Mit Schubladen ist das so eine Sache – wir Menschen mögen sie und generell helfen sie uns ja auch super, komplexe Dinge schnell und einfach bewertbar zu machen.
Wer THE RUINS OF BEVERAST kennt, weiß, dass diese Band sich aber mit einem sehr steifen Mittelfinger gegen diese Schubladen wehrt – und das sehr erfolgreich! Im Begleitschreiben steht als Stil Black/Doom Metal. Nun – das ist ein Teil der Wahrheit – zur ganzen Wahrheit gehört aber, dass hier noch viel mehr Stile miteinander vermischt werden und THE RUINS OF BEVERAST damit ein sehr eigenes Soundbild geben, bei dem sich zu dem allgegenwärtigen Black und Doom auch Elemente aus Dark Wave, Death Metal und anderen Genres zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügen. Auch „Tempelschlaf“ bildet hier keine Ausnahme und dürfte manchem Hörer vor den Kopf stoßen, dafür andere hellauf begeistern. Bei allen weiten und angenehmen Passagen ist dies absolut kein Album, was man so nebenbei in der Küche hören sollte – und genau genommen sollte man auch keine einzelnen Songs davon nehmen und diese pars pro toto für das gesamte Werk verstehen. Allgemein habe ich immer wieder TIAMAT im Ohr, während ich das Album höre – und hier und da könnte eine der geschickt im Hintergrund platzierten tiefen Riffgitarren auch von MORBID ANGEL stammen – ist hier dann aber als Vehikel für die dominanten Flächen und Melodiebögen darüber verwendet.
Die Bandinfo spricht auch von einem gestrippten Sound, der die Anzahl der Layer und die Spielzeiten der Songs auf ein nötiges Maß gekürzt habe. Auch das klingt irgendwie nicht so ganz passend. Immerhin sprechen wir hier bei sieben Songs in einer knappen Stunde Spielzeit nicht gerade von Radio Edits. Und sicher hatten THE RUINS OF BEVERAST auch schon dichtere Layer in Songs, es wirkt hier allerdings nicht nach „das müssen wir jetzt unbedingt ändern“ – sondern vielmehr nach „so ist es das richtige Maß für diesen Song/diese Stelle – das lassen wir so!“ Und auch die Songlängen wirken nicht künstlich verlängert oder gekürzt, sondern haben genau die richtige Länge, damit sich die Parts in ihren repetitiven Passagen und in ihren geschmackvollen Aufbauten richtig entwickeln können. So viel sei vorab gesagt, doch schauen wir uns das Album mal etwas näher an.
Das Cover wurde bereits in Teilen auf der digitalen Vorabsingle „Alpha Fluids“ gezeigt. Das Artwork ist stimmig, wirkt für meinen Geschmack jedoch zu poliert – die Musik darunter hat mehr Kanten und mehr Tiefe. Da das Auge ja gern mithört, schließe ich den Folder mit dem Coverbild und lasse nur die Musik auf mich wirken.
Die Produktion erfreut mich ab der ersten Minute! Ein gut produziertes Album mit einem Sound, der nicht nur sauber und sehr organisch daher kommt, sondern genau das richtige Maß an Instrumententrennung und flächiger Atmosphäre bietet. Dazu sind in der Produktion immer wieder kleine Überraschungen versteckt, die den aufmerksamen Hörer belohnen und die Musik sehr angenehm komplementieren. So sind die Drums nicht aus der üblichen Drummer-Perspektive im Stereobild verteilt, sondern aus Publikumssicht – als wolle man sagen „du darfst dich von dem Album als Voyeur beschallen lassen – bleibst aber auf deiner Seite dieser imaginären Bühne!“ Im Stereobild passiert auch so sehr viel – so sind die Becken teilweise sehr eng in die Mitte gerückt (z.B. das China bei einigen treibenden Parts) – dafür macht der Mix an anderen Stellen aber auch weit auf und bietet eine Fläche über das ganze Hörpanorama. Bei dem Titeltrack „Tempelschlaf“ geht es nach etwa 2:20 in den ersten gesteigerten Part. Und während die Drums hier sichtlich geschäftiger und mit mehr Power zugange sind, fahren sie in der Lautstärke leicht herunter, um Platz für die Layer darüber zu machen.
