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20. Oktober 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

Billing FUELED BY FIRE, NILE, MORBID ANGEL, KREATOR,
Ort Hessenhalle / Messe Gieen
Datum 02.11.2012
Autor Christian Schfer
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Die Meinungen ber Gieen gehen weit auseinander. Whrend die einen der Kreisstadt im hess(l)ischen Niemandsland gern den Charme einer illegalen Giftmllkippe in der Dritten Welt attestieren, sagen andere, dass die Wiederaufbauarbeiten nach dem letzten groen Krieg das hierdurch optisch erheblich optimierte Stadtbild erneut verschandelt htten. Letztere Meinung deckt sich mglicherweise mit der Aufforderung von KREATORs Mille Petrozza, die Gieener Messehalle, auch Hessenhalle, in besengerechtes Format zu transformieren. Fangen wir von vorne an:

Es war Ende Oktober, als mein Kollege Petzi mich fragte ob ich nicht Lust auf ein Konzert htte. KREATOR wrden spielen. Eine kurze Internetrecherche ergab, dass neben dem besagten Thrash-Urgestein aus dem Pott die floridianische Oldschool-Deathmetalwalze MORBID ANGEL, die pseudogyptischen Frickelknstler von NILE sowie die Nachwuchsthrashflegel FUELED BY FIRE zum kollekiven Tanzbein- und Haupthaarschwingen aufspielen. Was fr eine geile Packung fr einen Freitagabend!

FUELED BY FIRE

An jenem Freitag gibt sich der gttliche Wetterbeauftragte Petrus bewusst neidisch, dass er Dienst schieben muss und lsst es schiffen, als sollten die himmlischen Wasserreservoirs am Anfang November aufgebracht werden. Der Verkehr auf der Autobahn nach Gieen floss leider nicht so gut wie die besagten Wassermassen, und so kam es, dass Fahrer Petzi, Navigator Holly sowie die Kollegen Kalle, Randy Andy (den wir zuvor eigens im Norden Darmstadts, namentlich Wixhausen abgeholt hatten) und ich trotz eines wahren Hllenritts nach Mittelhessen nur den Schlussakkord von FUELED BY FIRE mitbekamen, die vor weitgehend leerem Hause spielten. Lag vielleicht auch daran, dass der Veranstalter den Veranstaltungsbeginn 15 Minuten nach vorn verlegt hatte und kein Schwein das mitbekommen hat. Jedenfalls keines von uns. Immerhin waren sich smtliche soweit in der Halle Anwesenden einig, dass das Quartett aus Kalifornien ein mehr als wrdiger Einsteiger in den Abend waren und feierten den so herrlich nach Bay Area-Thrash ganz alter Schule (SLAYER, EXODUS) klingenden Vierer gebhrend ab. Die lautstark eingeforderten Zugaben fielen aufgrund des dann jedoch nicht mehr flexibel gehandhabten Zeitplans leider aus. Mist.

NILE

Nach kurzer Umbaupause drfen NILE dann ran. Die Messehalle fllt sich zusehends und die Menge, geschtzte 1000 Leute, teilt sich in eine frenetisch bangende und eine sprachlos staunende Hlfte. Das aktuelle Album der Mnner aus South Carolina, "At The Gate Of Sethu", finde ich persnlich nicht so prall und stelle deswegen erleichtert fest, dass NILEs Akzent nicht auf dieser Scheibe liegt, sondern dass heute Abend ein Potpourri beliebter Melodien von Killerplatten wie "Amongst the Catacombs of Nephren-Ka", "In Their Darkened Shrines" und "Annihilation of the Wicked" zum Besten gegeben werden. Die Mnner um Karl Sanders beeindrucken mit einer Mischung aus auf hchstem technischem Niveau angesiedelter Fingerfertigkeit und der zeitgleich angewandten Brachialitt einer Horde hungriger Wildschweine in einem Maisfeld. Besonders die rasanten Gitarrenlufe tun es mir an und ich bin ganz begeistert zu sehen, wie Hape "H.P." Lovecraft, gyptische Mythologie und rohe Gewalt auch live und bei hoher Lautstrke funktionieren. Wahnsinn. Auch Wahnsinn, wenn auch auf eine andere Art ist ein sehr groer, sehr junger Mann, der sich gegen Ende des Auftritts von NILE rechts neben mir am linken Bhnenrand auf's Gelnder sttzt. Um den Kopf aufzulegen muss er sich in der Hfte um runde 90 Grad falten. Sieht unangenehm aus, aber der Gute verknust das erstaunlich gut.

Erneute Umbaupause. Fr die Headliner der Tour gibts ein gnzlich neues Schlagzeug, zudem werden weitere Bass- und Gitarrenboxen aufgefahren. Ich nutze die Zeit um mich endlich mit einem Kaltgetrnk zu versorgen und sehe FUELED BY FIRE-Snger Rick Rangel und -Bassist Anthony Vasquez am Bierstand, wo diese sich, offensichtlich mit einem gewissen Biervorsprung, angeregt mit Fans unterhalten, CDs unterschreiben und fr Erinnerungsfotos posieren. Sehr sympathische Leute.

