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18. Oktober 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

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PAIN OF SALVATION
Ein modernes Schöpfungsmärchen
Marek Schoppa
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Euer neues Album "BE" ist wieder mal ein großartiges Werk geworden. Doch wie stehst du nach dem Release dazu? Bist du mit dem Ergebnis voll zufrieden?

Ich bin nie völlig zufrieden und denke, dass ich diesen Punkt niemals erreichen werde. Zwar bemühe ich mich der vollkommenen Zufriedenheit immer näher zu kommen, glaube jedoch nicht an die so genannte Perfektion. In kreativer Hinsicht könnte man sie mit dem Prinzip der Lichtgeschwindigkeit vergleichen: man kann versuchen sich ihr anzunähern, kann sie jedoch nie wirklich erreichen. Natürlich bedeutet das nicht, dass man nicht versuchen sollte sich weiterzuentwickeln.

Meiner Ansicht nach ist es weniger heavy ausgefallen, als eure letzten Platten. "The Perfect Element I" beispielsweise beginnt direkt mit diesen harten Gitarrenriffs. "BE" hingegen braucht definitiv mehr Zeit um diese Dynamik zu entwickeln. Glaubst du euren Fans könnte das gewisse Einstiegsschwierigkeiten bereiten?

Naja, ich weiß nicht so recht. Ich denke nie darüber nach was ich schreiben sollte und was nicht. Dadurch riskiert man nämlich sich auf einen falschen Weg zu begeben. Mein Motto lautet: Schreibe einfach die Musik, die du bedingungslos liebst. So ist auch "The Perfect Element" entstanden. Die mögliche Akzeptanz der Fans folgt meist nachdem die Musik geschrieben wurde. Es sollte niemals andersherum geschehen.


Die Themen, auf welchen eure Alben aufbauen, sind größtenteils sehr tiefgründig. In wie weit erwartest du, dass sich die Leute mit diesen Konzepten befassen? Ist es für einen PoS Fan notwendig, sich intensiv mit den Texten auseinander zu setzten um die Musik zu verstehen, oder ist es möglich sich auch nur einem Aspekt zu widmen?

Also, ich sehe es als zwei Seiten einer Medaille. Ein Teil ist immer nur die Hälfte oder sogar auch gar nichts wert. Somit gehören beide Aspekte definitiv zusammen.

Noch bevor das neue Album überhaupt offiziell veröffentlicht wurde habt schon ihr diverse Shows in Schweden gespielt, insbesondere vor Schulklassen. Wie reagierten denn die Schüler und Lehrer auf eure Performance? Was war eure Intention hinter diesen Gigs und wessen Idee war dies?

Das ganze wurde im Allgemeinen als eine GUTE IDEE befunden. Es hat sich sehr gelohnt vor Kindern zu spielen, da man deutlicher aus ihren Gesichtern lesen konnte, als dies bei Erwachsenen möglich ist. Das war wirklich sehr interessant. Heutzutage wachsen die Kids mit einer Musikindustrie auf, die sehr produktorientiert ist und die goldene Regel vertritt: "Komme niemals deinem Weg ab!", was bedeutet, dass man stets einen gleichbleibenden Sound und gleiches Images haben muss. Man wird eher als Markenzeichen und weniger als Musiker gehandelt. Pain of Salvation sind jedoch eher das Gegenteil. Wie gehen immer unseren eigenen Weg. Trotzdem kamen die Kids zu unseren Konzerten und erwarteten einen gewöhnlichen Ablauf. Sie erwarteten bereits nach dem ersten Song fähig zu sein, die musikalische Darbietung vorhersehen und bestimmen zu können. Doch diese Genugtuung gaben wir ihnen nicht. Wir forderten ihnen mehr ab, was sie nach vier oder fünf Sogs zwingen sollte die Musik in einer differenzierten Art und Weise zu betrachten und sie bedingungsloser zu erleben. Für mich ist das die einzige Möglichkeit "BE" überhaupt auffassen zu können.

Wie kommen denn die lyrischen Konzepte eurer Platten im Allgemeinen zu stande?

Sie entstehen über lange Zeit hinweg in meinem Hinterkopf. Teile von Ideen legen sich dort ab, bis sie Freunde finden, mit denen sie spielen können. Und dann kommt der Moment, an dem sie bei mir anklopfen und mir sagen, sie würden gerne einen Club bilden.

"BE" handelt von einer bestimmten Beziehung zwischen dem Menschen und Gott. Soll die Platte in einem engeren religiösen Kontext gesehen werden? In wie fern war dein persönlicher Glaube beim kreieren dieses Konzepts beteiligt?

