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20. Oktober 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

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CHÂLICE
Keine 100 Mädels pro Tag!
Peter Hollecker
www.chalice.de


Dass qualitativ hochwertiger Melodic Rock beziehungsweise melodischer Hardrock nicht unbedingt aus dem Ausland kommen muß, setze ich mal als bekannt voraus. Auch aus Deutschland kamen in der Vergangenheit schließlich einige Bands, die sich die Aufmerksamkeit vieler Fans erspielt haben, als Beispiele seien Axxis, Human Zoo, Mad Max oder Châlice genannt. Das löste bei mir die Gewissheit aus, daß es trotz dem nicht geschafften Sprung an die absolute Spitze der Charts schön ist, daß es die Band immer noch gibt. Dazu gehören sicherlich Attribute wie Kampfgeist und Durchhaltevermögen, aber hauptsächlich Enthusiasmus und die Liebe zur Musik. Das bewies mir im Vorfeld Sänger Gino Naschke, der extra für uns bei einem Telefonanbieter im Internet eine Konferenz bestellte, damit auch Bassist Steve Lagleder seine Meinungen zu den von mir angesprochenen neuen Album "Overyears Sensation" beitragen konnte.

Gino: Das hab ich sehr gern gemacht und ihr seid mein Versuchskaninchen. Steve wohnt zwar nur 40 km von mir weg, aber trotzdem ist das so unkomplizierter und praktisch. Mal schauen, ob es auch so funktioniert.

Es funktioniert bestens, ich bin begeistert. Ich war ehrlich gesagt überrascht, als ich euer neues Album auf den Tisch bekam, denn so richtig gerechnet jabe ich mit euch nicht mehr. Klar, irgendwie war Châlice immer da, aber alle Jubeljahre mal ein Album und seltene Live Auftritte drängten euch eher in den Hintergrund.

Steve: Das ist richtig, doch ich glaube, daß wir mit unserer Kontinuität und langen Atem einige andere Bands hinter uns lassen können. Wir waren nie weg und für uns selbst war das auch immer klar. Wir machten weiter, wenn wir auch den großen Erfolg nicht verbuchen konnten, weil Musik eben unsere Leidenschaft ist. Viele die mit uns angefangen haben sind mittlerweile nicht mehr da. Oder sie waren sehr lange weg und sind jetzt wieder gekommen. Bei uns ist das irgendwie wie mit Uriah Heep. Ein Fan hat erzählt, daß er gegangen und später wiedergekommen ist. Da hat er gemerkt, daß Uriah Heep immer noch da waren, nur er war weg. Und vielleicht ist das bei uns ja ähnlich. Dass einige vor zwanzig Jahren irgendwie auf uns aufmerksam geworden sind und jetzt denken: "Hey, die gibt’s ja immer noch, das ist ja geil." Wie gesagt, für uns war das immer klar und jetzt feiern wir glückliches Zwanzigjähriges.

Gino: Genau. Wir haben die ganze Zeit über Musik gemacht und waren am Start. Wir waren auch auf Tourneen, haben jedoch nicht in einem regelmäßigen Rhythmus Alben veröffentlicht. Dadurch ist man als Band dann natürlich ständig im Fokus, aber uns als Selbsthilfegruppe gab es die ganze Zeit, haha!

Diese Zeit verging für uns alle wie im Flug! Ihr habt das auf eurem neuen Album auch textlich aufgearbeitet?

Gino: Nicht bei allen Songs, aber bei einigen schon, vor allem im Titelstück. Der ist natürlich auch augenzwinkernd gemeint, weil wir eben nach all den Jahren immer noch eine sensationelle Band sind. "Overyears Sensation" fängt die vergangenen zwanzig Jahre tatsächlich ganz gut ein, weil in der Zeit natürlich viel passiert ist und wir uns auch weiterentwickelt haben. Wir sind eine Band, in der sich immer ziemlich viel bewegt hat und jeder ein Eigenleben neben der Musik führt. In der Tat habe ich früher viele Texte geschrieben, die fiktiv waren, was sie mittlerweile nur noch selten sind. Manchmal setzte ich auch Ideen von Steve oder Oli ganz einfach textlich um. Aber alles kommt aus dem Leben und ist somit authenthisch wie man so schön sagt.

Châlice

Wer hat dann die süße "Rock'n Roll Machine", eines meiner Lieblingsstücke auf dem Album, geheiratet?

Gino lacht lauthals: Die hat keiner geheiratet, jedenfalls nicht daß ich wüsste! Auch dieses Stück ist mit einem kleinen Augenzwinkern entstanden. Es ist lustig wenn man auf Tour ist und alle Leute denken, daß wir Musiker die Nächte durchfeiern und die wildesten Sexpartys veranstalten. Vor allem unsere eigenen Frauen denken, daß wir jeden Tag tausend Mädels kennenlernen. Das Komische ist, daß nur ein spezieller Frauentyp es versucht, nach der Show an uns heranzukommen, und das ist nicht das, worauf ich so stehe.

Steve: Ich schon, haha! Nein, Spaß beseite, es ist so wie Gino sagt. Die hartnäckigen Frauen schaffen es manchmal mit uns zu reden und das ist auch okay. Aber meistens sind das vom Aussehen her nicht die Frauen, die unsere eigenen Mädels zuhause sich so vorstellen. Diese Rock'n Roll Machines sind meistens richtig lustig und über die haben wir diesen Song geschrieben. Und die anderen Songs, die aus dem Leben gegriffen sind können wir schreiben, weil wir eben auch älter geworden sind. Wir haben viel erlebt, viel gesehen und darüber kann man halt besser schreiben als wenn man sich alles ausdenken muß.

Beim Hören eurer neuen CD fällt auf, daß die Musik wie eure Texte direkter und geradeheraus klingen als früher. Da gibt es keine Spielereien mehr, es klingt einfach tough und rockig.

Steve: Für uns selbst ist das irgendwie schwer zu beurteilen, da mußt du die Leute fragen die es hören. Wir haben uns ja nicht vorgenommen, keine Experimente mehr zu machen beim Schreiben. Unsere neuen Songs haben sich vielleicht mit uns entwickelt. Bei der letzten Platte haben wir das eigentlich bewußt gemacht, die wollten wir absolut straight haben. Diesmal haben wir es eigentlich total locker laufen lassen und sind ohne Scheuklappen an die Sache herangegangen.

Gino: Ich glaube, daß diese lockere Art auf der langen Tour mit Doro entstanden ist, wo wir fast vier Wochen jeden Tag live gespielt haben. Da bekamen wir eine direkte Reaktion der Fans, welche Art von Songs ankommen und welche nicht. Das sind halt eben oft die einfachen, rockigen Stücke die den Spaß bringen und vor allen Dingen die Aura zwischen Band und Publikum herstellen. Das merkt man im Studio nicht immer sofort. Wir haben tatsächlich kürzlich wieder ein paar alte Songs ausgegraben. Da merkt man wirklich, daß die teilweise etwas frickeliger und um die Ecke gedacht waren, aber sie sind am Ende auch immer zum Punkt gekommen. Live ist das aber nicht immer umzusetzten. Unser Vorteil heute ist, daß wir wissen was wir können und was unser Publikum von uns hören will.

Steve: Genau! Und ich denke, daß wir als Typen heute viel presenter sind als früher und wir unsere Musik viel überzeugender rüber bringen können. Ich bin sehr gespannt, ob wir es schaffen, die Fans mit unserem neuen Album noch mehr zu überzeugen als das vorher der Fall war.

Hör ich da ein wenig Entäuschung über den Stellenwert von Châlice in der Szene?

Gino: Puh, schwieriges Thema. Am Anfang habe ich mir tatsächlich mehr vorgestellt in Sachen Erfolg. Aber heute bin ich wirklich froh, daß ich kein Superstar bin, der jeden Tag das Gemache mit den Medien machen muß. So ein bißchen kenne ich mich in der Musikszene ja aus und kenne auch die Hintergründe, weshalb ich glücklich bin, daß es so ist wie es ist. Meine Idealvorstellung ist da eine Band wie Fair Warning. Hier sind sie nicht so bekannt, aber in Japan Megastars. Ich genieße auch diese Freiheit die wir haben. Sich nicht anbiedern müssen und nicht das machen müssen, was die Plattenfirmen von einem verlangt. Aber auch solche Sachen sieht man mit fortschreitenden Alter anders und gelassener. Es gibt wichtigere Dinge, zum Beispiel Familie und Kinder. Was nicht heißt, daß mich etwas mehr Erfolg mit Châlice nicht freuen würde, klar.

Steve: Das kann ich voll und ganz unterschreiben! Ich glaube auch, daß uns genau dieser Punkt unsere Leidenschaft bewahrt hat. Und um das zu beweisen, hoffen wir in diesem Jahr auf einige Festivals und Gigs vielleicht als Support. Ich sage nur: kommt zu unseren Shows, besucht uns im Internet und wir versprechen euch, daß ihr ehrliche, fetzige und handgemachte Rockmucke von uns bekommt, die euch begeistern wird. Und sprecht uns ruhig danach an, wir beißen nicht!

Ihr habt es nun gelesen, friedliche Musiker mit hausgemachter Musik - die bleiben uns sicer noch ein paar Jahre erhalten.

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