Navigation
                
15. Dezember 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

Band
Titel
Autor
Homepage
>> Als E-Mail versenden
TRISTWOOD
Ein Spiel mit Gegensätzen
Andre Kreuz
Homepage suchen ...


Krank, kränker - TRISTWOOD! Die Österreicher haben mit ihrem jüngsten Release "The Delphic Doctrine" einen wahren Ohrenputzer verbrochen, dem in Sachen kompositorischer Dichte, Druck und Brutalität nur wenige Acts das Wasser reichen können. Geschickt verbinden die Mannen elektronische Klänge mit nervenzerfetzenden Death-Metal-Blast-Attacken, während der blutrote Faden aber dennoch nie aus den Augen verloren wird. Dass hinter TRISTWOOD aber weit mehr steckt, als "nur" eine ultraderbe Soundramme, offenbarte sich im Interview mit Gitarrero Jegger, der sich als angenehm auskunftsfreudiger Gegenüber offenbarte.

"The Delphic Doctrine" war mein erster Besuch im TRISTWOOD, erzähl doch bitte mal was über euren Werdegang!

Na, in unserem Wald raschelt's schon seit ein paar Jahren!
Um uns mal kurz selbst vorzustellen, hier das Line-Up:

  • Axumis - Vocals, gutturale Choräle
  • Neru - Guitars, Synths n' Samples, Programming
  • Deimon - Synths, Bass
  • Jegger - Guitars, Additional Vocals, gutturale Choräle

Das vermischt sich allerdings immer wieder. Die Position wird also immer wieder getauscht.
Zum Werdegang:

Wir haben es bisher auf vier Veröffentlichungen gebracht, die alle bis auf die "Svarta Daudi"-EP, bei der es sich eher um eine Gimmick-Aktion für unsere ersten Fans handelte, national wie international großes Interesse nach sich zogen. Unser erster Output war die "Fragments Of The Mechanical Unbecoming"-MCD. Eine sehr Black-Metal-lastige und zugleich industrial-geschwängerte Aufnahme, die aufgrund ihrer bösen und harten Ausrichtung großes Feedback hervorrief. Außerdem unser eindeutig kränkster Output. In dieser Hinsicht für uns einfach nicht mehr zu toppen.

"Amygdala" ist eindeutig unser höher, schneller und weiter - Album mit einer gehörigen Portion Kakophonie. Kam als normales Album und als Special Edition raus. Die Reaktionen darauf waren ausgezeichnet, die Presse hatte aber große Schwierigkeiten, das Album stilistisch einzuordnen. Es war ein Riesenspaß, die Stilbeschreibungen der RezensentInnen zu lesen. Da war wirklich alles dabei! Das mediale Echo war aber gewaltig und hat uns letzten Endes auch zum Deal bei Soundriot Records verholfen. Inhaltlich geht's um psychologische Vorgänge. In Mittelpunkt dabei steht eine fiktive Person, die sich auf psychischer Ebene in immer verzwicktere geistige Situationen verstrickt. Er/Sie befindet sich in einem weißen Raum und erschafft sich seine/ihre eigene Parallelwelt, die ständig und immer wieder durch reale Einschübe zerbrochen wird. Das Thema der Scheinwelten auf verschiedenen Ebenen spielt hier schon eine bedeutende Rolle und hat an sich ja unglaubliches Potential, da sie ständige Begleiter der westlichen mediokratischen Welt sind.

"Svarta Daudi" ist das absolute Gegenprogramm. Da geht's mal um Primitivität und der Verweigerung, anspruchsvoll sein zu müssen. Dieses Re-Recording hat uns sehr gut getan, weil wir uns sonst auf Dauer selbst aufgerieben hätten. Es war eine Aufnahme zur Selbstheilung, um uns durch unsere Musik nicht selbst um den Verstand zu bringen. Mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, birgt nämlich die Gefahr in sich, die Augen nicht mehr verschließen zu können. Hier gingen wir einfach mal auf unsere Art und Weise in uns. Eine Verschnaufpause von uns selbst, ohne uns jedoch selbst aufgeben zu wollen, weil wir natürlich wissen, dass wir noch so einiges zu sagen haben.

"The Delphic Doctrine" stellt den momentanen Höhepunkt unseres Schaffens dar und hat uns unglaublich viel Kraft gekostet. Manche innerhalb der Band erlitten nach der Aufnahme ein regelrechtes Burnoutsyndrom. Das ist aber der Preis für absolute künstlerische Freiheit. Aus diesem Grund bin auch ich seit einiger Zeit für das Management und andere Dinge der Band zuständig. Eine schwierige Aufgabe, die sehr viel Kraft kostet, aber auch unheimlich viel Spaß macht.
Ich kann sie nur jedem empfehlen, der sich in der Szene wohlfühlt und ein kommunikativer Mensch ist.

