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13. Dezember 2018 - Uhr
 
Die Kolumne

Billing MICHALE GRAVES, CIRCUS RHAPSODY, STATIC AGE
Ort Rostock, Alte Zuckerfabrik
Datum 19.04.2018
Autor Marc Schallmaier
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Michale Graves kommt fr wenige Konzerte nach Deutschland, aber diesen finden nicht wirklich in meiner unmittelbaren Umgebung statt. Also wird flugs geschaut und das Konzert in Rostock klar gemacht. Wer Michale Graves ist? Nun, der Mann hat zwischen 1995 und dem Jahre 2000 in der Band MISFITS gesungen. Und in dieser Zeit wurden unter anderem die beiden Mega Alben "American Psycho" und "Famous Monsters" verffentlicht. Nach meiner Meinung nach mit die besten Scheiben im Bereich Horror Punk, die je auf den Markt kamen. Dass der Mann aber auch seine Schattenseiten hat, wurde in den darauf folgenden Jahren bekannt. Er beteiligte sich an der Initiative "conservativepunk.com", was sich fr Europer, die den Begriff Punk von jeher mit einer eher linken und alternativen Art zu leben verstehen, komplett Gegenstzlich anhrt. Dies war ein einschneidendes Ereignis in seiner Karriere, denn viele Menschen aus dem Musikbusiness verweigerten auf Grund dieser Tatsache (und auch noch weitere Aktionen) die Zusammenarbeit mit ihm. Somit knnte auch der Grund vorliegen, warum nur wenige Konzerte in Deutschland und Europa mit ihm zustande kommen, denn zumindest ein Booker aus Hamburg, der mir auch persnlich bekannt ist, gab unumwunden zu, dass ihm Michale Graves fr ein Konzert angeboten wurde, er aus den oben genannten Grnden aber von einer Buchung absah. Ich will hier gar nichts schn reden, aber vielleicht muss man einfach auch auf die Tatsache schauen, dass in Amerika die Uhren ein klein wenig anders ticken als bei uns in Europa. Das soll nichts entschuldigen, man sollte aber die Aussagen und die Beweggrnde von Michale Graves etwas vielschichtiger und differenziert betrachten. Heute und jetzt geht es aber nur um die Musik und das Konzert in der alten Zuckerfabrik in Rostock. Die Location liegt in unmittelbarer Nhe zu einem Kleingartenverein, und direkt neben der Halle befindet sich eine Auto Werkstatt, in der auch noch spt abends munter geschraubt wird. Ein klein wenig skurril, passt aber zu diesem Abend. Die Zuckerfabrik an sich ist ein sehr kleiner Laden, dazu noch etwas verwinkelt, und wenn man stapelt passen maximal 200 Leute da rein. So viele sind heute Abend aber gar nicht da, maximal einhundert Nasen wollen sich das Konzert nicht entgehen lassen.

Als erstes kommen allerdings die Lokalmatadoren von STATIC AGE auf die Bhne. Das Quartett aus der Hansestadt Rostock spielt eine recht wilde Mischung aus Black Metal, Thrash Metal und Punk Anleihen. Leider ist der Sound sehr matschig. Dass passt zwar einerseits zu den Stcken der Band, auf der anderen Seite kann man aber nicht wirklich von einem Hrgenuss sprechen. Die noch recht junge Kapelle existiert erst sein ein paar Jahren und eine gewisse Nervositt ist den Burschen durchaus anzumerken. So poltern sich die Vier durch ihren Set, der fr meinen Geschmack einfach auch zu lang geht. Weniger wre hier mehr gewesen.

Obwohl der Soundcheck und der Changeover nach STATIC AGE recht zgig erledigt ist, mssen wir alle noch eine halbe Stunde warten bis CIRCUS RHAPSODY anfangen knnen. Warum diese langen Pausen zwischen die Bands gelegt wurde wei nur der Henker. Bassist Michi vertreibt sich unter anderem damit die Zeit, dass er sich die Bandshirts der Zuschauer anschaut und spontan einen Song dieser Band anspielt. Dadurch entstehen auch witzige Konversationen mit dem Mann am Tieftner und so vergeht die Zeit dann doch recht zgig. Dann endlich darf die Truppe beginnen und ich, der sich im Vorfeld mangels Informationen null um die Vorbands kmmern knnte, bin doch nach ein paar Songs sehr berrascht. Die Berliner zocken einen sehr eigenwilligen Musikmix und schmeien munter alles in einen Topf. Und das Ergebnis kann sich durchaus Hren und Sehen lassen. Da gibt es Punkrock, Rock'n'Roll, Folk und Gypsy Elemente (neben den Mnnern fr Bass, Gitarre und Schlagzeug befindet sich auch eine Dame mit Geige auf der Bhne), und ja, auch Metal Elemente kann man da raushren. Ein wenig erinnern mich CIRCUS RHAPSODY an die Band GOGOL BORDELLO, die einen hnlichen, wilden Stilmix betreiben. Auch der Gesang geht reihum und man muss der Kapelle zugestehen dass es sich hier um sehr gute Musiker mit jeder Menge Spielfreude handelt. Zur Krnung bringen die sympathischen Hauptstdter auch noch eine Zuckerwatte Maschine mit zu ihren Auftritten. Das Publikum ist ebenso wie ich fasziniert, wenn auch noch ein wenig lethargisch. Nur wenige haben den Mut und die Mue sich zu den Klngen von CIRCUS RHAPSODY zu bewegen. Das tut dem Spa keinen Abbruch und die Band zieht ihren Auftritt sehr professionell durch. Auch wenn es musikalisch nicht ganz mein Ding ist, so kann die Band fr jede Menge Unterhaltung und gute Laune sorgen!

