Avantasia-Einmal um die ganze Welt

Avantasia

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www.avantasia.net

Tobias Sammet und sein All Star Metal-Projekt AVANTASIA stehen seit vielen Jahren für Unterhaltung auf allerhöchstem Niveau. Seiner anderen Band Edguy hat diese Spielwiese schon längst erfolgstechnisch den Rang abgelaufen und die CDs sowie die Tourneen laufen wie geschnitten Brot. Immer größere Hallen müssen gebucht werden und die Reisen mit dem großen Tross und Musikern wie Jorn Lande, Bob Catley von Magnum, Oliver Hartmann oder Sascha Paeth werden immer länger. Dass die Organisation, Promotion, Logistik etc. dabei die Leistungsfähigkeit eines Einzelnen langsam überfordert, sollte eigentlich klar sein. Und da ist ja noch das Wichtigste, nämlich die Musik! Mit „Moonglow“ steht schließlich seit einigen Tagen bereits das siebte Studioalbum in den Regalen. Über all diese Themen unterhielt ich mich mit dem sympathischen Musiker aus Fulda am Düsseldorfer Flughafen und wie immer hatte er viel zu berichten!

Hi Tobi, schön dass wir uns mal persönlich gegenübersitzen. Reden wir nicht lange um den heißen Brei, „Moonglow“ eine Fortsetzung von „Ghostlights“? Ich frage deshalb, weil zu Beginn die Textzeile…“Mystery Of A Blood Red Rose“ zu hören ist.

Nein, „Moonglow“ ist keine Fortsetzung von „Ghostlights“. Es ist eigentlich mehr oder weniger Zufall, dass diese Textzeile vorhanden ist. Bei der Vorproduktion singe ich nämlich zunächst Kauderwelsch, weil die Texte noch nicht fertig waren, weshalb ich einfach den Satz eingebaut habe. Sascha (Paeth, Gitarrist und Produzent-Anm. d. Verf.) meinte, dass es sich total geil anhört, weil es den Hörer sofort wieder abholt und gleichzeitig eine Reminiszenz an den Vorgänger ist. Aber „Moonglow“ ist eine eigenständige, komplett neue Platte und hat mit dem Konzept von „Ghostlights“ nichts zu tun. Es ist zwar auch ein Konzeptalbum, erzählt aber nicht, wie zum Beispiel bei einem Broadway-Musical, eine durchgehende Geschichte mit Spannungsbögen. Vielmehr basiert das Album zwar auf einer Geschichte, bei der die Songs jedoch eher einzelne, abgeschlossene Kapitel darstellen, die auch für sich stehen können. Ich beschreibe es mal so: Es sind elf individuelle Gedichte, die zusammen ein Gesamtkunstwerk ergeben und miteinander verwoben sind, aber nicht chronologisch eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte mit Handlungsstrang so wie beim Film oder im Buch ist für mich eine weniger spannende Kunstform. Denn man hat in der Musik so rund 60 Minuten Zeit, etwas zu erzählen und das ist sehr schwierig. Du musst viel erklären, was dir viel Zeit und Raum nimmt, die du für Poesie und Interpretationen nutzen könntest.

Da du gerade die Poesie ansprichst: Die ist ja schon seit jeher ein wichtiges Trademark bei Avantasia. Möchtest du etwas zu einzelnen Songs und/oder der Handlung bei diesen erzählen?

