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19. Oktober 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

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CRIMINAL
Überall auf der Welt zu Hause
Sönke Hansen
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Ehrlich gesagt, der Name CRIMINAL hätte bei mir vor ein paar Wochen noch Reaktionen hervorgerufen wie "Neuer Mafiosi-Streifen?" oder "Nicht doch, ist alles legal, was ich da mache.". Das änderte sich drastisch an dem Tag, als ich ihren neuen, bereits fünften Langspieler "Sicario" zwischen die Finger bekam. Völlig gebannt lauschte ich den Tönen, die da aus meiner Anlage pesten, sich in meine Gehörgänge hafteten und mir laut gegen's Trommelfell brüllten: "Wir sind die pure Gewalt, wir heißen CRIMINAL und wir fressen gerade deine Seele!"
Aber das war durchaus ein fairer Tausch. So ließ ich diesen abgefahrenen Immer-mitten-in-die-Fresse-rein-Death-Thrashmetal an meinem Seelenstein naschen, und ich durfte mir im Gegenzug den Silberling von vorne bis hinten durchhören und mich beschallen lassen. Der Deal hatte sich anscheinend gelohnt, denn wie der Teufel es so wollte, hieß es ein paar Tage später, ich könne ein Interview mit Gitarrist, Sänger und Bandboss Anton Reisenegger von CRIMINAL führen. Wirklich mal cool. Und ab dafür!

Euer neuestes Werk "Sicario" präsentiert sich nicht nur unglaublich fett produziert, sondern besticht auch dadurch, dass es extrem brutal und dennoch eingängig daherkommt. Gerade letzteres unterscheidet Euren fünften Longplayer von seinem Vorgänger. War dies ein bewusster Schritt oder mehr eine unbewusste Entwicklung? Inwieweit spielt da die Rückkehr Eures Bassisten Kato eine Rolle?

Sagen wir's mal so: Wir haben uns nie hingesetzt und beschlossen, ein eingängigeres Album zu machen, es hat sich eher beim Songwriting so ergeben. Aber ich will auch gar nicht leugnen, dass zumindest ich persönlich mir schon Gedanken über die Reaktionen auf "No Gods" gemacht habe. Das hat dann wohl auch im Unterbewusstsein dazu geführt, dass die neuen Songs straighter ausgefallen sind. Was Katos Rolle betrifft, so war diese beim Songwriting eher unwesentlich, weil er erst dazu kam, als 90% des Materials bereits stand. Seine Anwesenheit war aber trotzdem wichtig, um uns das Bandgefühl zurück zu geben, was uns nach über einem Jahr mit Aushilfsbassisten etwas abhanden gekommen war.

Criminal

"Sicario" bedeutet auf Spanisch soviel wie "Auftragskiller". Wie kamt ihr auf diesen Titel?

Er passt halt sehr gut, weil er in Spanisch ist, etwas mit Südamerika zu tun hat und auch mit unserem Bandnamen. Ich habe erst den gleichnamigen Song geschrieben, und der Titel gefiel mir so gut, dass ich ihn der Band als Albumtitel vorgeschlagen habe, und die fanden ihn auch gut. Es geht in dem Song über Kids in Kolumbien, die mit 12 Jahren anfangen, Leute für Geld zu ermorden, und sich durch Drogen und ihren christlichen Glauben durchringen, so was zu tun. Das gibt's leider in Südamerika wirklich!

Die europäische Version von "Sicario" enthält den Bonustrack "Self Destruction", eine Neuaufnahme von Eurem Debüt "Victimized". Warum fiel die Wahl auf den Song?

Es ist nun mal einer unser beliebtesten Songs in Südamerika. Wir haben, als wir "Victimized" heraus brachten, ein Video zu dem Song gedreht, der hinterher permanent auf MTV lief. Man kann also behaupten, dass jeder südamerikanische Metaller diesen Song kennt! Wir spielen ihn auch gerne live, und das können wir jetzt auch in Europa.

Eure Gründung geht auf das Jahr 1991 in Santiago, Chile zurück; was war damals Eure Intension, extremen Metal zu machen?

Wir hatten damals irgendwie keine Ziele. Wir haben uns einfach nur gesagt "Hey, wir spielen extremen Metal so wie unsere Vorbilder SLAYER, KREATOR etc." Wenn man keine konkreten Erwartungen hat, dann ist ja praktisch alles, was man erreicht, ein Plus. Es war aber auch schwierig damals, und wir haben oft, auch schon bald nach der Gründung, über das Aufhören nachgedacht. Zum Glück sind wir aber so starrköpfig, dass wir uns gegen die widrigen Umstände durchsetzen konnten.

Welches war Deine erste Metal Platte?

Meine zwei Brüder sind älter als ich und hörten damals schon Hardrock wie Queen, UFO oder STATUS QUO. Irgendwann bekam ich dann von ihnen die "The Wild, The Willing And The Innocent" von UFO, die ich auch heute noch geil finde. Aber qualifiziert sich das als meine erste echte Metal-Platte? Danach war es, glaube ich, "Killers" von IRON MAIDEN.

