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18. Dezember 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

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MOST PRECIOUS BLOOD
Haben auch heute noch was zu sagen
Thomas Ross
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MPB machen New York Hardcore der eher untypischen Sorte. Sie kommen zwar direkt aus NYC, wer einen klassischen New York oder East Coast Sound erwartet, liegt aber falsch. Da die Band aus INDECISION hervor gegangen ist, liegt es auf der Hand, dass die Marschrichtung eher zum New School hin geht. Mittlerweile drften MPB den Bekanntheitsgrad von INDECISION aber mal mindestens schon erreicht haben. Was MPB auer ihrem Sound aber noch hervor hebt, ist die Tatsache, dass es sich um eine Band mit Aussage handelt. Ich wollte gerne mal etwas Nheres zu ihren Ansichten und Einstellungen erfahren und ihnen am 15.01.06 im Karlsruher Substage ein paar Fragen dazu stellen. Leider war alles trotz meiner Anmeldung ein wenig unorganisiert, was aber nicht die Schuld der Band war. Gitarristin Rachel Rosen, die sich selbst um den Merch zu kmmern und deshalb leider keine Zeit hatte, beorderte Snger Rob Fusco herbei, der gerne ein paar Antworten gab. Nach einer kurzen Beratschlagung ber einen geeigneten Ort zogen wir den Backstage-Bereich vor. Dort war es zwar sehr beengt, aber dafr gab es "a shitload of chocolate" und einen Khlschrank mit "a fuckload of beer". Beste Voraussetzungen also fr ein Interview. Es stellte sich jedoch heraus, dass Rob nicht fr alle Fragen der passende Ansprechpartner war, was unter anderem auch daran lag, dass er erst nach dem ersten Album in die Band eingestiegen ist. Wie eigentlich zu erwarten wren Rachel und/oder Justin besser geeignet gewesen. Trotzdem entwickelte sich ein ganz interessantes Gesprch, denn es ist ja nicht so, dass Rob nichts zu sagen htte. Hier und da sprang dann aber kurzfristig noch Drummer Colin ein, der ebenfalls durch den Backstage wuselte. Weil er dabei nicht der einzigste war, wurde die Konversation ab und an mal ein wenig hektisch und alles andere als ungestrt, was man dem folgenden Interview vielleicht auch anmerken kann.

MPB ist aus der Asche von INDECISION aufgestiegen. Wenn man eine Band nicht mehr fortfhren will und damit zu einem Ende gekommen ist, warum benennt man die neue Band dann nach einem Album der alten Band? Vielleicht ist das eine schwierige Frage fr Dich, weil Du selbst kein Grndungmitglied bist. Aber weit Du was davon? Kannst Du vielleicht was dazu sagen?

Most Precious Blood

Rob: Ich wei nicht. Ich glaube, manchmal hat man einfach keine Ideen mehr. Dann denkt man sich, das hier gibt es schon und das klingt vertraut fr manche Leute. Oder warum auch immer. Es ist schwerer, einen neuen Namen zu finden.

Von Anfang an habt Ihr Eurer Musik, Euren Lyrics und Eurem Image eine Menge dster-sthetische Elemente beigefgt. Mgt Ihr das Dunkle?

Rob...Ja... Ja. Ich mag es.

OK, ich mags auch.

Rob: Wir machen keine zuckerberzogene Blmchenmusik. Es ist eine akkurate Reflektion des wirklichen Lebens. Die Leute reden gerne scheie darber, indem sie sagen, wir benutzen diese dsteren Elemente nur, um mehr Alben zu verkaufen oder so. Aber wie auch immer... Das da ist brigens Colin. Der spielt Schlagzeug

Hrt Ihr auch Sachen wie SISTERS OF MERCY oder THE CURE oder auch Gothic-Sachen?

Colin: Das tun eher Justin und Rachel.
Rob: Ja, Justin und Rachel hren all diesen Mll.
Colin: Oder auch Dark Wave.
Rob: Dark Wave oder was auch immer fr einen verfickten Schrott.
Colin: Aber wir hren alle eine solche Vielfalt von Dingen. Alles von Pop Musik bis Death Metal. Was immer wir mgen, es ist alles ein Teil unseres finalen Outputs. Justin und Rachel haben mehr ihre Einflsse, whrend Rob und ich eher von einem Metal orientierten Standpunkt aus kommen. Aber irgendwie hrt auch jeder ein bisschen was von allem.

