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20. Oktober 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

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BLIND EGO
Keine Ego Probleme!
Peter Hollecker
www.blind-ego.com


Kalle Wallner, seines Zeichens Gitarrist bei den sddeutschen Soft-Proggies RPWL, geht nach sieben Jahren mal wieder fremd. Blind Ego heit sein Projekt, mit dem er bisher zwei Alben verffentlichte. "Mirror" erschien 2007 und "Numb" zwei Jahre spter. Das Konzept sah jeweils vor, dass verschiedene Snger die Songs darboten. Das hat sich auch auf dem neuen Langeisen nicht gendert, allerdings ist die auf "Liquid" zu hrende Musik irgendwie griffiger geworden und nicht mehr so sehr im progressiven Metier zuhause. Und obwohl sieben Jahre ins Land zogen, lag der Songwriter, Gitarrist und Produzent Kalle Wallner alles andere als auf der faulen Haut. Die Grnde hierfr und alles Wichtige ber das neue Werk erzhlt mir der beraus motivierte und auskunftsfreudige Musiker.

Das Wetter ist zurzeit ein Traum hier. Ich sitze gerade hier drauen im Halbschatten und geniee es einfach hier arbeiten zu drfen. Wir sind ja hier in Freising zwar zwischen Startbahn und Metropole, aber trotzdem fhlt man sich wie auf dem Land.

Genieen ist ein gutes Stichwort, denn das neue Blind Ego Album ist richtig stark geworden. Meine erste Frage lautet deshalb, ob du beim Songwriting schon bestimmte Snger im Kopf hast fr die einzelnen Songs?

Nein, so funktioniert das bei mir nicht. Ich bin ja Gitarrist und ein neues Stck beginnt bei mir meistens ganz klassisch mit einem Riff oder einem anderen musikalischen Element. Ich komponiere fleiig drauf los und daraus wird dann irgendwann eine Stoffsammlung, bei der ich noch nicht einmal wei, fr wen oder was ich das Stck einmal benutzen werde. Ich wei zwar aus Erfahrung, was meinem Kollegen, dem Yogi (Lang, Snger von RPWL-der Verf.) ganz gut gefallen knnte, weshalb die Sachen fr RPWL dann recht schnell in einen anderen Ordner kommen. Aber daran denke ich beim Komponieren noch nicht. Bei Blind Ego ist es im Grunde genommen genauso. Meine Wurzeln liegen ganz klar im Rock und Hard Rock der Achtziger Jahre begrndet und ich bin mit Metal aufgewachsen. Eines meiner ersten Konzerte war von Metallica, die mit "Master Of Puppets" auf Tour waren! Die alte Liebe lt mich halt nicht los, weshalb die Idee von meinem Solo-Projekt damals war, da man auch gerne mal die andere musikalische Seite machen will, ohne mit einem anderen Schreiber oder Co-Autoren Kompromisse zu schlieen. Aber trotzdem schreibe nur das, was ich auch gut finde. Da kann durchaus auch mal ein Popsong dabei sein, denn ich schreibe ja auch fr andere Knstler. Die Entscheidung fr wen oder was ich meine Musik benutze fllt erst spter.

Nach welchen Kriterien suchst du dir dann deine Snger aus?

Ich habe ja den Luxus, dass ich hier in unserem Studio die ganze Vorproduktion selbst machen kann. In dieser Phase singe ich tatschlich die Songs selbst, weil die Texte ja auch von mir sind. Ich denke meine Stimme ist ganz okay, doch fr meine Vorstellungen von den Stcken einfach nicht gut genug. Yogi hat mich sogar darin bestrkt, mal selber zu singen, doch ich bin zu selbstkritisch dafr. Deshalb mchte ich lieber mit anderen Sngern arbeiten. Wenn ich meine Stimme aus den Vorproduktionen mit den fertigen Songs vergleiche, ist es mir immer eine Freude nicht selbst gesungen zu haben und auf richtige Snger zurckgegriffen habe. Auf dem ersten Blind Ego Album hatte ich John Mitchell von It Bites und Paul Wrightson von Arena. Das Schne an einem Projekt ist ja, da man aus dem klassischen Bandgefge, bei dem es eine feste Stimme gibt ausbrechen und sich ausprobieren kann. Auch das Arbeiten mit anderen Musikern, auch wenn es nur zwei oder drei Leute sind, macht ungeheuren Spa. Nicht zu vergessen, dass jeder auch eine Menge neuen Input in die Musik bringt, auch wenn die eigentlichen Songs schon fertig sind. Das treibt auch meine persnliche Entwicklung voran. Fr das aktuelle Album war der Arno Menses schon mein Wunschkandidat, doch er wollte seinen Fokus nicht fr ein ganzes Album von Subsignal abwenden. Ich bin deshalb froh, dass es wenigstens fr drei Stcke gereicht hat. Zustzlich brauchte ich dann noch einen Metalhead, den ich mit Erik Ez Blomkvist gefunden habe. Er wurde mir von unserem Schlagzeuger Michael Schwager empfohlen, der schon mal mit ihm gearbeitet hat. Ein toller Snger mit ausdrucksstarker Stimme. Vom Ergebnis bin ich extrem begeistert, was natrlich auch genauso fr Arno gilt. Fr die Ballade "Speak The Truth" war mir dagegen relativ schnell klar, dass ich Aaron Brooks von Simeon Soul Charger fragen mchte.

