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18. Dezember 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

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NACHTGESCHREI
Musik und Fans sind das, was einem am Himmel hält!
Steffi Müller
www.nachtgeschrei.de


Die These, dass gute Mittelalter Musik nur in der Kulisse alter Gemäuer und Burgen entstehen und wirken kann, gehört spätestens mit der Band NACHTGESCHREI in den brodelnden Kelch der Gerüchteküche. Denn die sieben Jungs aus Frankfurt am Main beweisen mit ihrer Musik,dass altertümliches Liedgut auch im Angesicht der Großstadt erfolgreich produziert werden kann. Seid der Bandgründung im Jahre 2006 kann die Gruppe bereits auf eine Diskografie von drei Alben und auf zahlreiche Live-Auftritte zurückblicken. Für mich Grund genug, die starke Schaffensfreude von Sänger Hotti, Schlagzeuger Stefan und ihren Spezialisten Nik, der die altertümlichen Instrumente der Band zum klingen bringt, einmal genauer zu hinterfragen:

Nachtgeschrei

Im Jahre 2006 habt ihr "Nachtgeschrei" gegründet, ward aber vorher schon in anderen Bands aktiv. Was war der ausschlaggebende Punkt eine Neugründung zu versuchen?

Hotti: Naja, die Musikprojekte der Einzelnen waren entweder schon gestrandet oder kamen langsam zum erliegen. Wir fühlten uns sehr wohl in der neuen Konstellation. Der energische Vortrieb ließ keinen anderen Schluss zu, als nur noch das zu tun. Ich hab sogar meinen Job gekündigt um mehr Zeit dafür zu haben. Im Großen und Ganzen war es die Karte, auf die jeder alles setzen wollte.

Eure Heimatstadt ist nicht gerade die Gegend, die man gleich mit Mittelalter-Spektakeln und der mittelalterlichen Musik in Verbindung bringt? Seid ihr in Frankfurt eine seltene Spezies?

Stefan: Es ist richtig, dass kaum Genre Kollegen aus unserer Gegend kommen. Das macht die Geschichte auf zwei Arten interessant: Erstmal können wir Leute im Großraum Rhein-Main vielleicht dafür begeistern, also im Sinne von "support your local scene". Wenn wir unsere Geburtstags- und Releasekonzerte rückblickend betrachten, funktioniert das auch ganz gut. Die andere Seite: Dadurch kommen wir auch ein bisschen rum! Die Szene hat Ihre Säulen in anderen Teilen Deutschlands. So bekommen wir was zu sehen und können weitreichende Kontakte knüpfen.

Wie würdet ihr Unwissenden den besonderen Stil eurer Musik beschreiben?

Stefan: Bis zu meinem Einstieg bei Nachtgeschrei zählte ich ja noch zu diesen Unwissenden... inzwischen sehe ich uns als eine Band mit fettem Rock Fundament, angereichert mit Folk- und altertümlichen Instrumenten. Das gibt uns die Möglichkeit, zu experimentieren und neue Wege zu gehen. Da ich vorher aus der reinen Rock 'n' Roll bzw. Heavy Schiene kam - für mich eine sehr interessante und herausfordernde Art, mich auszudrücken. Scheuklappen abzulegen und was Neues zu machen. Natürlich klingt man in einer noch relativ überschaubaren Szene für Andere immer gleich nach dieser oder jener Band. Wir wollen auch nicht den super abgedroschenen "wir lassen uns in keine Schublade stecken" Spruch prägen. Trotzdem, unterm Strich: Für mich ist es etwas Eigenes und ich bin sehr stolz darauf, was wir alle als Band bisher gemeinsam erreichen konnten.

Nachtgeschrei

Was fasziniert euch persönlich am Mittelalter und der überlieferten Musik?

Hotti: Es hat etwas raues, etwas mystisches. Man kann sich da hinein versetzen und der Fantasie freien Lauf lassen. So gebunden diese Musik an ihre Instrumentierung ist, so frei ist Sie in der textlichen Interpretation. Ich schätze diese Freiheit. Sie schafft Leichtigkeit.

