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17. Oktober 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

Billing PROTEST THE HERO,TESSERACT, THE SAFETY FIRE, INTERVALS
Ort Kln, Essigfabrik
Datum 31.Januar 2014
Autor Mario Loeb
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Ich wei nicht wie es bei euch ist, aber das erste Konzert des Jahres hat fr mich immer einen besonderen Reiz und ist mir besonders wichtig, denn wer will schon schlecht in die vor einem liegende Konzert- und Festival-Saison starten? Bei der Abfahrt stellte ich mir folglich die Frage, ob ich mir wirklich das richtige Konzert fr einen guten Start ausgesucht hatte - bei einem Progressive Metal Abend mit so vielen genialen Einzelmusikern, ist die Erwartung ja von Haus aus recht hoch. Vor allem war sie fr mich bei Protest the Hero sehr hoch - habe ich ihr neues Album "Volition" seit seinem Erscheinen im letzten Jahr doch ohne Unterbrechung abgefeiert. Mit Vorfreude und ein wenig Zweifel ging es also nach Kln. Eines vielleicht schon mal vorneweg und das gilt fr alle Bands, die an diesem Abend gespielt haben: Es verbittet sich meiner Meinung nach auf dem extrem anspruchsvollen instrumentalen Niveau auf dem die Protagonisten sich bewegen, die Nadel im Heuhaufen zu suchen und nach mglichen technischen Fehlern zu stbern oder auf selbige zu lauern. Also wenn es sie gegeben haben sollte, erinnere ich mich an keine bzw. sind sie mir nicht aufgefallen. Da kann ich nur staunend daneben stehen. brigens, die anderen Musiker in unserem Auto haben ebenfalls weder wirklich gesucht noch in dieser Richtung etwas gefunden.


INTERVALS

INTERVALS

Die Jungs aus Toronto begaben sich als Erstes daran, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz gefllte Halle fr sich zu gewinnen. Dabei legten sie fr die restlichen Bands, die noch kommen sollten, die Messlatte was das Knnen an den einzelnen Instrumenten und das Timing untereinander angeht, direkt mal ziemlich hoch und es war klar, dass darunter nichts mehr kommen durfte, auer man wollte den Zorn des Besucher auf sich ziehen. Doch das wre dem Mann am Sound fast gelungen, waren die ersten zwei Stcke doch mehr als nur Brei. Zum Glck bekam er es noch einigermaen in den Griff, obwohl ich die Snare bis zum Ende kein einziges Mal ber die Anlage gehrt habe. Nichtsdestotrotz schafften es die vier Kanadier auf der Bhne mit toll arrangierten Songs zu berzeugen. Vier Kanadier? Diese Frage stellten sich mglicherweise auch einige der anwesenden Mathestudenten. Da stimmt doch was nicht. Wir alle zhlten noch einmal durch: Gesang, Schlagzeug und zwei Gitarren. Machte aber auch nach drei Bier noch "vier", aber wo zum Teufel kam denn dann der durchaus hrbare Basssound her? Des Rtsels Lsung: Der Bass kam vom Computer. Ein eingespielter Bass von Band - das gab der Sache irgendwie schon einen schalen Beigeschmack. Zu ihrer Verteidigung muss man allerdings Folgendes sagen: Intervals waren ursprnglich eine rein instrumentale Band und hatten dementsprechend auch keinen Snger. Auf spteres Nachfragen meiner Freundin bei den beiden Gitarristen Aaron Marshall und Lukas Guyader erklrten sie ihr, dass der Snger Mike Semesky ursprnglich Anfang 2013 als Bassist bei ihnen angefangen hatte. Bei den Aufnahmen zu ihrem neuen Album "A Voice Within" (geplanter V 04.Mrz 2014) ergab es sich dann aber, dass Mike in verschiedenen Passagen mit Gesang experimentierte und alle, einschlielich des Produzenten, davon begeistert waren. Aufgrund der Komplexitt ihrer Stcke, musste sich Mike allerdings zwischen Bass und Gesang entscheiden. Er und seine Bandkollegen entschieden sich fr die Version Mike als Frontmann einzusetzen, was sie dann auch Ende Dezember letzten Jahres bekannt gaben. Die Bassspur auf dem Album spielten Gitarrist Aaron Marshall und der Produzent ein. Im Januar stand dann bereits die Tour mit Protest the Hero an, weshalb man nicht mehr gengend Zeit hatte einen neuen Bassist in die Band zu integrieren. Aus diesem Grund entschieden sich die Jungs fr die Variante die Bassspur bei Konzerten als Sample einzuspielen. Seinen "neuen" Job als Snger macht Herr Semesky trotz allem auf jeden Fall hervorragend, da kann man nicht meckern und auch die anderen Bandmitglieder haben sich ins Zeug gelegt und eine gute Show geliefert. Aber wenn ihr noch einen Bassisten kennt, der zufllig nach Kanada auswandern will: Bei Intervals ist ein Job zu vergeben, denn die vakante Stelle des Bassisten soll bald wieder besetzt werden.