Warum habt Ihr "Liebe" als ein Hauptthema zumindest fr "Nothing In Vain" gewhlt?

Rob: Als das Album geschrieben wurde, war ich noch nicht in der Band. Das war Justin. Ich ermutige jeden, der dieses Interview liest, Justin persnlich zu schreiben unter justin@mostpreciousblood.com und ihn danach zu fragen.

Weit Du denn, warum es stets in Verbindung mit eher negativen Dingen wie Tod oder persnlichen Opfern steht?

Rob: Es ist ungewohnt fr die Leute, wenn man ber Dinge schreibt, die ihnen nicht gefallen. Unser Output orientiert sich traditionell mehr an Dingen, die einen stren. Schmerz ist ein Ausdruck des Heranwachsens. Wenn Dein Leben perfekt ist, dann hast Du nicht wirklich einen Antrieb irgendwas auszudrcken, zumindest nichts was in Verbindung mit dem Tod steht. Aber viele Menschen fhren ein unglckliches Leben. Und Unglck liebt Gesellschaft. Also versuchen sie sich eher auf diese Art auszudrcken.

Nicht einfach nur Tod, sondern auch Selbstmord ist ebenfalls eines von MPBs groen Themen. Ein Satz aus dem Booklet Eures ersten Albums lautet: "You are not alone if you've thought about it". Hast Du oder ein anderes Mitglied der Band Selbstmord jemals fr sich selbst in Betracht gezogen? Oder habt Ihr sonstige Erfahrungen damit?

Rob: Jeder hat Erfahrungen, weit Du. Jeder kennt jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt und so weiter und so weiter. Ich ermutige jeden, zu seinen eigenen Schlssen zu kommen, seine eigenen Lebenserfahrungen zu sammeln und festzustellen, inwieweit sie mit unserer Musik bereinstimmen.

Und warum ist Verlust im allgemeinen ein so groes Thema?

Rob: Weil wir da alle durchgehen und es ein gemeinsamer Aufhnger ist. Und wie ich sagte: Man macht sich keinen Kopf ber Dinge, mit denen man zufrieden ist. Man sieht sich dann nicht gezwungen, sich in dieser Form auszudrcken. So funktioniert es halt nicht. Zumindest nicht fr mich und die Leute, die ich kenne.

Das Cover Eures zweiten Albums zeigte eine Madonna mit einem Sprengstoffgrtel um ihre Brust. Wie ist Eure Haltung bezglich Religion? So weit ich wei sind zumindest Justin und auch Rachel sehr anti-religis.

Rob: Ich stimme damit berein. Aber ich kmmere mich nicht darum. Ich denke, dass in der gesamten organisierten Religion sich die Menschen sehr oft darauf beziehen, damit sie ihnen das Denken abnimmt, weil sie selbst zu faul sind. Sie wollen ihren freien Willen nicht ausben und kritisch denken. Es ist einfacher, eine dogmatische Struktur zu akzeptieren, die ihnen alle Antworten an der Oberflche prsentiert. Aber wenn man mehr in die Tiefe geht, haben sie keine stichhaltigen, realittsbezogenen Antworten. Aber wie auch immer. Ich kmmere mich nicht darum. Ich glaube zu sehr an das wirkliche Leben, um mir um solch einen dogmatischen Bullshit einen Kopf zu machen.
Das Album-Cover spricht das menschliche Verhalten im Namen organisierter Religion an. Das ist alles, was ich dazu sage.

Wegen dem Cover Eures neuen Albums habt Ihr rger bekommen. Was ging ab und was denkst Du ber diese Zensur?

Rob: Das Album-Cover zeigt eine Leiche, die in einem Apartment fr Wochen tot liegen gelassen wurde. Es soll aufzeigen, dass viele Leute sich oft nicht um andere Leute wie diese scheren. Es gibt keine Beachtung. Viele Leute fhren ein sehr einsames Leben und werden nicht beachtet. Es ist eine Mahnung, dankbar zu sein, fr alle Menschen, die man in seinem Leben hat und die sich um einen sorgen.
Der Vertrieb hielt es fr ein wenig zu roh. Deshalb wollte er, dass es verhllt wird, damit es harmloser wirkt. Das ist mir egal, so lange es raus kommt und die Musik ist, was sie ist. Ganz egal, wie das jetzt abluft. Letzte Nacht haben wir uns zum Spa aber mal gedacht, als nchstes Cover eine Fingerzeichnung eines Blumenstraues oder so was zu whlen.