Okay, sehr gerne, fangen wir am besten beim Opener „Ghost In The Moon“ an. Ein sehr langes, organisches und recht typisches Avantasia-Stück. Es soll den Hörer gleich mitnehmen in diese Welt voller Mystik rund um „Moonglow“. Die ganze Geschichte handelt von einer Kreatur, die in eine Welt hineingeschaffen wird, in der sie keinen Platz für sich findet und keine Verbindung zu ihrer Umwelt aufbauen kann. Sie fühlt sich angwidert und abgestoßen von der glänzenden Oberfläche der Starken und Schönen, weshalb sie in die Dunkelheit flüchtet, um für sich und unsichtbar zu sein. Es ist prinzipiell so etwas wie eine „Frankenstein“ oder „Phantom der Oper“- Geschichte. Die Kreatur flüchtet, weil sie sich den Erwartungen der Realität nicht gewachsen fühlt. In der Dunkelheit findet sie also eine eigene Realität, die abseits im Schatten des schönen Tageslichts liegt. Die elf Songs sind Auszüge aus der Gedankenwelt dieser Kreatur und was sie erlebt, wenn sie mit den verschiedenen Aspekten der Realität konfontiert wird. Im Grunde genommen habe ich eine Welt geschaffen, die mir ermöglicht hat meine eigenen Erfahrungen, Erlebnisse und das was ich mit mir rumtrage rauszulassen. Das war für mich das Schönste, denn ich habe etwas Autobiografisches geschrieben, aber so verpackt, dass ich mit einer gewissen Distanz darauf blicken konnte. Und habe gleichzeitig von der schwarzen Romantik beeinflusste, düstere Tim Burton-Welt geschaffen. Und somit schließt sich der Kreis wieder, denn „Ghost In The Moon“ handelt eben davon, dass sich die Kreatur nur im Dunkeln wohlfühlt, im Schatten des Mondlichts eben. Der Song ist viel komplizierter als man meint, denn er hat unheimlich viele Tempowechsel. Ein sehr dynamischer Song, bei dem wir vorher noch nie so viel Aufwand mit Chören betrieben haben. Wir haben extra dafür einen Gospel-Chor in Hamburg angemietet, der normalerweise dort bei Musicals singt! Wir haben anderthalbe Tage nur für diesen Song Backing-Vocals aufgenommen. Mit dieser Liebe zum Detail sind wir an jeden Song herangegangen und da wir uns viel Zeit gelassen haben, gab es auch keinen Stress.

Heißt das dass es vorher Stress für dich bedeutete?

Also, als ich von der „Ghostlights“-Tour zurückkam, wußte ich gar nicht was ich als Nächstes machen wollte. Aber jeder andere schien das zu wissen! Das hat mich ein bißchen irritiert ehrlich gesagt. Der eine wollte eine neue Edguy, der andere eine Live-CD und wo bleibt eigentlich die DVD, wieder andere wollten Songs mit dem und dem und so weiter. Ich sagte einfach „Halt, ihr habt doch alle einen Dachschaden, ich werde seekrank!“ Ich hatte insgesamt siebzehn Alben und zehn Welt-Tourneen auf dem Buckel. Ich hatte ja nicht nur diese Alben geschrieben und die Tourneen gesungen, sondern auch alles organisiert und gemanagt. Du musst einfach aufpassen, dass du dir bei deiner Karriere deine Intuitionen behältst. Diese Intuition, mein Spieltrieb und meine teilweise naive Freude daran Musik zu machen haben mich immer geleitet. Irgendwann merkte ich dann, dass ich völlig fremdgesteuert bin. Klar, meine eigene Schuld, weil ich das Tempo ja vorgelegt habe. Die Agentur wusste Bescheid, die Plattenfirma konnte ebenfalls in einem Jahr mit einer neuen Platte rechnen und die Fans wussten, dass er bald wieder auf Tour sein wird. Nach der letzten Tournee hatte ich keinen Plattenvertrag mehr, weder für Edguy noch für Avantasia. Ich hatte dann eigentlich vor, eine Solo-Platte zu machen und ein Studio zu bauen. Also baute ich mir ein Studio und aus der Solo-Platte wurde eine neue Avantasia-Scheibe. Ich habe mir auch einen Rechtsanwalt genommen, der einen Vertrag ausgearbeitet hat, alleine ist mir das alles einfach zu viel geworden. Und lustigerweise, weil ich ja aus meinen angestammten Bahnen ausbrechen wollte bin ich wieder bei Nuclear Blast gelandet, haha! Und dadurch habe ich mir eine Menge Zeit freigeschaufelt, in der wir einige verrückte Sachen ausprobiert haben. Und jetzt komme ich wieder zurück, denn wir haben bei „Moonglow“ einfach gemacht, worauf wir Bock hatten. Ich wollte große Chöre, alles klar, holen wir einen Gospel Chor wie bei der „Rocky Horror Picture Show“, nur etwas dramatischer oder europäischer vielleicht. Es war einfach alles erlaubt. Genauso lief es bei „Book Of Shallows“. Da sind so harte Elemente drin, wie wir sie bei Avantasia noch nie hatten! Die ersten drei Minuten sind eher typisch Power Metal mit Double Bass, große Melodien und sehr episch gehalten. Dann wollte ich ein Break, damit der Song nicht nach zu viel Zuckerguss klingt. Ich wollte die Härte auf die Spitze treiben und habe schon oft mit Mille Petrozza gesprochen, dass er mal bei Avantasia mitmachen muss. Das haben wir dann gemacht, obwohl einige in meinem Umfeld fragten, ob das denn noch zu Avantasia passen würde? Doch klar, ich entscheide was zu Avantasia passt, es kann ein Slap-Bass sein, es kann ein Gospel-Chor, eine Keltische Harfe oder Mille Petrozza sein! Avantasia ist meine intimste, persönlichste Spielwiese die ein Musiker überhaupt haben kann. Wenn ich da irgendwen um Erlaubnis fragen muss, ob ich diesen oder jenen einbauen darf, dann kann ich auch aufhören.