Nachdem wieder eine halbe Ewigkeit vergeht (verdammt, ich muss noch mit dem Auto wieder nach Hause nach Hamburg fahren!) ist es dann endlich soweit. Michale Graves kommt mit seinen Mitstreitern auf die Bhne. Die besteht aus Argyle Goolsby am Bass (kennt man von der Band BLITZKID), Carlos Cofino an der Gitarre (spielt mir Argyle Goolsby in dessen gleichlautenden Band) und Tony Baptist am Schlagzeug, einem bekannten Session und Studio Schlagzeuger. Wie blich betritt Mister Graves die Bhne mit einem uerst aufwendigen und professionell aussehenden Gesichts Make-up. Dazu ein zerfledderter Hut, Handschuhe und Hose sehen aus als wren sie aus Tausenden einzelnen Klebestreifen gefertigt und einem rmellosem Hemd. Die Band begleitet ihn schon seit einiger Zeit. Was viele nicht wissen: Michale Graves ist berhaupt nicht unttig! Nicht nur nimmt er regelmig mit einer Band neue Horrorpunk Alben auf, obendrauf tourt er noch als Singer/Songwriter solo durch die Gegend. Hier spiel er viele seiner Songs in einer unplugged Version. Allerdings finden diese bisher ausschlielich in Amerika und Kanada statt. Aus den eingangs erwhnten Grnden versucht er jetzt erst wieder in Europa sukzessive Fu zu fassen. So geht es auch mit der etwas neueren Komposition "Bedlam" los, bevor mit "American Psycho" und "Speak Of The Devil" die ersten MISFITS Kracher abgefeuert werden. Alter, was ist denn hier los? Alle Zuschauer stehen vor der Bhne, es gibt Pogo ohne Ende und die MISFITS Songs werden aus vollen Kehlen mitgesungen. Unfassbar, hier bleibt heute kein Stein auf dem anderen! Einen Fotograben gibt es nicht in der Alten Zuckerfabrik, so dass ich ein wenig Sorge um mein Equipment habe. Aber nachdem ich einige Songs geknipst habe verschwindet die Kamera in der Fototasche und zurck geht es in die erste Reihe. Bassist Argoyle hat derweil zwei Probleme. Zum einem ist ihm direkt bei ersten Song der Gurt an seinem Bass gerissen, so dass er sein Instrument kniend spielen muss. Aber dieses Problem kann durch einen Ersatzgurt schnell wieder behoben werden. Das zweite Problem ist da schon hartnckiger, denn eine Dame hat sich direkt vor ihm auf die Bhne gesetzt und macht keinerlei Anstalten da wieder wegzugehen. Obendrein nervt sie allerdings auch den Rest des Publikums, da sie in den Songpausen sich lautstark mit ihren Freundinnen unterhlt. Nachdem Argyle ihr kurzerhand den Mund mit etwas Panzertape zugeklebt hat, versteht die Trulla auch den Wink mit dem Zaunpfahl und gesellt sich wieder zu den anderen Zuschauern. Weiter geht es mit der Show, der Sound ist fr die Verhltnisse ganz okay, und ein wenig Dreck hat dem Horrorpunk noch nie geschadet. Michale Graves ist mit einem traumhaften Stimmorgan gesegnet, dass er heute mal wieder unter Beweis stellt. Egal ob melodisch, kreischend, schreiend oder dunkel dster, er beherrscht die verschiedenen Stile mit Perfektion. Ich persnlich wrde mir noch mehr Kommunikation mit dem Publikum wnschen, aber das ist Jammern auf ganz hohem Niveau. Im Programm geht es weiter mit mehreren Nummern aus der jngeren Solo Vergangenheit, bevor mit "Saturday Night" und "Pumpkinhead" die nchsten MISFITS Granaten abgefeuert werden. Diese Songs werden immer etwas mehr abgefeiert, trotzdem ist auch bei den anderen Tracks die Stimmung vor der Bhne hervorragend. "Teenage Monster" und "3 Days Till Dawn" stammen wieder aus der Solo Zeit, wobei gerade der letztgenannte Song eine ganz starke Nummer ist. Im Anschluss gibt es kein Halten mehr: "Scream!", "Shining", "Crimson Ghost", "Scarecrow Man" und "Descending Angel". Fast schon das komplette Best OF Programm aus der MISFITS ra. berall nur glckliche Menschen, die sich bierselig in den Armen liegen und die Songs mitgrlen. Michale Graves und seine Mitstreiter strotzen nur so vor Spielfreude. Dem Frontmann sieht man das zwar immer nur an einem flchtigen Lcheln zwischen den Nummern an, aber der Rest der Bande strahlt wie ein Honigkuchenpferd. Und so ist es auch Gitarrist Carlos der die Ansage macht, dass man von Zugaben nichts hlt sondern nun die letzten drei Nummern spielt. Und man solle den Jungs nach dem Auftritt ein paar Minuten Zeit geben, dann wrden sie am Merchandise Stand auftauchen und zur Verfgung stehen. Es folgt mit "Lost Skeleton" eine Nummer von den Solo Scheiben, bevor mit "Helena" und dem absoluten berhit "Dig Up Her Bones" die komplette Fan Ekstase herrscht. Was fr eine Stimmung, was fr ein Erlebnis! Da das Publikum immer noch nicht genug hat und "We want more" brllt, steckt die Kapelle kurz die Kpfe zusammen. Es wird das absolut letzte Lied "Crawling Eye" gespielt, denn mehr hat sich die Band nicht drauf gepackt. Das macht aber auch gar nichts, denn es ist ein Hammer Abend mit einem unfassbar guten Konzert, dass sich umgehend in meine absoluten Top 5 Konzerte einen Platz gesichert hat!

Tatschlich dauert es nicht sehr lange und die Band lsst sich beim Merchandise Stand sehen. Zwar sind die Preise nicht wirklich gnstig, so kostet das Tour Shirt 25 Euro, aber alle vier Musiker stehen fr einen Plausch und/oder einem Foto zur Verfgung. Selbstverstndlich steht Michale Graves im Mittelpunkt, der sich aber fr jeden Fan ein paar Minuten Zeit nimmt. Auch ich stelle mich brav an um kurz ein paar Worte zu wechseln und ein Foto mit ihm zu bekommen. Wie sich herausstellt ist der Mann privat ein ganz anderer Typ als auf der Bhne. Als ich ihm fr seine Mucke danke ist er fast ein wenig beschmt und bedankt sich bei mir dass ich da bin und seine Musik hre. Anscheinend ein sehr introvertierter Mann der ziemlich leise spricht. Alles in Allem war es ein unfassbar guter Abend und die Reise Strapazen sowie die zahlreichen blaue Flecken waren es mir absolut wert. Im Januar 2019 wird Michale Graves wieder in England unterwegs sein, und vielleicht schafft er es ja auch noch mal aufs europische Festland. Ich wre auf alle Flle wieder dabei!

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