Navigation
                
23. Oktober 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

Band
Titel
Autor
Homepage
>> Als E-Mail versenden
TEMPLE KOLUDRA
Das Jonglieren mit Worten, Tönen und Atmosphäre!
Steffi Müller
www.facebook.com/templekoludra


Es gibt und muss Alben geben, die rocken, Spaß machen und den kleinen flüchtigen Moment erhellen. Andere Werke dagegen treffen einen mit einer Fülle an Atmosphäre, Tiefgründigkeit und Erhabenheit, so dass einem Wirkung und Bedeutung des Gesamten nach mehrmaligen Hördurchläufen nicht mehr ganz los zu lassen scheint. Kompositionen der zweiten Kategorie werden auch durch das Frankfurter Duo Temple Koludra erschaffen, die ihren experimentellen Black Metal in einem Gewand aus verschiedenen Stimmungen und Strukturen präsentieren. Mitglied M.W. sorgte schließlich mit seinen sehr ausführlichen und durchdachten Antworten, für einen interessanten Einblick in die dunkle Welt von Temple Koludra...

Hallo M.W., erzähl uns doch bitte einmal, wie und wann es überhaupt zur Gründung von Temple Koludra kam?

Wir haben uns ca. 2010 zusammengefunden, ein paar Ideen ausgetauscht und bisschen gejammt. Ich hatte einerseits zuvor jahrelang erfolglos einen Sänger gesucht, anderseits zu dieser Zeit bereits einen Haufen Material, I.H. hatte ebenfalls Ideen/Riffs. Mit dem Stück "Zornissen" fing es quasi an und I.H. versuchte sich an den Vocals, was sehr gut funktionierte. Daraus resultierend wurde gemeinsam Neues wie "I Ginnungagap" entwickelt.

Die Bedeutung des Namen "Temple Koludra" lässt sich vielfältig interpretieren! Wie würdet ihr persönlich die Auslegung eures Band-Namens beschreiben?

Das Wortspiel Koludra bedeutet für mich neben der Erklärung, die auf unserer Webseite steht, auch eine Variable, ein jonglieren mit Buchstaben und Bedeutungen. Schrift und Zeichen sind erst einmal austauschbar, jedoch nicht die damit verbundene Intention oder Emotion. Man gibt Wörtern oder aber auch Dingen Bedeutung. Der Tempel ist der schöpferische Ort, in dem dieses Prinzip verehrt und den Dingen Bedeutung aufgeladen wird.

Temple Koludra

Bitte beschreibt unseren Lesern doch einmal persönlich die Besonderheit eurer Musik? Worauf legt ihr bei eurer Musik besonderen Wert?

Das ist natürlich schwierig, da im Endeffekt die Musik für sich selbst spricht und jeder selbst seine Meinung dazu bilden sollte, warum oder ob er uns als besonders empfindet. Ich persönlich spüre in der Musik eine nicht näher beschreibbare Präsenz, eine Energie, die manche vielleicht als böse, okkult oder negativ bezeichnen würden. Das will ich jedoch nicht derart bewerten. Ich selbst lege sicher Wert genau diese Energien einzufangen und mit der Musik zu transportieren und fühle mich ausgeglichen, wenn mir diese Vermählung gelingt.
Temple Koludra ist schon im Black Metal einzuordnen, sofern man eine Schublade benötigt. Verzerrte Gitarren alleine können allerdings oft nicht dem entsprechen, was ich kreieren und ausdrücken möchte. Für mich bedeutet Komponieren, ein Gemälde aus möglichst vielen Klangfarben zu erzeugen, manche präsenter, manche subtiler. Auch assoziiere ich mit der Komponieren immer Evolution und Fortschritt. Daher ist ein großes Repertoire an Sounds, gerade auch zur Erschaffung neuer klanglicher Welten, äußerst zweckdienlich. Ich mag schlichtweg auch Künstler wie z.B. Muse, Depeche Mode, Yann Tiersen oder NIN, die es schaffen, trotz einer Vielzahl an Sounds und Stimmungen, homogene Alben zu kreieren.
Temple Koludra ist sicherlich auch Teil eines alternativen, individuellen Lebensentwurfs, der Entmenschlichung und spirituellen Beschneidung des modernen Menschen entgegenzuwirken und den natürlichen, chaotischen Energien und Möglichkeiten Ausdruck zu verleihen; entfesselt, unzähmbar, urwüchsig, voller Widersprüche und Emotionen.

