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18. Oktober 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

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SHADOW GALLERY
Gut Ding will Weile haben
Alexander Meyer
www.shadowgallery.com


Fast zwei Jahrzehnte hat es gedauert bis die Prog-Gtter SHADOW GALLERY ihren Weg in die alte Welt gefunden haben. Also hie es natrlich nichts wie ab ins niederlndische Baarlo, wo die Amis im Rahmen des Prog Power-Festivals ihr Eurodebt feierten (Konzertbericht an anderer Stelle). Wir, d.h. mein werter Kollege Torsten Butz und meine Wenigkeit, trafen uns mit Carl Cadden-James, seines Zeichens Bassist, Fltist und Backgroundsnger von SG, in dessen Hotelzimmer. Carl erwies sich als der freundlichste und mitteilungsfreudigste Interviewpartner, den man sich nur wnschen kann, sodass wir die vorgesehene Interviewzeit locker verdoppelten. Im Folgenden habe ich versucht seinen Redeschwall zu Protokoll zu bringen.

Shadow Gallery

Carl, warum hat es so lange gedauert, bis ihr endlich hier in Europa auftaucht?

Berechtigte Frage. Wir wollten eigentlich schon viel frher hier herkommen und beinahe htte es auch geklappt. Als wir "Carved In Stone" aufgenommen hatten, gab ich einem bekannten deutschen Metal-Magazin ein Interview. Als das Gesprch auf meine grten Einflsse kam, gab ich GAMMA RAY aus Deutschland an. Wie es der Zufall wollte, kannte mein Interviewpartner Kai Hansen sehr gut, welcher mich ein paar Wochen spter anrief und Shadow Gallery als Toursupport nach Europa einlud. Whrend wir uns darauf vorbereiteten, erffnete uns unser damaliger Schlagzeuger, dass er nicht mit nach Europa kommen wolle. Leider sind wir keine Band, die so einfach den Drummer austauschen kann, da wir eine solch eingespielte Einheit sind, dass wir innerhalb von ein paar Wochen unmglich ein neues Bandmitglied integrieren knnen. Dann bekam ich Kinder und als verantwortungsvoller Vater wollte ich nicht monatelang auf Tour, weg von der Familie sein. Und spter, als die Kinder lter waren, zeichnete sich bereits ab, dass Mike (Baker, verstorbener Originalsnger der Band) nicht in dem Zustand war auf eine Europatour zu gehen. Schlielich verstarb er dann leider (Carl schluckt) . Es war damals eine sehr schwere Entscheidung berhaupt mit der Band weiterzumachen. Als wir dann Brian (neuer SG-Snger) kennen lernten und die Chemie einfach stimmte, wurde eine Eurotour wieder zum Thema. Und dann ist da natrlich noch unser Drummer Joe, der mit seinem Spiel das Rckgrat von SG bildet und ein solches Unterfangen erst mglich macht. Joe und Brian gaben mit ihrem Enthusiasmus schlielich den Ausschlag fr unsere Entscheidung hierher zu kommen.

Schn, dass es endlich geklappt hat! Nun, da ihr hier seid, wie gefllt es euch in Europa? Sorry, wegen des Wetters (es regnet gerade)...

Holland ist fast genauso wie meine Heimat. Ich lebe seit meiner Kindheit auf dem Lande. Pennsylvania, wo ich herkomme, ist ein flacher Agrarstaat, genau wie hier. Die Architektur ist natrlich unterschiedlich. Unser Wetter ist derzeit etwas klter und die Bume verfrben sich bereits. Ihr beide seid doch Deutsche, richtig? Nun, mein Heimatort ist sehr deutsch. Bei uns wurde sogar Deutsch gesprochen. Mein Vater und meine Onkel sprachen Deutsch miteinander und Weihnachtslieder wurden auf Deutsch gesungen. Der Rest der USA nennt uns "the Pennsylvanian Dutch", aber unsere Sprache ist mehr Deutsch als Hollndisch. Ich verrate euch eine kleine Anekdote aus meiner Jugend. An der Schule hatte ich die Wahl Deutsch oder Spanisch zu lernen. Zu jener Zeit war ich ber beide Ohren in dieses bildhbsche Latinamdchen verliebt. Ihr knnt euch sicher vorstellen, was jetzt kommt: Trotz meiner deutschen Wurzeln entschied ich mich fr den Spanischunterricht, um ihr zu imponieren. Tja, wo die Liebe hinfllt...

Lass uns zur Musik kommen. Welche Songs werdet ihr heute Abend spielen? Gibt es eine Setliste oder spielt ihr spontan, was euch gerade in den Kopf kommt?

Ja, wir haben eine Setlist, die all unsere Alben umfasst, auch das erste.

Das ist eine Steilvorlage fr mich. Im Vorfeld habe ich mir all eure CDs noch mal intensiv angehrt und zu jeder ein paar Fragen vorbereitet. Du hast vorhin von der groen Bedeutung eures Schlagzeugers fr das Bandgefge gesprochen. Auf eurem Debtalbum gab es gar kein richtiges Schlagzeug!

Das ist wohl war. Wir hatten auch gar nicht geplant das Album so zu verffentlichen. Es war eigentlich nur ein Demo, das wir auf einem Achtspurgert aufgenommen hatten. Wir schickten unserem damaligen Label das Demo und sie bestanden darauf es in dieser Form heraus zu bringen. Wir waren natrlich entsetzt, aber hatten nicht den Schneid uns gegen die Plattenfirma aufzulehnen. Ich meine, wir hatten gerade unseren ersten Plattenvertrag unterschrieben und wir waren jung und unerfahren.Der einzige Song, der nicht auf dem Demo war, ist "The Queen Of City Of Ice", den wir dann nachtrglich noch auf die Platte packten und zwar in erster Linie deshalb, weil er so gut wie kein Schlagzeug enthlt. Die wenigen Drumparts in der Mitte des Tracks nahmen wir mit einem billigen Drumcomputer auf, den wir hassten wie die Pest.

Shadow Gallery

Dennoch ist die Scheibe aus heutiger Sicht ein Klassiker. Genau wie euer Outfit damals in den feschen Roben und mit reichlich Haarspray und Make-up...

Das war ebenfalls die Idee unserer Plattenfirma. Schau dir doch die anderen Bands aus dieser Zeit an, z.B. Queensryche auf "Rage for Order" oder Yngwie Malmsteen. Ich hatte furchtbare Angst, dass mein Vater mir wegen der Bilder in den Arsch treten wrde, da ich wie eine Schwuchtel aussah.

Auf eurem zweiten Album "Carved In Stone" trat Gary Wehrkamp zum ersten Mal auf den Plan. Wie war es damals fr dich, dass ein neues Bandmitglied gleich das Ruder bernahm und sich ganz stark in das Songwriting und die Produktion einbrachte?

Es war toll! Vorher war ich derjenige, der die Hauptverantwortung trug. Als Gary in die Band kam, wurde ich gerade Vater und hatte zu allem berfluss in meinem Job als Cheftoningenieur in einer groen Firma eine Menge um die Ohren. Ich war sehr dankbar, dass Gary sich so stark einbrachte. Er ist ein Genie. Ich habe unglaublichen Respekt fr ihn und alle anderen Bandmitglieder. Gerade in Zeiten beruflicher und familirer Dauerbelastung bin ich froh, dass sie die Entscheidungen bei Shadow Gallery treffen, fr die ich ganz einfach keine Zeit habe. Und Gary trifft immer die richtigen Entscheidungen.

Das nchste Album war "Tyranny", im Jahre 1998. Ihr hattet damals einige interessante Gastmusiker am Start, u.a James LaBrie von Dream Theater. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Unsere Plattenfirma arrangierte das damals. Das Konzept von "Tyranny" basierte auf verschiedenen Charakteren und einen davon verkrperte James. Er war und ist einer meiner absoluten Lieblingssnger. In jede Zeile, die er singt, legt er sein ganzes Herz. Ich kriege heute noch Gnsehaut, wenn ich daran denke, dass er auf einer unserer Platten gesungen hat. Dream Theater war schon immer eine meiner Lieblingsbands. Ich war sogar bei ihrer ersten Show mit James am Mikro, in Philadelphia, vor genau 11 zahlenden Zuschauern. Es war der helle Wahnsinn! Eines der grten Komplimente, die mir je gemacht wurden, war als James mir erzhlte, dass "Tyranny" im Dream Theater-Tourbus rauf und runter gespielt wurde. In diesem Moment wusste ich, dass wir eine Daseinsberechtigung haben.

Auf "Legacy" befindet sich mit "Cliffhanger 2" die Fortsetzung zum "Carved In Stone"-Opener. Wieso habt ihr gerade zu diesem Track einen zweiten Teil geschrieben?

Gute Frage. Der Begriff "Cliffhanger" kommt von diesen alten TV-Serien, bei denen der Held am Schluss in eine brenzlige Situation gert und im wahrsten Sinne des Wortes an einer Klippe hngt. Ich war der festen berzeugung, dass wir allein durch den Titel die Verpflichtung eingegangen waren, zu erzhlen, wie die Story weiter geht, hnlich wie das TV-Publikum wissen mchte, wie es mit dem Helden weiter geht. Also fhrten wir die Story fort und beendeten den zweiten Teil ebenfalls mit einem "Cliffhanger". Theoretisch knnte es also noch einen dritten Teil geben...

Das letzte Album mit Mike Baker war "Room V", bei dem das gleichnamige Konzept fortgesetzt wurde. Kannst du dieses Konzept kurz zusammenfassen.

Das kann ich gerne versuchen, aber das Konzept ist sehr komplex und ich habe sehr lange dafr recherchiert. Es basiert auf wissenschaftlichen Fakten. Die Hauptperson der Story ist eine weibliche Wissenschaftlerin, die sich mit Gentechnik beschftigt und an der Entwicklung von Biowaffen arbeitet. Diese Person ist fhig menschliche DNA selbst zu entwickeln. Bcher zu diesem Thema sind "The Hot Zone" und "The Demon In The Freezer" von Richard Preston. Bei ersterem geht es um einen Ebolaausbruch, hnlich wie in dem Film "Outbreak" mit Dustin Hoffman. Das zweite Buch handelt von Pocken- und Milzbrandviren... Carl ergeht sich nun in detaillierten Schilderungen der Thematik, die interessierte Gentechniker und Verschwrungstheoretiker gerne bei Wikipedia nachlesen knnen.

Das erinnert mich sehr an den Film "12 Monkeys"...

...mit Bruce Willis. Richtig. Es ist real, es ist da drauen. Das sind reale Technologien. Diese Frau aus "Room V" wusste genau, was sie da entwickelt hatte und sie wusste genau, wie sie ein Gegenmittel gegen diesen tdlichen DNA-Strang erschaffen konnte. Sie hatte eine seltene Blutgruppe, die sie dazu einsetzte. Sie wusste, dass sie gettet werden wrde und bertrug das Gegenmittel in Form eines eignen DNA-Strangs vorher auf ihre kleine Tochter, die dann entfhrt wurde. Die Entfhrer entnahmen dem Baby den DNA-Strang, codierten diesen und hinterlegten diese Informationen auf unseren Alben "Tyranny" und "Room V". "Tyranny" enthlt den Schlssel und "Room V" die verschlsselten Daten. Du brauchst also beide Alben, um den Code zu entschlsseln und die Welt zu retten!

Wow! Das nenne ich schwere Kost! Lass, uns zum Schluss zum neuen Album "Digital Ghosts" kommen. Wie war es fr euch zum ersten Mal ohne Mike am Mikro zu arbeiten und wie seid ihr an euren neuen Snger Brian gekommen, der meiner Ansicht nach wirklich hervorragend zu Shadow Gallery passt?

Ich hatte eine Heidenangst davor pltzlich ohne Mike ein Album aufnehmen zu mssen. Jedes Wort, das ich jemals geschrieben hatte, war fr Mikes Stimme gedacht. Als wir aber dann gemeinsam beschlossen hatten, ohne ihn weiter zu machen, ging alles pltzlich ganz schnell. Wir wollten niemanden, der nach Mike Baker klingt und uns selbst eine etwas neue Richtung geben. Als groer Queensryche-Fan schwebte mir jemand vor, der so hnlich klingt wie Geoff Tate. Ich machte einen solchen Snger in Florida ausfindig und spielte den anderen Jungs ein Tape von ihm vor. Gary meinte daraufhin er habe von einem solchen Snger in Pennsylvania gehrt, warum also in die Ferne schweifen?. Nachdem wir eine Zeit lang nach diesem Kerl gesucht hatten, fand Gary seinen Namen heraus: Brian Ashland. Ich sagte ihm, dass ich mit einem Brian Ashland zusammen arbeite, woraufhin er mir ein Bild schickte. Ich konnte meinen Augen nicht glauben, denn der Typ arbeitet nur ein paar Bros den Gang runter. Also rannte ich in sein Bro, zerrte ihn in einen leeren Konferenzraum und fragte: "Singst du wie Geoff Tat?!" (Alle Anwesenden lachen sich schlapp.) Und er antwortete nur ganz lapidar "Yeah". Ich war vllig aus dem Huschen, als ich ihn zum ersten Mal singen hrte. Als es darum ging die Vocals fr das neue Album aufzunehmen, war ich allerdings auch sehr nervs, weil ich bislang nur mit Mike gearbeitet hatte. Du musst wissen, wir brachten Monate damit zu Mikes Gesang aufzunehmen. Wir verstanden uns blind und er liebte es so lange an seinen Gesangslinien zu arbeiten, bis sie perfekt waren. Es war fast so als knne er mit seiner Stimme malen. Mit Brian war das vllig anders. Nach unserer ersten Aufnahmesession dachte ich nur: "Das ist Magie!". Als ich mir die Aufnahmen danach anhrte, wusste ich "Das ist es!". Fr mich passt Brian perfekt zu Shadow Gallery. Er klingt gar nicht wie Mike, gleichwohl fngt er die Vibes der alten Stcke live perfekt ein. Brian hat alles, was ein guter Snger braucht, er ist eine Mischung aus meinen beiden Lieblingssngern Ronnie James Dio und Geoff Tate.

Shadow Gallery

Wenn ich mir deinen Gesang auf bei "Strong" anhre, httest du den Posten des Leadsngers auch selbst bernehmen knnen.

Danke fr das Kompliment, aber ich sehe mich nicht wirklich als Leadsnger. Ich singe ganz ordentlich, aber meinem Gesang fehlt einfach dieses gewisse Etwas.

Nach diesem ausfhrlichen Blick in die Vergangenheit, lass uns am Schluss in die Zukunft schauen...

Ich habe keine Ahnung wie die Zukunft aussehen wird. In den letzten Monaten waren wir einfach zu intensiv damit beschftigt "Digital Ghosts" aufzunehmen und uns auf diese Tour vorzubereiten. Auerdem drehten wir ein Musikvideo zu "Gold Dust", bei dem ich Regie fhrte. Es ist ganz ordentlich geworden, da Will Smiths Vater uns netter Weise seine Aufnahmeausrstung zur Verfgung stellte. Auf diese Weise konnten wir ohne groes Budget ein optimales Ergebnis erzielen. MTV-Headbangers Ball hat es bereits ausgestrahlt, auf U-Tube ist leider nur der Radioedit zu sehen. Wie du also siehst, war bisher noch keine Gelegenheit ber die Zukunft nachzudenken. In der stressigsten Phase der Aufnahmen zu "Digital Ghosts" war ich so weit, dass ich einfach eine Auszeit brauchte und mitten im Winter, fr zwei Wochen, mit einem meiner Shne zum Zelten nach Maine fuhr. Ich nahm sogar einige meiner Bassparts mitten in der Wildnis von Maine auf. Einige Basslines, die du auf dem Album hrst, spielte ich quasi ein, als ich ber einen wunderschnen See blickte und mir gleichzeitig die Moskitos vom Leib hielt. Was die Zukunft betrifft, so bin ich sicher, dass von dem aktuellen Line-up noch einiges zu erwarten sein wird. Wir haben einfach tierisch viel Spa zusammen und was knnte schner sein als mit seinen besten Freunden Zeit zu verbringen und sich stndig tot zu lachen.

Die gute Stimmung war Carl wirklich anzumerken. Ich habe mir erlaubt einige seiner Antworten etwas zu krzen, da er sich des fteren in Anekdoten verstrickte, die mit der eigentlichen Frage nichts mehr zu tun hatten. Wer das ganze Interview im Original hren mchte, dem schicke ich gerne die Audiofile zu. Besonders seine Schilderungen, wie sehr er Bands wie QUEEN und QUEENSRYCHE (insbesondere "Rage For Order"!) verehrt und wie er zum ersten Mal mit deren Musik in Kontakt kam, sind nicht nur amsant, sondern sagen auch viel ber den Mensch Carl Cadden-James aus, der als gestandener Musiker und Mann immer noch in erster Linie ein riesiger Musikfan geblieben ist.

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