Das könntest du den vielen Fans auf der ganzen Welt aber nicht antun! Eine hübsche Überraschung ist diesmal beim Titelsong auch Candice Night, die Gattin von Ritchie Blackmore und Sängerin von Blackmore`s Night! 


Ja, es ist ein Song, der schon etwas länger in der Pipeline war. Den hatte ich im Grundgerüst schon bei „Ghostlights“ stehen, habe ihn jetzt noch einmal leicht geändert, den Text angeglichen und wir suchten noch eine geeignete Sängerin. Der Song hat zwei völlig unterschiedliche Elemente, er ist im Chorus stimmlich sehr fordernd, hat etwas Hymnisches und ist von daher sehr schwierig zu singen. In den Strophen ist er sehr intim, ruhig und ja…unschuldig. Und ich brauchte eine Stimme, die beides verbindet und auch da ist die Intuition sehr wichtig. Ich lehnte mich zurück und dachte irgendwann an Candice Night. Sie hat sofort zugesagt, einfach super!

Wollte ihr Männe denn gar kein Gitarren-Solo oder ein paar Rainbow Gedächtnis-Riffs beisteuern?

Bei dieser Familienkonstellation ist dieser Gedanke natürlich sehr verlockend. Jetzt kommt das große Aber: Da ich ja mit Sascha den besten Gitarristen der Welt als Produzent habe, wäre ich mit dem Klammerbeutel gepudert! Ohne Scheiß, Sascha ist kein Kackenhauer und legt keinen Wert darauf, sich selbst nur ansatzweise so teuer zu verkaufen, wie er das könnte. Und ich glaube, wenn Sascha die Ehre zuteil werden würde, so wahrgenommen zu werden wie er ist, dann könnte ich ihn mir nicht mehr leisten. Er ist einfach der beste Musiker den ich je getroffen habe! Das sage jetzt nicht nur ich, sondern auch ganz große Kaliber. Klar, ein Solo von Ritchie wäre lustig gewesen, aber ehrlich, daran habe ich nicht gedacht, denn wir haben gar nicht so viele Gitarren-Soli auf der Platte. Selbst Oliver Hartmann, ebenfalls ein verdammt geiler Gitarrist, hat nur bei einem Stück seine Parts, weil wir mehr Gesang auf der Scheibe haben. Ich finde ab und an lange Soli interessant, aber großen Gesang mindestens genauso interessant. Es hat sich bei „Moonglow“ eben so ergeben.

Eine andere große Stimme konntest du mit Hansi Kürsch von den Blinden Gardinen gewinnen! Wie kam das denn zustande?