Als Duo zusammen dem Black Metal zu frönen, bringt sicherlich einiges an Freiheit, was Absprachen und Songwriting angeht, gab es deswegen nie die Idee Temple Koludra zu einer vollständigen Band auszubauen?

Es ist schon schwierig genug zu zweit einig zu werden, denn letzten Endes möchte man ja keine faulen Kompromisse eingehen. Außerdem bin ich der festen Überzeugung, dass zu viele Stimmen die Sache verwässern und die Qualität leiden würde. Es gibt einen kreativen Kern und damit müssten sich weitere Musiker erst einmal arrangieren können. Bis auf einen Drummer wurde bisher auch nicht in Erwägung gezogen, dieses Line-Up zu erweitern. Aber alleine die Drummersuche war so obskur, dass einem die Lust verging.

Was für Charaktere stecken hinter den beiden Initialen I.H. und M.W.? Und warum belasst ihr es dabei, nicht viel von euch persönlich Preis zu geben?

Selbstcharakterisierungen sind immer schwierig und wir ziehen klare Linien, in dem wir nur begrenzt Informationen über uns offenbaren möchten. Uns beiden ist die Privatsphäre sehr wichtig, aber man darf nicht erwarten, dass so etwas, sobald man an die Öffentlichkeit tritt - vor allen Dingen im Internet - respektiert wird. Es gibt ja sogar Schreiber und auch Seiten wie Dis"cocks", die bewusst die bürgerlichen Namen hinter den Pseudonymen von Künstlern verbreiten. Daher sind die Initialen sicher nicht die ausgefeilteste Tarnung, um vor der Neugier zu schützen. Der Entschluss zu den Initialen soll aber primär die Kunst an sich in den Mittelpunkt rücken und die Menschen dahinter im Gesamten verschwimmen lassen.

Mit eurer gleichnamigen EP habt ihr vielen bewiesen, dass ihr ein großes und mitreißendes musikalische Potential an den Tag legt, das viele Black Metal Fans mit Begeisterung annehmen! Wo und wie habt ihr vor der Zeit von Temple Koludra schon musikalische Erfahrungen sammeln können?

I.H. hatte vorher bis auf ein paar Versuche noch keine wirkliche Banderfahrungen gesammelt, aber schon vor Koludra angefangen sich mit Homerecording zu befassen und auch Gitarre gespielt. Ich selbst habe auch bereits mit einer anderen Band Studio und Live-Erfahrungen gemacht. Irgendwann fing ich auch mit Recording an und arbeitete mich in diese Materie Schritt für Schritt ein. Über die Jahre habe ich viel Zeit mit komponieren, aufnehmen und experimentieren verbracht und so sicher Erfahrung gesammelt. Daneben mache ich ab und an Aufnahmen für andere, was natürlich auch den Horizont kontinuierlich erweitert.

Temple Koludra

Seit ihr zufrieden, mit den meist sehr guten und den vielen überschwänglichen Kritiken?

Ja, die Pressekritiken sind nahezu übereinstimmend in einem extrem guten Bereich aber das darf man auch nicht überbewerten. Es freut uns natürlich, dass unsere Musik in der Flut an Veröffentlichungen überhaupt wahrgenommen wird. Gute Kritiken sind natürlich eine solide Basis, aber es bleibt abzuwarten, ob dadurch die Leute wirklich darauf aufmerksam werden und sich die EP zulegen.

Gibt es musikalische und uns bekannte Vorbilder, die euren Stil besonders geprägt haben?

