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22. Oktober 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

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BORKNAGAR
Mehr Bach als Metal
Patrick Steffenhagen
www.myspace.com/borknagar


Da Borknagar zu meinen persnlichen "All-Time-Favourites" gehren, wartete ich als Fan wie auch als Redakteur gespannt auf das neue Album. Glcklicherweise war Mastermind ystein G. Brun bereit, sich fr ein Interview zur Verfgung zu stellen und nahm sich freundlicherweise die Zeit, ein paar meiner Fragen zu beantworten.

Wieder einmal habt ihr ein innovatives und krftiges Stck Musik geschaffen, geschmiedet aus so vielen Einflssen und Ideen. Wenn eine Band sich dermaen zwischen den Welten bewegt, mu man sich fragen: Wie machen die das? Also dachte ich mir - warum nicht dich fragen?
Wie schreibt ihr eure Songs? Gibt es fr dich eine ganz bestimme Inspirationsquelle, eventuell einen gezielten Denkprozess oder ist das Songwriting fr dich vielleicht mehr eine geplante, klinische Operation bei der ein klarer Pfad vor dir liegt?

Borknagar

Ganz persnlich, Musik zu schreiben ist sehr stark eine Angelegenheit mentaler Prozesse. Fr mich mu gute Musik eine Art visuelle Prsenz haben. Es ist fast so, als knne ich mir Farben vorstellen, Formen und Tiefe, wenn ich mir Musik anhre, die mir mehr gibt als nur kurzfristige Unterhaltung.
Wenn ich Musik schreibe, ist es so ziemlich das gleiche; mit diesen geistigen Visualisierungen. Bevor ich tatschlich anfange, Songs fr ein Album zu schreiben, verbringe ich immer viel Zeit damit, eine Art mentale Karte zu schaffen. Klingt jetzt vielleicht nach einem Trip auf Acid, aber diese Karte hat zahlreiche Formen, Konturen, Farben und so weiter in meinem Geist, die dann als Richtlinie dienen, wenn ich beginne, Material zu schreiben und aufzunehmen. Sobald ich dieses geistige "Gestell" fertig gestellt habe, braucht es im Grunde nur noch das Hinsetzen und meinem Handwerk mit der Gitarre nachzugehen. Ich erwarte wirklich von niemandem, all das zu verstehen, aber fr mich funktioniert es auf jeden Fall. Man knnte also sagen, da Songs zu schreiben mehr eine mentale Angelegenheit ist, als einfach herum zu sitzen und Gitarre zu spielen.
Auerdem ist es wichtig zu erwhnen, da die anderen Jungs genauso stark in die Arrangements, Studiovorbereitungen und so weiter involviert sind. Obwohl ich also die Grundideen erstelle, geht es am Ende um Teamwork, wenn es dann darum geht, das Album schlielich umzusetzen.
Was Inspirationen angeht - einfach alles und nichts. Ich meine, das Leben allgemein ist meine Inspiration und ich kann ganz ehrlich nichts Bestimmes herauspicken, das mich mehr inspiriert als anderes. Die Musik ist ein fester Bestandteil meines Lebens, die Art wie ich lebe, nicht nur eine Karriere oder so etwas.

Laut eurem neuen Label Indie Recordings habt ihr einen Vertrag ber drei Alben abgeschlossen, der mit "Universal" begann. Was knnen wir von den kommenden zwei Platten erwarten? Planst du berhaupt so weit voraus oder hlst du die Zukunft fr etwas, das man entdecken anstatt planen sollte?

Ich arbeite jetzt schon am nchsten Album und habe gerade mit Vorab-Arbeiten zum Anhren fr die anderen Jungs in der Band angefangen. Ich will jetzt noch nicht wirklich zu viel ber das neue Album verraten, aber in einigen Aspekten wird es wahrscheinlich eines unserer dunkelsten Alben. Ich bin selbst schon ziemlich aufgeregt und denke, es wird ein wrdiger Nachfolger zu "Universal" werden.
Wie das Album danach aussehen wird, hngt ganz davon ab, was bei unserer nchsten Platte herauskommt. Ich habe zar schon einige Vorstellungen, der Prozess ist gerade in seiner mentalen Phase, es macht aber berhaupt keinen Sinn, den jetzt fr die ffentlichkeit zusammen zu fassen ... haha!
Weit du, beim Schreiben von Musik geht auerdem um absolute Unabhngigkeit im Namen der Kreativitt. Ich will mich oder die Band nicht einschrnken, indem ich zu viele Erwartungen bei den Fans wecke, was sie zu erwarten haben. Aber ich kann garantieren, da die nchsten drei bis vier Alben geistige Werke darstellen werden, keine akkustischen.