Als Band treiben wir seit ca. einer halben Dekade unser Unwesen und haben so richtig Spaß daran. Es ist einfach das Beste, mit richtig guten Kumpels künstlerisch was zu bewegen, das über längere Zeit Bestand hat und wenn man die Früchte dafür in Form einer kleinen aber aus meiner Sicht feinen Veröffentlichung ernten kann. Das war auch das Ziel der Band: Kein Schielen auf Erfolg, sondern musikalisch was bewegen und ein eigenes schmackhaftes Süppchen brauen, das nicht außen hui und innen pfui ist... oder anders ausgedrückt, das für einen selbst gehaltvoll ist.
Das ehrliche Interesse von Anderen kommt dann von alleine.

Tristwood

In eurer Bio ist zu lesen, dass ihr zu Beginn eher im klassischen Black Metal verwurzelt wart, euch dann aber in die jetzige, Industrial-geschwängerte Richtung entwickelt habt. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Hmmm, also wir haben sehr früh gemerkt, dass uns Black Metal, der ja im Sinne von Emperor und Konsorten ursprünglich für Vielfalt und Individualität stand, immer mehr einengte. Das hatte für uns mit der Zeit nicht zuletzt deswegen einen üblen Beigeschmack, weil es einfach so viele Kopistentruppen gab, denen es an progressiver Finesse fehlte. Wir wollten nicht in dasselbe Fahrwasser abdriften, deshalb entschieden wir uns für einen anderen Weg. Das sollte aber jetzt nicht missverstanden werden, denn wir wollten gar nicht hundertprozentig anders klingen. Vielmehr unser Interesse an elektronischen Sounds und Industrial hat uns in diese Richtung geführt. Erst später kamen wir drauf, dass bisher nur wenige zuvor bewusst in dieses Nest gestochert haben. Jetzt, fünf Jahre nach unseren ersten relevanten Gehversuchen ist das ein bisschen anders. Der weltweite Underground im elektronischen Extrem-Metal-Bereich brodelt förmlich. Aus musikalischer Perspektive eine positive Entwicklung. Wir sind zwar nicht die wichtigste Band in diesem frischen Genre, weil wir doch immer auf anderen Pfaden als üblich wandeln, werden aber doch als relevant wahrgenommen, was uns wirklich sehr freut.

Was hat man sich unter einem TRISTWOOD vorzustellen bzw. wie kam es zu diesem ungewöhnlichen, aber prägnanten Namen?

Also "Trist" für sich steht für einen Berg aus der Region, in der wir leben und "Wood" grenzt das Areal noch mal ein wenig ein. Wir sind ja an sich sehr naturverbunden und unsere oft sehr schroffen Berge gewohnt. Sie haben uns als Individuen mitgeprägt. Natur ist ja das einzig Klare, das der Mensch hat, um sich zu regenerieren. Deshalb steht auch der Bandname bewusst im Gegensatz zur Musik, bei der der Effekt der zunehmenden Industrialisierung und der persönlichen Isolation im Mittelpunkt steht. Das Spiel mit Gegensätzen war schon immer ein Element in unserer Musik. Deshalb ist TRISTWOOD immer vielschichtig interpretierbar und zum kritischen Diskurs über die momentane Gesellschaft auffordernd. TRISTWOOD ist einerseits unser Ruhepol und unsere Möglichkeit für eine Verschnaufpause, aber auch die Möglichkeit, die gesellschaftliche Umwelt und ihre Brennpunkte zu beleuchten. Dabei picken wir uns immer ganz bestimmte Elemente heraus. Bei "The Delphic Doctrine" etwa geht es um Industrialisierung, aber auch verschiedene Ansätze von Geschichte und wie sie immer wieder zu falschen Zwecken instrumentalisiert wurde und wird.

Was hat es mit dem ebenfalls im der Bio zu findenden Split 2001 auf sich?

Der Split ist mehr als eine Schlussstrichsetzung für December und unsere damalige Thrash-Metal-Band ASHATRA zu sehen. Wir wollten frisch und neu beginnen und dabei keinen alten Ballast mitnehmen. Außerdem wäre der alte Name December anno 2001 nicht mehr sonderlich originell gewesen.
Also haben wir uns einfach unter einem neuen, frischen Banner neu formiert, was im Nachhinein eine tolle Idee war!

