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25. November 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

Alle wollen geile Rezis, ob sie's verdienen oder nicht!
von Jürgen Lugerth


Manche Leute da draußen denken vielleicht, Schreiberling für Rockzeitschriften und/oder Webzines zu sein wäre der totale Traumjob. Nun, es gibt sicher schlimmere Beschäftigungen, aber ganz so rosa ist das Ganze auch nicht. Ich will aber an dieser Stelle darauf im Gesamten gar nicht näher eingehen, sondern mich mal kurz auf eine zentrale Aufgabe des Musikjournalisten konzentrieren, die ich für besonders problematisch halte: Die Rezension, kurz Rezi genannt.

Man muss sich das mal vorstellen: ständig wirst mit du Musikmaterial unterschiedlichster Güte beliefert, von "großen" und "kleinen" Bands, und zu allem sollst du deinen Senf abgeben. Alle Erzeuger von Tönen gleich welcher Art wollen natürlich, dass sie dabei gut wegkommen und die ganz großen Bühnen der Welt erobern. Sie haben sich ja schließlich die größte Mühe gegeben und ihr ganzes Herzblut steckt in dieser neuen, aktuellen Produktion. Da haben sie eine Höchstnote sozusagen von Haus aus verdient, nicht wahr? Und außerdem: Was ist denn das überhaupt für eine unbekannte Wurst, die hier meint, den eigenen, natürlich besten Output aller Zeiten beurteilen zu können?

Arbeitsplatz

Nun, ich kann nur für mich sprechen. Ich bin kein Musiker, aber ich beschäftige mich seit über vierzig Lebensjahren mit Musik, unter anderem als Sammler, Fan, Konzertveranstalter, Plattenhändler und Plattenaufleger. Rock 'n' Roll nimmt in meinem Leben schon immer eine herausragende Stellung ein, als Vergnügen, Seelentröster, Mutmacher, Krisenbegleiter, Partysound, Liebeszauber und was weiß ich alles noch. Ich habe mir immer herausgenommen, mir den passenden Soundtrack für alle Lebenslagen auszusuchen und dabei viel gelernt und darüber hinaus verdammt viele Fakten gesammelt. Am besten kann man das alles unter der Berufsbezeichnung "Vergleichender Wissenschaftler" ablegen, ähnlich einem Buchhändler. Nein, ich habe dafür kein Diplom an der Wand hängen. Und ich halte mich schon gar nicht für allwissend. Aber ich glaube, so verdammt viele Diplom-Rock 'n' Roller gibt es auf dieser geplagten Erdkugel auch nicht.

Nun, wie auch immer. Rezensionen sind stets subjektiv. Man kann schildern, was einem an der vorliegenden Musik auffällt und gefällt. Man kann sie mit anderer bzw. ähnlicher Musik vergleichen und/oder mit den schon vorher abgelieferten Platten derselben Band. Man kann versuchen, so objektiv wie möglich zu sein, falls das bei "Kunst" überhaupt möglich ist. Aber am Ende spricht doch immer der persönliche Geschmack. Es ist und bleibt eine "Meinung". Und die muss ja nicht allgemeingültig sein. Deutungshoheiten verlangen nur die Reich-Ranickis dieser Welt (falls den noch jemand kennt).
Aber eines erwarte ich von den Etablierten und von den Neulingen: Sie müssen auch mal ein paar kritische Worte und auch mal ein paar schräge Jokes einstecken können. Und eines ist ganz wichtig: Man sollte schon seine Instrumente beherrschen und einen vernünftigen Song schreiben können. Das ist das Mindeste! Es ist ja teilweise unglaublich, welche Ohrenfoltern man immer wieder zugemutet bekommt, von zweifelsfrei völlig talentlos Ambitionierten, die auf die "Superstar-Masche" hereingefallen sind. Es ist halt längst nicht jeder ein Jimi Hendrix oder Ronnie James Dio. Tut mir leid. Bäcker ist auch ein schöner Beruf, nur zum Sagen.

Kurz: Wer alle Welt mit dem eigenen Musik- und Gedankenkonstrukt behelligt, der muss auch mal Gegenwind abkönnen. Gleich zu weinen und missliebige Rezis am besten verbieten zu wollen, das ist für mich Weicheier-Stoff erster Kajüte. Am Ende entscheidet sowieso der Kunde, in dem Fall das Publikum. Ob Kleine oder Große, auf diesem knallharten Markt sind innere Überzeugung und Nehmerqualitäten gefragt. Da ist eine Rezension nur ein Detail, Ansporn in positivem oder auch mal negativem Sinne. Und Zensur ist sicher nicht der richtige Weg. Mach dein Ding! Das gilt immer noch als oberstes Gebot. Beleidigte Leberwürste enden im besten Falle als Brotbelag auf dem Frühstückstisch der Geschichte.