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17. Oktober 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

Billing THE OCEAN, TIDES FROM NEBULA, SHINING, HACRIDE, ABRAHAM
Ort Berlin, LIDO
Datum 17.11.13
Autor Axel Fichtmller, Marc Fischer
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"Nur fr Erwachsene"

Wer heutzutage im Raum Sachsen-Anhalt Konzerte sehen mchte, wird kaum drumherum kommen, nach Berlin zu fahren. Auch fr uns war es mal wieder soweit. Dieses Mal ging es aber nicht in unser geliebtes und gelobtes Huxley's. Wir nahmen uns mit dem LIDO mal eine neue Location vor und wurden erneut nicht enttuscht. Gemacht fr ca. 500 Gste gaben wir uns an diesem Sonntag eine dolle Mischung aus Krach und einem stilistischen Allerlei. Wir hatten bereits im Voraus ber den Umstand nachgedacht, dass die Musik, die wir an diesem Abend eventuell erleben wrden, keine Kindermusik ist; quasi "Nur fr Erwachsene". Selbst hatten wir so etwas in Bochum auf einer Show von Celeste und einigen anderen mal erlebt. So auch im LIDO. Wer 'nen Teenie fand, durfte ihn behalten. Die Autofahrt, die Ankunft, der Parkplatz, der Abend schienen wie gemalt zu laufen. Daran wollte sich auch nichts wesentliches mehr ndern. Fr fnf qualitative Bands dann auch an der Abendkasse nur 20 Euro zu verlangen, ist absolut top und keinen Cent zu teuer. Die Getrnke waren da vielleicht mit 3 Euro fr eine 0,33er Flasche Bier plus Ein-Euro-Pfandmarke ein wenig happiger. Der Merchandise-Bereich war dagegen leider erstens sehr klein und strategisch vielleicht gut gelegen in einem Tunnel auf dem Weg zum Raucherbereich bzw. den stillen rtlichkeiten, dafr aber auch verflucht eng. Wenn 400 Menschen alle auf einmal rauchen wollen, ist es schwer mglich, in einem zwei Meter breiten Gang Klamotten, Taschen, Shirts oder CDs zu kaufen.


ABRAHAM ABRAHAM

Die Schweizer stellten die erste Band des Abends. Bereits zu Anfang entwickelte sich eine Mischung aus Isis, Ghengis Tron und Ulcerate. Snger Renzo Especial, welcher eine optische hnlichkeit zu Peter Dolving aufwies, arbeitete zu Beginn mit einem Keyboard und schrgen Ambient Sounds - daher auch der Ghengis Tron Gedanke. Jedoch wurden wir schon bald eines Besseren belehrt. Mehr und mehr nahm der Frontmann auch genau diesen Platz ein und machte schon fast einen erzhlenden Eindruck oder nahm hin und wieder eine betende Haltung auf den Knien ein, whrend er dem Publikum seine Texte entgegenbrllte. Somit mndete der Auftritt von ABRAHAM in eine energetische Show, zu der sich auch die Instrumentalisten immer mehr dazugesellten. ABRAHAM Allen voran der Drummer mit dem wohlklingenden Namen Dave Schlagmeister, welcher zwar eher nach einem BWL-Studenten aussah, der sich ebenfalls sehr gewandt am Mikrophon zeigte und dabei sehr ausdrucksstark spielte. Die fnf Songs wurden dabei von Lied zu Lied immer anspruchsvoller, der Gesang teilte sich immer wieder auf zwischen dem Snger, dem Schlagzeuger und dem Bassisten. Einen schnen Kontrast gab es dabei im dritten Stck, als Schlagmeister zum stetigen Geschrei von Renzo Especial mit Gesang einsetzte, was zustzlich noch etwas Abwechslung brachte. Besonders hervorstechend bei den Schweizern war der knackige Sound der Schiessbude. Der Klang war sehr stark auf die Toms ausgerichtet und auf pralle Bsse, so dass die Snare die Angewohnheit hatte, sehr nebenschlich zu klingen und oftmals im Hintergrund, bzw. im Abseits zu stehen. Das passte aber sehr gut zur allgemeinen Befindlichkeit, die die Jungs transportierten. Sonst gab es viel Bewegung auf der Bhne bei dem Quintett, was sogar soweit ging, dass Renzo sich ins Publikum stellte und dort an einen Zuschauer klammerte. Aber nicht nur, dass der Snger die Nhe zum Publikum suchte, nein, er kuschelte auch immer wieder gern mit dem Bassisten. ABRAHAM waren ein schner Einstand, der gut in den weiteren Abend einfhrte. Zu diesem Zeitpunkt verhielt sich das noch sprliche Publikum sehr zurckhaltend und behielt konsequent einen "Zwei-Meter-Sicherheitsabstand" zur Bhne bei. Insgesamt ein starker Opener, der fr einen vielversprechenden Auftakt an diesem Abend sorgte. Velo Death!!! Dafr, dass die Schweizer "nur" der Opener waren, wurde eine sehr starke Lichtshow direkt mit aufgefahren, was sich diesen Abend auch nicht mehr ndern sollte. Der Kollege an den Reglern fr die Beleuchtung setzte die Bands ein ums andere Mal gekonnt in Szene, so dass die Musik noch besser wirkte und die Auftritte durchgehend noch besser machte.