Was mich freut ist die Tatsache, dass ihr zusammen mit Subsignal bald auf eine richtige Tour geht. Frher gab es von Blind Ego lediglich vereinzelte Konzerte. Da ist es doch praktisch, dass Arno mit dabei ist und seine Songs selbst singen kann, oder? Auerdem spielt der Bruder von deinem Drummer Michael, Ralf Schwager den Bass bei Subsignal. Die Tour wird somit zu einer Art Familienausflug.

Haha, ja, da hast du wohl Recht! Doch leider werden wir auf der Tour nicht komplett mit den Musikern auftreten, die auch die Platte eingespielt haben. Erstens ist es logistisch enorm schwer, alle Musiker fr einen bestimmten Zeitraum unter einen Hut zu bekommen, denn jeder hat seine eigene Band oder Projekte als Verpflichtungen. Heiko Jung ist mit Panzerballett beschftigt und Erik steht auch nicht zur Verfgung. Zweitens wollen wir auch Songs von den anderen Blind Ego-Alben spielen, die wiederum von anderen Sngern eingesungen wurden. Vielleicht kann ich Arno dazu bewegen, ein Stck fr uns zu singen, das wre schon super, denn ich mchte Subsignal auch von Blind Ego trennen, weil es der Band nicht wrdig wre. Aber ich kann dir versichern, dass wir mit Scott Balaban aus Mnchen einen sehr starken und vielseitigen Snger mitnehmen werden. Er singt eigentlich bei Amon Ra, die ihre erste Platte gerade wiederverffentlicht haben. Er stammt ursprnglich aus Amerika und hat richtig Bock auf das Projekt. Auerdem passt er menschlich perfekt zum Rest der Truppe, ich bin sehr glcklich dass es klappt. Auerdem haben wir noch mit Julian Kellner von Dante einen zweiten Gitarristen dabei, das gibt mehr Punch! Wir werden also in einer klassischen Rockbesetzung unterwegs sein und garantiert eine tolle Zeit haben.

Davon bin ich berzeugt. Wieso hat es eigentlich so lange gedauert bis es zum dritten Blind Ego Album kam, immerhin waren es sieben Jahre?

Ganz einfach, weil ich mit anderen Dingen derart beschftigt war, dass ich die ntige Ruhe fr mein Projekt nicht gefunden habe. Wir haben mit RPWL Platten, auch Live-Platten und DVDs gemacht und waren viel unterwegs. Auerdem haben wir 2010 ein eigenes Label "Gentle Art Of Music" gegrndet und mussten richtig fleiig sein. In der schwierigen Grndungsphase hatte ich einfach nicht den Kopf frei geschweige denn mal zwei, drei Wochen am Stck Zeit, um mich um Blind Ego zu kmmern. Von daher freut es mich jetzt umso mehr, dass es doch noch zu einer neuen Scheibe gekommen ist, es ist ja quasi ein Comeback-Album, haha! Wir starten jetzt nochmal von vorn, das ist mir schon klar. Die ersten Resonanzen auf "Liquid" sind jedoch beraus positiv und das es im Januar sogar auf eine kleine Tour geht ist umso erstaunlicher. Mal sehen, wohin die Reise noch geht!

Da hat sich ja viel getan bei euch und dir persnlich. Ich stelle es mir schwierig vor, Musik, Studio und Labelarbeit gleichzeitig unter einen Hut zu bekommen. Da gehrt ja ungeheuer viel dazu, angefangen von Talentsichtung, Werbemanahmen ber Pressetexte schreiben bis hin zum geschftlichen Teil. Hast du denn auch eine wirtschaftliche Ausbildung?

