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23. November 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

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In EXTREMO
Hart und wütend!
Peter Hollecker
www.inextremo.de


Im letzten Jahr feierten unsere Mittelalter-Rocker von In Extremo schon ihr 20-jähriges Bühnenjubiläum. Standesgemäß wurde dieser schöne Anlaß mit dem "20 Wahre Jahre" Festival-Wochenende auf der Loreley inklusive Unplugged-Konzert auf einem Ausflugsdampfer sehr intensiv und donnernd gefeiert. Das Ganze wurde sogar vom WDR gefilmt und unter dem beliebten Rockpalast Banner bundesweit ausgestrahlt. Das zeigt den Stellenwert von In Extremo in der hiesigen Musiklandschaft recht deutlich, den sich die Band jedoch redlich und mühsam über die Jahre erarbeitet hat. Man kann sogar mit Fug und Recht behaupten, dass die sieben Spielleute das Genre des Mittelalter Rock gegründet und damit entscheidend geprägt haben. Nun ist der Pyro-Rauch der Feierlichkeiten jedenfalls verflogen und das neue Album "Quid Pro Quo" steht in den Regalen. Von Ruhe nach dem Sturm kann dabei nicht die Rede sein, ganz im Gegenteil. Denn so hart und wütend wie auf ihrem zwölften Studiowerk hat man die Band lange, ich bin geneigt zu sagen gar noch nie gehört. Auf ihrem dreitägigen Promotion-Marathon durfte ich mich ausgiebig mit Schlagzeuger Florian Speckardt unterhalten. Der wird jedoch von allen nur Specki genannt.

Hallo Specki, schön mal wieder mit dir quatschen zu können. Bei unserem letzten Gespräch in Dortmund anlässlich der Veröffentlichung von "Sterneneisen" warst du mir auch schon ein angenehmer und mitteilungsfreudiger Gesprächspartner. Wir hatten einen feucht-fröhlichen Abend an der Theke im Piano Club, kannst du dich erinnern? Micha konnte damals das Interview nicht mehr führen, weil er etwas zu tief ins Glas geschaut hat, eine sehr schöne und gelungene Veranstaltung war das!

Klar kann ich mich erinnern, gerade weil wir diese Treffen und Listening Sessions selbst immer sehr genießen, weil wir dort die ersten Reaktionen ungefiltert und direkt bekommen. Ja, unser Micha ist ein trinkfreudiger Geselle, haha!

Okay, ich möchte unsere Fragerunde mit dem letzten Jahr beginnen. Wie schwer war es für euch, nach diesem gigantischen "20 Wahre Jahre"-Festival zur Normalität, sprich Arbeiten zum neuen Album zurückzukehren?

Puh, gute Frage (dafür sind wir ja bekannt liebe Leser-Anmerk. des Verf.)! Die Loreley hat uns letztes Jahr wirklich geflasht. Wir hatten ja zwei ausverkaufte Konzerte, was auch für uns absolut nicht selbstverständlich ist, denn das Gelände ist sehr groß. Aber das ganze Drumherum und die Gigs haben sehr gut funktioniert, was auch für alle Gäste Bands galt, die hervorragende Arbeit geleistet haben. An erster Stelle muss ich jedoch unsere Fans nennen, denn ohne deren Erscheinen geht sowas überhaupt nicht. Und genau daraus haben wir ungeheuren Rückenwind zu den Arbeiten an unserem neuen Album "Quid Pro Quo" mitgenommen, was sich sowohl in der Lust am Arbeiten als auch an der Energie bemerkbar machte. Ebenfalls hat uns das eine gewisse Selbstsicherheit gebracht, die wir während der Produktion gespürt haben, das darf man nicht vergessen.

Also kann von der berühmten Pflicht nach der Kür nicht die Rede sein?