HACRIDE HACRIDE
HACRIDE

Weiter geht es mit dem Look-a-like Wettbewerb: Jetzt stand Phil Anselmo auf der Bhne. Die Musik der Franzosen war im Gegensatz zu Abraham weitaus mehr auf Groove ausgelegt. Die Axtfront stellte starke Instrumentalisten, am meisten berzeugte uns aber Drummer Florent Marcadet, der durch absolut taktsichere Breaks und starkes Spiel zu gefallen wusste. Ansonsten fielen HACRIDE an diesem Abend als einzige Band leider ein wenig ab, vielleicht weil sie in diesem Line-up zu wenig Eigenstndig oder zu ausklammerbar waren. Es war irgendwo zu gewhnlich fr diesen gesamten recht freakigen Abend. Hinzu kam, dass die Band immer auch ein Stck zu distanziert in diesem intimen Rahmen blieb, den das LIDO bot. Denn sonst gab es an sich nichts zu meckern, bzw. htten wir mit der Show sicherlich nichts zu kritteln gehabt, wren die anderen Bands im gleichen Stile gewesen. So aber hing dem Gig ein wenig der Makel an, zu angestrengt, zu hlzern zu sein. Die Stimme von Luis "Phil" Roux berzeugte in den Screams, auch interagierte er gut mit der Menge und versuchte immer wieder den Anheizer zu spielen. Jedoch blieb der Gesang arg drftig, was mit einer Menge Hall versucht wurde, zu bertnchen. Aber er schaffte es, das Publikum mehr und mehr vor die Bhne zu holen und den nun gut gefllten Saal aufzuwrmen. Richtig sympathisch wurde das alles aber nicht mehr. Beispielhaft dafr seien vielleicht die ersten drei bis vier Minuten des Gigs. Der Snger war zu Beginn sehr darauf bedacht, das die Kapuze seines Zippers auf dem Kopf blieb, was wegen des Headbangens schwer fiel. 20 Sekunden spter war's ihm dann doch egal...