MORBID ANGEL MORBID ANGEL MORBID ANGEL

Dann ist es endlich soweit: MORBID ANGEL, meine Favoriten des heutigen Abends treten zur Schicht an. Die Mnner habe ich seit ihrem Auftritt in Wacken vor zehn oder elf Jahren, bei dem ein sehr verstrahlter Interimsfrontmann Steve Tucker mehrfach weniger Licht auf der Bhne forderte und von Gitarrist Trey Azagthoth berzeugt werden musste, dass die Techniker trotz grter Anstrengung die Sonne nicht dimmen knnen. War vielleicht auch eine blde Idee, eines der Flaggschiffe des Flori-Death am Nachmittag auftreten zu lassen, ist aber auch egal. Die Messehalle zu Gieen ist sptestens jetzt richtig prallevoll und MORBID ANGEL legen los wie die Feuerwehr beim Fassanstich. Die Mnner um Dave Vincent, der sich neben seiner Hauptberuf als Snger als unglaublich versierter Bassist erweist, brennen ein wahres Feuerwerk ab und stellen eindrucksvoll unter Beweis, warum sie eine der wichtigsten Bands des US-Death sind. Geboten wird auch hier eine Art Best-Of-Programm, das fr meinen Geschmack jedoch einen Tick zu souvern runtergeorgelt wird. Etwas mehr Bewegung seitens der Protagonisten wre wnschenswert gewesen, allerdings sei den vier nicht mehr ganz so jungen Herren zugute gehalten, dass der Auftritt in Gieen der zweite einer ausgedehnten Europatour ist und ihnen der Jetlag mglich erweise noch den Knochen steckt. Trotzdem schade. Noch weniger als MORBID ANGEL bewegt sich brigens der erwhnte junge Mann am Zaun, der offensichtlich eingeschlafen ist. Es muss das Bier gewesen sein, dass dieses Wunder bewirkt hat.

KREATOR KREATOR

Vermutlich ist es auch der Gerstensaft, der den Genannten auch die anschlieende Umbaupause im Traume verbringen lsst. Fr KREATOR wird die Bhne verhllt und aufwndig dekoriert- das konnte ich bei einem Blick hinter den Vorhang erkennen. Ermdungserscheinungen stellen sich bei den ersten Fans ein, aber die Stimmung ist grandios. Im sehr heterogenen Mob tummeln sich Thrasher der Generation 1.0, mit dnnem Haar und dickem Bauch, Kutte und Nietengrtel; NuMetal-Metalcore-Emokids mit Haaren vorm Gesicht; finstere Gestalten weiterer Couleurs und sogar der eine oder andere Vater, der heute seinem Sohn die Idole der eigenen Jugend vorstellt. Es herrscht eine tolle, friedliche Atmosphre mit einem gewissen Festivalcharakter, mit auf dem Boden sitzenden Zechern, angenehm unterbeschftigten Securityleuten, und solchen, die alle Anzeichen fr eine eventuelle thrashmetallische Vergangenheit hinter sich gelassen haben und einfach nur mal sehen wollen, ob die alten Helden noch rocken knnen. Nach einem Introsong (etwas unerwartet: Johnny Cashs "Hurt") fllt der Vorhang und KREATOR steigen mit "Phantom Antichrist" ein. KREATOR hnlich den groen Vorbildern von SLAYER oder Hans Magnus Enzensberger gestalten sich auch deren Performance: ein guter Standpunkt wird nicht ohne Grund, im konkreten Fall ein Solo oder so, verlassen. Macht aber nix, denn die neue 3D-Gruseldeko auf der Bhne kommt so viel besser zur Geltung. Bei bester Laune und Motivation geht's mit "Enemy Of God" weiter, und auch die Essener prsentieren ein sehr cooles Programm aus ihren zahlreichen alten und neuen Hits. Obwohl's eigentlich nicht ntig ist heizt Signore Petrozza die Menge immer wieder an, die seinen Aufforderungen, die Fuste zu recken oder sich zur Wall Of Death zu formieren willig Folge leistet. Lediglich der mehrfach geuerte Wunsch, die Halle zu zerlegen oder wenigstens das Dach runter zu holen, wird von den Anwesenden konsequent ignoriert. Trotzdem sind KREATOR in bester Spiel- und sonstiger Laune, glnzen mit teilweise etwas zu langen, aber stets sympathischen Ansagen und schaffen es immer wieder, z.B. bei "Extreme Aggression", beim Publikum neue Lautstrkerekorde zu provozieren. Pnktlich zur Zugabe "Flag Of Hate" erwacht auch der junge Mann am Zaun aus seiner von mir unterstellten Totenstarre und wankt entschlossenen Schrittes Richtung Ausgang.

Tja, und so endet ein toller Konzertabend mit durchweg klarem, druckvollen Sound (Kompliment an die Leute am Pult! Meisterleistung!), sehr gelungener Organisation, fairen Preisen fr Getrnke und Speisen, die es in reichhaltiger Auswahl gab, und vier toll aufgelegten Death- und Thrashmetalbands, die man in dergestalt hochkartiger Zusammensetzung leider viel zu selten erlebt.


MORBID ANGEL KREATOR
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