Nicht gerade Vorbilder, aber Künstler, die wichtig waren, z.B. hatten einige norwegische Black Metal Bands ihren unüberhörbaren Einfluss, wie auch unzählige andere. Ich persönlich habe einen sehr breiten Musikgeschmack, weit über das Metalgenre hinaus und näher darauf einzugehen würde jeglichen Rahmen sprengen, daher hier sechs sehr wichtige Künstler: Mayhem, Emperor, Dissection, Dead Can Dance, NIN, Thorns.

Auf der EP "Temple Koludra" stellt ihr 5 Songs von euch vor, die einen sehr guten Einblick in euer Schaffen geben, welchen Song würdet ihr unseren Lesern ganz besonders ans Herz legen?

Momentan würde ich sagen, "I Ginnungagap", weil es das in jeder Hinsicht ausgereifteste Stück ist.

Gibt es überhaupt ein lyrisches Thema, dass auf eurer EP hauptsächlich vertont wird?

Transformation ist das vorherrschende Thema, welches aus verschiedenen Blickwinkeln in verschiedenen Situationen beleuchtet wird. Jeder von uns hat die Erfahrung gemacht, dass erlernte Strukturen nicht mehr funktioniert haben und war gezwungen, diese zu zerstören, um sich zu entwickeln. Auf diesen Erfahrungen baut das Konzept auf. Wenn man so will, kann man diesen Prozess auch in der Entwicklung der Songs erkennen, wobei "Zornissen" den Anfang machte und ein gewisser Wandel bei der Fertigstellung der Lyrics von "I Ginungagap" vollzogen war.

Ja, auch mein persönlicher Favorit auf dieser Scheibe ist "I Ginnungagap". Um was geht es in diesem sehr ausdrucksstarken und impulsiven Song?

Die Texte sind überwiegend in einer Art subjektiven Situationsbeschreibung eines (wieder-)erweckten Wesens oder Elements geschrieben. Es beschreibt die Vorgänge, die es durchlebt. Was oder wer wieder erweckt wird, bleibt interpretativ - es gibt auch keine Auflösung. Der rituelle und mosaikartige Charakter der Lyrics (wie schwarzer Dunst, Schlangen die zwischen Misteln, Beeren und Moos kriechen) fügte sich gut ein, da er die chaotische und ursprüngliche Stimmung widerspiegelte. Am Ende des Liedes werden Textstellen in einer Art Zwiegespräch interpretiert, der Klang selbst transportiert die Stimmung und nur ein paar hörbare Vokabeln wie "Chaos” geben Anhaltspunkte zum Inhalt. Die Lyrics haben zwar einen Inhalt, der sich auch übersetzen lässt, der persönlichen Interpretation (also der Bedeutung, die der Klang der Worte für einen erzeugt) soll aber nicht vorgegriffen werden.

Warum vermischen sich auf eurer Disk englische, deutsche und norwegische Lyrics? Und wer von euch beherrscht das Norwegisch so gut, um die Songtexte in dieser Sprache verfassen zu können?

Norwegisch wurde aus I.H.s Vorliebe für diese Sprache heraus verwendet. Die Lyrics sind eigenhändig von ihr geschrieben, später baten wir jedoch einen Freund um eine Überprüfung.
Wir haben uns dafür entschieden, uns sprachlich nicht zu limitieren, weil jede Sprache ebenfalls musikalisches Element birgt und vom Klang her ein bestimmtes Gefühl transportiert, welches zu einer musikalischen Passage besser oder schlechter passen kann. Die Idee, verschiedene Sprachen zu einem Text zu vermischen fand bei "I Ginnungagap" Anwendung und schloss so den eklektischen Kreis zur Musik. Die Texte sind in einigen Passagen intuitiv, auch etwas wirr und bruchstückhaft gestaltet, resultierend aus der Vorstellung von einem Urbewusstsein, welches wertfrei und übergeordnet ist und sich nicht unbedingt für uns zusammenhängend preisgibt.

Wie geht ihr überhaupt beim Songwriting vor, wer von euch übernimmt welchen Part?

