Navigation
                
23. Oktober 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

Billing ICE ROCK FESTIVAL 2014
Ort Wasen im Emmental, Schweiz
Datum 02. - 04.01.2014
Autor J. Lugerth, D. Kaufhold, Bilder: D. Kbeli, J. Lug
>> Als E-Mail versenden

Aus dem abgelegenen Emmental in der Schweiz kommt nicht nur der weltberhmte Kse, da wird auch hchst amtlich gerockt. Alle Jahre wieder zwischen Neujahr und Dreiknig findet unweit des rtchens Wasen das "Ice Rock Festival" statt, das allen winterlichen Umstnden zum Trotz bis zu 500 Rocker und Metaller/innen anzieht.

Initiator des hei-kalten Spektakels ist Fritz "Fridu" Gerber, der als Chef und Moderator des Ganzen nichts dem Zufall berlsst und den Ice Rock als "sein Leben" bezeichnet. So vertraut er mir in einem Gesprch an, dass die Planungen fr das Fest immer schon Mitte Januar beginnen, kaum dass das gerade noch aktuell gewesene vorbei ist. Die Leute, die mit ihm wochenlang vorm Start die Bhne, die Zelte, die Verkaufstnde aufbauen und spter fr Verpflegung, Kasse, Logistik, Sicherheit und alles Andere sorgen, sind eine verschworene Gemeinschaft, eine Rock 'n' Roll Familie, die nicht von ihrer Leidenschaft lassen kann. Ich habe schon von diesem Festival gehrt, war aber noch nie dort. Also rein in den Van und ab ins Emmental, vorbei an blauweien Alpenpanoramen im Hintergrund und ber kleine kurvige Strassen zu meiner Unterkunft, einem urigen und sehr originalen Schweizer Landgasthof.


Donnerstag

Ein kostenfreier Shuttlebus bringt mich am Donnerstagabend zum etwa sieben Kilometer entfernten Konzertgelnde. Das besteht zu einer Hlfte aus einem mit Zelten und Planen abgedichteten Raum, an den sich eine hohe Scheune anschliet. Dort steht die sehr professionelle Bhne. Es wird mit groen Gasbrennern oder etwas hnlichem geheizt. Ein etwas schummrig beleuchteter, gemtlicher Ort fr ein Rockfestival, mit hlzernen Bars und Verkaufsstnden und sogar einem riesigen Holzzuber mit heiem Wasser, in dem sich Freizgige aufwrmen knnen, whrend sie die Bands auf der Bhne verfolgen.

Pertness Endoras

Um 20 Uhr kndigt Fridu die erste Band ENDORAS an. Die fnf Schweizer Jungs versuchen mit ihrem irisch angehauchten Happy Rock- und Metalsound fr Stimmung zu sorgen und setzen sich dazu auch gleich bunte Hte auf den Kopf. Leider trifft der Snger oft nicht die Tne, das Judas Priest Cover "Breaking The Law" geht fr meinen Geschmack ziemlich in die Hose. Nun, das Publikum reagiert nicht ungndig. Ich aber hoffe, dass sich der Abend noch steigert.

Pertness

Dies geschieht auch mit der nchsten Band. PERTNESS aus dem Berner Oberland kommen zwar zuerst mit etwas albernen Langhaarmasken und Schottenrcken auf die Bhne, aber ihre Mucke mit Elementen aus Gothic Rock, Death Metal, schottischem Folk und beinhartem Thrash fhrt mchtig in Herz und Beine. Der Vierer bietet groe Spielfreude, technische Przision und gute, einprgsame Songs. Das wrmt die Halle richtig an und vor allem Gitarrist Tom Zurbrgg quittiert die Begeisterung sichtlich mit einem nicht enden wollendem stillen Lcheln. Um es vorauszuschicken: PERTNESS sind zumindest fr mich der Gewinner des ersten Spieltages.

