bestätigt. Hier sitzt diese wiederkehrende Dramaturgie besonders deutlich: erst die Raserei, dann diese offenen Fenster, dann die dissonanten Harmonien, die sich wie kalte Streicher über das Ganze legen. Und das ist genau der Punkt, an dem das Album bei mir beginnt, wirklich als Album zu funktionieren: Man versteht, wie die Band Spannung denkt, wie sie Luft lässt, ohne die Bedrohung rauszunehmen.
„The Seraphic Conspiracy“ beginnt mit einem Sprach-Sample, das später wieder aufgegriffen wird – und das ist mehr als nur Atmosphäre, weil es wie ein Marker funktioniert: ein Motiv, das nicht melodisch ist, aber erzählerisch. Was ich hier tatsächlich als kleinen Minuspunkt nennen würde: Es gibt ein kurzes, fast nu-metal-lastiges Riff, das ich persönlich nicht gebraucht hätte. Das ist so ein Moment, der für mich eher nach Effekt klingt als nach Notwendigkeit. Danach fängt sich der Song aber schnell wieder: ein dissonantes Riff, wiederholte Samples und dann die Überleitung in einen offenen Part, der eine weite Fläche trägt – und genau dann, wenn es sich aufgelöst anfühlen könnte, wird es durch die erneut eingestreuten Samples sogar noch düsterer. Dieser Kontrast funktioniert stark, weil er nicht über Lautstärke, sondern über Kontext gebaut wird.
Mit „Ash-covered Guru“ geht es dann richtig in die Vollen, was Disharmonien angeht. Hier gehen die Vocals nochmal tiefer und strahlen in ihrer gutturalen Schönheit. Gleichzeitig ist das für mich der Song, bei dem ich am ehesten das Gefühl hatte, dass er in seiner Rifffolge stellenweise etwas konstruiert und dadurch auch ein Stück generischer wirkt, als es das Album sonst ist. Nicht schlecht – nur weniger zwingend. Was ihn für mich dann aber wieder klar hochzieht, ist das letzte Drittel: eingeleitet mit einem ruhigeren Part, der Dynamik reinbringt und den Track aus der reinen Wand heraushebt. Ab da bekommt der Song die Abwechslung, die er vorher ein bisschen vermissen ließ.
Sehr spannend (und für den Gesamteindruck wichtig) ist dann der Dreier „The Adversarial Path Part 1“, „The Adversarial Path Part 2“ und „The Adversarial Path Part 3“. Hier wird tiefer in die Black-Metal-Kiste gegriffen, aber eben nicht nach dem Motto “jetzt spielen wir halt Black Metal”. Vielmehr werden dort verwurzelte Riffs in diese eigene Soundkollage eingezogen und passend gemacht. „The Adversarial Path Part 1“ ist für sich genommen eher kurz – als Einzeltrack könnte man fast sagen: ein bisschen zu kurz, um zu stehen. Aber zusammen mit Part 2 und 3 ergibt das einen stimmigen Komplex, der wie ein zusammenhängendes Kapitel funktioniert.
In „The Adversarial Path Part 2“ gibt es dann einen Gitarrenausbruch, der schon fast als Solopart durchgehen würde – mit Obertönen und dieser giftigen, leicht schrägen Expressivität, die mich direkt an MORBID ANGEL oder auch an so manches ALKALOID-Solo erinnert hat. Part 2 fühlt sich insgesamt schwerer an, massiver – und genau deshalb wirkt Part 3 im Kontrast so gut: „The Adversarial Path Part 3“ beginnt trotz aller Disharmonie fast fröhlich. Natürlich nicht happy im klassischen Sinn, aber mit einer Art aufwärtsdrängender Energie, die den Blick kurz hebt, bevor das Album wieder in seinen dunkleren Kosmos zurückfällt. Diese kleine emotionale Verdrehung ist etwas, das ich dem Album sehr hoch anrechne.
Der Abschluss „Après Nous, Le Néant“ holt dann noch einmal die Stärken der Band zusammen und rundet das Album sauber ab. Nicht, indem er einfach alles nochmal wiederholt, sondern indem er das zuvor etablierte Vokabular (Druck, Dissonanz, Raum, Dramaturgie) so bündelt, dass man am Ende das Gefühl hat, wirklich durch zu sein – ohne dass es sich wie ein bloßes Ausfaden anfühlt.
Unterm Strich ist das für mich ein Album, das man nicht über einzelne Highlights versteht, sondern über die Strecke. Wer auf der Suche nach glatt produzierter Extremmusik mit sauberer Strophe-Refrain-Logik ist, wird hier vermutlich nicht glücklich. Wer aber Freude an dissonanter Architektur hat, an kontrollierter Raserei und an Songs, die Luft lassen, um danach wieder zuzuschlagen, der bekommt hier ein stimmiges, konsequent durchdachtes Gesamtwerk.