Merciless Cover

Ihr kritisiert viele verschiedene Aspekte der Gesellschaft und der westlichen Welt. Justin hat sogar gesagt, dass Ihr einen 3. Weltkrieg am laufen habt und dass es an Euch ist, all die negativen Aspekte an die Oberflche zu bringen und ins Bewusstsein zu rufen. Es scheint, Ihr seht Euch selbst auf einer Mission, oder?

Rob: Ich denke, jeder hat seine eigenen Dinge, die ihn antreiben. Wir ermutigen die Leute zu einem eigenstndigen Denken und dazu, die Musik so zu nehmen, wie sie fr sie funktioniert. Vielleicht knnen sie damit ihre eigenen Dmonen austreiben.
Fr mich ist die Musik ihr eigener Zweck. Alle Texte, die ich schreibe sind fr mich und wenn sich jemand anders darauf beziehen kann, finde ich das cool. Aber primr schreibe ich alles fr mich. Genau so wie die Musik so geschrieben und die Songs so strukturiert werden, wie der jeweils dafr Verantwortliche sie hren will.

Dann schreibst Du also viele der Texte?

Rob: Ja, ungefhr 95%. Auf dem neuen Album haben Justin und ich an einem Song zusammen gearbeitet, aber der Rest ist von mir. Als ich in die Band kam, bevor wir "Our Lady Of Annihilation" aufnahmen, wollte ich nicht nur so was wie eine "angeheuerte Waffe" sein. Ich wollte schreiben und auch komponieren. Das war die Bedingung und es war von vornherein klar.

Wer hat denn dann die Texte geschrieben, bevor Du dabei warst?

Rob: Justin hat fast alles geschrieben. Vor der gegenwrtigen Zusammensetzung der Band sind alle Lyrics und die komplette Musik, ist praktisch fast alles von Justin geschrieben worden. Jetzt ist es mehr verteilt, jeder bringt seine eigenen Ideen ein und es funktioniert ganz gut so.

Ihr wart der Headliner der von PETA2 gesponsorten "Compassion Over Fashion"-Tour. "Diet For A New America" spricht fr sich selbst. Was bedeuten Euch Tierrechte und eine vegetarische Lebensweise?

Most Precious Blood

Rob: Vorne weg finde ich es alles in allem erst einmal wichtig, etwas zu sagen zu haben. Hardcore-Bands, auch welche mit denen wir befreundet sind und viele derer, die gekommen und gegangen sind, beschweren sich darber, kein Forum zu haben, um zu sagen, was sie denken und um sich selbst auszudrcken. Ganz gleich, ob es sich nun um politische oder soziale Themen handelt. Dadurch, dass Hardcore so gro geworden ist, wie er nun mal ist, haben sie jetzt die Mglichkeit dazu, aber sagen einen Schei.
Wir leben alle vegetarisch und sind involviert im Bezug auf Tierrechte. Der eine mehr, der andere weniger. Wir fanden es deshalb wichtig, dieses Thema anzusprechen und ein klein wenig von dem Bewusstsein zurck zu bringen, das im Hardcore Mitte der 90er wirklich prsent war, als man noch fast auf jedem Tisch Literatur ber Tierrechte finden konnte oder Zines, in denen Leute sehr damit beschftigt waren, sich selbst auszudrcken und versuchten, Ideen auszutauschen. Das ist einer der Eckpunkte von Punkrock/Hardcore. Es geht nicht nur darum, cool auszusehen, um Kickboxen oder was auch immer. Die Grundidee dahinter ist es, zusammen zu kommen, mit Freunden abzuhngen, sich an der Musik zu erfreuen und sich zu lsen, aber zur gleichen Zeit auch Ideen auszutauschen und voneinander zu lernen. Es gab definitiv ein greres Bewusstsein ber viele Angelegenheiten als es heute der Fall ist.