THE SAFETY FIRE THE SAFETY FIRE

...ist nicht irgendeine Band. Sie ist eine der Lieblingbands meines kleinen Bruders. Seit mindestens zwei Jahren hre ich die Jungs aus England mindestens einmal wchentlich im Auto. Seine Liebe zu dieser Band habe ich nie ganz verstanden. Was mich vor allem - mein kleiner Bruder mge mir bitte stellvertretend fr alle The Safety Fire Fans verzeihen - nervt, sind die ewigen Vocal Backing Tracks auf dem Clear Gesang. Deshalb hatte ich eine ordentliche Portion Skepsis und ich glaube auch ein wenig Angst davor, dass es mir live gar nicht gefallen wrde. Die Londoner betraten sichtlich gut gelaunt die Bhne und legten auch ohne sich lange aufzuhalten los. Was sofort auffiel: Die Crew vom Sound hatte u.a. den Schalter fr das Snare-Mikro gefunden.THE SAFETY FIRE Das Ganze war pltzlich ein vllig anderes Hrerlebnis. Die Halle war mittlerweile gut gefllt mit 630 Zuschauern, wie die Jungs an der Kasse mir spter verrieten. Was mir schon nach den ersten drei Liedern auffiel war, dass Joaquin Ardiles und Derya Nagle - die beiden Gitarristen - wirklich saugut harmonieren und die Band wirklich mitreien. Es ist immer schwierig bei solchen Bands einzelne Musiker hervorzuheben, denn, dass sie alle was an ihren Instrumenten knnen, steht ja auer Frage. Fr diesen Gig mache ich es aber trotzdem. Das war schon vom Allerfeinsten was die Jungs ablieferten. Was mir aber an The Safety Fire am besten gefallen hat, wird den eingefleischten The Safety Fire Fan wohl eher gergert haben: Der Gesang. Dadurch, dass soundtechnisch die Effekte auf dem Gesang zu leise waren, sind auch die fr mich so nervigen Vocal Backing Tracks in den Hintergrund gerckt. Das machte Sean McWeeneys Gesang fr mich um Klassen besser, denn singen kann der Mann. Wirklich positiv mchte ich dabei brigens auch seine Shouts hervorheben. Wenn The Safety Fire in die hrteren Passagen geht und Sean den Hals zu den Break Downs aufreisst, entwickelt er richtig Druck. Und siehe da, das Publikum hpfte in diesen Passagen auch das erste Mal an diesem Abend. Ob es mir gefallen hat? Ja, hat es, aber ein ordentliches Meshuggah Konzert ist mir immer noch lieber.


TESSERACT

"Ob das live funktioniert?" fragte ich mich schon Tage vor dem Konzert, nachdem ich mir noch einmal das letzte TesseracT Album "Altered state" angehrt hatte. Ja, es funktionierte und das richtig gut. Was die Klangatmosphre und deren Tiefe angeht, war TesseracT fr mich ganz klar DIE Band des Abends. Dabei strahlte die Band eine solche Ruhe aus, dass es wirklich kein Problem war abzuschalten und sich auf die Kompositionen der Briten einzulassen. Dabei zeigte sich die Band sehr spielfreudig und sehr variabel zwischen schon fast psychedelisch anmutenden und absolut aggressiven Parts. TESSERACT Seit mit Ashe O'Hara der mittlerweile vierte Snger das Mikro in der Hand hat, scheint man auch gesanglich endlich angekommen zu sein. Live berzeugte er mich auf jeden Fall. Um die Objektivitt mindestens etwas zu wahren, muss ich erwhnen, dass es auch Stimmen gab, die den Gesang zu "jammerhaft" fanden. Ich knnte mir allerdings vorstellen, dass dieser Eindruck vor allem den ganzen Effekten auf dem Gesang geschuldet war. Die waren in diesem Fall im Gegensatz zum vorherigen Auftritt von The Safty Fire nmlich viel zu laut. brigens: Damit es fr die Mathe Studenten auf dem Konzert nicht langweilig wurde gab es auch hier wieder eine Denksport-Aufgabe. Gesang+ Gitarre+Gitarre+Bass+Schlagzeug = 5 und das ist auch noch nach 4 Bier so. Es waren aber nur 4 Leute auf der Bhne. Ein Gitarrist fehlte. Ashe O'Hara erklrte whrend des Auftrittes, dass ihr anderer Gitarrist eine Ausszeit von der langen Tour genommen hat um bei seiner Frau und seinen 2 Kinder zu sein. Progressive ist schon anders, oder? Ich meine, das ist jetzt nicht negativ gemeint, aber kann sich jemand vorstellen das Kerry King eine Tour abbricht um bei Frau und Kindern zu sein? Andererseits kann man beide Seiten auch gut verstehen und beide Einstellungen machen auf die eine oder andere Weise sympathisch. Insgesamt bleibt ein gelungener und stimmungsvoller Auftritt der vier brig.