Wie kommt man als junge Menschen überhaupt auf die Idee, das Spielen der altertümlichen Instrumente zu lernen?

Nik: Faszination und Herzblut - der Rest findet sich.

Für Leser, die sich vielleicht ambitioniert genug dazu sehen: Wo kann man das Spielen solcher Instrumente überhaupt noch erlernen?

Da nicht jeder das Glück hat einen guten Lehrer, für zum Beispiel Dudelsäcke, vor der Haustür zu haben, hat sich bei diesen Instrumenten eine Art Workshop-Kultur etabliert, wo dann ein verlängertes Wochenende, zusammen mit anderen Verrückten, intensiv Musik machen angesagt ist. Da es bei solchen Veranstaltungen häufig Leihinstrumente gibt, kann ich das auch jedem der nur einmal "reinschnuppern" will empfehlen.

In diesem November erscheint euer drittes Album "Ardeo". Drei Alben in 4 Jahren. Woher gründet bei euch die ganze Schaffensfreude?

Hotti: Die ersten beiden Alben waren beinahe ein Schreibprozess. Es ging also ineinander über. Daher war es logisch, ein Jahr später ein weiteres Album raus zu bringen. Nach einer kurzen Schaffenspause ging es einfach weiter und der Kurs war zunächst so gut, dass wir uns entschieden es noch mal mit einem Jahr Abstand zu wagen. Als der Studiotermin näher rückte, wurde es zwar etwas eng, aber wir wussten, dass wir unter Druck am besten arbeiten können. Also haben wir es durchgezogen und... es hat ja geklappt.

"Ardeo" befasst sich u.a. mit der Ikarus-Sage. Wer kam auf die Idee und warum ausgerechnet die Anlehnung an diese Legende?

Nik: Das kam eigentlich ganz natürlich - ich habe das letztes Jahr erlebt wie Jemand, der über seine Grenzen geht, daran zerbrechen kann. Da ist der Ikarus für mich, ein klassisches Bild: für einen Moment ganz oben, alles aufs Spiel setzen.

Wer war für dieses Album hauptsächlich am Schreiben der Lyrics beteiligt, wer übernahm das musikalische Arrangement?

Hotti: Textlich sind Nik, Sane und ich darin verwickelt. Jeder von uns drei hat seinen sehr eigenen Stil, der ineinander gekreuzt, eine interessante Mischung ergibt. Das beste Beispiel sind wohl Nik und ich im Zweiklang. Nik schreibt sehr große Gedichte, die bei mir immer wieder Gänsehaut hervorrufen. Ich versuche dann nicht nur das singbar zu machen, sondern auch dabei nicht zu viel zu zerstören. Im Nachhinein wird dann mehr Zerstörung von ihm gewünscht und so setze ich mich nochmal knallhart dran. Oft tut es mir weh, solche Zeilen zu zerstückeln, aber wenn der Proberaum wackelt, merkt man schnell, dass es eine gute Entscheidung war. Musikalisch arbeiten Oli, Sane, Penc und ich an den Liedern, was aber nicht bedeutet, dass die anderen nichts dazu beitragen. Gerade in Sachen Arrangements sind alle gefragt und leisten ihren Wertvollen Beitrag. Das ist uns auch enorm wichtig. Genau das macht die Lieder so eigen. Es steckt in jedem Lied ein mehr, oder weniger großer Beitrag von jedem.

Wie lange habt ihr gebraucht, bis "Ardeo" fertig und im Kasten war?

Nik: Insgesamt etwa ein bis anderthalb Jahre, wobei wir nicht immer kontinuierlich daran gearbeitet haben. Letzten Endes war diese Produktion irgendwie (zumindest von meiner Warte) widerspenstiger, als die beiden Vorgänger, so dass wir wirklich erst auf der Zielgerade fertig geworden sind.

Was macht dieses Album für euch so besonders?