SHINING SHINING
SHINING

Welch Glck, dass es vor wenigen Tagen einen Artikel ber Black Metal in der "Welt" gab. Dort erfuhren wir, dass es SHINING tatschlich zweimal gibt. Dabei wollten wir uns eigentlich ber den Artikel nur lustig machen, weil es immer was zu lachen gibt, wenn Leute ber Black Metal in diversen Zeitungen schreiben wollen, die erstens keine Ahnung haben und zweitens dann Leuten, die noch weniger Ahnung haben, was beibringen wollen. So aber brachte der Artikel dann ja doch noch was. Denn es gibt einmal die Black Metal-Schlitzer mit Hang zur Provokationen aus Schweden und halt die norwegischen, hier vertretenen SHINING. Damals las man was von Jazz und Metal und viel Blabla in dem Artikel. Daher begann vor dem Auftritt der Skandinavier wildes Herumspekulieren, was uns erwarten wrde. Was dann kam, sprengte jede Erwartung!!! Zunchst gab es einen netten Dresscode zu bestaunen: Fnf Herren in schwarze Hemden, dazu ein jeder mit wunderhbschen Schwiegersohn-Scheitel geschmckt. Aufgrund der vielen Einstellungen am Sound begann die Truppe mit fnf mintiger Versptung. Danach folgte fr knapp mehr als 30 Minuten absolut (Zitat Axel:) abgedrehte, schwer-verdauliche, fingerverknotende, quietsche-Saxophon-aufgedrehte Balkan-Jazz-Black/Death/Prog-Mugge! Aber erstens mit einem Sound, wie man ihn kaum kennt und zweitens mit solch einer Mischung der Stile. Es war tatschlich Jazz, der dort - eingebunden in tonnenschweren Riffs, untersttzt durch Saxophon und Keyboard - aufgefahren wurde. Es war die letzte Show fr die Jungs auf der Tour. Daher machten die Burschen, allen voran der sympathische Frontmann Jrgen Munkeby aka Willy Deville meets Alec Vlkel, auf der Bhne noch mal richtig Alarm und jetzt ging auch das Publikum das erste Mal an diesem Sonntagabend mit. Der Groteil des Publikums lie sich einfach treiben und nicht wenige tanzten, anstatt zu bangen. Insgesamt war es hoch innovativ, was SHINING boten. Alles war irgendwie unglaublich schrg, aber keinesfalls schlecht, sondern lie uns ein ums andere Mal nur die Kinnlade nach unten fallen. So hatte der Soundmann auch offensichtlich arge Probleme alles unter einen Hut zu bekommen. Dafr bot die Band aber eine tierisch authentische Art und Weise, verabschiedete sich beraus freundlich vom Publikum und schob zum Schluss noch mal eine Monster-Jazz-Nummer hinterher, die den Laden komplett berforderte, aber jeden auf eine bestimmte Art und Weise begeistert zurcklie. Selbst nach dem Auftritt schien es noch nicht fr alle mglich, zu begreifen, was da in der letzten Dreiviertelstunde passiert war. Sackstarke Musiker, die uns eiskalt erwischten!


TIDES FROM NEBULA TIDES FROM NEBULA

Polen, Lissabon, alles eine Ecke... Wie hnlich sich Warszawa und Lisboa anhren knnen, wenn man's nicht besser wei. Was man aber wei ist, dass Qualitt nicht an Nationen gebunden ist. Und so vereinnahmten vier Musiker - vollkommen ohne Gesang - mit spielerischer Sicherheit einen gesamten Saal im Handumdrehen. Der komplette Sound war unglaublich perfektionistisch und auf lupenreinen Postrock ausgerichtet, der teils auch an Knstler wie Eric Czar, Joe Bonamassa oder auch Mark Knopfler in seiner Ausdifferenzierung erinnerte. Zudem war das Quartett stilistisch noch am nchsten am Headliner dran, was sich zustzlich im Publikumszuspruch niederschlug. Also Augen zu, Kopfkino an und los ging's mit dem Flug durch die Gedankenwelt. TIDES FROM NEBULA Bei TIDES FROM NEBULA lieferte der Lichttechniker seinen vielleicht besten Job an diesem Abend ab. Die Lichtshow war den Polen wie auf den Leib geschneidert und besser htte man die musikalischen Stcke nicht untermalen knnen wie an diesem Abend. Die minimalen Ansagen ans Publikum von Gitarrist Adam Waleszy?ski waren dabei genau richtig, unterbrachen sie doch nie den Fluss, den die Musik im Raum entstehen lie. Das Publikum brauchte vielleicht zu Beginn noch ein wenig bevor sie mit den Jungs warm wurden. Dabei machten TIDES FROM NEBULA genau das richtige Kontrastprogramm zu SHINING vorher. Mitte des 2. Songs wurde die Menge dann auch wach und ging endlich richtig mit, was die Musiker selbst absolut honorierten und mehr mit den Menschen vor der Bhne begannen, zu interagierten. In Kombination mit der fantastisch integrierten Lichtshow wurde der Auftritt mehr und mehr zu einem tollen Gesamterlebnis. Mal waren die Musiker in tief rote oder tief blaue Lichter gehllt, mal gingen sie in Ekstase in einem Flashlight-Gewitter unter. Das Publikum war von Song zu Song mehr hingerissen, was die Band im Umkehrschluss noch mehr zu animieren schien. Zum Schluss gab es dann noch eine ehrliche Verabschiedung, nicht nur vom Publikum sondern auch noch mal von SHINING, was den Eindruck hinterlie, dass dort bei dem Tourpackage in den vergangenen vier Wochen ordentlich was zusammengewachsen sein muss. Einen letzten groen Moment gab es noch, als Adam Waleszy?ski beim letzten Song ins Publikum ging und mit der Menge um die Wette bangte. Fantastischer Auftritt einer ganz starken und spielsicheren wie zutiefst geerdeten Band!