Gloryhammer

Gloryhammer

Das werden viele Besucher wohl anders gesehen haben, denn als dritte Band laufen GLORYHAMMER auf, die derzeit einen ziemlich steilen Aufstieg nehmen. Masken und Kostmzauber on stage sind halt nicht so mein Ding, ich bevorzuge den puren Stoff. Aber das Publikum empfngt die fnf Musiker, die als mittelalterliche Ritter-, Magier- und Minnesngerriege auftreten, mit groer Begeisterung. Die Mrchenmetaller mit ihrem Schweizer Frontmann und Stimmwunder Thomas Winkler spielen ihr gesamtes CD Debt und ziehen eine richtige Metal Oper ab, mit "echter" Prinzessin und viel Drachenromantik. Der epische, hmmernde, von melodischen Chorussen durchbrochene Breitwandsound, przise und druckvoll gespielt, bringt den Saal zum Toben. Ritter Thomas animiert das Volk, das er nur mit "my friends" anspricht, permanent zum Mitmachen. Das klappt prima, die Euphorie ist gro und man will die Recken am Ende kaum von der Bhne lassen. Mir scheint, da erwchst den Kriegshelden Sabaton eine ernstzunehmende Konkurrenz auf der Party Metal Meile.



Excelsis

Die letzte Band des Abends zu spter Stunde sind EXCELSIS. Das ist die urschweizerischste Formation des Wochenendes und hat mit ihrer leicht dsteren Mischung aus Rock, Metal, Folk, Volksmusik, Heimatliebe und Mundart sicher den hchsten Identifikationsfaktor beim grtenteils nationalen Publikum. Da es schon halb zwei ist und der Weg zur Herberge weit, warte ich das Ende nicht ab, sondern suche den allzeit bereiten Shuttlebus zur Heimfahrt auf. Der Fahrer, ein brtiger und stmmiger Typ, erzhlt mir von der im hiesigen Tal schon lange ansssigen Rockszene, von seinen Abenteuern als Bandbetreuer und Security Mann, die ihn schon bis nach "Wacken" gefhrt haben und von seinen Jahren als LKW-Fahrer in Eis und Schnee. Wir kommen sicher vor meinem Gasthof an.


Freitag

Chickenhouse Chickenhouse

Chickenhouse

Das ist der Tag, auf den ich mich am meisten gefreut habe. Ein quasi deutscher Tag, denn drei von vier Kapellen kommen aus meinem Heimatland. Das ist aber nicht der Grund meiner Freude, sondern weil es hier durchgehend nach Leder, Dreck, Diesel und Reifenabrieb riecht.Zuerst aber entert Chef Fridu selbst die Bhne und nimmt hintern den Kesseln Platz. Vor ihm legt seine Band CHICKENHOUSE einen Tagesstart nach Ma hin, indem sie mit saftigem, erdigen Blues- und Hardrock und mit einer attraktiven Lady am Viersaiter restlos berzeugt. Als noch der Stage-Manager des Festivals, der wie von ZZ Top entsprungen aussieht, zur Gitarre greift und ein paar blitzende Soli und Gitarrenduelle abliefert, ist die Stimmung berschumend. Eine prima Erffnung!


The New Black

Nun mssen THE NEW BLACK ran. Die Mannen um den viel beschftigen Gitarristen Christof Leim mhen sich redlich mit ihrem Heavy- und Hard Rock, der einige Male sogar harte Rap-Elemente aufweist, aber so richtig will der Funke ins Publikum nicht Motrjesus berspringen. Es scheint, als ob Snger Markus Hammer mit seinen Ansagen zwischendurch nicht immer den richtigen Ton trifft, aber am Ende wird eine solide Vorstellung der Band dann doch mit reichlich Applaus belohnt.


Motrjesus

Wie man das Volk aus dem Stand auf seine Seite zieht, demonstriert danach Snger Chris von den Straenrockern MOTRJESUS. Er freut sich tierisch, in der Schweiz spielen zu drfen, glnzt mit Selbstironie und animiert die Menge immer wieder zum Mitmachen. Die Band in seinem Rcken feuert eine dreckig rockende Rock 'n' Roll Hitliste ins weite Rund und versetzt sie mit etlichen Prisen Punk und Stoner Rock. Die Kpfe wackeln, die Fuste werden geschttelt, das abschlieende Medley mit AC/DC und ein paar verrockten Schlager-Gassenhauern trifft den Geschmack der Partygnger. MOTRJESUS mssen fast von der Bhne gezwungen werden.


Nitrogods

Nitrogods

Wer meint, das wre schon der Hhepunkt gewesen, hat nicht mit dem Powertrio NITROGODS aus dem Schwabenland gerechnet. Nach einer etwas wortreichen Einleitung betreffs schwbisch-schweizerischer bersetzungsprobleme legt der Dreier um den umfnglichen und urigen Bassmann Oimel los wie die Feuerwehr und begeistert restlos mit seinem Biker Rock, der nicht nur einmal sehr stark an die frhen Motrhead erinnert. Als Schlagzeuger Klaus Sperling (Ex-Freedom Call) dann noch eine Solo-Einlage auf einer leeren Bierflasche klpfelt und die Band dazu mit einem saftigen Blues Rock einsteigt, ist endgtig Party angesagt. Die Nitrogods ziehen dem Volk die letzten Zhne. Ein wrdiger Tagesabschluss. Es folgt eine eisige Heimfahrt, die fr mich Folgen haben wird.