Nun, für mich ist Gott ein Teil von ANIMAE (man beachte das 'E' als feminine Endung) in diesem bestimmten Konzept. Ich vertrete die Theorie der Welt als Fraktalsystem. Der mathematische Fraktalbegriff sagt aus, dass sich bestimmte Strukturen auf verschiedenen Ebenen wiederholen. Von kleinsten Formen zu den größten können entsprechende Strukturen wiedererkannt werden, wie zum Beispiel die Form eines Baumes in jedem kleinsten Ästchen wiedergefunden werden kann. Außerdem glaube ich, dass dieses System in seiner Gesamtheit nur eine bestimmte, endliche Fortführung der Fraktalkette ermöglicht, was ich als das "fraktale Fenster" bezeichne. Je näher man nun dem Ende dieser Kette kommt, werden die Strukturen immer obskurer und werden daher sehr leicht falsch interpretiert.
Gott ist, meiner Meinung nach, eine solche Misinterpretation. Sie muss nicht zwangsläufig falsch sein, doch ist sie eine unzureichende und fragmenthafte Interpretation des Schöpfungsprozesses unserer Welt wie wir sie kennen (unsere spezifische Welt in einem System von Welten).
Worauf sich "BE" bezieht ist ein großer Existenzialismus und die weltliche Struktur. Es ist ein modernes Märchen der Schöpfung, welches versucht all die verschiedenen Pfeiler der menschlichen Glaubensrichtungen zu vereinen, von denen die Religionen lediglich einen kleinen Teil ausmachen. In anderen Worten, der Unterschied zwischen Gott und Animae ist ein Unterschied in der Ebene der Fraktalkette. Animae verhält sich zu Gott wie das Wort "Animal" zu dem Wort "Mammal"o.ä..
Diese Theorien, mit denen ich mich beschäftigt und die, die ich selbst entwickelt habe sind recht komplex. Sie zeigen die Welt nicht unbedingt so, wie ich sie sehe, aber es ist eine Möglichkeit mit den verschiedenen heutigen Puzzleteilen umzugehen und sie in einen funktionierenden Kontext zu betten. Es handelt sich um eine umfassende Theorie, obwohl sie hypothetisch und fiktiv ist.

Welche Art von Musik hörst du dir privat am liebsten an? Stehst du eher auf dieses Progressive -, Technical – Metal Ding,wie zum Beispiel Watchtower oder Spastic Ink, für die du übrigens auf "Ink Complete" auch einen Vocalpart übernommen hast? Oder widmest du dich eher klassischer Musik, Jazz o.ä.?

Ich bevorzuge eigentlich keine spezielle Musikrichtung. Es gibt immer gute und schlechte Musik in jedem Genre. Metal höre ich generell sehr wenig, insbesondere Prog – Metal. Zur Zeit laufen bei mir die drei Alben von RITUAL, Soundtracks zu KILL BILL VOL 1 und DARK CRYSTAL, John Denver und Taiwanesische Musik.

Was war es denn für eine Erfahrung mit Jon Jarzombek ( Gitarrist von WATCHTOWER und SPASTIC INK ) zusammen zu arbeiten? Schließlich kreierten WATCHTOWER das eigentliche Prog – Metal Genre. Keine Band vor ihnen spielte dermaßen abgefahrenes Zeug ...

Ich fühlte mich sehr geschmeichelt, als er mich kontaktierte. Ich erinnere mich noch genau, als ich mir als 16 jähriger im Plattenladen die WATCHTOWER Alben anhörte und völlig von den Socken war.
Heutzutage beeindrucken mich in technischer Hinsicht nur sehr wenige Sachen. Es ist wie mit einem Puzzle, sobald man es einmal zusammen gesetzt hat, verliert man das Interesse es noch einmal zu tun. Ich mag Musik, die man nicht einfach links liegen lassen kann. Ein emotionales Puzzle, welches nie komplettiert werden, doch ausgebaut werden kann. Je mehr Möglichkeiten man erwirbt die Struktur des Puzzles nachvollziehen zu können, desto langweiliger wird es mit der Zeit. Zumindest für mich.

Jetzt mal generell. Was sind deine Zukunftsvisionen für PoS? Denkst du, dass ihr jemals so groß werdet wie zum Beispiel DREAM THEATER es sind? Oder werdet ihr immer Musik für einen kleinen Kreis eingefleischter, verrückter Fans machen?

Keine Band des Prog Genres wird jemals so groß werden können, wie es DREAM THEATER Anfang der 90er waren. Die Szene hat sich gewandelt. Damals waren sie erfolgreich, weil sie anders waren. Heute scheint keine Band mehr zu versuchen anders zu sein und um ehrlich zu sein, ist es auch nicht sonderlich erwünscht, seitens der Musikindustrie und auch der Presse. Man soll stets nur ein bisschen anders sein, aber nicht ZU viel. Du musst ständig vorhersehbar bleiben.

Was mich natürlich noch brennend interessiert ist: Werdet ihr in Deutschland noch ein paar Gigs spielen um die neue Platte zu promoten?

Wie es aussieht werden wir im März '05 eine Europatour durchziehen und Deutschland ist natürlich auch auf der Liste.


Und zum Abschluss noch eine kleine Frage bezüglich des Endes der "BE" - Story:
Was befindet sich im Inneren des mysteriösen "Raumschiffs", der Nauticus? Was trägt es auf seiner Reise? Ein Kind, DNS, einen Computer, allgemein organisches Material, ... ? Es gibt so viele Fragen, doch nur so wenige antworten ...


Es handelt sich eher um eine Sonde, als um ein Raumschiff. Es ist eine intelligente Sonde, welche alles Wissen beinhaltet, das die Menschheit je über die Strukturen des Lebens zusammen tragen konnte. Zudem beinhaltet sie Tardigraden, diese erstaunlichen kleinen Kreaturen, welche stets als Objekte wissenschaftlicher Diskussionen auftauchen, sobald eventuelle Möglichkeiten thematisiert werden, die die Wiege des Leben nicht auf der Erde suchen. Vielmehr eine Infizierung ( über Panspermien ) von außerhalb, von anderen Planeten in Betracht ziehen. (wer möchte kann sich kann sich hier zusätzliche Informationen über die Panspermie-, oder hier über die Tardigradentheorie einholen -Anm. MS)
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