Definitiv! Wieso habt ihr Euch 2005 mit der schon angesprochenen EP "Svarta Daudi" entschieden, altes, ursprünglicheres Material neu aufzunehmen?

Der Grund dafür war einfach, dass wir unsere alte Doom 'n' Black-Metal-Vergangenheit ein bisschen verarbeiten und durch einen gegensätzlichen Ansatz wieder den Kopf frei bekommen wollten. Die EP hat auch keinen kommerziellen Hintergrund, sondern ist mehr ein Gimmick für die Fans der ersten Stunde. Alkohol-technisch ist's bei dieser Aufnahme auch ganz heiß hergegangen, das kannst du mir glauben. Im Prinzip hat's richtig gut getan, diese alten Ideen mal auf Tape zu bannen. Aber diese Songs sind ganz bewusst auf schäbig und dreckig getrimmt, stehen für TRISTWOODs Wandelbarkeit und Vielfalt und haben mit der momentanen Ausrichtung natürlich nicht viel zu tun. Dementsprechend schwierig war es auch, die Räudigkeit des ursprünglichen Materials nicht durch Gefrickle zu zerfleddern. Es ging uns auch nicht darum, tolle Songs aufzunehmen, sondern die Ursprünge für uns selbst mal adäquat zu vertonen. Die Aufnahmen gingen deshalb auch locker über die Bühne. Im Nachhinein eine tolle Erfahrung. Außerdem haben wir ein paar (Sauf)-Lieder in unserem Dialekt eingesungen. Wir fanden, dass wir das mal machen sollten und haben's einfach getan. Irgendwie bescheuert, aber dann auch wieder originell, wie ich im Nachhinein finde, weil es im deutsprachigen Raum ein total verdrehtes Bild über den Dialekt an sich gibt und eine scheinbar "hochdeutsche" Aussprache meist mit Erfolg und Bildung gleichgesetzt wird. Totaler Schwachsinn, kann ich nur sagen!!! Da sollten sich ein paar Leute mal an der Nase nehmen und sich selbst fragen, ob das wirklich ein Kriterium sein sollte. Klar, Hochdeutsch als Umgangssprache ist wichtig und ein bedeutendes Kriterium für eine überregionale Kommunikation, aber spätestens in der Kneipe sollte dann Schluss sein mit hochgestochenem Gefasel!

Für uns wars nach dem ganzen komplexen Material, das wir bereits veröffentlicht hatten, eine Art Selbstheilungsprozess. Solche Releases werden wir in Form von extrem limitierten Fan-Editions (also so ne Art Gratissampler mit TRISTWOOD-unüblichen Songs) definitiv fortführen. Die nächste ist übrigens auf den Herbst angepeilt und leider bereits so gut wie (vor-)vergriffen. Falls sich jemand aber darüber ärgern sollte, den kann ich ihn/sie beruhigen. Wir werden das ganze Zeug irgendwann für einen begrenzten Zeitraum als Download zur Verfügung stellen. Das wird dann bei ausgewählten Zines in Form eines News-Eintrages bekannt gemacht!

Saubere Sache das! Und was Deine Ausführungen bzgl. Dialekte angeht, kann ich als bekennendes Landei nur 100% zustimmen!
Aber wie ist eigentlich eure Beziehung zu Mr. Jack Daniels?

Der ist sozusagen unser fünftes Bandmitglied, mit dem wir so einiges erlebt haben. Die Aufnahmen zu "Fragments of the Mechanical Unbecoming", "Amygdala" und "Svarta Daudi" wurden quasi in Kooperation mit unserem Mäzen Mr. Daniels erschaffen, hahaha. Bei "The Delphic Doctrine" hatte er Gott sei Dank nicht mehr so viel Zeit und besuchte uns nur noch seltener.
Der Song "Svarta Daudi" ist übrigens ihm gewidmet. Ne Laudatio also für unseren treuen Weggefährten.

Wie kamt ihr zu Sound Riot Records, wie läuft die Kommunikation mit dem Label und wie zufrieden seid ihr mit ihnen?

