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19. Mai 2013 - Uhr
 
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ENSLAVED
Frost ist ein alter Hut!
Andreas Goericke
www.enslaved.no


Im Vorfeld des furiosen Konzerts von ENSLAVED im Steinbruch Theater bei Darmstadt, welches an anderer Stelle ebenfalls besprochen ist, hatte ich kurze Gelegenheit, ein paar Takte in gemütlicher Atmosphäre bei einem gepflegten Weizen mit Grutle zu plaudern.

Wie war die Tour für euch bisher? Ist alles gut gelaufen für euch?

Wir haben 40 Konzerte in 45 Tagen gespielt. Das war ziemlich hart bisher. Allerdings ist das auch die längste Tour, die wir bisher am Stück gespielt haben. Manche Tage liefen natürlich nicht so gut, wie sie hätten laufen können oder sollen, auch war ich leider zuletzt ein wenig erkältet und bin es auch jetzt noch, aber alles in allem sind wir sehr zufrieden, wie es sich bisher darstellt.

Wie hältst Du das mit deiner Stimme aus? Vor allem, da du ja in zwei verschiedenen Stilen Nacht für Nacht zugange sein musst, musst du dich doch schwer schonen?

Naja, ich habe mir in den letzten Jahren ein paar Tricks von anderen abgeschaut. Zuerst mache ich ein ordentliches Warm-Up eine Stunde vor der Show und dann gibt es da eben Dinge, die man umgehen muss, beispielsweise zuviel Alkohol, besonders Schnaps, und eben nicht herumgrölen, wenn man später noch mit den Fans und Jungs feiern geht!

Ihr wart ja nun auch bereits in Amerika, was ja ein großer und wichtiger Schritt für eine Black-Metal Band ist.

Ohja, wir waren bereits in 1995 und 2001 für ein paar Dates drüben und 2007 dann die größere Tour mit DARK FUNERAL.

Wie ist es denn da drüben für eine progressive Schwarzmetall - Kapelle wie ENSLAVED? War es erfolgreich für euch?

Es gibt schon große Unterschiede zwischen Amerika und den Ländern im Europäischen Bereich! Wir waren dort viel unterwegs, besonders gut lief es in Canada und New York, auch Texas und Kalifornien. Allerdings sind die Clubs meist sehr schrottig, die PA-Systeme sind übel und die Gigs stehen dadurch vorerst mal unter einem schlechten Stern. Allerdings haben die Amis eine gute Aufnahmekapazität für progressive Bands, schließlich läuft bei denen beispielsweise RUSH einfach im Radio, so dass wir dort im Gegensatz zu Europa stets recht gut ankamen.

Wie läuft denn da der finanzielle Aspekt? Zahlt sich eine Amerika-Tour dann letztendlich aus, oder legt ihr da nur drauf?

Wir fliegen für solche Touren nur mit leichtem Gepäck, bringen ja nur die Klampfen und Becken mit und der Rest wird von Backlinern gestellt. Also rechnet es sich meist ganz gut für uns, auch solche Wege in Angriff zu nehmen.

Ihr habt tatsächlich mit euren beiden letzten Platten "Isa" und "Ruun" norwegische Grammys abgeräumt! Was ist das für ein Gefühl?

Natürlich ein sehr gutes! Dazu muss aber gesagt sein, dass in Norwegen ein viel breiteres Spektrum an Musik akzeptiert wird, als beispielsweise in Deutschland. Dort findet man allein für Hard-Rock schon viel offenere Ohren. Aber es ist natürlich ein wahnsinnig gutes Gefühl, klar!

Enslaved

Setzt euch diese Sache nicht enorm unter Druck? Ist es nicht so, dass man dann weiterhin solche Platten nachlegen möchte?

Nein. Natürlich sind wir stolz, dies erreicht zu haben. Aber wir würden uns nur massiv blockieren, wenn wir beim Songwriting versuchen würden, erneut etwas Populäres zu schaffen. Es ist eher ein Gefühl wie: hat man mal erlebt, schön war’s! Wir setzen uns also nur unter Druck, um weiterhin gute Musik zu schreiben.

Wie schreibt ihr denn generell an eurer Musik? Ist das ein gemeinschaftlicher Prozess, oder geben alle Stück für Stück ihren Input dazu?

Hauptsächlich ist das Ivar. Er gibt uns die Sachen auf CD und wir arbeiten dann gemeinsam die nächsten sechs bis sieben Monate an dem Material. Natürlich ist das dann auch die Stelle, an der die anderen Musiker ihren Input liefern. Aber er ist der Initiator. Allerdings lässt er auch jedem sein Fachgebiet, mischt sich also nicht in die Gesänge oder so ein.

Also schreibt ihr tatsächlich ein Album in einem halben Jahr? Wie läuft es mit den Texten? Diese sind ja meist sehr von Mythologie und Ähnlichem durchzogen?

Wir beschäftigen uns alle sehr mit diesen Themen. Es ist ein Teil deiner selbst, deiner Natur und deines Daseins. Wir alle sehen das so und somit sind auch die Texte eher ein gemeinschaftlicher Prozess, bis sie sich stimmig in unsere Musik einfügen. Die Mythologie ist da natürlich nur eine Funktion. Du musst reflektieren, was dir dort geboten wird und dies in deine Erkenntniswelt und Ansichten einfließen lassen.

