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13. Dezember 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

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ADRAMELCH
Was wäre gewesen, wenn...?
Jens Gellner & Alexander Meyer
www.adramelch.com


Mit "Irae Melanox" haben sich Adramelch 1988 ein Denkmal in der Ruhmeshalle des Progressive Metal gesetzt. Nachdem es zeitweilig sehr ruhig um die Italiener geworden war, sind sie in diesem Jahr gleich auf zwei Festivals ("Keep It True" und "Swordsbrothers") präsent, um ihr neues Album "Lights From Oblivion" in Deutschland vorzustellen. Mein werter Kollege Jens Gellner hat das folgende Interview mit Sänger Vittorio Ballerio (V) und Gitarrist Gianluca Corona (G) geführt, die ausführlich Bericht über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Adramelch erstatteten.

Adramelch

Bevor wir auf euer aktuelles Album zu sprechen kommen, eine Frage zu dem Vorgänger "Broken History": Die Texte handelten von den Kreuzzügen. Wie kamt ihr auf die Idee, ein Konzeptalbum über dieses Thema zu schreiben?

Die Songs waren eigentlich schon seit den späten Achtzigern bzw. frühen Neunzigern fertig. Als Gianluca mich dann im April 2003 anrief, um mir mitzuteilen, dass wir schon bald ein neues Album veröffentlichen könnten und eigentlich nur noch die Texte fehlten, war mir klar, dass wir einen Wendepunkt erreicht hatten und ich begann an den Lyrics zu arbeiten. Aber die Musik war so verdammt episch, dass die entsprechenden Texte gut überlegt sein wollten. "Kreuzzüge", "Ritter", "Schwerter" usw. sind natürlich von Natur aus Wörter, die zum Epic Metal passen, aber ich hatte meine eigenen Vorstellungen. Also machte ich mich gemeinsam mit meiner Mutter, die in dieser Thematik sehr bewandert ist, daran ein äußerst episches, aber nicht albernes - wie es im Metal manchmal vorkommt - Konzept auszuarbeiten. Dabei nehme ich die Sichtweise der Opfer auf die Kreuzzüge ein und versuche - wie so viele vor mir - die Wahrheit ans Licht zu bringen, die kaum etwas mit dem zu tun hat, was in den Geschichtsbüchern steht. Nicht zum ersten Mal in der Geschichte schob die Kirche damals religiöse Gründe vor, um Kriege anzuzetteln oder Massaker zu rechtfertigen. (V)

Steckt ein ebensolches lyrisches Konzept hinter eurem neuen Album "Lights From Oblivion"?

Alle Texte auf "Lights From Oblivion" teilen eine melancholische Grundstimmung, die durch die dazugehörige Musik inspiriert wurde und eng mit dieser verknüpft ist. Diese Stimmung wird durch Bilder ausgedrückt, wie in einer Art Tagebuch voller Ängste und Ambitionen. Aus diesem Grund könnte man das Gesamtwerk sehr wohl als Konzeptalbum über die Angst vor dem Leben und der Zukunft bezeichnen. Gleichwohl kann man in all dem auch etwas Postives sehen und sein Heil in der Macht der Kreativität, Dichtung und Schönheit finden, wo die einzige Rettung für die Menschheit die Rückkehr zur Natur ist. (G)

Seid ihr insgesamt mit "Lights..." zufrieden?

Sehr zufrieden. Es war ein hartes Stück Arbeit im Hinblick auf das Songwriting, die Arrangements und die Produktion, da sich sowohl unser Stil als auch unser Sound im Vergleich zu früher gewandelt haben. Natürlich gibt es im Nachhinein immer etwas, das du verbessern würdest, da die Zeit niemals ausreicht und man sich andauernd alles anders überlegt. Aber wir können behaupten, dass wir zu 99 Prozent das erreicht haben, was wir erreichen wollten. (G)

Warum gingen von der Fertigstellung des Albums bis zu dessen Veröffentlichung geschlagene 18 Monate ins Land?!

Du hast recht, das hat wirklich lange gedauert. Der Hauptgrund lag bei uns selbst, weil wir sehr lange gebraucht haben, um mit "Pure Steel - Pure Prog Records" das richtige Label zu finden. Außerdem war es schwierig den richtigen Künstler für ein geeignetes Coverartwork zu finden. Schließlich war es Alberto Andreis, ein Freund von Gianluca und ein wundervoller Maler, der Cover und Booklet so magisch gestaltete, wofür wir sehr dankbar sind. (V)

Gianluca, mir ist aufgefallen, dass du auf dem neuen Album deinen Gitarrensound verändert hast. Der einzigartige "Signature Sound", der meiner Meinung nach die Musik von Adramelch prägte, ist einem wärmeren "Vintage Sound" gewichen, der meiner Ansicht nach für eine Progressive Metal Band recht ungewöhnlich klingt. Wie kommt's?