Überhaupt nicht. Es ist auch nicht so, dass wir bei dem Album von einem Neustart reden oder sowas. Die zwanzig Jahre waren mit Sicherheit eine Art Zäsur, bei der man sagt okay, wo kommen wir her und wo wollen wir noch hin, logisch. Aber ehrlich gesagt hatten wir gar nicht so lange Zeit um in Lethargie zu verfallen und die Füße stillzuhalten, denn wir haben schon im September 2015 mit der Vorproduktion angefangen. Pünktlich am 08. Januar 2016 sind wir dann schon in die Principal Studios eingeritten, um mit wehenden Fahnen das neue Album zu produzieren.

Eine letzte Frage zu eurem Jubiläum sei mir bitte noch gestattet, bevor wir zum neuen Album kommen. Der WDR strahlte ebenfalls eine sehr interessante Doku über euch aus, bei der ihr die Kamera und damit auch die Fans sehr nah an euch herangelassen habt. Wie fielen die Reaktionen darauf aus und sind die Gigs auf der Loreley inklusive dieser Doku nicht Stoff für eine DVD?

Die Feedbacks fielen allesamt nur positiv aus. Sieh mal, diese Band gibt es jetzt seit mehr als zwanzig Jahren und viele Fans sind auch schon seit Anfang an dabei und treue Weggefährten. Aber es gibt auch viele, die nicht genau wissen wie es mit uns angefangen beziehungsweise sich die ganze Sache entwickelt hat. Es war schließlich auch gar nicht so einfach, den Mittelalter Rock salonfähig zu machen und war schon mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Man hat auch Scheiße gefressen, hat sich mit dem Management gestritten, untereinander ging es auch nicht immer nur harmonisch zu und es war teilweise ein steiniger Weg. Insgesamt hat die Band viel Lehrgeld bezahlt und die Wurzeln von In Extremo werden in dieser Doku wunderbar aufgezeigt. Und ja, wir sind der Meinung dass man das auf "Quid Pro Quo" all das hören kann. Um zu deiner Ausgangsfrage zurückzukommen: Ja, Gespräche hinsichtlich einer Veröffentlichung auf DVD laufen, doch zuerst legen wir den Fokus auf unsere neue Scheibe und die anschließende Tour.

Danke schön für diese Infos. Nun ist "Quid Pro Quo" endlich fertig und mir gefällt die CD außerordentlich gut. Zu den speziellen Einzelheiten komme ich gleich nochmal zurück. Wann merkt ihr als beteiligte Musiker selbst, dass es eine gute, vielleicht sogar eine extrem gute Scheibe wurde?

Nun, wir sind ja alle nicht von gestern und machen diesen Job schon eine ganze Weile, um es mal etwas überspitzt auszudrücken. Da ist eine gewisse Erfahrung natürlich auch an gewissen Stellen sehr hilfreich, denn wir wissen, dass dich ein Bauchgefühl auch mal täuschen kann. Wir sind auch nicht so vermessen um zu behaupten, dass es unser bestes Album bisher ist, dazu sind wir auch zu geerdet. Klar, eine einundzwanzig Jahre alte Band, die zwei Millionen Alben verkauft hat, einige Nummer Eins Hits hatte und reichlich Gold und Platin-Platten im Wohnzimmer hängen hat darf schon selbstbewusst genug sein, um zu spüren, dass die neue Platte eine Ansage ist und wir vor allem noch nicht satt sind! Unser Weg geht ganz klar nach vorne. Für mich persönlich ist eine Platte unter einem guten Stern geboren, wenn ich die Songs morgens unter der Dusche mit grölen kann…und das kann ich bei "Quid Pro Quo" wunderbar!

Das kann ich guten Gewissens bestätigen! Ein neues Langeisen wird automatisch von uns Journalisten, aber auch von den Fans mit dem Vorgänger verglichen. Der "Kunstraub" ist nun auch schon wieder fast drei Jahre alt. Was sofort auffällt ist die Tatsache, dass aktuell wieder der Metal im Vordergrund steht und "Quid Pro Quo" an vielen Stellen ganz gehörig rockt.

