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20. Oktober 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

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CREMATORY
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Thorsten Dietrich
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Viele Nörgler haben vergessen, wer in deutschen Breitengraden als erste für die Akzeptanz von Keyboards im Gothic/Death Metal sorgten, und wer schon in deutscher Sprache gesungen hat, als manch eine der aktuellen Metalbands noch in der Grundschule verweilten. Die Rede ist natürlich von Crematory, unserem rheinhessischen Quintett. Nach dem selbstbetitelten, deutschen Album von 1996 haben die Gothic Metaller zwar immer mal wieder einen Song mit deutschem Text auf ihren Veröffentlichungen gehabt, nun, zwei Jahre nach dem letzten Output und der Rückkehr zu ihrem alten Label Massacre Records, haben sich die Rheinhessen dazu entschieden wieder einen Longplayer komplett in ihrer Muttersprache zu verfassen.

Das Ergebnis nennt sich "Klagebilder" und lässt schon vom Cover einen optischen Bezug zum deutschsprachigen Vorgänger "Crematory" herstellen. Bei der Listeningsession in einem zünftigen Gasthaus schnappe ich mir die beiden Frontmänner Felix und Matze für ein Gespräch unter Männern, bei dem sich die beiden Kerle ungekünstelt und offen geben - keine Allüren oder Imagegehabe.

Die neue Platte "Klagebilder" erscheint wieder bei Massacre Records, eurem alten Label. Disbelief haben vor kurzem auch wieder gewechselt. Das Live- Album dagegen erschien über euer eigenes Label. Existiert das eigentlich noch?


Felix: Ja, das gibt es noch. Aber für uns war es keine Option diesen Silberling über unser Label heraus zu bringen. Dort haben wir eigentlich nur unsere Re- Releases veröffentlicht, die dann über Nuclear Blast vertrieben worden sind. Und Massacre Records hatten großes Interesse an unserer Neuveröffentlichung.
Matze: Sie haben uns ein gutes Angebot gemacht. Wir kennen die Leute schon lange, da wir schon mal mit ihnen zusammen gearbeitet haben und die Firma bei uns in der Nähe ist.

Nach "Revolution" kam die Live-Platte und nun mit "Klagebilder" ein zweites deutsches Werk, zehn Jahre nach dem ersten. War das Absicht?

Felix: Das letzte Album bei Massacre Records ist zehn Jahre her und war das deutsche Album. Da dachten wir, daß es passend sei, als ersten neuen Longplayer bei Massacre wieder eine deutschsprachige Platte zu machen. Aber eigentlich war das eine spontane Geburt. Ich hatte die letzten zwei Jahre Probleme und habe nun die Gelegenheit genutzt, um Dinge, die sich angestaut haben, in den Texten zu verarbeiten, aber eben in meiner Muttersprache. Wir haben es einfach ganz mit deutschen Texten probiert, da wir bisher sowieso auf jeder Platte einen deutschen Song hatten und die live eigentlich auch immer gut angekommen sind. Außerdem hatten wir viel Spaß daran. Deshalb dachten wir, ein ganzes Werk in dieser Form wäre gut.

Anderen Bands könnte ich nun vorwerfen sie würden auf den momentanen Trend deutsch zu singen aufspringen. Ihr macht das ja aber schon ewig.

Matze: Wenn da einer ankommt, dann sagen wir dem aber Bescheid!
Felix: Das ist uns auch egal. Wir haben uns in den letzten 15 Jahren von der Presse und anderen Leuten so viel anhören müssen! Ich für meinen Teil stehe da nach den ganzen Jahren völlig relaxt drüber. Derjenige, der keinen Bock hat, soll es halt lassen."

Presse ist ein gutes Stichwort: Anfang bis Mitte der 90er Jahre galtet ihr als die Vorreiter der sogenannte Gothic-Death-Metal-Bands, und habt als eine der ersten Combos hier mit Keyboards experimentiert. Ich denke da an Alben wie "...Just Dreaming" oder "Illusions". Da habt ihr doch eigentlich von der Presse rund um die Uhr eins auf die Mütze bekommen. Wie habt ihr denn darauf reagiert?