Genau, Jorn Lande und Hansi sind in diesem Stück mit dabei und auch Hansi ist jemand, der mir schon länger im Kopf herumgeisterte und den ich schon früher gern dabei gehabt hätte. Es hatte sich aber bisher aufgrund der verschiedenen Zeitplanungen bis jetzt nicht ergeben. Beim Intro zu „Ravenchild“ war es im Vorfeld eigentlich klar für mich, dass es eine Frau singen müsste. Der Part ist folkig und hat durch die  Keltische Harfe eine besondere Stimmung. Das war übrigens genauso wie beim Gospelchor. Wir leben nur einmal und wollten unbedingt eine echte Keltische Harfe. Ganz oldschool  sind wir im Internet bei Youtube auf eine Harfinistin gestoßen…heißt das so, Harfinistin? Eine Harfe-Spielerin eben, haha! Jedenfalls schrie dieser Part nach einer Sängerin, was mir später zu offensichtlich vorkam. Weißt du, die Vorstellung von weiten Gewändern, dazu die Harfe und die irische Küste, vielleicht würde es annähernd jeder genauso machen, aber wir eben nicht! Also fragten wir Hansi, der ja mit folkigen Sachen mit Blind Guardian wie z.B. dem  „Bard`s Song“ durchaus seine Erfahrungen hat und gut passen würde. Hansi war begeistert und sagte, das brächte den Barden in ihm zum Vorschein. Jorn ist bei der Nummer ebenfalls Weltklasse, aber das muss man eigentlich niemandem mehr erklären, der Typ ist einfach eine Naturgewalt. Das macht übrigens das Touren mit Avantasia zu einem großen Vergnügen. Alle Sänger sind großartig, egal ob Jorn, Geoff Tate, Ronnie Atkins oder Bob Catley…das nimmt soviel Druck von mir! Selbst wenn du mal einen scheiß Abend hast…und jeder hat mal einen. Das ist halt so, wenn du kein Playback machen willst, musst du den Leuten auch mal zumuten, dass es hier und da vielleicht mal etwas kratziger wird. Wenn du schon fünf Wochen in den Beinen und auf den Stimmbändern hast, dann kommt vielleicht eine Erkältung oder eine Virus-Infektion dazu, ist ein stimmlicher Qualitätsverlust oft nicht zu vermeiden. Aber wenn du solche Sänger hinter dir hast ist das viel einfacher. Ich krätz mir halt hier einen ab, aber wartet noch zwei Minuten, dann kommt da hinten einer die Treppe runter, der euch alle wegblasen wird! Und das fühlt sich einfach gut an, dann muss man sein Ego einfach mal zurückstellen können, womit ich überhaupt keine Probleme habe. Ich habe „Ravenchild“ schon sehr aggressiv eingesungen, aber im Frequenz-Spektrum von Jorn macht ihm keiner etwas vor!

Neben den drei neuen Gästen sind altbekannte Freunde wie der schon genannte Ronnie Atkins von den Pretty Maids mit dabei.

Genau, Ronnie etwa beim nächsten Stück „Starlight“. Was mir hieran so gut gefällt, ist dass der Song so simpel ist. Ein Drei Minuten Song, dessen Akkorde leicht nachvollziehbar, sogar vorausschaubar sind. Das Lied hat absolut nichts Extravagantes und trotzdem so eine allumfassende Melancholie. Das liegt auch an Ronnie`s Stimme, die etwas Tragendes inne hat. Auch wenn er so einen Song wie „Little Drops Of Heaven“ mit den Maids singt, diese Stimme hat eine unglaubliche Tiefe, die mich berührt. „Starlight“ ist auf seine Stimme zugeschnitten. Und es ist verrückt, obwohl es ein Stück mit fünf vorausschaubaren Akkorden ist, der nichts Verrücktes, ja noch nicht mal ein Solo hat,  ist traurig und hat eine große Tiefe.

Kein Avantasia Album ohne Ballade. Diesmal heißt das Kuschelstück „Invincible“ und ist leider für meinen Geschmack viel zu kurz! Kaum ist die Gänsehaut da ist sie auch schon wieder weg.