Handelt es sich dabei also um eine eher persönliche Ansicht der Dinge?

Ja, absolut. Wir sehen und interpretieren all das unter sehr persönlichen Aspekten.

Wie sieht es mit der Zeit aus? Reicht ENSLAVED um davon leben zu können, oder müsst ihr euch in der Zwischenzeit um weltliche Jobs bemühen?

Na ja, es ist ziemlich schwer, allein von der Musik zu leben. Es ist klar, dass das mit dem deutschen Begriff von Vollzeitarbeit nicht zusammenpasst. In Norwegen gibt es gute Möglichkeiten für Teilzeitjobs, die sehr flexibel sind. So passt das dann einigermaßen.

Kommen wir zu "Vertebrae". Ist dies, was ENSLAVED immer ausdrücken wollten, ich muss dazu sagen, dass ich Fan der ersten Stunde bin und allen Platten etwas abgewinnen konnte. Aber wie kommt man nun von "Frost" bis dahin? Ist das, was immer beabsichtigt war, oder habt ihr euch ähnlich wie die Hörerschaft einfach nur weiterentwickelt?

Wenn wir jemals aufgehört hätten, uns zu entwickeln, wäre das das Ende der Band gewesen! Du musst dich entfernen, neue Ufer erschließen um die Musik für dich und andere lebendig zu halten! Wir haben keine Grenzen und versuchen, dies auf all unseren Platten - auch für uns selbst- zu zeigen.

Auch "Frost" war seinerzeit grenzüberschreitend. Ist dies der Hauptaspekt, den ihr euch zugrunde gelegt habt? Grenzen zu sprengen? Wenn auch damals in einer sehr extremen Form?

Ich denke, "Frost" war in diesem Augenblick 1994 genau dasselbe, wie die Musik, die wir heute machen. Nur anders. Es war letztendlich ebenso eine Übertretung von Grenzen, wie sie es heute ist. Nur das wir damals mit 17 und 19 Jahren eben auf diese Weise ausdrücken wollten, was wir für interessante Musik halten. Das ist ebenso beim Sound. "Frost" war bewusst sehr kalt gehalten, wohingegen die neueren Platten eher einen warmen, fast weichen, Sound innehaben. Es ist eben die Entwicklung, die du als Hörer und wir als Musiker durchleben.

Ist das heute auch die Musik, die du hörst? Hört man den Wandel deines Geschmacks auch in ENSLAVED?

Enslaved

Ja, dass stimmt schon. Im Moment höre ich viel PINK FLOYD, GENESIS und andere progressive Sachen, so dass man durchaus sagen kann, dass sich die Gewohnheiten einfach verändern und dann die Musik mitnehmen.

Wie aber habt ihr "Vertebrae" dann aufgenommen? Ist das mehr eine Show zwischen dir und Ivar, oder setzt ihr euch auseinander, wie man es von einer klassischen Band erwarten würde?

Wir haben uns wie gesagt sehr gut vorbereitet und trafen uns daher im Studio kaum noch. Jeder hat seine Passagen eingespielt und nach und nach kam die Platte zusammen, wie es auch bei den letzten Veröffentlichungen gewesen ist.

Wie sind denn die Stilwechsel zustande gekommen? War das eine bewusste Entscheidung, dorthin zu gelangen, oder war das eher Zufall?

Wir haben uns die Frage mit "Monumension" das erste Mal gestellt. Wir hatten einfach zu viele Ideen und Passagen die aus uns raus wollten, so dass wir am Ende auch alle Konventionen über Bord warfen und uns bewusst waren, dass nun etwas seltsames passieren wird. Als wären wir freigelassen worden. Irgendwie hat sich das auch ein wenig entwickelt. Wir haben seit einer Weile das stabilste Line-Up seit bestehen der Band und die Reife, die wir mittlerweile dort einbringen, hört man einfach und lässt nicht zu, ein zweites "Frost" zu produzieren, da wir diesen aggressiven Teil längst hinter uns gelassen haben.

Was kann man also vom nächsten ENSLAVED Album erwarten? Könnte es nach den ruhigeren Alben nun auch wieder ein furchtbar aggressives geben, oder worauf dürfen sich die Hörer einstellen?

Erwartet das Unerwartete!

Noch kurz etwas eher Privates: Wie alt zum Geier bist du eigentlich?

Ich bin 35, also war ich 17 als wir "Frost" geschrieben haben.

Das ist aber mal eine Ansage! Grutle, ich bedanke mich für das Gespräch und viel Vergnügen auf der Bühne heute Abend!

Ohjeh, da müssen sich wohl alle Musikschaffenden unter uns massiv auf den Hosenboden setzen. Ich besitze "Frost" selbst seit sie herauskam, ich also 15 war und gerade so aufrecht an einem Schlagzeug sitzen konnte. Schwer beeindruckt stellte ich mich also vor die Bühne und ließ mir noch weitere Lektionen zum Thema Musikbusiness verpassen, als die Männer ihr sagenhaftes Set herunter rissen. Wenn das mal keine Ausnahmekapelle ist!

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