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25. November 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

Billing THE HIRSCH EFFEKT, LAKE CISCO
Ort Underground, Kln
Datum 2016
Autor Katharina May
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Die Artcore-Giganten aus Hannover mit dem genauso schnen, wie rtselhaften Namen THE HIRSCH EFFEKT luden im Zuge ihrer "Holon:Agnosie-Tour" ein weiteres Mal in ihrem regelrechten Stammlokal Underground zum Tanz, also nichts wie hin und eskalieren! Unter dieser Prmisse wollte ich mich endlich einmal selbst berzeugen, ob die Band das Feuerwerk ihrer Platten auch auf der Bhne entznden kann.

Lake Cisco

Kurz zuvor noch mit halbem Ohr in ein paar wenige Songs rein gehrt, da bei mir zwar der Name ein Klingeln ertnen lie, aber sich sonst kein Zusammenhang herstellen lassen wollte, stand ich zugegebenermaen ein wenig skeptisch vor Konzertbeginn am Bhnenrand. Post-Rock sollte nun als Appetizer auf die Abendmatadore folgen, und der wurde auch serviert. Dem Betrachter bot sich ein (fast ausschlielich) in Rot getauchter Ausflug in die Sphren postmoderner Musikerseelen. Klassischerweise dominierten tragende Gitarrenparts vor einer durchweg passend inszenierten Hintergrundgestaltung. An dieser Stelle sei der Drummer hervor gehoben, der den Songs eine besondere Tiefe verlieh. Die Leistung der anderen soll das in keinster Weise schmlern, im Gegenteil: man spielte auf technisch hohem Niveau. Die Stimme des Frontsngers bewegte sich in Hhen, die, wenn man seinen Augen nicht htte trauen wollen, sicher Zweifel daran hervorgerufen htten, ob da Mnnlein oder Weiblein auf der Bhne steht. Was beim ersten Hren kurz zuvor die Skepsis ob der Gte des kommenden Auftritts in mir hervor gerufen hatte, nmlich der Gesang, der mir "auf Platte" so gar nicht gefallen hatte, fgte sich nun wohlwollend in das musikalische Gesamtkonzept. Im allgemeinen war ich also positiv berrascht und lie mich ein wenig von meiner lange nicht mehr ausgelebten Leidenschaft fr Post-Rock hinweg tragen. Nach fnf Stcken, von denen der letzte Song mit Abstand am meisten Fahrt aufnahm, was in Einsprengseln den anderen Songs auch ein wenig kompositorische Raffinesse verliehen htte, rumte man die Bhne, um Platz fr die Hausherren des Abends zu machen. Im Gesprch mit der Band hernach erfuhr ich, dass man in Teilen aus Koblenz stammt, was zumindest das durch den Bandnamen hervorgerufene Klingeln erklrte. Die letzten Klnge in meinem Ohr verhallten bei einer Zigarette vor der Tr, und ich war, wie gesagt, positiv berrascht, allerdings auch ebenso sicher, dass man nicht an das kreative Niveau der Headliner wrde anknpfen knnen, da das Songwriting sich oft nicht allzu sehr von dem gngiger Genre-Gren abheben konnte.

The Hirsch Effekt

Nachdem man einen hektischen Bhnenauf- und Abbau beobachten konnte, gerade so, als wollte man das Publikum auf das Kommende vorbereiten, ging es von null auf hundert in einer Sekunde los. Der ein oder andere, noch vllig vertrumt an seinem Hopfensaft nuckelnd, lief fast Gefahr einen epileptischen Anfall zu erleiden, als die Band die Bhne betrat. Betrat? Ach, was! Vielmehr besprang. Ein Inferno aus Lichtwechseln, Strobo und Nebelsalven hllten die, als gbe es kein morgen mehr herumhpfenden Musiker in eine nahezu undurchdringbare optische Wand. Auch ich muss zugeben, dass ich auch einen kurzen Moment brauchte, bis mein Gehirn dieses Wirrwarr aus Farben, Lichtern und Tnen zuordnen konnte. Ohne auch nur einen Moment halt zu machen, walzte die Moloch voran, und das sollte sich bis zum Ende des Sets auch nicht mehr ndern. Die Ausdauer der Band ist wahrlich bewundernswert, denn es gab keine Sekunde Stillstand. Alles sprang, kletterte und lief, wo es nur konnte. Leider lie sich dieser Impuls nicht vollends auf das, fr einen Mittwoch, doch recht ordentlich erschienene Publikum bertragen, welches nicht zur tobenden Tanzmeute mutierte, sondern nur verklrt im Takt (geht das berhaupt?!) mitwippte. Auf der Bhne indes bot sich ein Spektakel, mehr mit einer Art-Performance zu vergleichen, als mit einem Konzert, was lustigerweise auch an der Musik selbst liegt. Wie knnte man diese anders als mit "kontrolliertes Chaos" beschreiben? Manchmal wirkt es so, als ob sich ein verrckter daran gemacht htte, einzelne Radio-Soundschnipsel zu einem groen Ganzen zusammen zu fgen. Ruhige melodische Parts wechseln ber elektronische Einsprengsel zu kompliziertestem Mathcore-Gefrickel. Man merkt hier einfach, dass sich da absolute Musikfanatiker und Multiinstrumentalisten an Werk gemacht haben, um einen genialischen Cocktail zusammen zu mixen. Ebenso abwechslungsreich, wie die musikalische Gestaltung ist auch der Gesang: Cleanvocals wechseln ber rotzigen Sprechgesang zu gutturalem Gebrll. Gerade bei Goldstcken, wie "Cotard" oder "Bezoar" wird das besonders deutlich. Dass man dann auch noch deutsche Texte darbietet, ist fr mich persnlich nur ein weiteres Schmankerl. Jetzt mag mancher vielleicht denken: "Und das soll gut und hrbar sein?!" Ist es. Bei aller Unordnung hlt man es ganz wie Mutter Natur: Pures Chaos, aber wunderschn. Das ist die richtige Beschallung, um sich mal gehrig die Synapsen durchpusten zu lassen. Ich kann jetzt nachvollziehen, wieso die Band von sich selbst behauptet live am besten zu funktionieren. Das beweist man also auch auf dieser Tour, bei der man hauptschlich die Songs des Trilogie-Abschlusses "Holon: Agnosie" prsentierte, einzelne Kracher, wie zum Beispiel einer meiner persnlichen Lieblinge von der letzten Platte (Limerent) aber natrlich auch nicht fehlen durften.

SETLIST: The Hirsch Effekt

  • Emphysema
  • Fixum
  • Agnosie
  • Chelicera
  • Bezoar
  • Athesie
  • Jayus
  • Cotard
  • Ira
  • Arcanum Medley
  • Limerent
  • Lentevelt
  • Mara
  • Agitation
  • Zoetrop

Fotos : Mario Loeb



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