Ha, das liegt daran, dass dieses Lied eigentlich als Intro zu „Alchemy“ geplant war. Aber die Ballade ist so gewachsen, dass wir gesagt haben, dass sie ein eigenständiges Leben verdient hat. Es ist immer so, wenn man denkt dass ein Lied geil, aber zu kurz ist. Aber besser so, als wenn die Leute sagen, das Lied ist geil, aber zu lang, haha! Ich glaube, dass die Laufzeit genau richtig ist, aber es ist ein gutes Zeichen, wenn die Leute sagen, dass es mit drei Minuten zu kurz ist. Es ist halt Geoff Tate und gehört für mich wie gesagt noch eng mit „Alchemy“ zusammen. Geoff hat sowohl schon auf „Ghostlights“ wie auf der Tour einen tierischen Job abgeliefert und ich war so stolz, neben ihm auf der Bühne gestanden zu haben. Du darfst nicht vergessen, ich habe „Operation Mindcrime“ und „Rage For Order“ früher rauf und runter gehört! Und dann stehe ich neben ihm auf der Bühne. Es ist einfach großartig, weil ich finde, dass seine Stimme nichts eingebüßt hat. Sie hat eine spezielle Frequenz, ist eine großartige, geile Stimme, was machmal viel zu kurz kommt. Er probiert viele Dinge aus, macht für sich eine sehr abwechslungsreiche Musik und ist ganz nebenher ein sehr netter und angenehmer Typ. Er hat irgendwie jeden Sänger über die letzten dreißig Jahre beeinflusst. Selbst Michael Kiske ist bekennender Geoff Tate Fan und wurde maßgeblich von ihm beeeinflusst. Er ist für uns alle ein bahnbrechender, ganz besonderer Sänger! Ich haben ihm nach der Tour schon gesagt, dass ich wieder gerne mit ihm arbeiten würde, aber diesmal zusammen in einem Studio. Er hat glücklicherweise zugesagt, wir haben uns für einige Tage in Frankfurt getroffen und es fühlte sich für mich an, als wenn ich mit Geoff eine Mischung aus alten Queensryche-und Avantasia Songs aufnehmen würde. Es war irgendwie magisch! Das gilt für beide Songs, „Invincible“ und „Alchemy“ gleichermaßen.

Gerade bei „Alchemy“ fiel mir der harte Industrial Sound à la Rammstein zu Beginn positiv auf!

Das ist es doch, das harte Industrial Riff, das „Alchemy“ zu einem melodischen Midtempo-Rocksong hinüber begleitet! Ich mag so etwas gerne, wie auch bei „King Of Fools“ von Edguy…ein Melodie Monster, dem ein konträres, fast disharmonisches hartes Riff vorausgeht! Ich finde es sehr spannend, beide Extreme zusammenzuführen. Wir planen, bis auf wenige Ausnahmen, selten einen Song auf diese Weise zu brechen, es ergibt sich eben meistens.

„Piper In The Gates Of Dawn“ sowie „Lavender“ sind glücklicherweise keine Coversongs von Pink Floyd bzw. Marillion?  