THE OCEAN THE OCEAN

THE OCEAN Oh. Mein. Gott. War das gut! Natrlich sind beim Hauptact die Erwartungen immer entsprechend hoch, insbesondere bei einer Band wie THE OCEAN, aber dennoch sind zutiefst genussvolle Konzerte dieser Art keine Selbstverstndlichkeit. Die Berliner bzw. Schweizer plus Robin Staps aka Robin Staps, spielten konsequenterweise die komplette Pelagic, so wie es auch schon im WDR beim Westend Festival zu sehen war. Die Angst war zwar gro, dass auch dieses Mal Loc Rossetti nicht mit von der Partie wre. Dieser tauchte aber nach dem Intro "Mesopelagic: Into The Uncanny" energiegeladen auf und sang bis auf "Bathyalpelagic III: Disequillibrated " die komplette Scheibe durch. Und Mann, was war das emotional und mitreiend. Selten einfach eine so authentische Band gesehen, die so dermaen alles gibt. Im Repertoire whrend der gesamten Spielzeit war so ziemlich alles gegeben. Stagediving von Rossetti, null Berhrungsngste der Band mit dem Publikum, was aber so ziemlich keine Band an diesem Abend hatte. Hess trommelte gezielt und energetisch auf sein minimalistisch aufgebautes Set - ein allgemeines Merkmal des Abends. Kein Portnoy-Wahnsinn und unntiger Schnickschnack. Fr "Demersal: Cognitive Dissonance" kam auch Luis "Phil" Roux von Hacride noch mal zurck auf die Bhne, sang bzw. brllte gemeinsam mit Rossetti um die Wette und lie sich auch vom Publikum durch den Saal tragen. Als zustzliches Schmankerl auf die Musik obendrauf, kamen noch die per Multimedialeinwand integrierten Videosequenzen dazu, die das Gesamterlebnis abrundeten. Nachdem die gesamte Scheibe durch war, gingen OCEAN erst einmal geschlossen von der Bhne. Staps kndigte aber vorher schon an, dass noch einige ltere Stcke mit im Gepck seien, so dass sich niemand, aber auch wirklich niemand, aus dem Raum bewegte. Als Quasi-Zugaben gab es dann mit "Ectasian: De Profundis", "Origin of Species" und "Origin of God" tatschlich noch ltere Stcke der Precambrian-Scheibe und der Heliocentric-Platte. Eindrucksvoll war auch, dass Robin Staps zwischendurch fallen lie, dass der Gig in Berlin die mittlerweile 127. Show in diesem Jahr war. Eindrucksvoll deswegen, weil einfach bis auf die Erkltung vom Gitarristen keinerlei Mdigkeit anzumerken war und man der Band jederzeit abkaufte, dass sie gerade DAS! Konzert gaben. Zum Abschluss, was einfach nur als unglaublich gelungen gewertet werden kann, kam Jrgen Munkeby aka Willy Deville meets Alec Vlkel mit dem Saxophon noch mal auf die Bhne und spielte erstens genau den richtigen Abschluss des Songs "Origin of God", zweitens den passenden Abschluss fr diesen mehr als gelungenen Abend. Mit dem letzten Saxophon-Ton verklang auch die greifbare aber durchweg positive Anspannung im Saal. Die angehenden Deckenlichter verscheuchten uns geschwind in die khle Berliner Nacht. Was'n Abend. Bamm Junge!!!

Setlist: THE OCEAN

  • Mesopelagic: Into the Uncanny THE OCEAN
  • Bathyalpelagic I: Impasses
  • Bathyalpelagic II: The Wish in Dreams
  • Bathyalpelagic III: Disequillibrated
  • Abyssopelagic I: Boundless Vasts
  • Abyssopelagic II: Signals of Anxiety
  • Hadopelagic I: Omen of the Deep
  • Hadopelagic II: Let Them Believe
  • Demersal: Cognitive Dissonance
  • Benthic: The Origin of Our Wishes Zugabe:
  • Ectasian: De Profundis
  • The Origin Of Species
  • The Origin Of God







ABRAHAM SHINING HACRIDE THE OCEAN
ABRAHAM HACRIDE THE OCEAN HACRIDE TIDES FROM NEBULA THE OCEAN THE OCEAN
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THE DILLINGER ESCAPE PLAN, MAYBESHEWILL, THE HIRSCH EFFEKT - Kln, Luxor


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