Adramelch

Das ist eine interessante Beobachtung. Im Gegensatz zu "Broken History" ging es uns diesmal mehr um das Bandfeeling insgesamt, denn um schöne, individuelle Sounds. Das neue Album sollte so "live" wie möglich, sogar "dirty", aber gleichzeitig "true" klingen. Wir haben unsere Arbeitsweise total geändert, insbesondere um uns selbst zu testen. Deshalb haben wir Schlagzeug, Bass und meine Rhythmusgitarre auch gemeinsam live eingespielt und haben erst später die Feinabstimmung vorgenommen. Ich bin überzeugt, dass der Gitarrensound für die Songs, die wir aufgenommen haben, absolut passend ist. Vielleicht hätte ein Produzent von außen andere Entscheidungen getroffen. Wir haben die Finger eher vom Distortionknopf gelassen, um der Rhythmussektion und den Gesangslinien mehr Raum zur Entfaltung zu geben, so dass der Sound insgesamt mehr nach Hard Rock denn nach Metal klingt. Das war eine bewusste Entscheidung. (G)

Würdet ihr euch denn noch als Progressive Metal Band bezeichnen?

Solche Definitionen engen doch immer stark ein...vielleicht sollten wir es ganz einfach "Progressive Hard Rock" nennen? Das nächste Album, für das wir bereits ein Dutzend Stücke geschrieben haben, kann wiederum ganz anders klingen, so dass sich diese Definition dann schon wieder ändern würde...Einige der neuen Tracks sind wieder sehr heavy. (G)

Bei Progressive Metal denke ich immer an Dream Theater, mit denen wir rein gar nichts zu tun haben. Wir sind wohl nicht die richtigen Ansprechpartner für diese Frage. Für uns ist es interessant zu hören, was unsere Freunde, Fans und die Presse darüber denken. Eine der besten Kategorisierungen, die ich bisher für uns gehört habe, ist "A Metal Version Of Prog Rock". Aber wie schon gesagt, wachsen und verändern wir uns ständig und die neuen Songs werden wieder anders klingen, auch wenn sie der dünnen roten Linie all unserer Kompositionen folgen werden. (V)

Lasst uns in die Vergangenheit gehen: Als ihr damals "Irae Melanox" aufnahmt, hattet ihr eine Ahnung, dass dieses Album 24 Jahre später als Underground-Juwel bewundert werden würde?

Definitiv nicht! Wir waren eine Teenager Band, die einfach nur Glück hatte. Wir hätten es nie für möglich gehalten, dass alles so schnell und gut für uns laufen würde. Innerhalb weniger Jahre spielten wir unser eigenes Zeug und nahmen 1987 unser erstes Demo auf, wovon ein Stück es auf eine italienische Metal Kompilation schaffte, so dass man uns einen Plattenvertrag anbot. All das ging weit über unsere kühnsten Erwartungen hinaus und ist auch dem Umstand zu verdanken, dass Gianluca früh vom Schlagzeug an die Gitarre gewechselt war. Natürlich waren wir, wie alle Bands, überzeugt von unserer Musik, aber die Realität hat unsere Fantasie bei weitem übertroffen. (V)

Könnt ihr euch noch an die ersten Reaktionen von Fans außerhalb Italiens auf "Irae Melanox" erinnern?

Stefan Glas (Underground Empire) ist einer unserer frühesten und loyalsten Fans. Ich erinnere mich noch, wie er "Irae Melanox" Mitte der Neunziger in seine Playlist bei Magazinen wie dem "Heavy, oder was?!" aufnahm und das gleich mehrmals hintereinander! Das erntete natürlich große Resonanz und führte zu einer Art Revival für das Album. (G)

Yeah, Stefan ist wahrscheinlich der Hauptverantwortliche für Adramelchs zweiten Frühling! Seine Rezensionen und Kommentare generierten eine Menge Interesse an und Neugierde auf dieses unbekannte, mysteriöse Album. Zu den Fans: Wir waren erstaunt über Briefe, die wir aus aller Herren Länder, z.B. Polen und den USA, erhielten; aus Ländern, in denen die Platte eigentlich gar nicht veröffentlicht worden war! Man bedenke, dass es zu dieser Zeit kein Internet gab! Unvergesslich wird auch die Topbewertung für "Irae Melanox" in der Bibel des Metal, dem "Kerrang!" bleiben. Das war ein unheimlicher Schock für die Band! (V)

Die Band löste sich kurz nach der Veröffentlichung von "Irae Melanox" auf. Glaubt ihr, dass dieser Split dabei geholfen hat, Adramelch zur Kultband zu machen? Oder anders gefragt: Was wäre wohl passiert, wenn ihr euch damals nicht aufgelöst hättet?

