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22. Oktober 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

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MERCURY FALLING
Never change a winning team!
Thorsten Dietrich
www.mercuryfalling.de


Vier Jahre nach dem letzten Studioalbum erscheint nun ein neuer Streich aus dem Hause Mercury Falling. Die Melodic Metaller aus Fulda sind da zu Recht mchtig stolz drauf und wissen im Interview viel zu erzhlen und sind direkt mit drei Mitgliedern beim Interview dabei. Gitarrist Tobias Galmarini, sein Bruder Daniel und Drummer Maicel Panitz.

Seit eurer letzten Platte sind wieder ein paar Jahre in Land gezogen, auch das neue Label habt ihr wieder gewechselt, was war denn los?

Daniel: Da war so einige los. Da gab es einige Faktoren, die fr die Verzgerung verantwortlich waren. Fast alle Songs waren eigentlich 1 Jahr nach dem letzten Album "Into The Void" geschrieben. Wir hatten anschlieend mit zeitlichen Engpssen zu kmpfen. Die Produktion beziehungsweise die Recordings dauerten letztendlich lnger als uns recht war. Angefangen mit dem ersten Artwork, was wir wegen Unzuverlssigkeit des Knstlers cancelten, ber Erkrankungen der Musiker, zeitlichen Engpssen der Produktionscrew bis hin zu technischen Problemen beim Mixing. Dazu kam natrlich die Vorlaufzeit, die ein solches Produkt braucht, bis es letztendlich in den Lden steht. Insgesamt war es eine sehr aufreibende Produktion. Aber im Endeffekt sind wir innerhalb der Band, sehr froh ein schnes Album aufgenommen zu haben und es platzieren zu knnen. Der Labelwechsel ist recht einfach zu erklren. Wir waren nur fr das Vorgngeralbum "Into The Void" bei Phonotraxx gesignt. ZYX machte uns als Vetrieb fr das aktuelle Album ein gutes Angebot und wir nahmen dies schlielich an. Jetzt werden wir sehr reich werden, ziehen nach L.A. und leben von dem Millionendeal! Weil wir recht sparsame Menschen sind, knnen unsere Kindeskinder noch davon leben. Kleiner Scherz!

Das Artwork ist dieses Mal sehr dster geworden und wrde auch Death / Black / Gothic Combos gut stehen. Was soll es denn aussagen?

Daniel: Das Wort "Introspection" welches das neue Album trgt, bedeutet Selbstwahrnehmung, Selbstbeobachtung. Welcher Gegenstand wre da nicht geeigneter als das Symbol des Spiegels um seine Erkenntnis ber sich selbst Ausdruck zu verleihen? Mit Aussagen ber Kunst tu ich mich jedoch etwas schwer. Kunst ist ja niemals eindimensional und kann recht individuell interpretiert werden. Fr mich persnlich haben die Scheren im Spiegel beispielsweise die Bedeutung, dass Selbsterkenntnis nicht immer bequemt ist und sogar verletzend sein kann. Wenn man allerdings bereit ist, sich auf eine Reise zu sich selbst zu begeben, dabei alle Risiken in Kauf nimmt, wird man sicherlich innerer Zufriedenheit finden. Das ist es fr mich, was das neue Albumcover ausdrckt. Zuversicht und berwindung. Der Titel und das Cover passen meines Erachtens absolut zum Titeltrack des Albums. Inhaltlich beschftigt sich dieser mit Selbstwahrnehmung einer Borderline erkrankten Frau. Angelehnt ist der konzeptionelle Song an dem Buch "Jeden Tag etwas nher" von dem Psychoanalytiker und Psychotherapeut Irvin Yalom. Das Buch besteht im Grunde aus der schriftlich fixierten Sicht der Patientin und schriftlichen Dokumentation des Therapeuten ber die Sitzung bis hin zur Verbesserung des Zustandes der erkranken Protagonistin. Es ist quasi eine Gegenberstellung der subjektiven Wahrnehmung von Patient und Arzt.

