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25. November 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

Wenn Kultur, Kultur frisst oder die Geschichte eines sterbenden Metal-Geistesleben
von Mario Loeb


Teil 2 Event, Event, wir brauchen mehr Events!

Wer ist denn eigentlich schuld an der ganzen Misere? Nun ja, vor allem wir Metaller selbst, die wir diesen Wahnsinn doch seit Black Sabbath ber Generationen mitmachen, untersttzen und unsere letzten Pennys fr T-Shirts und Konzerttickets rausschmeien. Das schlimme daran ist, wir knnen es leider nicht mehr selber beenden, aber dazu spter mehr. Tatsache ist, wir haben den Karren angeschoben und dann Berg runter rollen lassen. Stoppen kann man das nicht mehr und ich befrchte der Schaden, der dieses Mal entstehen knnte, wird grer sein als der, mit dem die Metalszene bereits Anfang der Neunziger schon einmal zu kmpfen hatte, denn diesmal ist die Blase grer, die platzen wird. Aber keine Angst der Patient wird berleben, soviel sei auch schon mal vorneweg gesagt.



Wacken

"Die Revolution frisst also ihre eigenen Kinder" in diesem Falle. Besser als an der Kleidung kann man den Niedergang anhand von Konzerten und Festivals festmachen. Nehmen wir einmal"Wacken" als Beispiel. Es wird als grtes Metalfestival berhaupt bezeichnet und die Dimensionen, das kann ich aus eigener Erfahrung besttigen, sind atemberaubend. Aber wenn wir wirklich einmal ehrlich sind und tief in uns gehen, kann man dann hier wirklich noch von einem Metalfestival sprechen? Ich wrde die Frage mit einem klaren "Nein!", beantworten. Dabei ist das eigentlich noch nicht mal bse gemeint, aber genau "Wacken" zeigt den Weg auf, warum aus einem Metalfestival eine Metal-Wies'n geworden ist.




Wenn man nmlich zu den Besten und zu den Grten gehren will, muss man den Leuten eben etwas anderes bieten als nur"Metal", denn die Bands sind eigentlich seit den Achtzigern bzw. Neunzigern, ja sogar bis in die Siebziger hinein immer dasselbe. Ich bin mir tatschlich am berlegen eine Bingo-Karte zu entwickeln! Aufzhlung der letzten Jahre gefllig? Ein kurzer berblick ber die Dauerbrenner in Wacken bis 2015 reicht aus, um zu verdeutlichen, auf was ich hinaus will:



Wacken

  • Subway To Sally 10
  • Mambo Kurt 10
  • Saxon 8
  • Grave Digger 7
  • Doro 7 (2014 kein kompletter Auftritt)
  • Overkill 6
  • Primal Fear 6
  • Nevermore 6
  • Children Of Bodom 7
  • Gamma Ray 6
  • In Flames 7
  • Edguy 6
  • Hammerfall 7
  • Motrhead 7
  • In Extremo 7


(ohne Gewhr!)

Das sind nur die Bands, die sowieso schon mindestens sechsmal Teil des Line-Ups waren. Nehmen wir die Bands, die vier bis fnfmal da gespielt haben, bekommen wir das Bingo schnell voll. Wenn wir das noch mit allen anderen Festivals, die es allein in Deutschland so gibt, kombinieren, sind es gerade auf der Midcard und bei den Headlinern immer dieselben Bands, die spielen. Das liegt einfach daran, dass "wir, die Metaller" sie sehen wollen und unbekannten Bands kaum unsere Aufmerksamkeit auf den Festivals schenken. Ich habe mich die letzten Jahre schon so oft dabei erwischt, dass ich mich sagen hrte: "Schon wieder Slayer!", oder: "Schon wieder Arch Enemy!". Bei Subway to Sally ganz schlimm, ich kann sie nicht mehr sehen! Aus diesem Grund, weil die Bands sich so oft auf den Festivals wiederholen, mssen sich die Veranstalter, wie auch die des "Wacken-Festivals", etwas anderes einfallen lassen, um zu den grten zu gehren. EVENT!!!! ist das Stichwort. Die Musik auf solchen Mega-Events ist leider lngst nur noch Beiwerk! Karibikkreuzfahrten, Wettsaufen, Bungeespringen, Ski-Ausflge, Ibiza-Reisen, Luxus-Zelten, Special-VIP Tickets, was da nicht alles angeboten wird! Das ist ja im Grunde auch nicht schlimm, wird aber zu einem Megaproblem fr den Underground und die kleinen Bands und Festivals.


Wir sind selber schuld am Kult!!

Das klingt verrckt, aber genau das ist in "Wacken" zu sehen. Die einfachen Metaller und Festivalbesucher haben das "Wacken" zu dem gemacht, was es ist und pltzlich, auch durch die gute PR des"Wacken Open Airs", wurde der Metaller als das dargestellt, was er im Herzen ist: Ein musikfanatischer Mensch mit Riesenherz, der eigentlich sehr offen ist. Das wollte man sich als"Normalbrger" natrlich nicht entgehen lassen. Der bse Metaller zum anfassen. In den letzten zwei Jahren kam ich mir vor, wie ein Affe im Zoo, wenn Besuchergruppen an einem vorbeizogen. Da hat nur das:"Bitte nicht fttern!"- Schild gefehlt. Und dann kam es eben, wie es kommen musste: das Festival sah seine Chance und passte sich genau dieser neuen Welle an Besuchern an, um sie wirtschaftlich zu erschlieen. Ein ganz neuer Markt wurde erffnet und man kann den Veranstaltern, als Profiteuren, aus diesem Gesichtspunkt nicht mal richtig bse sein. Allerdings ist es fr mich und tausende Altmetaller ein Graus mit anzusehen, wie pltzlich Santiano oder Heino sich die Bretter mit jenen teilen, welche fr uns Helden waren oder sind. Mir geht es nicht darum ber diese Musiker schlecht zu reden, aber sie stehen auch fr all das, warum ich jemals anfing schwarze Klamotten zutragen: Sorry, da knnen jetzt wieder viele sagen, dass ich eine Spabremse bin, aber ich kaufe weder Heino die Nummer ab, dass er das auch nur ansatzweise mit Spa macht, was er da tut, noch werde ich mich berzeugen lassen, dass eine mittelmige Coverscheibe dafr ausreicht, um sich auf eine Stufe mit DIO oder Lemmy stellen zu drfen. Er selber macht es nicht, aber es gibt Verteidiger der Heino-Platte, die dieses Sakrileg begehen. Es ist doch irgendwo verrckt auf einem Metal-Festival zu stehen und Leute mit Heino-Shirts nach Bands wie Dio, Anthrax oder Deep Purple zu fragen und nur ein Schulterzucken zu kassieren. Ich habe es ausprobiert. Nein: "Titten!!!" ist da auch die falsche Antwort. Da der Mensch und da zhle ich mich auch dazu ein Gewohnheitstier ist, will er die Bequemlichkeiten des"Events" auch nicht mehr missen und nimmt es billigend in Kauf sich solche Dinge antun zu mssen denen man doch eigentlich immer versucht hat aus dem Weg zu gehen. Das bedeutet gleichzeitig, dass die "normalen" Festivals sich anpassen mssen, oder die Besucher bald ausbleiben. Die Folgen fr den Underground sind enorm und da sind sich viele nicht darber bewusst. brigens gehrt auch das Wort "Underground" stellenweise nur zur einer geschickten Marketingumschreibung, die versucht einen Gegenpol zu besagtem Dilemma zu suggerieren.