
REKORDER aus Frankfurt haben ein Album mit dem Titel "Revolution"
veröffentlicht. Wer hier an politisch motivierte, harte Musik alter
Helden wie RAGE AGAINST THE MACHINE, SEPULTURA oder auch DEAD KENNEDYS
mit deutschen Texten denkt, liegt -wie ich vor dem ersten Hören des
Albums- gründlich daneben. Okay, REKORDER machen tatsächlich
deutschsprachige Musik. Aber Radikalität und Aufruf zum Umsturz werden
hier ganz anders artikuliert als man es z.B. von den oben aufgezählten
Leuten gewohnt ist.
Grund genug, Sänger und Texter Claudio zu fragen, was REKORDER möchten,
wie sie es sagen wollen und wie es nach diesem sehr beeindruckenden und
sehr reifen Debüt weitergeht.
Hi Claudio!
Hallo Christian!
Euer Song "Revolution", der Titeltrack eures Debütalbums entstand nach
den Demos gegen die von Ministerpräsident Koch eingeführten
Studiengebühren in Frankfurt. Was hat euch noch inspiriert?
Die Studentendemos waren der Auslöser der uns dazu bewog über
Revolution zu schreiben. Es war auch die Vermutung, dass diese
Demonstrationen bei den zuständigen zu wenig Reaktionen hervorgerufen
haben. Ein Politiker sagte sogar im Fernsehen dass dieses Thema in zwei
Monaten vorbei sei. Er sagte man würde es einfach aussitzen. Man hätte
ja Verständnis dafür, dass es die Studenten momentan ärgert, das würde
aber vorbei gehen. Wenn man so etwas hört bekommt man ein Gefühl von
Ohnmacht und das macht wütend. Auf "Revolution" geht es um dieses
Gefühl und den Umgang damit.
Das Album beschreibt die Auflösung eines Konfliktes mit der
Gesellschaft im Kompromiss. Wie kam es zu der Idee?
Meiner Meinung nach spielt persönliche Kompromissbereitschaft eine
entscheidende Rolle. Ohne sie ist keine konstruktive Diskussion, kein
Dialog möglich. Jedoch sollte hierbei jeder Gehör finden und nicht nur
wirtschaftlich relevante Gruppen. Wenn die Kompromissbereitschaft nicht
mehr vorhanden ist, weil man das Gefühl hat überhört zu werden, wird
man auch weniger Verständnis für andere Gruppen haben die sich auch
Gehör verschaffen wollen. Das würde zu einem Egoismus führen der keinem
Nutzen bringt. Das möchten wir zeigen.
Welche sind Eure musikalischen Einflüsse? Außer Rio Reiser, meine ich?
Rio Reiser wird natürlich immer genannt wenn man deutschsprachige Musik
macht.
Wir sind allerdings eher Kinder der Grungezeit. Wir haben uns in
unserer Jugend eher zu PEARL JAM und SOUNDGARDEN besoffen als zu Rio
Reiser. Da wir sehr unterschiedliche Musik hören ist bei uns kein
spezieller Einfluss auszumachen. Wir haben natürlich immer noch unsere
Helden aus alten Tagen wie FOO FIGHTERS und QUEENS OF THE STONE AGE.
Bei aktueller Musik sind wir jedoch oft anderer Meinung.
Gute und nervige deutschsprachige Bands werden aufgrund der gleichen
Sprache gern in einen Topf geworfen. Wie geht ihr mit Vergleichen wie
z.B. BLUMFELD, JULI oder REVOLVERHELD um?
Mit diesen Bands wurden wir bisher noch nicht verglichen. Oftmals sind
es eher SELIG und NATIONALGALERIE, damit können wir leben. Wenn es den
Leuten zum Beschreiben der Musik hilft und sich einer deshalb unsere
Platte zulegt, wird er schon selbst merken dass die Vergleiche hinken.
In Deutschland ist es auch irgendwie ein Muss alles in einen Topf zu
werfen, in Schubladen zu packen und mit einem Etikett zu versehen.
Dabei haben wir so viel gute individuelle Künstler, die hierbei völlig
untergehen.
Ihr beschreibt grundsätzliche Konflikte der Menschen. Die Kollision
Individuum vs. Gesellschaft; Werte, das Altern und auch das Thema
Entscheidungsfindung allgemein. Wie kommt Ihr als vergleichsweise junge
Leute auf Fragen, die viele sich gar nicht, andere erst im hohen Alter
stellen?
Vielen Dank für das Kompliment! Ich denke dass wir in einem Alter sind
wo man anfängt seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Das ist
vielleicht so wie bei "Eins, Zwei Oder Drei" (Kindersendung im ZDF
irgendwann in den 80er Jahren). Man hat das Gefühl dass der Augenblick
zählt und wenn man sich falsch entscheidet muss man für den Rest des
Lebens mit der Entscheidung umgehen. Das ist jetzt vielleicht
drastischer ausgedrückt als ich es meine, jedoch ist das Gefühl da.
Gerade als leidenschaftlicher Musiker der mit seinem Hobby nicht sein
täglich Brot verdient, stellst du dir die Frage wie lange du die Musik
noch in diesem Maße ausleben kannst.
Als Lösungsvorschläge höre ich Ehrlichkeit und Kompromissbereitschaft
durch. Habe ich das richtig verstanden? Falls nicht, wie lauten Eure
Vorschläge für den Umgang mit diesen alle betreffenden Fragen?
Ehrlichkeit und Kompromissbereitschaft sind schon erste Schritte in die
richtige Richtung. Jedoch muss jeder die Lösung, sollte es eine geben,
für sich selbst finden. Hierbei gibt es kein Patentrezept. Ich finde
das auch gut so, dass fördert den individuellen Fortschritt.
Ein zentrales Moment bei euch ist der Zorn, die ohnmächtige Wut. Das
bemerkt jedoch nur der Hörer, der sich mit euren Texten beschäftigt,
denn aggressiv klingt Ihr nicht. Im Gegensatz zu anderen Bands, die
sich in der Vergangenheit mit ähnlichen Themen beschäftigt haben. Warum
habt Ihr diese Art der Musik gewählt und keine härteren Töne
angeschlagen?
Wir wollten unter keinen Umständen eine Platte machen die den Finger
erhebt.
Es ist die Geschichte eines einzelnen, der seiner Wut Luft macht und
seinen eigenen Weg sucht. Mit einer härteren Gangart wäre hierbei
vielleicht eine Punkplatte entstanden. Das wären aber nicht wir. Wir
hatten nicht vor aufgrund des Themas unseren Stil zu ändern. Zu dem was
wir vorher gemacht haben sind viele Songs schon recht aggressiv
ausgefallen.
Der Albumtitel "Revolution" und das versöhnliche "Im Nordend" stellen
einen Kontrast dar. Wie sind Revolution und Kompromiss vereinbar?
"Revolution" bildet den Anfang. Die Wut und die Erklärung dazu folgen
im Laufe der Platte. "Im Nordend" zeigt die innere Zufriedenheit auf,
die meiner Meinung nach nötig ist, um Kompromisse einzugehen. Wenn ich
mit mir selbst nicht im Reinen bin, wie soll ich dann auf andere
zugehen und etwas bewegen?
Wer soll mit "Revolution" angesprochen werden, wie sehen die
gewünschten Ziele aus?
"Revolution" soll in erster Distanz als ein Stück Musik angesehen
werden.
Hierbei wird die Geschichte eines einzelnen erzählt der seinen eigenen
Platz sucht.
Wenn sich durch die Platte jemand motiviert fühlt sich für etwas stark
zu machen, wäre dies natürlich etwas Gutes- so lange es gewaltfrei
bleibt.
Ich kann mir auch nach längerem Überlegen nicht vorstellen wie euer
Nachfolger für "Revolution" aussehen soll. Wie sehen Eure weiteren
Pläne aus, musikalischer wie auch inhaltlicher Art?
Darüber haben wir uns noch keine Gedanken gemacht. Es macht wohl wenig
Sinn sich einfach ein Thema auszusuchen über das man dann schreibt. Wir
werden uns einfach inspirieren lassen und schauen was auf uns zu kommt.
Ich bleibe gespannt!
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