PROTEST THE HERO PROTEST THE HERO

PROTEST THE HERO Endlich ging es los und wie! Protest the Hero legten gleich mit "Underbite" von der neue Scheibe "Volition" los und stellten schon mit den ersten Takten klar, dass sie an diesem Abend keine Gefangenen machen wrden. Die letzten Zweifel waren dann sptestens nach "Hair-Trigger" (vom 2011er Album "Scurrilous"),"Sequoia Throne" (Album 2008 "Fortress") verflogen. Ich wei auch nicht... es war so als wrde Protest the Hero die ganze Halle aus einem Dornrschen-Schlaf wecken, in den sie vorher mit der von TesseracT erzeugten tiefen Atmosphre geschickt worden waren. Es war sofort sowohl oben auf der Bhne als auch im Publikum viel mehr Bewegung. Optisch prsentierten sich Protest the Hero im Gegensatz zum letzten von mir gesehenen Auftritt im Mrz 2012 in Bochum in der Matrix alle mit der neuesten "Holzfller-Bartmode". Das beschreibt eigentlich auch schon ziemlich gut den Unterschied zwischen damals und heute: Irgendwie sind sie ein wenig "bser" geworden. Es ist so, als wollten sie damit zeigen, dass sie nicht nur auf hchstem technischen Niveau ihre Instrumente beherrschen, sondern eben auch mal die brachiale Sound-Axt herausholen knnen, wenn es in den Liedern darauf ankommt. Und das gelang whrend des gesamten Konzertes gut. Protest the Hero vereinte dabei die besten Eigenschaften der Vorbands zu einem groartigen Ganzen. Die letzten zwei Alben ("Scurrilous","Volition") hatten ja bereits gezeigt, dass Kreativitt und Abwechslungsreichtum der Lieder noch einmal gesteigert werden kann, aber live haben sie meiner Meinung nach auch die alten Stcke um eine Stufe angehoben. Wer an diesem Abend die Fe still gehalten hat, hatte wohl mit Erfrierungen an den Zehen oder Bleischuhen zu kmpfen, denn an fehlendem Rhythmus und Groove hat es sicher nicht gelegen. Dafr sorgten der immer von den Bewegungen her etwas esoterisch anmutende Bassist Arif Mirabdolbaghi und der neue Drummer Mike Ieradi. Letzterer hat sich brigens ein Sonderlob verdient. PROTEST THE HERO PROTEST THE HERO Als Drummer Moe Carlson 2013, whrend der Aufnahmen zu "Volition", seinen Platz zugunsten seiner Ingenieurlaufbahn rumte, wurden die Drum Parts frs Album von niemanden Geringerem als Chris Adler (Lamb of God) eingespielt. Als Nachfolger von Carlson und Adler ist Ieradi in verdammt groe Fustapfen getreten, die er bewiesenermaen mehr als nur ausfllt. Was mir auch sehr gut gefallen hat, ist, dass der Snger Rody Walker zwischen den Songs mit sehr guten Entertainerqualitten geglnzt hat. Mit viel Witz und Charme berzeugte er auch zwischen den Songs als Frontmann. Dabei zeigte er sich auch gut vorbereitet auf den Ort an dem sie spielten und so durften Witze ber Dsseldorf natrlich nicht fehlen. Als Snger macht der Kerl solange ich ihn kenne sowieso einen verdammt guten Job und verzichtet dabei auch auf zu viele Effekte auf dem Gesang. He, ihr glaubt es nicht: Protest singen den zweistimmigen Gesang sogar noch selber mit zwei Mann!!! Wie in den guten alten Zeiten... geht doch! Auch wenn es ein oder zwei Mal etwas schief klang. Aber das ist Live und das will ich doch auch sehen und hren. Bevor ich die zwei Gitarristen nicht erwhnt habe: Tim Millar und Luke Hoskin haben selbstverstndlich auch einen tollen Job gemacht und dazu beigetragen, dass es ein klasse Konzert war. Den Ritterschlag durfte sich dann Protest the Hero von ihren Bandkollegen von TesseracT, The Safety Fire und Intervals abholen, die es sich bei den letzten beiden Stcken nicht nehmen lieen zum Stagediving zu erscheinen. Muss sich toll angefhlt haben, dass auch die Kollegen so viel Spa hatten. brigens die Mathestudenten konnten sich bei Protest the Hero ganz auf das Biertrinken und moshen konzentrieren. Alle 5 Mitglieder der Band waren anwesend und das war auch noch nach 7 Bier so. Ein paar Kleinigkeiten gibt es dann aber doch noch zu bemngeln: Der Sound war leider nicht so dolle. Gerade die Hhen kamen nicht richtig gut raus, so dass leider viele Feinheiten der Band untergingen. Auch waren die ber Computer eingespielten weiblichen Gesangsparts wie z.b bei "Clarity" und "Tilting Against Windmills" viel zu leise. Sehr schade. Ein Kumpel von mir meinte am Ende des Konzertes zu mir: "Das war das geilste Konzert, das ich gesehen habe, seit Machine Head." So weit wrde ich jetzt vielleicht nicht gehen, aber es zeigt, dass Protest the Hero auf einem guten Weg sind und eine Menge Besucher begeistert und mitgerissen haben. brigens ist auch Protest the Hero eine der Lieblingsbands meines Bruders. Ab und zu sollte man also wirklich auf seine kleineren Geschwister hren.




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