Felix:Sicher, das stimmt! Wir haben dann auch dementsprechend trotzig reagiert, was man dann wiederum lesen konnte. Das ging dann soweit, daß wir mit einer Zeitung so aneinanderrasselten, daß wir dann gar keine Interviews mehr machen wollten! Am Anfang wundert man sich schon darüber - Musikgeschmack hin oder her. Eine deutsche Band hat von Anfang an einen schwierigen Stand, da man keinen Exotenbonus hat. Wir sind auch die einfachen Leute von nebenan und gehen bei den Konzerten auch unter die Leute und trinken einen mit denen. Selbst das wurde uns negativ ausgelegt. Wir wären zu normal, hieß es dann. Die Blind Guardian des Gothic Metals quasi, eine Band ohne Image.Die Presse brandmarkte uns dann kein Image zu haben und nur die netten Jungs von nebenan zu sein. Da kamen dann sogar Statements, wie 'Gebt uns zwei Kisten Sekt und wir schreiben euch eine gute Plattenkritik'. Darauf hatten wir dann echt keinen Bock, und so gab es direkt zwei oder drei Leute, die uns nicht leiden konnten, da wir mit unserer Meinung nicht hinterm Berg halten.

Ist das nicht doch Promotion für euch?

Felix:Ja klar. Das ist ja gerade das Schwachsinnige, was diese Typen nicht bedacht haben. Wir haben 15 Jahre durchgehalten und eine riesige Fanbase aufgebaut, was wir unter anderem auch der Negativpresse zu verdanken haben!

Seit eurer Pause und dem Neustart 2004 mit "Revolution" ist die Sache doch besser geworden, oder?

Felix:Noch haben wir weniger Probleme als früher, das hängt vielleicht aber auch damit zusammen, daß wir im Moment weniger machen. Ich warte jetzt erst mal die Reviews ab.
Matze: Es geht ja auch jetzt erst wieder los mit Crematory.

Dann laßt uns jetzt mal über das neue Album "Klagebilder" sprechen. Teilweise ist das textlich ja ganz schön harter Stoff! Keine Spur von Fröhlichkeit. Ist das alles aus der Feder von Felix?

Felix:Matze und ich sind die Texter, wobei ich schon der Haupttexter der Platte bin Sänger
Matze:Ich habe zu den Texten von Felix immer meinen Senf dazu gegeben und er auch zu meinen Parts. Meine Freundin hat mir auch einen Text geschrieben und bei der letzten Scheibe war noch unser Bassist Harald Texter bei einem Song, jetzt jedoch liegt der Hauptanteil bei Felix.
Felix: Ich habe viele persönliche Ansichten und Empfindungen in die Lieder gepackt. Das ist auch das, was ich vorhin angesprochen und angedeutet habe: Ich halte es für eine Anmaßung, wenn sich Leute, die dich persönlich nicht kennen, sehr schnell ein Urteil über dich erlauben.
Matze: Ich denke Felix, da fühlen sich viele Leute gleich angesprochen, obwohl du die dann gar nicht meinst, wenn sie sich die Scheibe anhören!
Felix: Ich würde es mir schon wünschen, daß die Leute, die das hören, es auf sich beziehen. Nimm beispielsweise 'Kein Liebeslied'. Das hat auch eine bestimmte Bewandtnis. Ein gebrochenes Herz hatte ja schon jeder, und das ist meine Möglichkeit Probleme anzusprechen oder mit Dingen in meinem Leben umzugehen.

Übersetzt man ein paar eurer alten Texte ins Deutsche, kommen die dann auch platter rüber als in Englisch.

Matze:Mit Deutsch konnte ich, ehrlich gesagt, nicht viel anfangen. Es ist schwer die richtigen und passenden Worte zu finden. Du kannst besser auf englisch singen.
Felix:Ich hatte mit Deutsch noch nie Probleme. Wir haben ja 1994 schon deutschsprachige Passagen bei 'Shadows Of Mine' gehabt und 1996 kam das deutsche Album heraus. Ich höre auch privat diese Neue Deutsche Härte und Bands wie Ooomph! oder Atrocity. Ich habe also damit weniger Probleme.

Bei manchen Songs scheint es mir, als hätte Matze die Oberhand. Was machst du dann auf der Bühne Felix?

Felix: Wenn du auf den Song 'Der Morgen danach' anspielst, muss ich dich enttäuschen. Das Schöne daran ist, dass eigentlich ich die Nummern singe! Matze ist für die Strophen zuständig und ich für den Refrain. Ich singe jetzt auch variabel und klar. Schon viele Leute haben das Stück alleine Matze zugeordnet und dachten, ich wolle sie verarschen, da sie mir nicht glaubten, dass ich tatsächlich singen kann. Es ist halt eine sehr persönliche Platte und ich will da auch die einzelnen Texte in der jeweiligen Stimmung rüberbringen. Ich bin zwar nicht tonsicher in dem Sinne wie Matze, der eindeutig der bessere Sänger von uns ist, aber ich zeige diesmal mehr Stimmvarianten als auf den Outputs bisher. Das wird auch live so der Fall sein! Wir haben sehr viel ausprobiert. Jede Stimme sollte zum Text passen. Auf der neuen Platte, und das ist das Lustige daran, singt Matze eigentlich weniger als auf den alten! Die Ballade 'Spiegel meiner Seele' singt er eigentlich ganz alleine, währenddessen ich bei 'Totentanz' fast alleine performe. Das habe ich auch bei den Aufnahmen gemerkt, wo ich ja beim Einsingen alleine war. Ich könnte auch nie irgendwelche melancholischen Lieder runterkreischen.