Ich hatte mit Sandro Fremiot schon ein paar neue Songs geschrieben. Wahrscheinlich hätten wir ganz einfach unser zweites Album aufgenommen. Vielleicht hätte dieses Album ja den Sound und die Reaktionen bekommen, die es verdiente. (G)

Du meinst wie bei Marilyn Monroe?! Ja, vielleicht! Um Erfolg zu haben bedarf es nunmal vieler Faktoren und die Qualität der Musik ist halt leider nur eine davon, ob es einem gefällt oder nicht. (V)

Und noch eine "Was wäre gewesen, wenn..."-Frage: Habt ihr schonmal darüber sinniert, was passiert wäre, wenn "IM" richtig promotet geworden wäre?

Franko, unser damaliger Bassist und Mitgründer der Band, und ich gingen nach der Aufnahme von "IM" durch eine schwere, musikalische Krise. Das hatte nichts mit unserer anfänglichen Erfolglosigkeit zu tun, sondern vielmehr mit einer musikalischen Umorientierung: Ich fing an fast nur noch klassische Musik zu hören und Franko begann Jazz zu studieren. Ich weiß nicht, ob ich zu diesem Zeitpunkt überhaupt weiter Metal hätte spielen können.(G)

Ich glaube, unsere Musik war für die damalige Zeit einfach zu seltsam. Es gibt keine einzige italienische Band, die damals mit dieser Musik berühmt geworden wäre. Wären diese Songs von einer amerikanischen oder britischen Band gewesen, hätten sie vielleicht bessere Reaktionen hervorgerufen, weil in diesen Ländern Rock und Metal einfach schon etabliert waren. (V)

Wann habt ihr denn realisiert, dass Adramelch definitiv eine Kultband ist? Und hat dies eure Entscheidung zu einer Reunion beeinflusst?

Wenn ich mich recht erinnere, war das in den frühen Neunzigern. Mehrere Plattenfirmen, u.a. Underground Symphony, fragten bei uns an, um den "IM"-Nachfolger rauszubringen. Aber zu diesem Zeitpunkt fehlte uns dazu die nötige Motivation und das Interesse. Erst 2003, als uns unsere persönlichen und musikalischen Pfade wieder zusammenführten, konnten wir die Entschlossenheit für ein Comeback aufbringen. (G)

Das stimmt. Uns wurde klar, dass so wertvolle Musik nicht einfach im Nichts verschwinden sollte und das Licht der Welt erblicken musste, so dass wir voller Überzeugung zurück an die Arbeit gingen. Die Geschichten über unseren Kultband-Status waren zwar faszinierend, reichten jedoch nicht aus, um uns dazu zu bringen wieder mit voller Überzeugung bei der Sache zu sein. In der Zwischenzeit hatten wir ja bereits erfolglos versucht, wieder gemeinsam Musik zu machen. Ich denke, der wahre Beweis für unseren Status wurde beim "Headbanger's Open Air" 2004 erbracht: Wir konnten unseren Augen und Ohren nicht glauben... (V)

Adramelch

Von der Vergangenheit in die Zukunft: Gibt es Pläne für eine große Tour? Vielleicht als Support für eine bekannte Band oder als Headliner? Oder seid ihr glücklich damit, nur ab und zu einen Festivalauftritt oder einen Clubgig zu spielen?

Das wäre toll, aber auf Grund unserer Jobs und Familien ist das fast unmöglich (G)

In der Tat. Es ist wirklich schade, aber eine Tour würde unsere momentanen Möglichkeiten übersteigen. Es ist wahrscheinlich zu spät dazu...oder zu früh... (V)

Gibt es eine Frage, über die ihr froh seid, dass sie euch noch nie gestellt wurde? Und was ist die Antwort darauf?

Huh, was für eine seltsame Frage! Sorry, aber dazu fällt mir beim besten Willen keine Antwort ein. Wir sind eigentlich für alle Fragen offen. Also, hau'rein! (V)

Müssen wir weitere sieben Jahre auf ein neues Album von euch warten? Natürlich wird als Antwort auf diese Frage nur ein "Nein" akzeptiert! Aber, Spaß beiseite: Was plant ihr für die Zukunft?

Ich treibe meine Bandkollegen jetzt schon an, möglichst bald wieder ins Studio zu gehen. Hilf' mir sie zu überzeugen! Wie bereits erwähnt ist das Material für das nächste Album fast fertig und muss nur noch fertig arrangiert werden. Ich versichere dir, dass du diesmal keine sieben Jahre lang warten musst! (G)

Glaub uns, Mann! Wie Gianluca schon sagte, wir haben 12 neue Stücke in der Pipeline! Natürlich fehlt noch der Feinschliff und die Texte, aber wir können damit keine sieben Jahre mehr warten! (V)

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