Wirtschaftlich bin ich Quereinsteiger, aber ich mache das ja auch nicht alleine. Das wre ja tatschlich nicht zu bewltigen, Vieles haben Yogi und ich ausgelagert und einigen freiberuflichen Mitarbeitern berlassen. Zum Beispiel haben wir ein super Promo-Team. Der Name "Gentle Art Of Music" ist bewusst gewhlt, denn wir wollten den Bezug zu RPWL herstellen. Er ist ursprnglich dem RPWL-Song "Gentle Art Of Swimming" entliehen, spter verffentlichten wir unter dem Titel jedoch unsere Best-Of CD. Eigentlich wollten wir zuerst nur unsere eigenen Platten ber das Label verffentlichen, weil damals die SPV Pleite gemacht hat. Da wir ja vorher auch schon Erfahrungen hinsichtlich Management gemacht haben, gingen die Plne schon in diese Richtung. Mittlerweile sind wir schon bei 50 Verffentlichungen angelangt, das ist fr ein immer noch kleines Label eine ganze Menge. Die Infrastruktur, die zuerst nur fr RPWL gedacht war, konnten wir so auch fr andere Bands nutzen, worauf wir wirklich stolz sind! Mittlerweile arbeiten wir europaweit und sind im gesamten Rockbereich ttig, auch wenn wir vornehmlich als Prog-Spezis gelten. Wenn man sich alleine Panzerballett ansieht, die einen extremen Sound spielen und auch bei uns gelandet sind. Nein, die Vielfltigkeit ist eine Strke von uns und es gibt so viele groartige Gruppen aus Deutschland, die noch nicht so bekannt sind. Klar, es ist viel Arbeit, aber wir sind hochmotiviert und wenn man erfolgreich ist, macht einem die Arbeit auch nichts aus. Wir sehen uns als Indie-Label, das den Auftrag hat auch junge aufstrebende Bands aus Deutschland zu frdern und ihnen eine Plattform zu geben. Ein Beispiel dafr sind Dante, eine sehr talentierte Gruppe, die bisher von der Presse eher stiefmtterlich behandelt wurde, obwohl sie unberhrbare Qualitten hat.

Gegen Ende unseres Interviews mchte ich nochmal auf Blind Ego zurckkommen. Es fiel mir auf, dass du immer nur mit Sngern, also Mnnern gearbeitet hast und noch tust. Nie mal an einen Song gedacht, der von einer Frau gesungen wird?

Ehrlich gesagt nicht. Es soll jetzt nicht frauenfeindlich klingen, aber die Themen in meinen Songs sind halt eher aus der Ich-Perspektive geschrieben, und ich bin halt nun mal ein Mann, haha! Meine Songs sind emotionale Momentaufnahmen, bei denen es zwar auch schon mal um eine Frau gehen kann, aber die Regel ist es nicht. Klar, nicht jeder Song ist autobiografisch, vieles ist auch bertrieben dargestellt oder erfunden. Man sagt ja immer "Traue immer der Kunst, aber nie dem Knstler", aber ich hre in meinen Liedern keine Frau. Ich habe da noch nie so genau drber nachgedacht wenn ich ehrlich bin, aber ich denke, dass meine Texte von einem Mann gesungen werden sollten. Ich habe im letzten Song eine Frau im Chorgesang, das sollte reichen, haha! !

Auf dem Cover ist doch tatschlich dein Gesicht abgebildet, was auf den ersten beiden Platten auch nicht der Fall war.

Gerne, es ist tatschlich eine echte Fotografie und es wurde nicht am Computer nachbearbeitet oder hnliches. Ich finde, dass es das Grundthema auf "Liquid" sehr gut transportiert. Es ist zwar kein Konzeptalbum, aber in vielen Songs geht es darum, das es im Leben nicht nur ein Schwarz oder Wei gibt, sondern auch viele Grautne dazwischen.

Ein paar Tage vor unserem Interview habt ihr ein Video auf youtube sowie eurer Website zur Single "Blackened" verffentlicht. Das ist im Genre der progressiven Musik aus Deutschland nicht gerade blich.

Ja, das stimmt wohl. Doch wir wollten fr die Platte eine bestmgliche und zeitgeme Promotion, wozu ein schnes Video auch dazugehrt, oder? Wir drehten es im Alten Energiebunker in Hamburg, eine irre Location! Da gibt es Kunstausstellungen, ein nettes Caf oder man kann die Rumlichkeiten fr alle mglichen Sachen mieten. Fr uns Sddeutsche war das zwar eine halbe Weltreise, aber es hat sich absolut gelohnt. Sebastian Harnack von Sylvan fhrte Regie und ich muss ihm einen verdammt guten Job attestieren! Sylvan ist auch so eine unterbewertete Band aus Deutschland, die es verdient hat eine grere Aufmerksamkeit zu erlangen!

Wir hoffen, dass auch Blind Ego die erhoffte Aufmerksamkeit bekommen wird. Die Voraussetzungen sind sehr gnstig dafr, denn mit "Liquid" wurde eine bemerkenswerte und die meiner Meinung nach bisher strkste Platte eingespielt. Und "Blackened" ist darauf die ideale Single, die man sich sogar im Radio gut vorstellen knnte. So bleibt jetzt nur Daumen drcken und die Konzerte ab Januar mit Subsignal besuchen.

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