Die Stimmung der Platte ist ja schon sehr düster, was ihr aber mit den Instrumenten versucht auszugleichen und mehr Abwechslung reinbringt, sei es mit fetten Gitarren oder den abwechslungsreichen Drums.

Matze: Auf der neuen Scheibe muss man sagen, dass alles wesentlicher gitarrenlastiger ist als es auf 'Revolution' war, was auch eine Frage des Equipments ist. Diesmal hatten wir Röhrenamps und einen digitalen Amp dazu. Das war der ganze Trick bei der Sache! Unser Produzent Kristian Kohlmannslehner hat auch viel Equipment und auch viel mit uns ausprobiert.

Den Sound von früher mit den einfachen Keyboards, den man euch gerne angekreidet hat, gehört der Vergangenheit an. Das ist ja inzwischen recht ausgewogen, so dass nicht permanent das Keyboard im Hintergrund mitdudeln muss.

Felix:Das muss es auch nicht. Oder der Sound ist so integriert, dass man es gar nicht als Keyboardsound erkennt und wahrnimmt.
Matze: Vor dem Abmischen der neuen Platte waren auch mehr Keyboardparts drin, die wir dann zu Gunsten der Gitarre rausgenommen haben.

Ihr habt auch weniger technolastige Elemente als vorher.

Matze: Wir gehen jetzt nicht von vorneherein an einen Song heran und sagen: Das ist das Gerüst, so muss er klingen. Es entwickelt sich halt einfach. Textlich ist ja alles sehr düster und hart, deshalb ist die Musik auch so, weniger Techno-Elemente, obwohl ich das Wort nicht mag, es geht mehr in die Rock-Ecke." "Wenn du generell die Keyboards weglassen würdest, wäre das Ganze um einiges härter.

Manche Sachen sind von den Gitarren her thrashiger oder wie bei Fear Factory. Die Riffs sind hier richtig hart. Dazu kommen dann schön eingängige Refrains mit Ohrwurmcharakter. Wie stark habt ihr daran gearbeitet? Manche Lieder beginnen fast direkt mit dem Refrain, war das geplant?

Felix:Nein, das hat sich einfach so ergeben. Jeder hat seinen Senf dazugegeben.
Matze: Es gibt so ein gewisses Grundgerüst beim Songschreiben, was jede Band hat. Und der Chorus ist halt immer wichtig! Der Chorus kann direkt beginnen, aber auch später.

Ihr habt ja auch wenig Solos auf der Platte, oder?

Matze: Wir haben zwei Soli auf der Platte. Dafür musste ich dann auch hart kämpfen. Ich höre gerne auch härtere Sachen und denke, es muss songdienlich sein. Wir hatten ja auch schon auf 'Believe' Solos, aber ich möchte mich nicht profilieren, das wäre Blödsinn! Es muß einfach rocken und grooven. Heutzutage gibt es so viele belanglose Alleingänge! Live haben wir völlige Freiheiten, wir sind ja keine normale Rockband.

Eure Songs sind immer direkt auf den Punkt gebracht, kurz und knackig, ohne Schnörkel. Wieso?

Matze: Eine Platte soll sich ja auch verkaufen, der kommerzielle Zuhörer hört im Schnitt zwei Minuten pro Song richtig zu. Richtige Metalfans hören dagegen auch bei Achtminutenstücken wie bei Opeth hin, das ist schon geil! Aber eine normale Single dauert im Schnitt drei Minuten, unsere meist 3,5, wobei wir auch längere Nummern haben. Die Platte dauert bei 13 Stücken gute 58 Minuten. Ich finde es eine Frechheit eine Platte von einer halben Stunde heraus zu bringen und dafür auch noch gutes Geld zu verlangen.
Felix:Ich sehe das anders. Da muß ich die Worte von Glenn Benton aufgreifen, der die Frage in den Raum stellt, warum ich für etwas drei Stunden investieren soll, wenn ich doch in 30 Minuten auf den Punkt kommen kann. Bei Metalcore-Bands ist das auch okay, oder denk nur mal an 'Reign In Blood' - das wäre sonst kein 'Reign In Blood'!