Wo wir gerade von Plnen sprechen - euer vorheriges Album "Origins" bestand ausschlielich aus Instrumentalnummern. Obwohl es gut aufgenommen wurde, hat es doch viele Hrer berrascht, sogar irritiert. Wie kam es zu "Origins", wie kamt ihr dazu es aufzunehmen? Und - da ich selbst es sehr mochte - knnen wir auf einen Nachfolger hoffen?

Im Moment haben wir keinerlei Plne, ein weiteres Akkustikalbum aufzunehmen, dieses Kapitel ist vorerst abgeschlossen. Die Idee zu "Origins" war etwas, mit dem wir schon seit vielen Jahren gespielt hatten, da ich mir schon immer gewscht habe, mal ein komplettes Instrumentalalbum aufzunehmen. Es war also mehr eine Sache der richtigen Zeit, um es endlich zu machen.
Nachdem wir "Epic" verffentlicht hatten, ein in vieler Hinsicht komplexes und pompses Album, waren wir der Meinung, es sei Zeit, mit diesem Album ("Origins") alles wieder mehr zurck auf die Erde zu bringen.
Irgendwie hat "Epic" ein sehr progressives und erweitertes Ventil reprsentiert, in Sachen Musik und Texte - mit "Origins" war die Idee, etwas sehr schlicht und organisch klingendes zu machen. Fast als Gegengewicht zu "Epic". Auf irgendeine Art was es sehr therapeutisch fr die Mentalitt der Band, stellte aber auch eine Art Heimkehr nach einer langen, musikalischen Reise dar. Denk' daran, da die allerersten Songs, die ich fr Borknagar geschrieben habe, die instrumentalen Stcke auf dem Debt waren; man knnte also fast sagen, wir haben als Instrumentalband angefangen.
Auerdem war es als Musiker eine enorme Herausforderung, diese Art Musik zu machen - da das Aufnehmen rein instrumentaler Musik dir wirklich eine ganze Menge abverlangt. Wenn du regulre Metal-Alben aufnimmst, kannst du dich immer hinter einer Wand aus Verzerrungen und Blastbeats verstecken, aber bei Akkustikstcken kannst du dich nirgendwo verstecken - das ist eine sehr ehrliche und therische Ausdrucksart.

Da ich es eben von "hoffen" hatte - heutzutage nehmen fast alle Bands auch Live-Auftritte auf und verffentlichen dann entsprechende Alben. Ich kann mir vorstellen, da viele Fans, die eure groartigen Konzerte nie erleben konnten, sich auch ein Borknagar Live-Album wnschen. Gibt es dafr vielleicht Plne?

Dazu mu ich leider "Nein" sagen. Sollten uns mal wirklich gute Aufnahmen in die Hnde fallen, berlegen wir uns das vielleicht noch einmal, aber ich stehe dem ganzen ein wenig ablehnend gegenber. Hauptschlich weil ich selbst Live-Alben generell nicht sonderlich mag und zweitens weil ich mchte, da die originalen Studioversionen unserer Songs die "offiziellen Dokumente" unseres musikalischen Erbes bleiben. Es gibt also keine Plne fr so etwas, aber die Dinge knnen sich ndern.

Borknagar waren unter den ersten, die die Grenzen des Black Metal erforscht und berschritten haben, etwas, das heutzutage alltglich ist. Siehst du dich selbst manchmal in dieser "Elternrolle" (wenn berhaupt) und wie wrdest du euren Beitrag zur Evolution des Black Metal beschreiben?