Dies sind nur kleine Beispiele dafür, dass hier Sound geschaffen wurde, der nicht einfach generisch auf maximale Lautstärke getrimmt wurde, sondern der die Atmosphäre der Songs wunderbar trägt und das Album wirklich zu einem Hörgenuss macht. Generell könnte man Herrn von Meilenwald schon fast als den Bob Ross des Songwritings bezeichnen, denn schon bei „Tempelschlaf“ malt er uns immer wieder kleine Spannungsbögen dazu, die nicht nur diesen Song, sondern auch das ganze Album immer wieder regelrecht atmen lassen. So bewegen sich die Songs zwischen klein und schmal und weit offen und episch und die Atmosphäre ist zwar grundsätzlich düster, entlässt den Hörer aber immer wieder in eine wohlige Auflösung, damit man für den nächsten Impact gestärkt ist.
Ich will aber nicht nur in Lobhudeleien verfallen. „Day Of The Poacher” beginnt mit einem Skank, der im ersten Moment doch ein wenig an Humppa erinnert. Das ließ mich dann doch kurz zucken – zumal es nach dem Titeltrack doch recht unerwartet kommt. Das ist jedoch auch schnell wieder gelegt und dafür gibt es hier so manchen kleinen Schmankerl, der dafür nun wirklich wieder aufwiegt. So musste ich direkt beim ersten Hören bei etwa 2:00 zurück spulen, ob ich das gerade richtig gehört habe und musste schließlich (im absolut positiven Sinne) breit schmunzeln. An der Stelle bewegt sich der Song von einem Uptempo-Skank bei etwa 150 BPM plötzlich ab dem dritten Durchlauf des selben Parts auf runde 175 BPM und überschreitet damit die Wahrnehmungsgrenze zum Blast. Solche „während der Aufnahmen fällt mir auf, dass ich noch den Bus erwischen muss“ Parts können gewaltig in die Hose gehen – hier ist es aber absolut stimmig und leitet geschickt über den nächsten Part hin zu dem ruhiger gestalteten Part danach, der sonst mit seinem Grundtempo von rund 185 BPM womöglich sehr angestückelt hätte wirken können. Hut ab! Bei wiederholtem Einsetzen des Introparts ist das Humppa-Feeling dann auch schon vergessen und die anschließende Wiederholung des Skanks/Blasts mit ebenjenem Tempowechsel wie beim ersten Durchlauf legitimiert schlussendlich auch diesen Kunstgriff.
Nach etwa 25 Sekunden Introfläche bei “Cathedral of bleeding statues” folgt ein Part, der direkt die Faust geballt nach oben schnellen lässt. Und diese darüber schwebende Gitarre kommt doch irgendwie bekannt vor? Tatsächlich ist die auf einer A-Skala basierende Melodie bestehend aus einer absteigenden Terz und dann in das disharmonische Spiel zwischen Oktave und Septime recht ähnlich zu den Flageoletts, die bei „Tempelschlaf“ fast beiläufig bei z.B. 3:40 eingeschoben werden. Und auch bei “Last Theatre Of The Sea” schleicht sich am Keyboard bei etwa 1:50 eine sehr artverwandte Melodie ein. Kopie? Nein – eher eine sehr geschickte Spielerei, die die Songs miteinander verbindet und das Album zu einem in sich geschlossenen Werk werden lässt und bei aller Sperrigkeit der Songs gleichzeitig einen Ohrwurmcharakter entwickelt.
Und genau das ist das Stichwort: Gesamtwerk! Während die ersten Songs bei allen auch schnelleren Passagen einen getrageneren Eindruck hinterlassen, steigert sich dieser bereits bei „Alpha Fluids” und erreicht schließlich bei “Babel, You Scarlet Queen!” den Klimax des Albums, nach dem “Last Theatre Of The Sea” dann die Verschnaufpause bildet, bevor man mit dem dreizehnminütigen Epos “The Carrion Cocoon” die Reprise des Albums erfährt. Was hier in jedem Song einzeln funktioniert, macht als Gesamtwerk einen riesengroßen Spannungsbogen, der in seinem Aufbau schon fast an klassische Kompositionen erinnert. Das macht Lust darauf, das Album wieder zu hören und weiter einzutauchen – und darauf, die Songs live zu hören. Insofern ärgere ich mich gerade umso mehr, dass ich beim letzten Konzert in Hamburg nicht dabei sein konnte und freue mich umso mehr, die Band dieses Jahr noch auf dem Braincrusher und auf dem Beyond The Gates zu sehen. Ihr lest es denke ich schon raus – ich bin ziemlich begeistert.