Kommen wir nun zu dem Artwork von "Klagebilder". Das erinnert doch sehr an das erste deutsche Album "Crematory". Das war doch Absicht, oder?

Felix: Ja klar! Der Kreis schließt sich, das Album erscheint nun zehn Jahre später und demnach ist das Artwork etwas moderner geworden. Wir knüpfen aber daran an.

Viele Kapellen covern im Moment gerne, und so kann man ja auch gut eine Platte etwas voller bekommen, ihr wart da nie so erpicht drauf?

Felix: Wir hatten nie ein großes Interesse an dem Thema Cover-Nummer und haben bis jetzt nur 'Temple Of Love' und 'One' neu interpretiert. Man muss da auch wirklich Bock drauf haben. Ich sehe auch nicht viel Sinn darin als Metalband Metal-Songs zu covern, da wäre es für uns interessanter Songs von The Police oder aus dem Pop-Bereich zu covern
Matze: Es gibt zwei Arten von Cover-Versionen: Entweder bewegst du dich nahe am Original oder du machst es auf deine Art und Weise", worauf ihm Felix wieder ins Wort fällt: "Wir haben eigentlich so viele eigene Ideen und setzen unsere Energie deshalb gezielt für unsere eigenen Sachen ein!"

Nun die obligatorische Frage nach einer Tour zum neuen Teil.

Felix: Einige Shows sind geplant und auch ein paar Festivals werden wir heimsuchen, aber keine größeren Festivals wie Wacken, da dafür die Platte zu spät erscheint. Die wollten erst mal was Neues von uns hören. Vielleicht werden wir im Oktober ein paar Shows dranhängen.

Und wie kommt eure Musik im Ausland an?

Felix: Als wir in Russland aufgetreten sind, war das schon geil. Die Leute haben 'Tick Tack' mitgesungen, das war wirklich krass. Wir überlegen ja auch nicht, wie wir im Ausland mit solchen Liedern ankommen. Keiner hätte auch je gedacht, dass Rammstein so in den USA durchstarten. Da gibt es dann eben den Exotenbonus. Es ist schön, dass wir eine große ausländische Fanbasis haben, wenn man mal auf die Homepage geht und sieht, dass wir Fans aus Ländern wie Mexiko, Brasilien oder sonst wo haben, ist das schon toll. Es ist schon extrem in Moskau vor 3.000 Leuten zu spielen und eine CD-Verkaufsabrechnung zu bekommen, auf der nur hundert Einheiten stehen - da kann man sich auch seinen Teil denken. Nichtsdestotrotz war das ein tolles Erlebnis und eine phänomenale Stimmung dort. Wir hatten schon Angebote für Japan, aber die waren leider nicht rentabel, obwohl Japan schon immer mein Traum war. Aber eine Crew und das Equipment ist recht teuer. Das muss sich schon alles irgendwie rechnen.

Nun mal was anderes: Was haltet ihr denn von dem seit Jahren grassierenden Downloadmonster in der Musikszene?

Matze: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Ich sage immer, für unbekannte Bands ist das ein Segen. Du kannst dich im Internet einer breiten Öffentlichkeit präsentieren und deine Musik überall runter laden lassen, aber für eine Combo, die etabliert ist, ist das Ganze scheiße. Die Leute denken: Ich muss mir nix kaufen, ich bekommst ja irgendwo umsonst.
Felix: Die Industrie ist da doch selber schuld! Warum kostet ein Silberling immer noch 17 Euro? Wenn du dir die großen Labels anschaust, dann erzählen die dir, das die CD ein Luxusgut ist, was so viel kosten muss. Vor 20 Jahren hat die Produktion einer CD vielleicht so viel gekostet, dass dieser Preis gerecht wäre! Ich bin mir sicher, wenn sie die Scheiben für zehn Euro anbieten würden, dann würden sie auch mehr verkaufen. Aber so lange die Teile so teuer sind und auch so eine Schwemme existiert, verstehe ich das voll und ganz, wenn Leute es runter laden! Ein gutes Beispiel ist unsere 'Revolution'-Platte: Die gab es ab Montag zu kaufen, war aber schon am Sonntag im Netz. Es gab sogar einige Fans, die zu unserer Releaseparty schon mit CD bewaffnet zum Signieren aufkreuzten. Wir waren da absolut verwundert und fragten, woher sie die hätten. Da gab es doch tatsächlich Händler, die die Alben schon der dem Veröffentlichungsdatum unter die Leute gebracht haben. Da braucht man sich dann über gar nichts mehr zu wundern!

Wohl wahr! Aber die neue Crematory solltet ihr trotzdem kaufen!
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