Da gibt's eigentlich gar nichts Spektakuläres zu berichten! Sie haben uns per E-Mail kontaktiert und wir haben nach längerem Hin und Her bei ihnen unterschrieben. Von der Kommunikation her würde ich sagen, dass sie teilweise ein bisschen unprofessionell arbeiten, aber als Newcomer-Band, die sich erst mal etablieren muss und zudem mit 'nem krassen Sound auffährt, sollte man in Zeiten des Mainstream-Metals nicht allzu pingelig sein. Da muss man klar Abstriche machen und sich nicht wie ein Superstar benehmen. Ich weiß auch, dass sie mit einigen Bands in der Vergangenheit Probleme hatten (oder umgekehrt!), da das Studiobudget nicht rechtzeitig bezahlt wurde, aber dass sie finanziell kein starkes Label sind, sollte sich mittlerweile bereits rumgesprochen haben.
Dementsprechend sind sie auch bei uns mit der Bezahlung im Rückstand. Wir sind aber eine eher unabhängige Band und haben in den letzten Jahren viel Geld in Studioequipment investiert. Außerdem wollen wir, dass wir als Band natürlich wachsen und nicht in einen riesengroßen Vertrag gezwängt werden, der uns geschäftlich und menschlich überfordert.

Der größte Pluspunkt bei Soundriot Records ist, dass wir über absolute musikalische Freiheit verfügen und das tut einfach wahnsinnig gut. Da kann man über andere Dinge auch mal hinwegsehen. Um auf den Aspekt Zufriedenheit zu kommen: Es könnte eindeutig besser sein, da sie aber eine gute Promotion machen, würde ich das ganze als passabel einstufen.

Wie würdest Du die Entstehungsgeschichte eures jüngsten Outputs "The Delphic Doctrine" charakterisieren? Was muss einen reiten, um so eine infernalisch dichte Sound-Wand zu schaffen?

Für die Soundwand ist Neru, der zweite Gitarrist und Synthi/Sampling-Spezialist, in erster Linie verantwortlich. Bei uns ist aber Diskussion und gemeinsames Soundtüfteln ebenso wichtig. Man braucht nicht immer die teuersten Gerätschaften. Wenn man sich 'nen ordentlichen Verstärker oder ein wuchtiges Effektgerät (z.B. von Behringer, oder Line 6) zulegt, kann man schon sehr viel machen, man muss nur lange genug probieren und nicht zu ungeduldig sein. Irgendwann funktioniert's wie von selbst. Man braucht natürlich auch etwas zum Aufnehmen. An dieser Stelle möchte ich vor allem Pro-Tools empfehlen. Ist zwar am Anfang teuer, dafür aber eine dauerhafte Investition.

Die Soundwand besteht aus folgenden einfachen Zutaten: Gitarren, Synths, Bass, Gesang und programmierte Drums. Also im Prinzip eine ganz einfache Rezeptur. Wichtig ist hierbei vor allem, dass man kein traditionelles Aufnahmeschema verfolgt, sondern den inneren Rhythmus der Band findet. Aus diesem Grund kommen bei uns meist die Gitarren oder die Keyboardlinien als erstes. Aber das macht jede Band natürlich anders.
Also noch mal: Tüfteln, Tüfteln, Tüfteln und zur Entspannung mal einen Heben gehen, dann funktionierts auch mit der Aufnahme, he he he.

Vielleicht noch kurz zur Entstehungsgeschichte der Platte. Unsere Aufnahmen haben sich über mehr als ein Jahr hingezogen. Da wurde Etliches verworfen und wieder neu eingespielt bis es endlich richtig saß. Das Konzept hat sich so mit der Zeit entwickelt und ist deshalb, wie bei uns üblich, etwas kopflastig geworden. Das Gute ist aber, dass man die Musik auch einfach so anhören kann, ohne sich Gedanken über die Lyrik und den Inhalt zu machen. Die Härte von "The Delphic Doctrine" liegt einfach darin begründet, dass wir die postmoderne, industrialisierte, mediokratische westliche Welt darstellen wollten, wie sie mitunter auch ist: ein von verzerrter Werbung überschatteter gefühlloser, kalter Scheinkomplex, in dem für das Individuum, das nicht konform ist, nicht wirklich Platz ist. Und auch die Konformität birgt etliches an Gefahren mit sich, denn sie führt in emotionale Isolation. Mit der Musik stellen wir einfach diese Situation gleich einem Spiegel dar, gehen beim Inhalt noch einen Schritt weiter und versuchen diesen Zustand mitunter durch historische Anklänge zu untermauern.

Wie kann man sich als unbedarfter Konsument eine TRISTWOOD-Probe vorstellen?