Hmm... ich denke, ich bin nicht derjenige, der diese Dinge beurteilen sollte. Zurckblickend wrde ich aber behaupten, da wir ein Teil der Bewegung waren, die begonnen hat, die Grenzen in Sachen Entwicklung zu durchbrechen. Damals, Mitte der Neunziger, gab es wenige Bands, die klaren Gesang verwendeten und die meisten Bands machten auf sehr konservative Art Musik. Heutzutage sieht es so aus, als wrden die meisten Bands wenigstens teilweise klaren Gesang verwenden, viele Bands beginnen, progressive Elemente aufzugreifen und so weiter.
Das ist irgendwie cool, da wir das bereits damals in den frheren Tagen gemacht haben. Ich meine, unser Debt basierte stark auf Arrangenments um klaren Gesang, auf "The Archaic Course" haben wir oft eine Hammond-Orgel verwendet und mit "Quintessence" begannen wir richtig, progressive Elemente einzubauen. Damals hat das niemand gemacht, aber es ist witzig zu sehen, wie alltglich das heute geworden ist. Ich glaube, da wir einen gewissen Einfluss auf die Szene gehabt haben, aber ob das auch so ist, wei ich nicht.

Ein bestimmer Einfluss auf zahllose Bands zu sein ist eine Sache. Werdet ihr - alle erfahrener Musiker und (ehemalige) Mitglied "klassischer" Bands - immer noch von anderen Bands inspiriert? Ist Borknagars Musik komplett eure oder findest du - bezeihungsweise suchst du - Elemente auerhalb der Band, um diese in euer Schaffen einzubauen?

Borknagar

Ja, ich nehme an wir werden alle von anderen inspiriert, genau wie jeder andere auch. Um als Komponist berleben zu knnen, war ich bislang stets offen und unvoreingenommen gegenber allen Arten von Musik. Von Zeit zu Zeit hre ich mir immer noch Metal an, aber nicht mehr so oft wie frher. Whrend die Jahre vorberzogen habe ich gelernt, eine breite Palette an Musikstilen zu schtzen.
Was Inspiration angeht mu ich gestehen, da ich diese im allgemeinen hauptschlich auerhalb von Metal finde. Einige Metal-Verffentlichungen heutzutage gehen mir immer noch unter die Haut (das neue Katatonia-Album ist fantastisch!), aber am Ende des Tages werde ich, sozusagen, von Bach mehr inspiriert als von Metal.
Ich suche nicht aktiv nach Inspiration, aber ich nehme an, irgendetwas wirkt unterbewut immer ein. Aber nochmal, irgendwelche bestimmen Bands oder Alben kann ich keine nennen wenn es um Inspiration geht.

Viele Bands auf der ganze Welt wenden sich heutzutage wieder dem, wie sie glauben, "reinen" Black Metal zu, was Songwriting und Produktion angeht. Wie siehst du die immer grer werdende, machmal sehr aggressive Kluft zwischen den Stilen und den Auffassungen von "rein" oder "true"?

Aus meiner Sicht stellen sich all diese "back to black" Bands als ziemlich langweilig heraus. Es gibt keine Band, soweit ich sie kenne, die auch nur ansatzweise herankommt an Alben wie "A Blaze In The Northern Sky" (Darkthrone, Anmerkung des Redakteurs) oder, was das angeht, die restlichen dazu gehrenden Verffentlichungen von damals, Anfang der Neunziger. Ich mu aber zugegen, da mir das neue Burzum-Album ("Belus", Anmerkung des Redakteurs) ein gutes Gefhl aus den guten alten Tagen beschert, aber es ist keineswegs beeindruckend.
Ich habe kein Problem mit "reinen" Black Metal-Bands, die primitiven und rohen Ausdruck schtzen, das ist grundstzlich cool. Ich behaupte aber, da der Begriff "true" nur ein Haufen Unfug ist, ein stumpfsinniges berbleibsel aus der Vergangenheit, das im Grunde nichts bedeutet.

Basierend auf meiner vorigen Frage - hast du jemals berlegt, Borknagars progressive und komplexe Werke hinter dir zu lassen und selbst wieder zum "reinen" Black Metal zurckzukehren?

Nein! Wir knnten uns auf mancher Ebene weiter entwickeln und auf anderer zurck, aber am Ende geht es darum, die richtige Balance zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu finden. Wir werden berhaupt nichts nur der Sache wegen zurcklassen, aber wir knnten uns auf andere Art auf bestimmte Elemente konzentrieren und diese hervorheben. Das ist es, was wir mit "Universal" machen wollten - einen musikalischen Bezug zu unserer Vergangenheit zu haben, aber dennoch fhig zu sein, nach vorne zu gehen. Wie das der Hrer aufnehmen wird, ist allerdings eine ganz andere Frage, liegt wohl alles im Ohr des Betrachters ... haha!

Vielen Dank fr deine Zeit und auch fr die Zukunft alles Gute!

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