Ja, das ist genauso und macht es sicher zu dem härtesten In Extremo Album bisher. Es ist aber nicht so, dass wir in der Vorbereitungsphase mit der Brechstange rangegangen wären, um den Songs eine Extraportion Punch und Gitarren zu verpassen. Es war vielmehr so, dass wir die Stücke einfach mal fließen lassen wollten und ausprobieren wollten, wie sich die Stücke beim Jammen und Spielen anfühlen. Es ist schließlich so, dass wir als Musiker mit den neuen Sachen viele Jahre leben müssen und einiges davon sicher immer wieder oder vereinzelt live an den Mann bringen wollen. Wenn wir die Songs etwa weichgespült gemacht hätten und dann auf der Bühne merken, dass wir andersherum jetzt richtig vom Leder ziehen könnten, wäre das auch fatal, oder? Das ist uns bisher ganz gut gelungen und die Energie war noch dermaßen vorhanden, dass wir mal richtig auf die Kacke hauen wollten. Ich denke, dass wir damit keinen Fehler gemacht haben. Obwohl ich das wohl am ehesten auf der Tour merke, wenn mir nach dem zehnten Song die Puste ausgeht, haha! Vielleicht rudern wir dann auf dem nächsten Album etwas zurück.

Gehe ich recht in der Annahme, dass "Störtebeker" die erste Single wird?

Nein, die erste Single wird "Sternhagelvoll" und wir hatten am vergangenen Samstag dazu einen feucht fröhlichen Videodreh in Berlin. Das Video wird, wenn die Leser euer Heft in den Händen halten schon draußen sein. Aber "Störtebeker" wird höchstwahrscheinlich die zweite Single werden.

Der "Moonshiner" wäre natürlich auch sehr gut dazu geeignet.

Stimmt, da pflichte ich dir bei. Wer weiß, vielleicht gibt es ja noch eine dritte Single, das Jahr ist lang. Es würden auch noch andere Stücke passen unserer Meinung nach, weshalb wir in dieser Frage ein Luxusproblem haben.

Im Vergleich zu den Vorgängern wurde das Cover ebenfalls mal ganz anders. Einfach ein Foto von euch als prügelnde Halunken und wo das Kunstblut spritzt, sehr witzig.

Genau, das Cover stellt uns als Band eben etwas augenzwinkernd, aber grundsätzlich realistisch dar. In Extremo ist der bunte Haufen, der sich auch mal zankt. So drastisch wie auf dem Cover geht es bei uns natürlich bei Weitem nicht zu, aber in einer so langen Karriere muss auch mal Tacheles gesprochen werden. Aber du hast das Backcover und das Booklet ja noch nicht sehen können, da wird dann der Eindruck wieder revidiert. Ganz wie es der Spruch "Quid pro Quo", also Nehmen und Geben sagt, ist auf dem Frontcover das Austeilen gezeigt und auf dem Backcover gibt es dann die Verbrüderung.

Bei gleich zwei neuen Liedern steht das Thema Russland im Vordergrund. Ich möchte jetzt jedoch auf keinen Fall eine politische Diskussion über Putin lostreten, denn ihr seid keine politische Band und wir kein dementsprechendes Magazin. Hat denn von euch jemand russisches Blut in den Adern?

Also so echtes russisches Blut fließt von uns bei niemandem, doch wie du weißt stammen fünf Siebtel der Band aus der ehemaligen DDR. Die sind also mit dem großen Bruder Russland aufgewachsen und ich glaube, daß damals auch russisch in der Schule Pflichtfach war, weshalb die fünf auch sehr gut russisch sprechen. Außerdem ist es so, daß wir seit vielen Jahren regelmäßig in den russischen Staaten eine Tour machen, wie dieses Jahr im September auch wieder. Wir pflegen eine sehr enge und menschliche Beziehung zu unseren Fans da drüben und über die Zeit ist bei uns so etwas wie Liebe zu dem Land entstanden. Die Leute dort sind sehr herzlich und wir begegnen uns quasi auf Augenhöhe, was großen Spaß und Freude bringt. Wir haben ja auch den "Schwarzen Raben" auf dem Album und ich denke, dass wir den da rauf und runter spielen werden. Das ist nämlich ein altes, russisches Volkslied, das in Russland wirklich jeder kennt. Der schwarze Rabe stellt dort sowas dar wie bei uns der Sensemann.