Das ist schwierig zu charakterisieren! Also meist treffen wir uns nur zum Jammen... und da sind eigentlich meist nur zwei oder max. drei Jungs der Band zusammen im Raum, weil einer (das wechselt übrigens) wieder mal aus irgendeinem Grund gerade verhindert ist. Das liegt aber vor allem daran, dass wir neben der Band noch andere Projekte am Laufen haben, alle Arbeiten und manche sogar noch nebenbei Studieren. Wir sind also total verplant.
Auf alle Fälle ist ne Probe immer mit der Ideenentwicklung für neue Songs verbunden. Wir zocken die alten Songs also äußerst selten durch, und auch nur zum Warmspielen für die Aufnahme des nächsten Albums. Für die neue Platte, die voraussichtlich irgendwann 2007 erscheinen wird, haben wir übrigens wieder etliches an wirrem Zeug gesammelt, das mir des Öfteren ein schäbiges Lächeln auf die Lippen zaubert. Ach, kranke Scheiße machen kann so schön sein!

Amen!
Was erwartet einen live auf einem eurer Konzerte? Wie läuft das da mit den Synthies ab? Immerhin ist fast jeder von Euch für mehr als ein Instrument bzw. Sampling/Programming zuständig.

Also um diese Frage zu beantworten, muss ich ein wenig ausholen. Am Anfang unserer Karriere - bei dem Wort muss ich fasst schon lachen ... - wären wir schon mal aufgetreten, da hat uns aber jeder als komplett irre bezeichnet, deshalb haben wir leicht frustriert entschieden, uns bis auf weiteres nicht auf Konzerte zu konzentrieren. In den letzten Jahren haben wir vor allem Studio-Equipment gekauft und da blieb für Live-Technik auch kein Geld mehr übrig.
Mittlerweile gibt es bereits etliche Interessenten, die wollen, dass wir live auftreten, aber da fehlt uns momentan das Geld, die Zeit und der richtige Drummer. Falls wir live auftreten würden, was in den nächsten Jahren aus finanziellen Gründen wohl nicht der Fall sein wird, dann würden wir das Line-Up auf alle Fälle deutlich aufstocken.
Wir brauchen ja schon allein zwei Keyboarder, um das Material auf der Bühne umzusetzen. Also, ob wir mal live auftreten, weiß ich momentan nicht und ich will hier auch keinen Raum für Spekulationen lassen. Im Vordergrund stehen jetzt mal die Veröffentlichungen der nächsten Jahre, alles was sich darüber hinaus entwickelt, steht noch in den Sternen.

Tristwood

Habt ihr aufgrund des hohen elektronischen Anteils in eurer Musik Probleme, von bestimmten Richtungen akzeptiert zu werden bzw. trefft ihr da mitunter auf Ablehnung?

Auf Ablehnung treffen wir auf alle Fälle. Allerdings bis jetzt weniger der elektronischen Elemente wegen, sondern mehr aufgrund des hohen Geschwindigkeitslevels und der Kompromisslosigkeit, mit der wir zu Werke gehen. Der Großteil ist uns aber sehr wohl gesonnen. Manchmal ist das Lob so überschwänglich, dass ich gar nicht weiß, was ich sagen soll. Das Lob kommt auch von den unterschiedlichsten Richtungen. Also von Grind-Freaks, Deathern, Blackies, Hard-, und Metalcorelern, Industrial-Jünger, ja sogar von traditionelleren Metalheads und Jazz/Alternativ-Leuten. Das überrascht mich immer wieder, denn damit haben wir nicht gerechnet. Natürlich gibt es immer Leute, die mit uns nichts anfangen können. Wenn das nicht so wäre, hätten wir längst Platin und wir müssten uns ernsthaft fragen, was wir falsch gemacht haben. Generell sind die Reaktionen also sehr positiv. Die üblichen Ausnahmen, die die Regel bestätigen, haben wir, wie andere Bands auch!

Wir verfolgen einfach den Ansatz, einen frischen Input für die Extrem-Metal-Szene zu liefern, in der wir schon seit Jahren fest verwurzelt sind. Außerdem sind wir bemüht, die Gründe für unsere Musik klar darzulegen (also mitunter den Industrialisierungsprozess und die Schnelllebigkeit der heutigen Zeit zu vertonen) und auch diesem Grund geben sich Menschen mit unserer Musik Mühe, die eigentlich gar nichts mit dem Stil anfangen können.

Also mit Intoleranz haben wir weniger zu kämpfen, eher dann schon ein bisschen mit Neid, glaub ich. Aber Leute, die faires Lob für die Anstrengung anderer nicht vergeben können und hinter jeder Anerkennung anderer ein gemeines Hintergehen vermuten, habens eh nicht leicht und kommen in jeder Gesellschaft und jeder Subkultur vor.

Wie sieht es mit den Texten aus? Was sind das für lyrische Zitate, von denen auf eurer Website die Rede ist und wie wurden diese in euere Texte integriert? Steckt ein Konzept hinter "The Delphic Doctrine"?

