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24. Oktober 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

Billing HEADBANGER'S OPEN AIR
Ort Brande-Hrnerkirchen
Datum 24. - 26.07.2014
Autor Jrgen Lugerth / Bilder: Heiko Demel
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Seit dem Jahr 1998 gibt es nun das kleine, aber feine "Headbanger's Open Air" Festival fr Liebhaber ursprnglicher, durch und durch echter metallischer Tne in oder besser bei Brande-Hrnerkirchen, einem winzigen Nest in Schleswig Holstein, etwa fnfzig Kilometer von Hamburg entfernt. Fnfzehn Ausgaben dieses Festes fanden schon ohne mich statt, denn mir war der Weg dorthin aus dem Sden der Republik dann doch immer zu weit. Dieses Jahr aber war das Billing fr mich so reizvoll, dass ich mich auf den Weg gemacht habe. Es hat sich mehr als gelohnt.


Cage Donnerstag

Eine 860 Kilometer lange Anfahrt vom Bodensee durch Hitze, Staus und heftige Gewitterschauer bringt mich etwa um 19 Uhr nach Brande-Hrnerkirchen. Whrend man im nicht all zu weit entfernten Wacken, wo traditionell ein Wochenende spter das grte Metal Disneyland der Welt stattfindet, mit berdimensionalen Hinweisschildern unbersehbar vor Ort gelotst wird, muss man das Gelnde des HOA, so die bliche Abkrzung, eher mit der Lupe suchen. Nach mehreren kleineren Irrfahrten entdecke irgendwo am Straenrand die dezent beschilderte Abfahrt, die mich tief in eine durch Baum- und Buschreihen gegliederte Pampa fhrt. Das Areal des HOA besteht aus dem alten Bauernhof des (Mit-)Veranstalters Thomas Tegelhtter mitsamt allen mglichen Nebengebuden und den dazugehrigen Wiesen und Feldern herum, die als Sauf- und Fressmeile und als Campingpltze dienen. Alles ist sehr grn, romantisch und berschaubar und bietet Platz fr etwa 2000 Metalheads. Diese Grenordnung ist auch sozusagen festgeschrieben, Auswucherungen wie beim gigantischen Bruder "Wacken", der hnlich klein angefangen hat, sind auch in Zukunft weder vorgesehen noch erwnscht. Die Wege sind sehr kurz, die Formalien hchst unkompliziert.

Cage

Aufgrund meiner spten Ankunft habe ich die ersten zwei Bands Lizzies und DeathRiders leider verpasst. Erstere sind vier hbsche junge Ladies aus Spanien, die anderen formieren sich um den ersten Anthrax Snger Neil Turbin und hatten offensichtlich das ganze "Fistful Of Metal" Album im Gepck. Das htte ich schon gerne mitgekriegt. Nun aber steige ich bei Cage ein, das ist auch nicht so schlecht. Das Publikum vor der roh gezimmerten Bhne, die ein wenig an eine offene Scheune oder an einen Viehunterstand erinnert, ist offensichtlich schon bester Laune und feiert den markigen Snger Sean Peck und den mchtigen Metal der Band ordentlich ab. berhaupt wird sich im Laufe des Dreitagesfestivals zeigen, dass hier jede einzelne Band mit offenen Armen empfangen und mit Applaus eingedeckt wird und dass sich auch keine ber wirklich wenige Zuschauer grmen muss, auch nicht am vergleichsweise frhen Morgen. Eine tolle Atmosphre und ein Publikum, das ganz eindeutig in erster wegen der Musik da ist. Die rosa Hasen und was heutzutage sonst so an Partygedns auf Festivals herum geistert, das sieht man hier vergebens. Ketten, Kutten, Jeans und Leder und sonst nix. Herrlich!

Nun aber, passend zum Thema, steigen Oliver/Dawson Saxon aufs Podest. Ich vermute eine Coverband, was mich meist eher beunruhigt. Aber da das teilweise Grndungsmitglieder der immer noch lebenden Legende sind, kommt eine amtliche Saxon Show alter Schule rber. Wenn man die Augen schliet und zuhrt, glaubt man fast, da wre die Hauptfiliale am Werk. Ziemlich gut, aber ich bevorzuge doch immer noch das Original.

Den Abend beschlieen die epischen Helden Warlord. Auf der schlichten Bhne, die aber dennoch mit allen soundtechnischen Finessen versehen ist, verzichten sie auf eine aufwendige Dekoration und kommen auch in Jeans und Leder vllig unprtentis daher. Ihre Darbietung allerdings ist schrfer und hrter als sonst, das kommt super an. Ein sehr zufriedenstellender Abschluss des ersten Tages mit allen Warlord Hits von "Lucifer's Hammer" bis "Lost And Lonely Days".


Anvil Freitag Evil Invaders

Wenn man im Auto schlft, ist man meistens ziemlich frh wach. Der Tag verspricht wiederum teils sonnig, teils bewlkt und schwl hei zu werden. Die meisten Headbanger horchen in ihren Zelten noch an den Isomatten. Immerhin gibt es an der Versorgungsbude etwas dnnen Kaffee und sehr spartanisch belegte Brtchen. Die morgendliche hygienische Problematik des Dixie-Klos umgehe ich geschickt, da ich beim Erkundungsgang durch nhere Umgebung eine gut versteckte und tadellose buerliche Entsprechung aus Wellblech an einem Feldrand finde. Es lebe das Landvolk!

Dann ist es auch schon zwlf Uhr und die erste Band des Tages hmmert los. Es sind die jungen Hellbringer, ein australisches Trio, das einem mit ungezhmtem und schnrkellosem Metal das Schmalz aus den Ohren pustet. Heftiger Applaus ist ihr Lohn. Die Nchsten sind eine kleine deutsche Legende der Neunziger. Wizard aus Bochum setzen mit ihrem Ruhrpotthumor und gerader, angethrashter Mucke noch einen drauf. Snger Sven D'Anna hat sichtlich Spa und das Feuerwerk aus True Metal, das sie znden, kommt hervorragend an. Schon etwa um 14 Uhr ist die Stimmung auf dem Gelnde prchtig. Das wissen die blutjungen Evil Invaders aus Belgien zu nutzen, die mit einer gnadenlos energetischen und schn bse inszenierten Performance Eindruck schinden. Stndig werden die Positionen auf der Bhne gewechselt, der dnne Gitarrist und Leadsnger Joe fletscht die Zhne, als wrde er nur rohes Fleisch frhstcken und ihre Mucke ist rasend schnell und von scharfer Przision. Fr mich ein frhes Highlight des Tages. Die gut angewrmte Masse tobt. Die alten Kmpfer Turbo aus Polen haben keine Probleme, das Niveau anschlieend zu halten. Man merkt, da sie schon ewig zusammen spielen und sehr erfahren sind. Ihre gut abgehangene Kombination aus Hard Rock, Metal und selbst harten Blues-Elementen hlt die Leute weiter vor der Bhne und macht das ganze Fest so richtig schn international. Feine Sache. Dann kommt auch die Schweiz ins Spiel. Die kultigen Poltergeist berzeugen durch ihren wuchtigen, vertrackten, eigenwilligen Thrash und Snger Andr Grieder muss sich bei seinen Ansagen in Hochdeutsch ausdrcken, Schwyzerdtsch htte hier im Norden wohl keine Sau verstanden. Auer mir, ha ha. Ab nach England. Diamond Head

Diamond HeadJetzt ist mit Xentrix eine weitere Kultkapelle angesagt. Cool, abgeklrt, technisch perfekt meistern die alten Helden ihren Set und werden kaum von der Bhne gelassen.

Das ganze "Headbanger's Open Air" ist inzwischen sowieso eine selig besoffene, in der Nachmittagshitze schwitzende, rockende, feiernde Party. Jede Band bekommt Liebe, Anerkennung und Applaus, man grlt herum, liegt sich in den Armen und verbrdert sich in der baumbestandenen, von antik anmutenden und berwucherten Kleingebuden umrandeten Gartenarena ohne Ansehen von Stand und Person. So etwas habe ich selten erlebt.

Der Tag erwartet seine Hhepunkte. Der erste: Diamond Head um den alten Gitarrenrecken Brian Tatler entern die Bhne. Ab in die erste Reihe und der Band huldigen, die Metallica die Blaupausen fr deren so erfolgreiche Karriere geliefert hat. An sich ist aus den Anfangstagen ja nur noch Tatler selbst mit an Bord, der Rest sind irgendwelche begabten Jungspunde, darunter ein vllig verrckter, clownesker Bassist. Die charismatische Stimme von Sean Harris kann vom aktuellen Snger Nick Tart natrlich nicht ersetzt werden, aber trotzdem hauen Klassiker wie "Helpless", "It's Electric" und allen voran das mchtige "Am I Evil?" ganz gewaltig rein. Die Meute singt jede Textzeile mit, es hat schon etwas von einem Ritual. Was soll danach noch kommen?

Anvil Anvil

Die Antwort ist einfach. Anvil! Die kanadischen Kultrocker nehmen die Steilvorlage auf und liefern ein Best Of All, das kaum Wnsche offen lsst. Steve "Lips" Kudlow unterhlt das Publikum zwischen den Stcken mit Anekdoten, treibt allerlei Unfug mit Dildo und Gitarre, zieht Grimassen, aber vor allem intoniert er einen Klassiker der Band nach dem anderen. Unter all den gewaltigen Riffs, galoppierenden Drums und schneidenden Gitarrensoli ist man schnell bereit, die nicht mehr ganz taufrische Stimme des Meisters zu ignorieren. Als zum Ende des Sets der unschlagbare Doppelpack "Metal On Metal" und "Forged In Fire" kommt, ist die Messe (fast) gelesen. "Running" vom starken Album "Juggernaut Of Justice" beschliet ein beraus befriedigendes Konzert der kultigen Chaoten. Was fr ein Tag! Es kommt noch eine Band. Aber ich kann schon mal mit dem Namen Death SS gar nichts anfangen, deshalb fllt bei mir die Klappe. Es ist spt genug fr die (Auto-)Kiste.



Samstag

ber Nacht hat es geregnet und der Himmel zeigt graue Wolken. Vllig egal, es wartet ein weiterer spannender Tag auf die Gemeinde. Bis Soldier aus England den Reigen erffnen, brt der Osram schon wieder ordentlich auf die verkaterten Hupter. Soldier sind sympathische britische Herren, die ihren NWOBHM Rock bestens verkaufen. Wieder einmal bin ich erstaunt, wie gut sich die Leute hier auskennen, auch mit der letzten Bandbio- und Diskografie aus lange vergangenen Tagen. Alles echte Fans. Das macht Spa und man kann noch jede Menge lernen. Die folgende Band Coldsteel aus New York, die sehr motiviert und gut gelaunt wirkt und energischen, thrashigen, manchmal mit Hardcore versetzten Metal abliefert, performt mal mit, mal ohne Snger Troy Norr, kann aber trotzdem begeistern. Seltsam, aber geil. Weiter geht es mit den gestandenen Franzosen ADX, deren Snger leider fast nur franzsisch parliert, die aber trotzdem rocken wie ihre legendren Landsleute Trust, wenn die mal richtig schlechte Laune haben. Die Nchsten sind die NWOBHM Giganten Tygers Of Pan Tang. Obwohl es anfangs so aussieht, als ob Snger Jacopo Meille stimmlich etwas dnn rber kommt, steigert sich die Band von Song zu Song. Chef Robb Weir, wei auf dem Haupt und im Flammenhemd, hat sichtlich Spa, seine Gitarre zu bearbeiten und Kracher wie "Hellbound", "Paris By Air", "Crazy Nights" oder "Gangland" verfehlen ihre Wirkung nicht. Ich kriege zwar wieder mal nicht meinen Lieblingssong "Take It", aber sonst ist das Gebotene letztlich tadellos.

Fans Evil Invaders

Manchmal braucht auch der hrteste Metalhead eine Auszeit. Die nehme ich mir bei Violent Force. Wenn sich ein Snger Lemmy nennt, werde ich schon skeptisch. Bei Bier und Pizza hre ich aber aus der Distanz, da das gewaltig rumpelt. Mit dem heiligen Namen Cliff Burton wuchern dann Trauma, die es ja nur auf eine LP geschafft haben. Trotzdem rockt das solide und berzeugt die Fans. Zwischen drin wolkenbrchelt es mal gewaltig, aber das ist kein Problem fr stoische Kuttentrger. Whiplash erscheinen in einer gewissen Southern Rock Optik und kommen mir viel weniger thrashig vor, als ich erwartet hatte. Trotzdem ernten sie ordentlich Applaus. Nun aber ist es Zeit fr die unbeugsamen Grand Magus. Sie werden begeistert empfangen und rumen wieder einmal mit ihrem mchtigen Viking Metal ab. "Iron Will", "Hammer Of The North" oder "Triumph And Power" sind nun einmal Hymnen, die niemanden kalt lassen.

Das Volk ist in Topform und somit bereit fr den Headliner, die letzte Band des Festivals und den Hauptgrund, warum ich die lange Fahrt auf mich genommen habe: Die gttlichen, unbertrefflichen und reichlich leidgeprften Riot! Was hier in der herauf ziehenden Dunkelheit unterm bunten Scheinwerferlicht auf der Bhne steht, hat personell nicht mehr viel mit den Ursprngen der Band zu tun. Aber Riot sind ja hnlich wie die Spacerock Pioniere Hawkwind eine Art Rockfamilie, die bei allen Personalwechseln kaum an Qualitt verliert. Und so liefert diese aktuelle Inkarnation ein Bombenkonzert ab, einen beseelten Streifzug durch die komplette Bandgeschichte, die sowohl ganz frhe Songs wie "Warrior", das Instrumental "Narita" und "Angel Eyes" in Gedenken an den seligen Rhett Forrester ebenso umfasst wie die gloriosen Kracher von "Thundersteel", wie zum Beispiel "Fight Or Fall", "Johnny's Back" oder das Titelstck. Dazu kommen ein, zwei ganz neue Songs. Der neue Snger Todd Michael Hall meistert alle Anforderungen hervorragend und ehrt den erst vor relativ kurzer Zeit verstorbenen Mark Reale mit groem Respekt. Er widmet ihm "Swords And Tequila" und die Menge singt ergriffen mit. Auerdem ist der Kerl auch noch, wie es die Mdels ausdrcken wrden, eine echte Sahneschnitte, der zum Ende Show hin mit seinem bloen, von Hanteln gesthlten Oberkrper fr den einen oder anderen Schrei des Entzckens sorgt. Am Ende bleiben wirklich keine Wnsche offen, Riot rumen auf ganzer Linie ab. Ein absolut wrdiger Abschluss dieses familiren, freundschaftlichen, kultigen Festivals. Was fr eine Band, was fr ein Fest!

Danach wird noch lange weiter gefeiert, ich verziehe mich in meinen treuen Van und komme zu den Klngen des Sechzehn-Minuten-Klassikers "In A Gadda Da Vida" von Iron Butterfly so langsam wieder auf den Boden zurck. Die Heimreise am nchsten Tag wird eine beschwerliche sein, aber dennoch steht fest, dass ich im kommenden Jahr beim "HOA" wieder an Bord sein werde. Ein Festival, wo man praktisch alle Bands (oder fast alle) mit Vergngen anschauen kann, das gibt es nmlich nicht sehr oft.

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