"Introspection" ist fr mich eher Melodic Metal mit Biss und rauem Gesang, aber das in viele Untertitel aufgeteilte Titelstck ist dann noch mal eher die Progschiene. War das so geplant, oder kommt das aus dem Bauch und euch sind solche Schubladen egal?

Maicel: Wir haben Alle haben unterschiedliche musikalische Vorlieben und haben auch keine Lust, einseitig einen bestimmten Stil zu spielen. Ich finde, man hrt bei unseren Songs durchaus einen roten Faden, aber es gibt einfach zu viele tolle Musikrichtungen, um als Band immer gleich zu klingen. Auerdem ist es nur natrlich, das man sich im Laufe der Zeit persnlich und musikalisch verndert und weiterentwickelt. Wenn sich ein Song gut anfhlt, wird er gemacht!
Daniel: Da gebe ich Maicel absolut Recht. Es ist so, wenn man unsere Musik hrt, fllt auf, dass einige Songs hnlich strukturiert sind. Man hat eine ganz klare Songstruktur, die im Solo etwas gelockert oder aufgebrochen wird. Das funktioniert auf dem Album bei 5 von 10 Liedern. Beim Titeltrack ist es eigentlich genauso. Der Song besteht aus 5 Parts. Jeder der 5 Parts knnte auch ein eigenstndiges Stck sein, dann wrde es wahrscheinlich nicht mehr progressiv erscheinen. Durch die bergnge zwischen den Parts kann leicht der Eindruck entstehen, das Lied wre progressiv, ist es aber eigentlich gar nicht. Wir verstehen wir uns nicht als progressive Band, sondern vielmehr als Songwriter. Songwriter mit dem Hang im Solo etwas aus der Form zu fallen. Niemals wrde ich mich mit Bands wie Myrath, Dream Theater, Animals as Leaders, etc. vergleichen wollen.

Fr mich ist der raue Gesang ein groer Unterschied zu hnlich gelagerten Combos, siehst du das hnlich?

Maicel: Unser Micha hat eine tolle Stimme und Sie klingt auch von Platte zu Platte etwas rauer und gereifter. Was mich besonders freut ist, dass in vielen aktuellen Reviews zum Album gerade auch der Gesang sehr gelobt wird. Auerdem ist es etwas Groartiges, wenn ein Snger, so wie Micha, einen hohen Wiedererkennungswert in seiner Stimme hat.
Tobias: Wir kennen Michael nun schon seit 20 Jahren und seine Stimme passt einfach gut zu unserer Musik. Whrend wir unsere erste Scheibe den Labels angeboten haben, sagten einige zu uns, dass sie uns sofort unter Vertrag nehmen wrden, wenn wir einen Snger htten, der dem gngigen Power-Metal Klischee entspricht. Das haben wir aber abgelehnt, weil es genau das ist, was uns von vielen anderen Melodic-Metal Bands unterscheidet.

Ihr habt eine Reihe Gastmusiker am Start die aber eher zu eurem Freundes und Bekanntenkreis zhlen, findest du nicht auch das es allgemein mit den Gastsngern / Solos gerade bei unbekannteren Bands sehr zugenommen hat und zur bersttigung fhrt , was eigentlich ein Werbeeffekt fr die jeweilige Scheibe sein sollte?

Daniel: Puuh, das kann ich eigentlich gar nicht wirklich beurteilen, um ehrlich zu sein. In erster Linie stellt das fr uns persnlich gar kein Werbeeffekt dar. Es ist vielmehr ein Austausch von Ideen und die Lust mit weiteren Menschen an diesem Projekt zu arbeiten. Jeder externe Musiker kann der Band weitere sinnvolle Impulse geben. Das trgt letztendlich zur Reife des Albums und auch zur individuellen musikalischen Reife bei. Mit Christian arbeitete ich beispielsweise an seinem ersten Soloalbum zusammen und wir sind Kollegen an einer Musikschule. Da haben wir fter Austausch. Ich fand einfach, dass ein Solo von ihm dem Song gut tun wrde. Der Markt funktioniert auch nicht mehr wie vor 20 Jahren. Es ist alles viel offener geworden. Es gibt weitaus grere Vernetzung. Von einer bersttigung wrde ich von daher eher nicht sprechen. Vielmehr sind auch die Zugnge fr Konsumenten nicht mehr zweidimensional (Tontrger und Live), sondern vielschichtiger geworden. Durch niedrigere Produktionskosten kann eben auch mehr produziert werden. Wre doch schade, wenn jeder nur sein eigenes Sppchen kocht und mit Scheuklappen durch die Welt marschiert.
Tobias: Den Werbeeffekt der Gastmusiker kann man eigentlich vernachlssigen. Wie Du schon gesagt hast, gibt es zu viele Bands, die viel bekanntere Musiker auf ihren Scheiben haben als wir. Deshalb steht das auch bei uns nicht im Vordergrund. Wir hatten bisher auf allen unseren Alben Gastmusiker dabei. Bei uns sind es aber alles Leute, mit denen wir zusammen in irgendeiner Weise Musik gemacht haben oder die bei der Produktion beteiligt sind. Klar sind da auch bekannte Namen dabei wie Jens Ludwig, Piet Sielck oder Christian Mntzner, deren Bekanntheit steht aber dabei nicht im Vordergrund. Jens und Piet gehren zum Produktionsteam und es ist einfach toll zu sehen, dass ihnen die Songs so gut gefallen, dass sie einfach Spa daran haben auch ein Teil dieser Musik zu sein. Auf dem Album "Human Nature" z.B. sind lokale Gastmusiker aus Fulda zu hren, deren Namen in der Metal-Szene vllig unbekannt sind. Wir alle hatten einfach Freude daran, ein Lied gemeinsam aufzunehmen und sind auf das Resultat sehr stolz. Bei den anderen Scheiben war es ebenso. Das sind meistens sehr spontane Entscheidungen. Ralf Zdiarstek (Avantasia) hat bei "Introspection" noch etwas beigetragen, als der gesamte Gesang schon aufgenommen und bereits im Mix war. Das war nicht von langer Hand geplant. Es ergibt sich vieles spontan, weil man sich kennt und weil auch wir bereits auf einigen Aufnahmen unserer Gastmusiker zu hren sind. So hat Daniel vor kurzem einige Keyboards zur neuen Iron Savior Scheibe beigesteuert. Fr uns ist das keine Einbahnstrae.

Der Sound des Albums lag wieder in den Hnden von drei Leuten, macht ihr das bewusst und warum ist die Arbeitsweise so?

Daniel: Das war ganz klar bewusst! Jens beispielsweise gibt uns ziemlich gute Impulse bei den Songs auf die wir vielleicht nicht kommen wrden. Jens musikalischer Background ist schon etwas anders als der von Tobi. Wenn man offen fr Ideen ist, kann das sehr ergiebig sein. hnlich verhlt es sich mit Piet. Insgesamt gefiel uns bisher diese Arbeitsweise und tut den Songs gut. Wenn Du lange an Liedern arbeitest und rumfeilst, verlierst Du ganz leicht auch deine Objektivitt diesen gegenber. Externe Musiker knnen helfen, den Song aus einer anderen Perspektive zu sehen.
Tobias: Never change a winning team... Jens hat durch seine eigenen Produktionen bei Edguy einfach sehr viel Erfahrung. Das ist sehr hilfreich, wenn man einen bestimmten Effekt erzielen will und selbst nicht genau wei, wie man es am besten umsetzten kann. Auerdem bringt er noch viele eigene Ideen mit ein. Das bereichert die Songs ungemein. Piet ist ebenfalls sehr erfahren und schafft es, unserer Soundvorstellungen im Mixdown einfach sehr genau umzusetzen. Da macht es einfach Spa mit so erfahrenen Leuten, die man schon jahrelang kennt und schtzt zusammenzuarbeiten.. Andy VanDette ist fr mich DER Master-Ingenieur schlechthin. In seinem Studio in New York hat er an vielen Gold und Platin Alben mitgearbeitet und seine bisherigen Kunden lesen sich wie das Who is Who des Rock. Er hat z.B. Alben von Savatage, Bruce Dickinson, Dream Theater, Kid Rock und Sevendust den letzten Schliff gegeben und ich bin unglaublich stolz, dass er unsere Alben gemastert hat. Obwohl wir eine kleine Band aus Deutschland sind, hat er uns immer das Gefhl gegeben, dass die Arbeit an unserem Album ebenso wichtig ist, wie die Arbeit an dem nchsten Chartbreaker, und ich meine, das hrt man der Scheibe auch an.

Ordentliche Gigs und Tourneen als kleine Band zu bekommen ist schwierig, auch euch habe ich schon lnger nicht mehr live gesehen oder gelesen, was gibt es da neues?

Daniel: Da hast Du absolut Recht. Der Livemarkt ist sehr schwer geworden. Dadurch, dass durch Tontrgerverkauf kaum noch Geld generiert werden kann, versuchen viele Knstler und Bands dies durch ihre Liveprzens auszugleichen. Seit Anfang des Jahres arbeiten wir mit Frank Wilkens von Nauntown Records zusammen. Wir hoffen, dass wir Anfang nchsten Jahres live etwas prsenter sein knnen. Wir sind durch ihn bei einigen Acts als Support im Gesprch. Aber das ist noch nicht ganz spruchreif.

Laut Wikipedia habt ihr seit 1999 keinen Besetzungswechsel mehr und ihr seid ja auch ein Brderpaar in der Band, was ist denn euer "Beziehungsgeheimnis?"

Daniel: Um ganz ehrlich zu sein, ist diese Besetzung nicht seit 1999 so existent. Nach 1999 legten Tobias und ich eine kleine Pause ein. Die Besetzung mit Maicel an den Drums und Paul am Bass gibt es seit ca. 2002. Aber selbst das ist tatschlich schon recht lange fr eine Band mittlerweile. So ein richtiges Beziehungsrezept gibts da eigentlich nicht. Gegenseitigen Respekt vielleicht. Seinen Mitmenschen so respektieren wie er ist. Die Antwort klingt nicht so nach Metal, ich wei. Respekt ist eh eine Tugend die im sozialen Kontext in den letzten zwei Jahrzehnten immer weiter nach hinten geraten ist. Ist gerade eins meiner Lieblingsthemen, das Versagen der moralischen Instanzen! Das wrde hier aber den Rahmen sprengen.Das soll aber nicht bedeuten, dass es nicht auch mal bei uns rappelt.

Hat man es als deutsche Band mit eurem Sound schwerer im eigenen Land oder ist das Kse? Welche Lnder sind euch denn wohl gesonnen?

Daniel: Das ist eine gute und schwierige Frage. Das kann ich nicht so einfach beantworten. Auf Facebook bekommen wir sehr schne Resonanzen aus Sdamerika.
Tobias: Puuh...das ist wirklich schwer zu sagen. Ich habe das Gefhl, dass es in Deutschland ein ausgeprgtes Genre-Denken gibt und viele Metal-Hrer auch gerne an dem festhalten, was sie kennen. Deshalb haben Metal-Bands, die wenig stilistisch experimentieren relativ viel Erfolg in Deutschland. Auf der anderen Seite setzen viele Plattenfirmen ebenso auf Konzepte, die bisher funktioniert haben und auf etablierte Bands bzw. Musiker. Daraus lsst sich auch erklren, dass die Anzahl der sogenannten "Supergroups" wie Unisonic, Serious Black oder Almanac im Metal Bereich in letzter Zeit sehr zugenommen hat. Der Markt ist insgesamt bersttigt und es ist schwerer als frher, die Aufmerksamkeit der Zuhrer zu bekommen. Wenn man alles betrachtet, haben es Bands wie wir vielleicht nicht besonders einfach, wichtig ist aber, hinter dem zu stehen, was man macht und dabei Spa zu haben -und das haben wir. Im Metal-Bereich eine Karriere zu planen ist sowieso so gut wie unmglich. Auerdem ich glaube aber nicht, dass das ein rein deutsches Phnomen ist uns fllt es hier nur eher auf, weil wir damit direkt konfrontiert werden.

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