Hierzulande haben die wenigsten nicht mal eine Vermutung davon, wie es um die Metalszene in Südamerika steht, mich eingeschlossen. War es da für Euch schwierig, Fuß zu fassen und sich zu etablieren?

Nicht so sehr. Also, es gibt in Chile schon seit den Achtzigern eine Metalszene, aber es lief damals alles noch im totalen Underground ab. Das hängt auch damit zusammen, dass damals noch der Diktator Pinochet das Land regierte. Erst in den Neunzigern ging auch was mit Metal in den öffentlichen Medien wie Radio und Presse, und da waren wir mit CRIMINAL so ziemlich zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Wir unterschrieben ziemlich schnell einen Major-Vertrag und es ging eine Zeit lang steil aufwärts mit uns. Und das ist zweifelsohne auch teilweise dem politischen Klima zu verdanken. Wir habe uns aber auch den Arsch abgespielt, hahaha!

Inzwischen seid ihr nach England übergesiedelt und du arbeitest jetzt bei Metal Blade, oder? Warum habt ihr Euch für diesen Schritt entschieden?

Das war teilweise eine persönliche Entscheidung. Ich bin erstmal alleine abgehauen, weil ich in Chile nichts mehr mit mir anfangen konnte. Als ich dann in England anfing, eine neue Band aufzubauen, wurde mir klar, dass das auch irgendwie CRIMINAL sein würde. Und Rodrigo ist mir dann ja auch ziemlich bald gefolgt. Heutzutage lebe ich in Deutschland und arbeite, wie du richtig bemerkst, bei Metal Blade. Der Rest der Band lebt aber weiter in Großbritannien.

Wo liegen die Unterschiede zwischen Chile, England und der BRD im Metalbereich?

Na ja, Deutschland ist schon recht konservativ, was den Metal angeht. England ist mehr trendy, obwohl die in letzter Zeit auch wieder richtigen Metal für sich entdeckt haben. Das kann natürlich ein weiterer Trend sein, man weiß ja nie. In Chile gibt es eigentlich für jede Stilrichtung ein Publikum, aber der Zugang zu CDs, Merchandise usw. ist preisbedingt natürlich viel schwieriger. Die Fans in Südamerika sind schon deswegen noch nicht so gesättigt und verwöhnt wie hier in Europa und sind mit viel mehr Leidenschaft bei der Sache.

Jetzt mal Hand aufs Herz; wo schmeckt das Bier am besten: Chile, England oder Deutschland?

Criminal

Deutschland, aber Chile hat den besten Wein!

Ihr habt bereits Bands wie KREATOR, SEPULTURA, THE HAUNTED und viele andere supportet und auf Wacken und dem Summer Breeze gezockt. Da gibt es doch bestimmt die eine oder andere Anekdote zu berichten...

Kultig war unsere Supportshow mit KREATOR, was übrigens unser erster Gig überhaupt als CRIMINAL war. KREATOR waren die erste internationale Thrashband, die nach Chile kam, und die Veranstalter hatten keinen blassen Schimmer, was da auf sie zukam. Die haben z.B. Ordner in Anzug und Krawatte vor die Bühne gestellt, was die Fans nur noch aggressiver gemacht hat. Das Ganze wäre fast ausgeartet, als das Publikum die Bühne stürmen wollte, die waren aber einfach nur aufgeregt, dass da endlich mal eine geile Band spielte!
Was auch geil war, war EXODUS mit Paul Baloff zu supporten, als der für eine Weile zur Band zurückkam. Ein wahres Party-Animal! Bei der Show in Buenos Aires haben EXODUS uns auf die Bühne geholt, um den Chorus von "Braindead" zu grölen. Unser Basser Kato hatte das aber irgendwie nicht mitgekriegt, und als wir auf die Bühne kamen, stand er gerade davor. In seinem Eifer, möglichst schnell auf die Bühne zu gelangen, übersah er, dass neben ihm ein Rollstuhl-Fahrer saß, und trat ihm irgendwie auf einen Fuß, natürlich unabsichtlich, aber der Rolli-Fahrer und seine Kumpels wurden dermaßen sauer, dass Kato den gesamten Song mit irgendwelchen Entschuldigungen und Erklärungen verbrachte.
Und dann war noch das Mal, als ich mit Lemmy Backstage eine Flasche Jack Daniel's gesoffen habe. Ich kann mich kaum noch an die Show erinnern!

Wann kann man Euch hierzulande das nächste Mal live bestaunen?

Ich hoffe bald! Das hängt aber auch von dem Support ab, den Metal Blade uns geben können (oder wollen). Ich schätze aber schon, dass wir allerspätestens Anfang nächsten Jahres wieder in Deutschland touren. Und einige Festivals sollten nächsten Sommer wohl auch drin sein!

Wünsche, Grüße, Lebensweisheiten?

Erstmal vielen Dank an dich für das Interview. Gruß an alle CRIMINAL-Fans in Deutschland. Und an alle Nicht-Fans: Checkt unser neues Album "Sicario" an, dann gehört ihr bald zur ersten Kategorie!

Dem kann ich mich nur anschließen...

www.criminal1.com

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