Endlich mal einer der sich damit beschäftigt hat. Hab schon geglaubt, es fragt mich gar keiner! Nein, kleiner Scherz! Find ich aber toll, dass du diese Frage stellst. Es handelt sich dabei um den Anmerkungsapparat für die Zitate im Booklet von "The Delphic Doctrine".

Wir haben beim Album auf den Abdruck der gesamten Texte verzichtet und zwar vornehmlich aus drei Gründen:

  1. Weil die literarischen Zitate die Quintessenz der Texte wiedergeben und für ein Nachdenken relevant sind.
  2. Weil uns die Text-Bild-Korrespondenz unglaublich wichtig war (wir haben unglaublich viele eigene Photos unserer Reisen des letzten Jahre gesichtet und auf das Gesamtkonzept abgestimmt)
  3. Weil uns bei diesem Album eher der Aspekt der Anspielung im Sinn von Denkanstößen als wichtig erschien und wir einen gewissen Interpretationsspielraum offen lassen wollten.

Das haben wir bei anderen Alben unserer eigenen persönlichen musikalischen Helden immer wieder vermisst. Der individuelle Spielraum des Hörers/der Hörerin für ein Nachdenken wird durch zu hohe Dichte an Informationen ja leider oft eingeengt. Wir wollten es bei diesem Album spannender machen. Das Album soll es ermöglichen, Fragen zu stellen und Interesse wecken. Man kann in ein neues spannendes Feld hineinstochern und Neues entdecken. Solche Interviews, wie dieses hier, können dabei Antworten geben. Es bleibt aber immer noch genug Spielraum für einen Selbst, um einen persönlichen Schluss daraus zu ziehen.

So und jetzt zum Konzept an sich:

Also rein von der inhaltlichen Ebene würde ich es durchaus auch als loses, aber dennoch in sich geschlossenes Konzeptalbum sehen. Dabei werden antike, altorientalische bzw. eurasische, mittelalterliche, humanistisch-neuzeitliche, aber auch postmoderne Aspekte angesprochen. Die Delphische Doktrin, oder das, was wir als "The Delphic Doctrine" zum Albumtitel auserkoren haben, existiert als solche natürlich nicht.

Zur Albumtitelerklärung:

Doktrin an sich ist ein in der zeitgeschichtlichen bzw. gegenwärtigen Geschichtsschreibung recht geläufiges Schlagwort, das vor allem politische Marschrichtungen von Großmächten benennt. Wir wollten jedoch diesen fixen und harten Terminus mit dem Orakel von Delphi in Verbindung bringen, denn dies schien uns ein interessanter Ansatz zu sein, um die heutige Scheinwelt zu hinterfragen. Es ist eine Aufforderung, die derzeitige industrialisierte mediokratische Gesellschaft kritisch zu betrachten und spielt unter anderem darauf an, sich nicht gleich einer Herde von Schafen nach beiläufig aufgeschnappten Meinungen anderer oder konkreter, nach ein paar Dokumentarfilmen, die man beiläufig gesehen hat, plötzlich als Gelehrter zu fühlen und mit polarisierenden Teilwahrheiten hausieren zu gehen, ohne dabei kritische Fragen zu stellen.

Heute werden Weltanschauungen produziert und geschickt vermarktet. Diese haben aber oftmals im übertragenen Sinne den inhaltlichen Wert von Orakelsprüchen, die wiederum ungefähr so genau die Wahrheit treffen, wie - salopp formuliert - das Horoskop in populären Tagesblättern. Beim lediglich unreflektierten Akzeptieren der angebotenen Ansichten besteht jedoch die Gefahr, dass die Trennlinie zwischen dem Sein und dem Schein nicht mehr klar erkennbar ist. Das Problem dabei ist jedoch, dass oft auch mit Teilwahrheiten jongliert wird, die der Wahrheit oft auch nahe kommen. Also, um es anders auszudrücken, viele leben heute in und nach einer "Delphic Doctrine" und somit in einer Scheinwelt. Wir versuchen nur Ansätze anzubieten, sich mit dieser Tatsache auseinander zusetzen. Die Aufforderung zur Kritikfähigkeit ist jedoch nur ein Aspekt, der uns wichtig war und den wir in Verbindung mit unterschiedlichsten Stilmitteln in The Delphic Doctrine verarbeiteten und es handelt sich auch nur um eine Ebene, die wir mit unserer Aufnahme andeuten wollen. The Delphic Doctrine Cover Dabei werden immer wieder Verbindungslinien zu antiken Gesellschaften gezogen. Wie das Cover schon vorgibt, auf der ein kretischer Stier für die europäische Kultur, gehalten von antiken fernöstlichen Statuen, in den Mittelpunkt gerückt wird, ging es unter anderem darum, klarzulegen welchen großen Einfluss der Nahe Osten auf die Entwicklung der westlichen Kultur hatte. Das sollte man akzeptieren, nicht unter den Tisch kehren und mit dem Bewusstsein auch die von Großmächten provozierten Krisen mal betrachten. Mit jeder Bombe, die auf ein kulturelles Gut in dieser Region fällt, wird, neben unendlichem Leid, das entsteht, auch ein Teil unseres eigenen Ursprungs und unserer Geschichte zerstört.