Samstag

Der dritte Tag des Festes findet dann leider ohne mich statt. Ich bekomme berraschende gesundheitliche Probleme. Deshalb bernimmt fr den Samstag mein Freund und Ice Rock Spezialist Dave Kaufhold das Wort.

Am Samstag regnet es heftig. Auf dem Gelnde werden Entwsserungsgrben gezogen. Trotzdem strmt ab etwa halb sechs Uhr abends das Publikum heran wie der Regen. Die Einlasscrew hat viel zu tun.


The Order The Order

Die erste Band ist THE ORDER aus good old Switzerland. Richtiger guter old school Rock mit einer Prise Motrhead und alten Achtziger Jahre Stilelementen sorgen fr eine erste Markierung in Sachen Stimmung. Die Jungs liefern ein Feuerwerk aus Ihrem aktuellen Album "1984" und ihren bekanntesten Songs ab. Fatal Smile Das Publikum geht vom ersten Song an voll mit. Der Grundstein fr einen absolut ereignisreichen Rock 'n' Roll Abend ist gelegt.


Fatal Smile

Nach der wie immer kurzen Umbaupause steigen FATAL SMILE aus Schweden in den Ring. Sie knnen das Feuer, das The Order entfacht haben, zu einem Brand ausweiten. Mir persnlich war die Band bis dato fast unbekannt, was aber nichts heien soll. Sie berzeugen nicht nur Ihre zahlreichen aus ganz Europa angereisten Fans, sondern das gesamte Publikum. Das lsst sich von der an Kiss erinnernden Show in den Bann ziehen und rockt mit der Band, als wenn es kein morgen gibt.



Freedom Call Freedom Call

Bonafide Die nchste Band ist fr mich eine der absoluten berraschungen am Ice Rock Festival. FREEDOM CALL aus Deutschland verschmelzen ihre Hardcore Fans mit dem Publikum und bringen eine Stimmung, die aus dem Brand einen Flchenbrand macht. Die mir bisher ebenfalls unbekannte Band, die ich ganz neutral betrachte, haut richtig rein. Es ist fast ein Feeling wie sonst nur bei Def Leppard zu spren. Das Publikum und die Band kommunizieren wie auf einer hheren Ebene und bauen sich gegenseitig auf. Ein tolles Erlebnis.

Bonafide

Bei der nchsten Band steht ein etwas trauriger Anlass im Mittelpunkt. Mikael Fssberg verlsst nach sieben Jahren aus familiren Grnden BONAFIDE. Das hlt die Band aber nicht davon ab, sich in bester Spiellaune zu prsentieren. Das Publikum geht vom ersten Song an infernalisch mit. Am Ende gibt es Prsente von den Fans an den Scheidenden und noch eine Zugabe. Dadurch verzgert sich der Auftritt der letzten Band, die ihre Schweizer Premiere feiert.


Hardbone Hardbone

HARDBONE aus Hamburg, fnf Jungs von der Waterkant, machen weiter, wo AC/DC nach dem Tod von Bon Scott aufgehrt haben. Ehrlicher harter Kick Ass Rock voll auf die Zwlf. Trotz vorgerckter Stunde verstehen es diese Jungs, das Publikum so in ihren Bann zu ziehen, dass nachher nur noch verbrannte Asche brig bleibt. Drei Zugaben mssen sie geben und wrden mehr geben, wenn die Zeit nicht unerbittlich wre. Das Publikum ist danach fix und fertig, aber glcklich.


Fazit: Alles in allem ist das "Ice Rock" eine ganz feine Sache, organisiert von kompetenten und engagierten Menschen, die Rock 'n' Roll als Herzenssache betrachten. Solche Leute brauchen wir. Und solche Events mssen untersttzt werden. Bis zum nchsten Jahr!

<< vorheriges Review
AMORPHIS, STARKILL, HAMFERD - Hamburg, Markthalle
nchstes Review >>
DER WEG EINER FREIHEIT, AEONYZHAR, TORTURIZED - Magdeburg, Factory


Zufällige Reviews