Da hast Du Recht. Manchmal vermiss ich das auch.

Rob: Wir tun was in unseren Mglichkeiten steht, um die Kids zu einem eigenstndigen Denken zu bewegen. Kritisches Denken ist einer der wichtigsten Aspekte unserer Band und ich bin froh, wenn das respektiert wird. Du musst nicht unbedingt mgen, was wir sagen, nur denk drber nach!

Auf dem neuen Album kann man ein Sample hren, welches besagt, dass Ihr nicht vorhabt, echten Hardcore zurckzubringen, sondern dass Ihr ihn zurckerobern wollt. Es scheint, Ihr seid nicht wirklich glcklich mit der heutigen Szene.

Rob: ???
Colin: Das ist auf dem Euro-Release.
Rob: Was?
Colin: Das ist auf dem Euro-Release. Weit Du da nichts von?
Rob: Nein.
Colin: Ein Sample von Pete.
Rob: Warum erzhlt mir so was niemand?
Colin: Es ist unterschiedlich, Mann. Die US-Version unterscheidet sich von der europischen Version und auch die japanische Version ist wieder unterschiedlich.
Das Sample passt zu dem Song. Er handelt von der Szene heutzutage und dem, was Hardcore einmal war. Das ist wieder das gleiche Thema wie mit dem Mitt-90er-Kram. Das war die Zeit, in der wir alle da rein gekommen sind. Jetzt zehn Jahre spter ist es eine Kritik an allem, was verloren gegangen ist. Es ist nicht alles falsch und es ist nicht alles abgefuckt. Es gibt viele Kids, die eine Menge coole Sachen machen. Grere Tours sind heute mglich und Bands haben die Mglichkeit, das Vollzeit zu machen und die ganze verfickte Zeit um die Welt zu reisen. Das ist toll, aber auf eine gewisse Art ist es auch oberflchlich geworden und einiges ist auf der Strecke geblieben. Es ist schwer, das auszubalancieren mit all diesen neuen, verrckten, verfickten Mglichkeiten. Die Bands knnen reisen und fast so was wie einen Rockstar-Lebensstil fhren. Das Problem ist, das auszubalancieren mit den Wurzeln, von denen man wirklich kommt. Nicht alle schaffen das.
Rob: Das war richtig gut. Lass mich mal anmerken, dass ich sehr beeindruckt bin von Colins Hilfestellung. Ich bin beeindruckt von seiner zurckhaltenden, aber bestimmten Art. Das war ok.

Von Beginn an habt Ihr mit Trustkill zusammen gearbeitet. Ihr scheint mit dem Label sehr zufrieden zu sein.

Rob: Wir sind zufrieden mit Trustkill. Sie kmmern sich um den Vertrieb und die Werbung. Sie bringen gerade eine Menge Bands raus, die beachtet werden sollten. Die Zusammenarbeit funktioniert gut.

Werdet Ihr dann also auch in Zukunft mit ihnen zusammen arbeiten oder wollt Ihr einen Schritt nach vorne machen, indem Ihr ein greres Label findet?

Rob: Wir werden sehen, was passiert.

Ok. Dann hab ich eigentlich nur noch eine Frage, die ich am Ende eines jeden Interviews gerne stelle, um den Bands selbst noch die Mglichkeit zu geben, etwas los zu werden. Hast Du ein paar letzte Worte? Ich finde auch, dass eine Hardcore-Band eigentlich fr etwas einstehen und gewisse Werte vertreten sollte. Den meisten Bands fllt heute jedoch leider nicht mehr ein als Werbung fr ihre Homepage zu machen. Aber MPB ist ja eine Band, die etwas mehr zu sagen hat. Hast Du noch etwas, was Du den Leuten mitteilen mchtest?

Rob: h... Colin, hast Du ein paar letzte Worte?
Colin: Ich hab das jetzt nicht ganz mitbekommen.

Hast Du ein paar letzte Worte?

Rob:Letzte Worte? Hast Du irgendwelche abschlieenden Frze fr die Leserschaft?
Colin: Ich wei nicht.
Rob:Ich versuche, nicht zu viel zu denken. Zu viel Denken tut meinem Kopf weh.

www.mostpreciousblood.com

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