Was ist mit dem "...endless shifting sands..." in "By The Call Of Seth - Invocation Of The God Of Blood And War", habt ihr euch da bei NILE bedient, aus derselben Quelle geschöpft oder ist das purer Zufall?

Also da muss ich sagen, dass unser Sänger durch sein extremes Gegrunze ein schwer verständliches Englisch spricht. Also wenn ich mir die Texte so durchlese, kann ich kein "Endless Shifting Sands" entdecken. Ich war zwar in der Zeit, als die Texte entstanden in Syrien und im Libanon, also mitunter in der Wüste, aber um Landschaftsbeschreibungen ging es uns nicht. Es heißt "Endless Shifting Soul". Die Quelle ist aber eine andere: Im Rahmen meines Studiums habe ich mich wie auch Neru mit apokryphischen Texten (also nicht anerkannte Evangelien-Texte) auseinandergesetzt. Dabei fiel uns auch auf, dass der ägyptische Gott Seth bei den Kopten auch mit Satan gleichgesetzt wurde. Es geht also wieder um das Thema der Indoktrinierung. Die Menschheitsgeschichte ist ein permanenter Zustand von opportunistischen Neuinterpretationen, denen bloßer Selbstzweck zugrunde liegt. Der Text spielt auf das Unverständnis an, das eine Kultur einer anderen entgegenbringt. Das kann man in der Antike bereits feststellen, aber auch heute. So darf man es auch als Kritik am lächerlichen Versuch, den manche Großmächte entwickelt haben, ansehen, eine Achse des Bösen und eine Achse des Guten zu erstellen, um die Welt erfolgreich in zwei Teile zu spalten.

Der Song spielt darauf an, mit welcher Leichtigkeit es politischen Systemen immer wieder gelingt, die Massen gleichsam wie Schafe durch die Konfrontierung mit Urängsten gegen andere zu mobilisieren. Dass es sich dabei um ein und dasselbe schreckliche Szenario handelt, das in vielen Fällen in Krieg mündet, bedenken nur die Wenigsten. Verdammt, mit ein bisschen mehr Wissen über Geschichte könnten solche fatalen Irrtümer wie das sinnlose Töten anderer Menschen verhindert werden. Also zusammengefasst, der Song beschreibt die ständige Verteufelung des Andersartigen an und verurteilt es zudem.

Da hab ich mich wohl unerhörterweise verhört, Skandal! ;)
Erzähl doch mal kurz was über die Metal-Szene in Österreich! Was gibt es da für Geheim-Tipps aus dem Underground?

Was heißt da Geheimtipps?!?!? Österreich hat dasselbe Problem wie Deutschland. Wir schauen immer bis uns die Augen bluten nach Skandinavien und Amerika in der Hoffung auf Newcomer, die die Szene revolutionieren. Traurig, aber wahr. In Österreich ist die Szene ebenso wenig organisiert und zerfleischt sich ähnlich wie in Deutschland durch absurdes Gedisse.
Da blutet mir echt das Herz. Das haben die Skandinavier wie so oft mal wieder besser gemacht. Nicht umsonst gibt es Websites in Schweden, die ausschließlich schwedische Bands promoten, oder Labels wie Tabu, die vor allem norwegische Bands nach vorne bringen. Das funktioniert. Auch sollte Spikefarm/Spinefarm, Dynamic Arts und Woodcut aus Finnland nicht vergessen werden, die eine ähnliche Firmenpolitik wie die Norweger verfolgen. Bei uns wie auch bei euch muss man sich erst mal ein ausländisches Label an die Angel bekommen, um für das eigene Land interessant zu sein oder zu werden. Ich kenne echt viele deutsche (Underground) Bands, die einfach der Hammer sind. Da kann mir keiner von den großen Plattenfirmen erklären, dass das verkaufstechnisch nix bringen würde. Ich weiß, ich schweife ab, aber das sollte einfach mal gesagt werden, finde ich.