Beim Titelstück fließt im Text eine gute Portion Sozialkritik ein, das kannte ich so direkt von euch bisher auch noch nicht.

Stimmt, aber es wurde auch von unserer Seite wirklich mal Zeit, denn wir leben in einer schwierigen Zeit, in der sich viele Sachen in den Medien hochschaukeln, die uns nicht gefallen können und wozu wir einfach mal was sagen wollten. Deswegen sind wir noch lange keine politische Band wie du eben ja schon treffend gesagt hast, aber es gibt halt gewisse Dinge, wo man nicht einfach wegsehen kann und möchte. Wir sind auch keine Band, die durch die Texte anderen vorgibt, ihre Denkweise zu ändern oder Vorschläge unterbreiten, was sie zu tun oder lassen haben. Was wir wollen ist Hinweise geben. So zum Beispiel auch mit "Lieb Vaterland Magst Ruhig Sein", einem klaren Anti-Kriegs und –Gewaltsong darauf hinzuweisen, was in unserem Land so abgeht und wo wir als Band stehen.

Sehr wichtiges Thema, was gerade von Künstlern und Journalisten zurzeit sensibel angepackt werden sollte, ich sage nur Jan Böhmermann und dessen Schmähgedicht. Doch wieder zurück zu In Extremo. Was bei euch ja schon Tradition hat sind die Gäste, die auch auf dem neuen Album wieder vertreten sind. Ihr pfeift dabei immer wieder auf Genres oder Stile, was mir besonders im Fall Götz Alsmann beim "Spielmann" besonders gut gefallen hat. Denn mit Hansi Kürsch von Blind Guardian und der Band Heaven Shall Burn hat ebenfalls niemand gerechnet.

Beim "Flaschengeist" machen nur die beiden Sänger von Heaven Shall Burn, Ali und Molle mit. Kontakt zu den Musikern, auch zu Hansi, haben wir schon seit vielen Jahren. Man trifft sich immer wieder mal auf den verschiedenen Festivals und lernt sich so auch bei den After Show Partys privat näher kennen. Das das meistens Musiker von völlig anderen Genres sind, liegt dabei in der Natur der Sache, denn die Verantwortlichen eines Festivals würden niemals zwei Mittelalter Rock Bands verpflichten, es sei denn es ist ein spezielles und genretypisches Festival wie das "Mera Luna" oder so, das ist klar. Aber in Wacken oder Balingen tritt immer nur eine auf. Jedenfalls bringen diese Treffen meistens den Stein ins Rollen. Wir hatten immer sehr verschiedene Gäste wie der von dir angesprochene Götz Alsmann, Thomas D. von den Fantastischen Vier, Rea Garvey oder Silbermond haben mal einen Song von uns gecovert. Es fängt immer auf der privaten Ebene an und wenn wir im Studio zusammensitzen, unterhalten wir uns über den ein oder anderen in Frage kommenden Gastmusiker. Wenn es paßt, laden wir diejenigen ein und es bedarf dann meistens nur einen kurzen Anruf. Im Falle von Hansi, Ali und Olli war es wiederum sehr speziell, denn sie singen ja eigentlich in ihren Bands englisch. Es war also für sie absolutes Neuland und sie sprachen auch davon, dass es teilweise schwierig für sie gewesen sei einen Text so zu singen, daß man verstanden wird. Doch letztendlich hatten alle großen Spaß an der Sache und das Ergebnis kann sich doch hoffentlich hören lassen.

Auf jeden Fall, was genauso für das gesamte Album gilt meiner Meinung nach. Was steht jetzt in den nächsten Tagen und Wochen für euch an?

Die nächsten Tage sind Micha, Kay und ich mit Promotion und Interviews beschäftigt. Dann geht es für uns alle mit den Proben für die Tour weiter, denn die steht ja auch schon bald an und dauert sehr lange.

Vielen Dank für dieses sehr ergiebige und informative Interview und wie immer "Viel Erfolg" von unserer Seite!

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