Nik: Ich finde es intensiver als die Vorgänger- rockiges ist wilder, ruhiges melancholischer. Nihilismus, Überschwang, Leidenschaft - alles dabei. Der Horizont ist einfach wieder ein Stück aufgegangen.

Hotti: Da wage ich es nicht für alle zu sprechen. Wir haben merkwürdigerweise sehr geteilte Meinungen bei diesem Album. Der Anteil der Lieder, die gefallen und deren die weniger gefallen hält sich zwar die Waage, aber zielt auf komplett unterschiedliche Lieder. Das ist oft etwas überraschend. Jedoch denke ich, dass genau das dieses Album besonders macht. Es ist vielseitig, jeder wird an irgendeinem Lied gefallen finden. Mein persönliches Ziel ist damit erreicht.

Welchen Song von "Ardeo" würdet ihr als euren Lieblingssong hervorheben und warum ausgerechnet diesen?

Hotti: Tja, da sind wir wieder beim gleichen Thema. Ich persönlich liebe den "Reisenden", weil er etwas ist was ich zuvor noch nie gehört habe. Gibt es so was überhaupt? Absolut seltsames, aber interessantes Teil, wie ich finde.

Nachtgeschrei

Stefan: Ich mag es nicht besonders, von der Bandseite irgendwas als "Lieblingssong" zu beschreiben. Viel eher gibt es immer wieder eine Hand voll Nummern, die interessanter sind als andere und eine gewisse Herausforderung darstellen. Für das aktuelle Album sind das für mich "Herzschlag" und "So Weit Wie Nötig" - einmal ein Kracher, für den Ihr die Tanzschuhe bereithalten sollten und zum anderen ein Song, der tiefsten inneren Schmerz musikalisch darstellt. Ich bin mega mäßig gespannt, wie die Resonanz sowohl auf der Scheibe, wie auch live bezüglich dieser Songs sein wird.

"Ardeo" heißt "Ich brenne"! Gibt es neben eurer Band noch andere Sachen, für die ihr auch brennt oder in Flammen aufgehen könntet?

Nik: Klar gibt es das, aber das Geschrei kommt für uns alle an erster Stelle. Anders wäre das auch gar nicht möglich.

Hand aufs Herz: Könnt ihr ganz vom Mittelalter-Metal und eurer Band leben, euer Leben finanziell unterhalten?

Stefan: Ich finde es immer wieder ulkig, wenn ich so etwas gefragt werde. Sätze wie "Arbeitest Du noch nebenher?" beantworte ich in der Regel mit "Ich mache Musik nebenher". Wir alle haben entweder Jobs oder sind noch am studieren. Das, was die Band abwirft reicht soweit, dass niemand mehr privat groß investieren muss. Wenn ich meinen Job irgendwann zu Gunsten der Musik aufgeben kann... lasse ich es Euch wissen.

Hotti: Nein. Dafür brauche ich nicht mal die Hand aufs Herz legen. Meinen Job habe ich nach einem Jahr wieder aufgenommen. Ich würde aber glaube ich als Vollzeitmusiker leicht abdrehen. Ich genieße die Bodenständigkeit meines Berufes und möchte ihn in keinem Fall missen. Ich glaube auch dass ein eigenes Leben etwas abseits, alles "normal" bleiben lässt. Es ist der Bodenkontakt, der zur Richtungskorrektur nun mal notwendig ist.

Was ist in der nächsten Zeit rund um Nachtgeschrei an Besonderheiten geplant?

Stefan: Ich sehe hier insgesamt drei Ziele: So viel live spielen wie möglich und damit die neue Platte promoten, unseren Fanclub (http://www.nachtgeschrei-fanclub.de) weiter aufbauen und fördern und... uns wieder einschließen um neue Songs zu schreiben.

Was würdet ihr euren Fans gerne an dieser Stelle einmal mit auf den Weg geben?

Hotti: Das wiederum kann man schön im Sinne der Scheibe beantworten: Ihr seid was uns am Himmel hält. Wenn ihr geht fallen wir. Daher danken wir euch für diesen Halt!

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