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24. Oktober 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

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WIGHT
Wenn die GEMA sich nicht umstrukturiert, wird sie nicht überleben.
Christian Schäfer
www.wightism.de


Nach mehreren Anläufen hat's endlich geklappt: mein Interview mit dem Trio WIGHT aus Darmstadt. WIGHT, das sind Michael Kluck (Schlagzeug), Peter-Philipp Schierhorn (Bass, Saxophon, Gesang) und René Hofmann (Gesang, Gitarre, Orgel). Im Sommer hat die Band ihr zweites Album, "Through The Woods Into Deep Water" veröffentlicht und ich bin von dieser Scheibe schwer begeistert.

Wie finden andere euer neues Album?

Peter: Sehr gut. Viele, denen "Wight Weedy Wight" gefallen hat, haben mir gesagt, dass sie "Through The Woods Into Deep Water" ebenfalls sehr gut bzw. sogar noch besser fanden. Ein paar Leute finden es zu verspielt und haben uns gepostet, wir sollten weniger improvisieren. Aber die meisten Reaktionen waren sehr gut.

René: Dadurch, dass wir uns etwas vom reinen Doom verabschiedet und uns auch anderen Stilen geöffnet haben, erreichen wir ein breiteres Publikum, und das schlägt sich auch in der Presse nieder. Die Reaktionen sind durchweg positiv bis sehr positiv und wir freuen uns, auch Leute erreichen, die sich nicht nur zur Metalszene zählen. Das ist uns wichtig, weil wir uns auch nicht ausschließlich als Teil der Metal- bzw. Doom- oder Psychedelicszene sehen.

Seht euch grundsätzlich nicht als Teil einer bestimmten Szene?

René: Nein. Szenen und Subkulturen vervielfältigen und diversifizieren sich ständig. Leute identifizieren sich mit immer verschiedeneren Dingen, vernetzen sich, tauschen sich aus. Man macht Musik, lernt andere Leute kennen, die andere Musik machen, man setzt sich zusammen und probiert was Neues. Da muss man sich fragen, inwieweit man sich an eine bestimmte Szene oder Subkultur binden möchte. Ich habe z.B. auf Fat & Holy (Renés Label, d. Verf.) ein Jazzalbum (NIC DEMASOW: "Organised") rausgebracht. Vielleicht bringe ich auch mal Black Metal raus, wenn ich eine coole Band kennenlerne. Oder Dub. Mir geht’s grundsätzlich darum, offen zu sein für Neues.

Demnach seid ihr nicht auf die Musik festgelegt, die ihr gerade macht?

René: Nein. Ich kann mir gut vorstellen, was Elektronisches oder auch Punk zu machen, ich würde gern Soul singen- vor allem singen! Vielleicht auch was Akustisches oder Pop.

Echt?

René: Ja, schon. Der Begriff ist zwar etwas negativ behaftet, aber zu Unrecht, wie ich finde. Es gibt sehr gute Popmusik. Z. B. PINK FLOYD. Einige Sachen von denen sind für mich absolute Popmusik. "Another Brick in the Wall" z.B. ist ein Popsong, und zwar ein sehr guter. Und QUEEN sind eine der größten Popbands der 1970er Jahre.

(An Michi und Peter): Habt ihr Ambitionen, auch was solo zu machen?

Michael: Nö.

Peter: Ja, mache ich auch. Inzwischen ist daraus auch eine Band mit drei Leute geworden, aber als ich mit FALLEN TYRANT angefangen habe, war das ein klassisches Black-Metal-Ding mit Aufnahmen allein zu haus'. Aber so ganz allein Musik machen, das mag ich nicht. Deswegen wirst du mich nie allein und mit Gitarre in der Fußgängerzone stehen sehen (lacht).

Wight

Wie entstehen die Songs bei WIGHT?

René: Früher kam ich mit einem Gitarrenriff an und wir haben was drumherum gebastelt. Inzwischen entstehen die Songs eher aus Jamsessions. Es gibt ein Bassline, einen Rhythmus, ein Riff das allen gefällt. Dann steigen die anderen darauf ein. Wie das Resultat am Ende klingt hängt davon ab, welche Musik wir aktuell privat hören. Ich persönlich z.B. höre momentan viel FREE, also Rock der 1960er, alten Progressivrock und 'ne Menge Soul und Jazz. Was uns in den Sinn kommt, das bauen wir ein.