Mein Schwerpunkt liegt eindeutig in Komposition, Arrangement und Produktion, während I.H. schwerpunktmäßig die Texte verfasst und performt. Das hat sich so ergeben und ich denke TK können nur auf diese Weise funktionieren, indem jeder seine Stärken ausspielt und dort sozusagen auch Mastermind ist, obwohl es natürlich Überschneidungen geben kann, wie dass I.H. Riffs kreiert oder ich z.B. Vorschläge für die Rhythmik und Phrasierung des Gesanges mache oder Textideen einbringe. Alles in allem muss es eine stimmige Einheit ergeben.

Temple Koludra

Wie lange habt ihr gebraucht die EP fertig zu stellen und vollständig aufzunehmen?

Alle Aufnahmen der EP entstanden bei mir zu Hause, die Gesangsaufnahmen und der Song "Panta Rhei" bei I.H. Die gesamte Produktion dauerte sicher über ein Jahr. Dabei war es sehr wichtig eine starke Basis fürs spätere Mischen zu haben. Wir waren anschließend zum Mischen und Mastern für vier Tage im Woodhouse von V.Santura. Danach haben wir dann viel Zeit in das Artwork investiert.

Wird es Temple Koludra auch live zu sehen geben?

Bisher ist nichts geplant. Jetzt wo die EP draußen ist, steigen vielleicht die Chancen, dass sich der Kreis von, für TK in Frage kommenden und interessierten, Musikern erweitern wird.

Ist ein vollständiges Album bereits in der Planung, über das ihr sogar schon einige Fakten verraten könnt?

Die Songs der gerade erschienenen EP entstanden zwischen 2010 und 2012 und sind daher schon etwas angestaubt. Mich beschäftigen die neuen Kompositionen. Aber hier möchte ich jetzt nicht viel verraten, außer, dass derzeit genügend Material für ein Album in näherer Auswahl und zu einem großen Teil fertig arrangiert und aufgenommen ist. Musikalisch und konzeptionell ist es eine Erweiterung des auf der EP bereits Angedeuteten und wird ein wesentlich weiteres Spektrum abdecken.

Und wie stellt ihr euch persönlich die Zukunft von Temple Koludra vor?

Momentan sind wir sehr mit Promoaktiviäten beschäftigt und wollen diese weiter ausdehnen und so den Namen Temple Koludra über die Landesgrenze hinaus fest etablieren. Parallel dazu auch möglichst schnell wieder abschotten, in sich gehen und das Album forcieren.

Frankfurt am Main verbindet man nicht direkt mit Black Metal, warum sollte man sich diese Stadt aber trotzdem unbedingt als musikalischen Ort merken? Welche Locations sollte man als Metal-Fan unbedingt dort gesehen haben?

Da ich kein gebürtiger Hesse bin, spielt die geographische Situation eigentlich keine Rolle. Mir ist klar, dass man Frankfurt eher mit Saufmetal usw. verbindet. Ich gehe eigentlich selten in die Stadt Clubs und wohne auch ländlich ca. 20 Km davon entfernt. Es gibt hier sicher einige Clubs, wie der Steinbruch in Darmstadt, die auch Metal spielen oder eben in Frankfurt das Speak Easy. Aber das ist wirklich nicht meine Welt; damit kann man mich foltern.

Und nun zu den letzten berühmten Worten, die ihr persönlich gerne an unsere Leser los werden wollt:

Danke Dir Steffi und MyRevelations für die Deine leidenschaftliche Auseinandersetzung mit Temple Koludra. Allen aufgeschlossenen Lesern gebe ich die Empfehlung sich unsere EP, die in einer wirklich aufwendigen Auflage kommt, unter www.templekoludra.bigcartel.com zu zulegen.

Ja, diese Aussage ist zu unterstreichen, für alle Sammler ist diese EP sicherlich ein besonderes Schmuckstück, so dass zusammen mit diesem Interview erneut bewiesen wird, dass tiefgründige Musik nur von tiefsinnigen Köpfen geschrieben werden kann!

<< vorheriges Interview
DEATH AGONY - Hinein in die dunklen Abgründe des Mensc [...]
nächstes Interview >>
WITCHBURNER - Vinyl ist mir wichtig!




 Weitere Artikel mit/über TEMPLE KOLUDRA: