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16. Dezember 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

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ANATHEMA
Familienbande
Alexander Meyer
www.anathema.ws


Mit ihrem neuen Album "We're here because we're here" und einem kurzen Abstecher nach Deutschland melden ANATHEMA sich nach langer Abwesenheit eindrucksvoll in good ol'Germany zurck. Whrend ich im Backstagebereich der Batschkapp auf Snger/Gitarrist Vincent Cavanagh warte, klimpert Schlagzeuger John Douglas etwas gelangweilt auf einer Akustischen herum, whrend seine Schwester Lee fleiig in ein groes Skizzenbuch zeichnet - eine wahre Knstlerfamilie. Nachdem Vince ein Telefoninterview beendet hat, bitte er mich hflich ins Bro nebenan, lehnt sich weltmnnisch zurck und dann kann es losgehen.

Anathema

Vor ein paar Jahren sah ich ANATHEMA hier in der Batschkapp im Vorprogramm von PORCUPINE TREE. War dies der Anfang eurer Zusammenarbeit mit Steven Wilson, auf dessen KScope-Label ihr mittlerweile gelandet seid.

Es muss ungefhr zehn Jahre her sein, dass Steven mich anrief und vorschlug etwas miteinander zu machen. Also tauschten wir CDs aus und spielten ein paar Shows zusammen. Und nun hat er unser aktuelles Album abgemischt. Wir sind sehr stolz auf die Kooperation mit ihm.

Er ist mittlerweile sowas wie die Ikone progressiver Musik...

...und das zurecht! Er arbeitet mit Bands die Qualitt haben und hat selbst viel Qualitt, wenn man nur an Porcupine Tree und seine anderen Projekte denkt. Aber wir sind ja nicht hier, um ber Steven Wilson zu sprechen, oder?

Natrlich nicht. Wie wrdest du eure musikalische Entwicklung von "Serenades" bis heute beschreiben?

Die Entwicklung ist immens! Wir haben uns ber all die Jahre ganz natrlich weiterentwickelt, ohne auf irgendwelche Trends zu schielen. Wenn du immer auf das schaust, was die Plattenfirma oder das Publikum von dir erwarten, spielst du ein ganz anderes Spiel. Wir wollten ein solches Spiel nie mitspielen. Fr uns war die Musik schon immer ein Ventil, um unsere Gefhle zu artikulieren. Unser nchstes Album knnte wieder komplett anders klingen.

Also reflektiert eure Musik sozusagen eure Gemtslage.

Nicht nur das, vielmehr ist sie unsere Berufung. Es geht dabei weniger um flchtige Gedanken oder Gefhle, sondern um ein tiefes inneres Verlangen. Unsere Musik entsteht weniger in der linken Gehirnhlfte, die fr Logik und Vernunft zustndig ist, sondern in der rechten, also dem Unterbewusstsein. Wenn du auf diese Weise Musik erschaffst, wird sie zu einer wahrhaftigen Reflektion deines Innersten, einem Spiegel deiner Seele.

Das scheint sich im Konzept des neuen Albums widerzuspiegeln, das eine sehr intime Atmosphre versprht, die im Gegensatz zu "Alternative 4" oder "Judgement" sehr postiv ist.

Ich spreche nie ber die Umstnde, die zu denTexten gefhrt haben, da sie sehr persnlich sind. Das gilt fr all unsere Alben. Die Texte stammen in erster Linie von Danny, der ein sehr nachdenklicher Mensch ist. In seinen Texten verarbeitet er seine Erfahrungen und Gedanken, ohne allerdings den Zuhrer beeinflussen oder belehren zu wollen. In der Vergangenheit hat er einige schlimme Erfahrungen gemacht und das Songwriting ist eine Art Selbstheilungsprozess fr ihn. In den letzten fnf Jahren hat er sich enorm weiterentwickelt und ich bin gespannt, wie sich seine positive Entwicklung in Zukunft weiter auf Anathema auswirken wird.

Eine weitere berraschung also?

Anathema

Ja sicher. Ich hasse Stagnation und Schubladendenken. Ein gutes Beispiel dafr war das Konzertplakat gestern in Hamburg. Dort stand doch tatschlich der Begriff "Heavy Metal" hinter unserem Bandlogo. Also wirklich, das kotzt mich an! Ich habe nichts gegen Metal. Ich hrte als Kind Metal und wir spielten frher einmal Metal, aber das ist eine Ewigkeit her. Ich fhle mich durch dieses Label eingeschrnkt und ich hasse es eingeschrnkt zu werden. Was fllt diesen Leuten blo ein?

Das hngt wohl damit zusammen, dass ihr nunmal zu der Rige von Bands wie Katatonia und Opeth gehrt, die sich so enorm weiterentwickelt haben. Welchen Stempel wrdest du Anathema denn selbst aufdrcken?

Stimmt, aber die spielen auch immer noch Metal! Wir spielen Rock Musik. Natrlich stehen die Gitarren im Mittelpunkt, aber dazu kommen Piano, Keyboards, weiblicher Gesang etc.. Und in Zukunft werden wir sicher noch mehr Elektronik und neue Elemente in unsere Musik einflieen lassen. Wenn wir berhaupt einmal Metal gespielt haben, dann war das auf unserem ersten Album und das war auch eher Gothic Rock.

Was hlst du von dem Label "Progressiv"?

Bei mir weckt dieser Begriffe eher negative Assoziationen. Ich denke dabei an Bands wie Yes oder Rush, die ich mir normalerweise nicht anhre. Ich bin also nicht wirklich ein Experte auf diesem Gebiet. Ich kenne natrlich Porcupine Tree. Fr mich sind Bands, die neue Dinge ausloten, wie z.B. Radiohead, progressiv.

MUSE?

Ja, wobei sie die Leute in erster Linie zum Tanzen bringen wollen. Sie mischen verschiedene Stile wie Blues, Jazz und Klassik.

Du lebst zur Zeit in Paris, vermisst du nicht deine Heimatstadt Liverpool?

Ich lebte zweieinhalb Jahre in Paris. Das letzte halbe Jahr habe ich allerdings in New York verbracht. Liverpool ist und bleibt selbstverstndlich meine Heimat, aber heutzutage ist es mehr ein Ort, zu dem ich meine Freundin mitmehme, um ihr meine Wurzeln zu zeigen. Liverpool hat schon seine Vorzge. Die Clubszene ist unschlagbar, selbst im Vergleich zu Paris. Die Freundlichkeit und der Humor der Menschen dort ist unvergleichlich. Trotzdem bin ich weitergezogen und mittlerweile bin ich so viel herumgekommen, dass ich mir nicht vorstellen kann je wieder dorthin zurck zu kehren. Paris, New York und als nchstes werde ich wohl nach London ziehen.

Aufgrund der schnen Bilder, die dein Bruder Jamie fr das CD-Booklet gemacht hat, dachte ich, ihr wret ganz tief in Liverpool verwurzelt.

Das stimmt, auch wenn auer John niemand mehr von uns in Liverpool lebt. Wir schtzen natrlich unsere gemeinsamenWurzeln dort, denn wir waren alle schon Freunde bevor wir berhaupt begonnen hatten Musik miteinander zu machen. Lass mich dir eine kleine Geschichte erzhlen. Als es darum ging mich einzuschulen, berlegten meine Eltern mich gemeinsam mit Danny oder Jamie auf die selbe Schule zu schicken. Da sie uns Zwillinge nicht trennen wollten, entschieden sie sich fr Jamies Schule. Doch schlussendlich landete ich nicht in Jamies Klasse, sondern neben John Douglas, mit dem ich seitdem befreundet bin. Seither sind wir quasi unzertrennlich. Das Band zwischen der Cavanagh und der Douglas Familie wurde damals geknpft und hlt uns seit dieser Zeit ganz eng zusammen. Wir haben schon so manches gemeinsam durchgestanden und aus dieser engen Verbindung nhrt sich auch unsere Musik. Da gibt es diesen gemeinsamen Spirit, der so viel grer ist als jeder von uns alleine.

Anathema

Ein neuer Weggefhrte ist Ville Vallo von HIM. Wie kam es zu der Kooperation mit ihm bei dem Track "Angels Walk Among Us"?

Er ist schon seit lngerem ein Fan von Anathema und als er den Song im Internet hrte, war er so begeistert, dass er unbedingt etwas dazu beitragen wollte. Also schickten wir ihm den Track, um ein paar Harmonien dafr einzusingen. Er nahm in seinem Studio ein paar Vocaltracks auf und bat uns das auszusuchen, was am besten zu dem Song passt. Er ist ein hervorragender Snger, aber er wollte dem Song nicht seinen Stempel aufdrcken, sondern die ursprngliche Intimitt des Tracks erhalten sehen.

Als letztes kann ich mir eine Frage nach der laufenden Fuball-WM nicht verkneifen. Wie wird das englische Team abschneiden?

Leider hatte ich bisher kaum Gelegenheit etwas von der WM zu sehen. Morgen haben wir einen Day Off und haben vor uns zunchst das deutsche Spiel gegen Serbien und am Abend dann England gegen Algerien anzuschauen. Das englische Team ist derzeit leider nicht sehr gut, aber wenn wir erst mal ber die Gruppenphase hinaus sind, ist alles mglich, sofern wir unsere Abwehr irgendwie auf Vordermann bringen.

Nun, zu diesem Zeitpunkt hat der Gute ja nicht ahnen knnen, dass die Three Lions vom deutschen Team mit 4:1 im Achtelfinale abgefertigt werden wrden. Vincent hat sich wirklich eine Menge Zeit fr dieses Interview genommen und meine Fragen ausfhrlich und sehr lebendig beantwortet. Beim Abhren ist mir allerdings aufgefallen, wie oft er die Nase zwischendurch hochgezogen hat. Er muss ganz schn erkltet gewesen sein...

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