Peter: Klar, manchmal gibt’s Ideen, die können wir spontan nicht unterbringen. Aber die merken wir uns und kommen später darauf zurück. Wenn wir nicht unterwegs sind sind wir fast immer am Songs schreiben.

Was fließt von eurer Seite bei WIGHT ein?

Peter: Ich stehe auch auf frühen Progrock, WEATHER REPORT, KING CRIMSON, Miles Davis, Jazz, Funk, und was man bei WIGHT gerade gar nicht so raushört: Black Metal.

Michael: Ich hör' nur WIGHT (lacht). All day n' all night (lacht)!

Welche Bedeutung haben Texte für euch?

René: Ich höre Texte nicht besonders aufmerksam. Beim Schreiben ist es bei mir so, dass das Thema des Textes bereits durch die Melodie gegeben ist. Zu den Tönen habe ich dann Bilder im Kopf, d.h. der Text folgt der Melodie. Wobei ich mir schon vorgenommen habe, mehr auf die Texte zu achten, weil man sich mit Worten unmissverständlicher ausdrücken kann als mit Tönen. Würde ich z.B. ein Instrumentalstück über das Thema Sehnsucht spielen, könnte ich dem einen Titel geben, der meine Vorstellung, mein Gefühl transportiert. Wenn das Ganze aber Wörter enthält, weißt du genau was ich meine. Dann kann ich die Sehnsucht auch genauer beschreiben, ob's z.B. Fernweh ist, oder das Verlangen, etwas zu erreichen, oder das Verlangen nach einem Menschen.

Obwohl die Anzahl eurer Fans wächst ist wohl nicht leicht, von Musik zu leben. Wie vereinbart ihr die Musik mit dem restlichen Leben?

Peter: Ich studiere, habe zwei Jobs und investiere meine restliche Freizeit komplett in die Musik. Sogar wenn ich vor dem Fernsehe sitze, wenn das mal vorkommt, habe ich dabei immer ein Instrument in der Hand.

René: Musik ist meine große Leidenschaft. Mir geht's darum, meiner Leidenschaft zu folgen, und das tue ich. Das ist für mich ein ganz zentraler Punkt im Leben. Musik machen erfüllt mich mehr als alles andere. Klar: wenn ich jetzt hier sitze, Promos verpacke, Emails schreibe, mit Agenturen verhandele usw., raube ich mir Zeit, in der ich sonst kreativ sein könnte. Leider ist es noch nicht so, dass ich nicht von der Musik allein leben kann. Natürlich wäre es toll, nur Musik zu machen. Aber man muss so viel arbeiten um zu überleben. Für mich ist das echt ätzend. Dieser Stress raubt mir die Muße. Irgendwie beneide ich Leute, die damit klarkommen, regelmäßig zu arbeiten. Ich wäre dazu gar nicht in der Lage. Die Zeit, die mir dabei verloren ginge, ist mir viel wichtiger als alles Geld der Welt! Miete, Versicherung, Krankenkasse, Steuern, Auto- das brauche ich alles nicht, ich werde eh' nicht krank (lacht). Die gesellschaftlich akzeptierten Drogen, die die meisten Krankheiten produzieren, lehne ich ab, die interessieren mich überhaupt nicht (grinst).

Wow.

René: Musiker zu sein, das kann man schon zum Beruf machen. Mit allen Implikationen, was dann von allen Seiten verlangt wird: Konzerte buchen, Management selbst machen, Promotion selbst machen, Label selbst machen, Vertrieb selbst machen, usw.- das ist viel Zeug, aber es geht. Ein schöner Nebeneffekt ist, dass ich mein Wissen und meine Kontakte anderen Bands als Dienstleistung anbieten kann. Ich bin ja auch Toningenieur und finde notfalls immer einen Job.

Du machst also Management und Vermarktung komplett allein?