Nein, es sind eigenständige, neue Avantasia-Songs. „Piper At The Gates Of Dawn“ heißt auch ein Kapitel im Buch „Wind In The Willows“ von Kenneth Grahame. Aber auch das hat mich nicht beeinflusst, sondern ein anderes Buch, nämlich „The Great God Pan“ von Arthur Machen. Der Song sollte eigentlich ein einfacher, kurzer Speed Metal Song werden, jetzt wurde eben ein Siebnminüter mit vielen Sängern daraus. Das ist halt das Schöne an der persönlichen Freiheit, keine Hits schreiben zu müssen. Ich meine, es ist doch egal ob ein Edguy oder Avantasia Song drei, fünf, sieben oder zwölf Minuten lang ist. Unsere Fans können das ab und die Radios spielen uns eh nicht. Deshalb hab ich auch nie ein großes Augenmerk darauf gelegt mich kurz zu fassen (was auch rhetorisch gilt und dem Schreiber zum Vorteil reicht-Anm. des Verf.-mit lieben Grüßen an meinen Interviewpartner). Ich mag den Song „Stars“ von Hear `n Aid zum Beispiel sehr gerne und dachte mir, warum nicht mal einen Song von sechs oder sieben Sängern singen zu lassen. So ist die Abwechslung groß und die Leute merken gar nicht, dass der Song siebeneinhalb Minuten lang ist. Und so kam es dann, verschiedene Stimmungen, verschiedene Stimmen, die auf den Protagonisten einprasseln. Und das wurde dann so abwechslungsreich mit Bob Catley, Eric Martin, Geoff Tate, Ronnie Atkins, Jorn und meiner Wenigkeit, dass der Song so genau richtig ist für mich. Auch „Lavender“ hat nichts mit dem gleichnamigen Marillion-Song zu tun. Ich mag einfach den Duft von Lavendel, ich krieg jedesmal Flahbacks an meine Kindheit wenn ich Lavendel rieche. Ich habe den Song schon mit der Stimme von Bob Catley im Kopf geschrieben. Ich liebe seine Stimme und die Musik von Magnum einfach. Es gibt nichts Schöneres, als im November zuhause bei gedämmten Licht, einer Duftkerze die nach Lebkuchen riecht und einem Glas Rotwein auf der Couch oder im Arbeitszimmer zu sitzen und „On A Storytellers Night“ zu hören! Ich war im April in Birmingham und durfte mit Magnum für einen Song auf die Bühne. Anschließend hab ich mir eine Flasche Bier aufgemacht und den Rest der Show verfolgt. Als sie „On A Storytellers Night“ spielten, musste ich mich wirklich zusammenreißen. Ich liebe diese Band einfach, das sind einfach die schönsten Momente im Leben, wenn du der Musik zuhören kannst und die ganzen Emotionen in dir aufnehmen kannst. Diese Platte war so wichtig für mich und der Grund, weshalb ich angefangen habe selber Musik zu machen. Wenn ich an Bob denke, schreibe ich bessere Songs.

Da wird sich Onkel Bob aber sicher freuen, wenn er das hier lesen sollte. Ein Wermutstropfen ist sicherlich die Tatsache, dass bei der bald beginnenden Tour Michael Kiske nicht dabei sein kann, oder? Obwohl er ja, ganz in alter Tradition, ebenfalls auf „Moonglow“ ein tolles Lied singt!

Genau, „Requiem For A Dream“ habe ich für Michi geschrieben, was man auch hören kann denke ich. Sehr europäisch, fängt fast ein wenig durch Bach Klassisch inspiriert an und erinnert ganz klar an die „Keeper“-Scheiben. Ich habe damals den zweiten Teil vor dem ersten gehört und ich kann sagen, dass mich Helloween in Sachen Heavy Metal sozialisiert haben. Und machen wir uns nichts vor, Michi gehört auch da hin, er hat es nur zwanzig Jahre lang nicht wahrhaben wollen. Und die Fans wollen es ja auch. Helloween sind ja glücklicherweise wieder zusammen, was jedoch dazu führt, dass Michi uns aus zeitlichen Gründen nicht bei der anstehenden Tour begleiten kann. Textlich ist der Song sehr intensiv. Es geht darum, dass wenn man in unserer Gesellschaft erwachsen wird seine Träume und Hirngespinste begraben muss. Ich finde, dass man mit einer gewissen Naivität an diesen Dingen festhalten sollte, die vordergründig unvernünftig sind. Schau dich doch bloß mal in unserer Welt um, wieviele Dinge werden dort als vernünftig hingestellt, die in Wirklichkeit völlig unvernünftig sind? Das kann man doch keinem Kind erklären, was hier passiert, oder? Und deshalb finde ich es auch sehr gefährlich, wenn man sich sich von diesem Wahn der vermeintlichen Vernunft anstecken lässt! Tja, und dieser Song handelt einfach vom Erwachen werden und vom Beerdigen seiner Ideale.

Also ein sehr aktueller Song mit ernstem Hintergrund! Erstmalig gibt es dann mit „Maniac“ doch noch einen Coversong von Avantasia, richtig?