So und jetzt zu den Geheimtipps, die eigentlich keine sein dürften. Bei uns gibt's nach einer inoffiziellen Zählung ca. 3500 bis 4000 Bands aus dem Metalsektor, was eigentlich der absolute Wahnsinn ist. In nächster Zukunft werden vor allem die Powermetaller von Serenity durch die Decke gehen, das kann ich schon mal versprechen. Da gibt's aber noch viele andere Bands, die großes Potential haben und es durch Veröffentlichungen teilweise schon bewiesen haben, wie etwa Seeds of Sorrow, Collapse 7, Perishing Mankind, Lords of Decadence, Astaroth, Olemus, Inzest, Lost Dreams, Divine Temptation, Hollenthon, Hyperion Deathbionics, Darkwell, Siegfried, Edenbridge, Visions of Atlantis, Possession, Abigor, Ars Moriendi, The Sky is Ours, Punchline, Belphegor, Avenging Angels, Instinct Hate, Nerthus, Rivendell, Lanvall, Decomposed Cranium, Demonize, Yarvis, Pungent Stench (kennt eh jeder, aber die Jungs sind einfach geil!), Thorns of Ivy, Indyus, Sanguis et Sinis, Dawn of Dreams, Nemesys, S.A.W., Dornenreich, Elend, Ice Ages, Summoning, Kreuzweg Ost, Disastrous Murmur, L'amme Immortelle, Sternenstaub, Golden Dawn, Erebos, Mely, Sanguis, Asmodeus, Hellsaw, Bloodfeast, Mastic Scum, Blessmon, Human Pesticide, Stand Ablaze, Noise Victim, Legion Descend usw. um nur einige zu nennen. Also auf alle Fälle ist die komplette stilistische Bandbreite vorhanden. Labels haben wir auch genug: die beiden Größten heißen Napalm und CCP Records! Also, es wäre alles vorhanden. Es bräuchte nur den nötigen Push nach Vorne.

Und was zieht ihr Euch privat für Musik rein?

Die komplette stilistische Bandbreite. Der Schwerpunkt liegt bei uns aber auf Metal, Elektronik, Jazz, orientalische Klänge und einer von uns hört mittlerweile sogar Reggae (schräg, ist aber so!). Im Metalsektor hören wir alle aber vor allem technisches Zeug wie etwa Necrophagist, Emperor, The Project Hate, Thorns, Unmoored, Immolation, Rotten Sound aber auch Old-School-Zeug wie etwa Carcass, Dismember, Grave, Carnage etc. Das Übliche halt!

Zum Abschluss: Wie sehen eure Pläne für 2006 und darüber hinaus aus?

Also zunächst haben wir noch etliches an Promotions-Dingen zu erledigen. Dann gibt's hoffentlich mal 'ne kleine Ruhepause und danach geht's direkt weiter zum nächsten Album, für das wir schon etliche gute Ideen beisammen haben. Ich kann nur wie immer sagen: Expect The Unexpected! Da wird es definitiv wieder einiges zu entdecken geben und für einige Überraschungen sorgen.

Vielen Dank für Deine Zeit, letzte Worte??

Danke erst mal Dich für dieses konstruktive Interview (das ist ja schon fast ne Seltenheit!)!
An die Leute da draußen, wenn ich euch mal so richtig die Ohren durchblasen lassen wollt, dann checkt uns mal an. Falls ihr verrückt genug seid, werdet ihr sicher nicht enttäuscht werden, hahaha.

Mehr Infos über uns gibt's auf:


Am einfachsten zu bestellen ist die Platte übrigens über: www.twilight-vertrieb.de

Ich sollte vielleicht an dieser Stelle anmerken, dass die CD lediglich in einer Auflagenzahl von 1000 Stück weltweit gepresst wurde und damit stark limitiert ist. Aus diesem Grund ist die Stückzahl momentan für Deutschland, Österreich und die Schweiz stark begrenzt.
Wer also "The Delphic Doctrine" sein eigen nennen möchte, sollte nicht zu lange warten, denn einigen internen Infos zufolge wird sie in nächster Zukunft in ihrer ersten Auflage bald vergriffen sein. Also in diesem Sinne noch mal vielen Dank für die große Unterstützung von Seiten der HörerInnen und vom MyRevelations-Zine.

TRISTWOOD IS READY FOR GLOBAL TERMINATION

<< vorheriges Interview
BLOODBOUND - Klischees en Masse
nächstes Interview >>
PYRAMAZE - Dänisch-amerikanische Zusammenarbeit




 Weitere Artikel mit/über TRISTWOOD: