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19. Oktober 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

Billing MOTÖRHEAD, GLORIA VOLT
Ort Eishalle Wetzikon, Schweiz
Datum 2014
Autor Jürgen Lugerth, Bilder: J.Rutz, D.Kaufhold, D.Köbe
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Lange war wohl nicht nur bei mir die Unsicherheit groß, ob es Rock'n'Roll-Urgestein Lemmy aufgrund seiner gesundheitlichen Probleme tatsächlich noch einmal schaffen würde, mit seinen zwei treuen und tapferen Mitstreitern Phil Campbell und Mikkey Dee eine Tour durch Europa oder überhaupt irgendwo hinzukriegen. Die Wasserstandmeldungen über seine Konstitution waren ja lange Zeit eher beunruhigend und Absagen oder Verschiebungen von seinen Konzerten an der Tagesordnung. Zuletzt aber hörte man von einer offensichtlich ordentlich absolvierten Motörhead-Tour an der amerikanischen Westküste, das alles sogar aufgezeichnet auf einer speziellen CD in Kombination mit dem aktuellen Album "Aftershock". Also keimte die Hoffnung immer mehr auf, dass das legendäre Trio tatsächlich auch noch einmal den Sprung über den Großen Teich schaffen würde. Und siehe da: Plötzlich ist der Freudentag gekommen! Motörhead sind für Freitag den 27.Juni 2014 in der Eishalle im schweizerischen Wetzikon unweit von Zürich angesagt. Keine Absage im letzten Moment und dazu noch der für mich sehr vorteilhafte Glücksfall, dass die mir gut bekannten fetzigen Hardrocker Gloria Volt aus Winterthur den Support übernehmen und mir eine Freikarte für den Anlass spendieren. Weihnachten und Geburtstag in Einem für einen überzeugten Motörheadbanger der ersten Stunde! Also nichts wie rein ins Auto und ab zur Show. Die Entfernung von meinem Heimatort Konstanz am Bodensee bis dorthin ist ja in einer knappen Stunde zu bewältigen. Nur der nie voraussehbare Umstand, dass kurz vor dem Ziel Baustellen und Umleitungen für Verwirrung sorgen, sorgt für eine nervige Verzögerung. Egal, ich bin trotzdem noch rechtzeitig da und bekomme einen Parkplatz in Sichtweite der Veranstaltungshalle. Von allen Seiten strömen die Fans eben dort hin. Alter: Sechzehn bis Sechzig, so ungefähr. Die Motörhead-Szene ist riesig und Nachwuchssorgen gibt es nicht. Wenn der von andernorts stammende Satz "Legenden sterben nie" im Rock überhaupt seine Berechtigung hat, dann sicherlich bei Lemmy und seiner Bande. Mehr Generationen übergreifender Mythos geht nicht. Und vor allem hat diese Legende einen unzweifelhaften und ehrenvollen Ruf. Das Gelände vor der Halle ist eingezäunt, wer drin ist, kann nicht mehr raus, ohne sein Eintrittsrecht zu verlieren. Eine ganze Reihe Bier- und Essstände versorgen die etwa vier- bis fünftausend Leute, die dem Auftritt ihrer sagenhaften Lieblinge entgegen fiebern. Wenn es nach dem Merchandise geht, müssten Motörhead reich sein. So eine Unzahl von verschiedenen Tribute- und Tourshirts und andere Insignien an jungen, alten, dicken, dünnen und gestählten Körpern kann wahrlich kaum eine andere Band aufweisen. Na gut, AC/DC vielleicht, die sind in der gleichen Liga. Es dominiert selbstverständlich der kultige, strunzehässliche Kopf, der unbestreitbar der Urahn aller Band-Monsterlogos ist, ob sie nun Eddie, Rattlehead oder wie auch immer heißen. Wer auch immer Motörhead vor allem musikalisch wenig innovativ findet, der muss zumindest hier eine wesentliche, heute allgemein übernommene Innovation im Rock und Metal eingestehen. Der 'Snaggletooth' ist der Vater aller anderen. Des weiteren fällt auf, wie viele Menschen sich mit Tattoos schmücken, die in irgendeiner Weise die Band verehren. Für mich nachvollziehbar, ich bin ja selbst mit zwei solchen Hommagen ausgestattet. Ein Muss für den wahren Gläubigen.

Gloria Volt

Nachdem ich eine ganze Reihe guter Freunde und Bekannter begrüßt habe, ertönen auch schon die ersten Rocksounds aus der Halle. Das sind die quasi Lokalmatadore Gloria Volt, die inzwischen sozusagen zur Support-Band Nummer Eins zumindest in der deutschsprachigen Schweiz avanciert sind. Kooperationen mit Slash, Motley Crüe, Billy Idol, Dan Baird, Psychopunch, Danko Jones, Turbonegro und vielen anderen internationalen Größen schmücken mittlerweile ihr Wappen. Die Jungs um Gitarrist und Bandleader Lord Latex(!) und Sänger Fredi Volvo sind alte Hasen, die schon in vielen Bands gespielt haben. Die Winterthurer Szene, aus der sie stammen, ist überhaupt sehr rege und gut untereinander vernetzt. Nicht umsonst nennt man ihre Heimatstadt Hard Rock City. Und Hard Rock der alten Schule aus den Siebzigern, knallig, rifflastig und unkompliziert, das ist auch der Sound von Gloria Volt. Es geht programmatisch los mit, logo,"Rock Child", und danach folgen vor einem schon sehr zahlreichen und positiv gestimmten Publikum 45 äußerst unterhaltsame Minuten, die als Einleitung für den Haupt-Act geradezu ideal sind. Gloria Volt haben keine Angst vor großen Tieren, rocken ihren Stiefel runter, machen Späße und haben die Leute fast vom Start weg auf ihrer Seite. Fredi Volvo rast fast ständig von einer Bühnenseite auf die andere und animiert die Menge, Lord Latex übt sich fleißig in der hohen Kunst des Gitarren-Posens und vor allem Basser Marino Marroni stehen die Freudentränen in den Augen und er schlägt sich vor Begeisterung immer wieder mit der Faust auf die Brust wie ein Grand Magus Wikinger. Jedenfalls vergeht die Zeit im Fluge und mit "Rollercoaster" ist das Ende der Setliste all zu bald erreicht. Gloria Volt verabschieden sich happy, aber schnell. Zugaben sind im Terminplan nicht vorgesehen.

. Die Jungs von Gloria Volt helfen mit, ihre vergleichsweise mickrigen Verstärker und alles andere abzuräumen, um dem gigantischen Equipment von Motörhead, vor allem dem legendären, wie immer mit "Murder One" beschrifteten Marshall-Turm von Lemmy, die volle Aufmerksamkeit zu verschaffen. Normalerweise wäre es jetzt an der Zeit, nochmal zur Toilette zu gehen und/oder noch ein Bier zu holen. Nicht heute. Ich stehe vorne so etwa in der dritten, vierten Reihe mit guter Sicht auf den Arbeitsplatz des Großen Vorsitzenden, zwischen lauter jungen, teils halbnackten, zum Moshen wild bereiten Youngsters. Diese super Position will ich auf keinen Fall aufgeben, obwohl ich weiß, dass es dort noch sehr unruhig werden wird, ha ha. Also beobachte ich die hünenhaften Roadies, wie sie höchst professionell die Anlage und die Instrumente checken. Alles läuft wie am Schnürchen. Zu guter Letzt installiert man am Boden zwischen den beiden Monitorboxen auf Lemmy's Platz einen dicken Schlauch, der ihm offensichtlich während des Auftritts kühlende Luft zuführen soll. In den Becherhalter an seinem Mikroständer kommt keine explosiv-alkoholische Getränkemischung, sondern ein höchst vernünftiges Glas mit geeistem Wasser. Trotz der schnellen Arbeit der Crew beginnt es sich etwas zu ziehen, bis das ehemals infernalische Trio loslegt. Die Menge wird leicht ungeduldig. Einzelne Pfiffe, aufforderndes Klatschen, "Lemmy, Lemmy"-Rufe. Ich finde das eher doof, die Band heißt immer noch Motörhead und der Meister ist absolut kein Fan von Personenkult, erfreulicherweise.

Motörhead

Nach etwa einer halben Stunde aber taucht ein wohl bekannter Hut am linken Bühnenrand auf. Erste Anfälle von Hysterie sind die Folge. Ein Intro vom Band und dann sind sie endlich auf der Bühne, in Lebensgröße. Lemmy sieht etwas dünner, sozusagen durchsichtiger aus als früher. Phil dafür etwas fülliger. Mit "Damage Case" geht es los, allerdings eher in Zeitlupe. Das kenne ich von früher schon ziemlich viel schneller. Die ersten paar Reihen gehen trotzdem steil. Man schubst sich und schwitzt sich gegenseitig voll, aber es bleibt grundsätzlich freundlich. Weiter geht es mit "Stay Clean", dann kommt "Metropolis". Bevor die Herren aber gleich das ganze "Overkill"-Album spielen, greift der Herr des Basses und der etwas brüchigen Stimme noch tiefer in die Mottenkiste und holt das uralte "Over The Top" heraus, das in recht flottem Tempo gespielt wird. Ich finde das alles noch nicht so spannend, aber die Leute fahren ab und es wird weiter gut geschubst und gehüpft. Gerade die Jungen freuen sich wie Bolle. Nach vier Stücken muss Lemmy zur Rekreation erst mal ins Off, Phil Campbell unterhält die Menge mit Gitarrenetüden. Es folgt "The Chase Is Better Than The Catch", das ja grundsätzlich keine Geschwindigkeitsrekorde aufstellt, sich aber gut mitklatschen lässt. "Can you hear me?" fragt Lemmy. Aber natürlich. Es ist ein bisschen wie auf einer Feier zu Ehren des Familienältesten, den alle respektieren und mögen und von dem man weiß, was er in der Vergangenheit geleistet hat. Alle sind fröhlich und positiv gestimmt, ohne zu viel zu erwarten. Harmonisch, das ist das richtige Wort. Lemmys geheim favorisierte Platte "Another Perfect Day" wird durch "Rock It" vertreten, dann folgen für meinen Geschmack etwas wahllos herausgegriffen der aktuelle "Lost Woman Blues", "Dr. Rock", das langsame "Just 'cos You Got The Power" und dann der schnelle Partyrocker "Going To Brazil". Irgendwo zwischendrin bekommt auch noch Mikkey Dee Zeit für sein Drumsolo. Inzwischen bin ich im Stadium der alten Liebe, die nicht rostet und dem des Erinnerns an die vielen vergangenen Konzerte mit sämtlichen früheren Besetzungen angekommen und verstehe und verzeihe alles. What a long strange trip this has been. Ab und zu spricht Lemmy ein paar Sätze zum Volk und hinter ihm an seinem Mörderverstärker hängt inzwischen ein mit an ihn gerichteten Lobeshymnen bekritzeltes Bettlaken, das er nicht weiter kommentiert. Der Schlussspurt wird mit "Killed By Death" eingeleitet, es folgt das unvermeidliche und vielstimmig mitgegrölte "Ace Of Spades" und am Ende werden mit einem recht energisch vorgetragenen "Overkill" letzte Kräfte mobilisiert. Zu mehr reicht es trotz einem ausdauernd nach Zugaben rufenden Publikum offensichtlich nicht. Die letzten Worte des angeschlagenen Idols sind: "Remember, we are Motörhead. Please don't forget us."

Motörhead

Das wird sicher nicht passieren. Ja, schön war es. Aber auch sehr kurz. Mein Gott, was hätten da noch für Kracher auf die Setlist gepasst. Ich spare mir das Aufzählen. Die Zeit bleibt halt für niemanden stehen. Am Ende überwiegt die Freude, Motörhead und vor allem den Spiritus Rector noch einmal live und in Würde gesehen zu haben. Ein bisschen roch es nach Abschied. Zurück bleibt der Dank für eine lange, wundervolle Zeit. Und eine Verbundenheit, die niemals enden wird. All the best for you, Lemmy!














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