René: Ja, aber dank Internet ist das einfacher als es klingt. Das Internet ist für junge Musiker das Licht in der Dunkelheit, damit können sie selbst was tun und sind nicht von Konzernen und Majorlabels abhängig. Das Internet hat die klassische Musikindustrie für Tonträger kaputtgemacht, hat aber Vorteile für den kleinen Mann gebracht, weil der jetzt selbst agieren und Kontakte knüpfen kann. Man kann die eigene Band mit ein paar Mausklicks erscheinen lassen. Das Problem ist die Konkurrenz, also die Schwemme von Leuten, die jetzt ihre Musik im Internet verfügbar machen. Die Qualität von Musik sinkt hierdurch natürlich enorm. Wenn du einen gewissen Anspruch an Qualität hast, kannst du jetzt Bands finden, die sich weit von dem abheben, was du vielleicht aus Zeitschriften kennst. Oder die weit darunter bleiben (lacht). Die Auswahl ist viel größer geworden. Im Internet findet jeder was er braucht, die Zahl der Subgenres ist einfach unbegrenzt. Ich kann mir vorstellen, dass der Mainstream aussterben wird.

Wight

Interessante Theorie.

René: ...natürlich nicht ganz aussterben (lacht), weil sich nicht jeder Mensch für Musik interessiert. Vielen ist scheißegal was sie hören, die lassen einfach Radio FFH laufen. Aber die Vielfalt schwindet auch hier. Im Schnitt sind's vielleicht noch ca. 250 Musiker oder Bands, die jeder Sender spielt. Ich bin auch sehr gespannt was mit der GEMA passiert. Die wird mit ihrem Konzept aus den 1960ern (1930ern, d.Verf. Die GEMA wurde am 28. September 1933 wurde die "Staatlich genehmigte Gesellschaft zur Verwertung musikalischer Aufführungsrechte" (STAGMA) gegründet und war fest in das nationalsozialistische Machtgefüge eingebunden. Zitat Wikipedia – d. Verf.) nicht mehr lang überleben.

Hoffentlich nicht.

René: Wenn die GEMA sich nicht bald grundsätzlich umstrukturiert, wird sie nicht überleben. Die Musikindustrie, so wie sie war, ist ja Ende der 1990er Jahre komplett weggebrochen. Als ich z.B. vor 15 Jahren angefangen habe, CDs zu kaufen, habe ich ständig CDs gekauft. Weil das die einzige Möglichkeit war, an Musik zu kommen. Jetzt sind CDs eher zu einem Souvenir geworden, das man sich von einem Konzert mitbringt. Ganz egal, in welcher Branche du dich selbständig machst: es dauert immer ein paar Jahre, bis du etabliert bist. Das wichtigste ist sicher, dass man seinen Optimismus nicht aufgibt.

Apropos Optimismus: wie sind eure Pläne?

Peter: Anfang Oktober sind wir auf dem Tanksgiving Festival in Darmstadt zu erleben, da spielen wir unter dem Namen WICHT ein gemeinsames Konzert mit der Jazzband NIC DEMASOW. Danach sind wir mit unseren englischen Freunden TRIPPY WICKED in Deutschland und Frankreich auf Tour.

René: Ich bin dabei, eine weitere Tour mit BUSHFIRE zu buchen. Wir bekommen inzwischen eine Menge Konzertanfragen, das ist cool. Wir spielen supergern live.

Peter: Wir schreiben natürlich weiterhin, wissen aber noch nicht genau was daraus wird. Eine EP vielleicht, wir haben auch schon an ein Livealbum gedacht. Grundsätzlich wollen wir natürlich größer werden, bekannter werden und mehr Leute erreichen. Langweilig wird’s uns nie (lacht).

Wenn ich euer Album bei Saturn kaufen wollte, in welchem Fach müsste ich suchen? Wie nennt ihr selbst eure Musik?

René: Wir nennen die eigentlich gar nix...

Peter: Ich sag' immer "Rock", damit können die meisten was anfangen. Wenn das jemanden genauer interessiert erklär' ich's natürlich gern auch genauer.

Michael: Ja, eben. Dann erzählen wir, wir klingen so oder so...

...nämlich wie?

Peter: Wie eine Mischung aus Psychedelic Rock, 70's Hardrock, Doom.

René: Bei uns bringt jeder seinen Einfluss mit. Deswegen wird sich die Musik permanent wandeln und schwer mit feststehenden Begriffen zu fassen sein. Aber am Ende klingt's immer nach WIGHT!

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