Auf einem richtigen Album ist es tatsächlich der Erste, wir hatten nur auf den beiden „Lost In Space“-EPs schon mal ein Abba sowie ein Ultravox Cover. Ich wollte einfach diese Nummer „Maniac“ ohne Hintergedanken machen. Sascha meinte sogar ich sollte es lassen, weil der Song ausglutscht sei. Ich kannte jedoch gar keine andere Version davon und meinte, dass „Maniac“ durchaus härtere Gitarren vertragen kann. Es muss nicht alles Sinn machen im Leben. Wenn du im Kernkraftwerk arbeitest, dann muss es Sinn machen, aber nicht, wenn du im Rock`n Roll bist. Daraufhin habe ich die Nummer mit Eric Martin gemacht. Da wir vorher so viele kompliziertere, längere Stücke hatten, fand ich es gut wenn zum Schluss ein vier Minuten-Stück kommt, das jeder mitsingen kann.

Jetzt geht es wie gesagt bald schon wieder auf Reisen, erstmalig bis nach Australien! Avantasia wird immer größer und auch erfolgreicher! Glaubst du auch manchmal zu träumen?

Ich denke da gar nicht groß drüber nach. Ich habe keine unerfüllten Wünsche und bin auch kein Trophäen-Sammler. Ich habe mehr erreicht als ich mir vorstellen konnte und genieße ein wunderbares Leben. Außer dass es hin und wieder zu viel Stress gibt, so wie im Moment. Ich träume davon, bald mit meiner Kapazität besser haushalten zu können und hin und wieder die Schlagzahl etwas herunter zu fahren. Schau, ich kann das machen was mir Spaß macht und ich kann mich verwirklichen, mehr kann man doch nicht erwarten im Leben! Klar, es kommt zur Zeit für Avantasia viel dazu. Mit Edguy war ich zwar schon drei mal in Australien, aber mit Avantasia noch nie. Auch in den USA spielen wir ein paar Shows, also wird die Tour so zehn, zwölf Wochen gehen. Länger möchte ich dann auch nicht, ich bin nun auch schon 41 Jahre und habe zehn Welt-Tourneen in fünfzehn Jahren hinter mir. Klingt jetzt vielleicht ein bisschen blöd, aber ich könnte bei „Wetten Dass??“ mit der Nummer auftreten, jedes Hotel am Ausschnitt des Teppichbodens in der Lobby erkennen zu können, haha.

Haben die schon Künstler, die du gerne am Start gehabt hättest einen Korb gegeben? Und im Gegensatz dazu, fragen schon Musiker bei dir an?

Logisch hatte ich Absagen, Bruce Dickinson, Meat Loaf und H.P. Bexter fallen mir spontan ein. Anfragen sind eher die Ausnahme, wobei ich darauf achte, dass es weiterhin auf meinen ganz persönlichen Vorlieben beruht, weil die ganze Sache sonst zu künstlich und nicht mehr natürlich erscheinen würde. Ich würde mich selbst verraten, wenn zum Beispiel meine Plattenfirma käme und sagen würde, wir hätten da den und den noch als Sänger für dich. Das machen wir nicht.

Letzte Frage: Bei all dem Aufwand und Verpflichtungen für Aavantasia, das kannst du doch sicher nicht mehr alleine stemmen!

Bisher musste ich es alleine schaffen, aber der nächste Schritt wird sein, mich neu zu organisieren. Ich bin glaube ich gerade dicht vor meiner Belastungsgrenze. Das gilt nicht für die Aufnahmen, die waren Kindergeburtstag und purer Spaß gegenüber den nachfolgenden Verpflichtungen. Du musst Videos drehen, Fotos machen, Interviews in aller Herren Länder u.s.w. Und ich habe kein Management, organisiere alles noch selbst. Das wird dann einfach mal zu viel und muss geändert werden.

Danke für das schöne Interview! Wir sehen uns in Osnabrück, ich freue mich schon wie Bolle auf den Gig!

Die Melodie muss stimmen!