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21. Oktober 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

Billing PROGPOWER EUROPE 2011
Ort JC Sjiwa / Baarlo (NL)
Datum 02.10.2011
Autor Alexander Meyer
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Es drfte sich mittlerweile herumgesprochen haben, dass sich beim diesjhrigen "Progpower Europe" -Festival ein tragischer Unfall ereignete. Der Sole Remedy-Gitarrist Mikko Laine wurde in der Nacht des letzten Festivaltages, vor der Halle, von einem Truck berrollt und starb noch am Unfallort. Memento Waltz Memento Waltz Es ist schwer zu begreifen, dass jemand, den man ein paar Stunden zuvor noch quicklebendig auf der Bhne erlebt hat, pltzlich nicht mehr unter uns weilt. Ich brauchte selbst ein paar Tage um diesen Schock zu verdauen, mchte nun aber trotzdem meiner Chronistenpflicht nachkommen und von einem gelungenen Festivalsonntag berichten, der leider immer durch Mikkos Tod berschattet sein wird.

SKY ARCHITECT

Kollege Torsten Butz und ich machen uns am Sonntag Morgen auf den Weg gen Holland. Das Wetter ist sonnig und unsere Laune bestens. Da wir den Weg und die Gegebenheiten vor Ort mittlerweile wie unsere Kuttentaschen (die wir nicht tragen) kennen, ist schnell ein Parkplatz gefunden. Ob des Traumwetters stehen schon viele Festivalbesucher vor der Halle und gnnen sich ein Gutenmorgenbierchen. Dies wird sich auch bei SKY ARCHITECT nicht ndern, die selbst den Groteil ihrer niederlndischen Landsleute nicht in die Halle locken, bzw. sie nicht dort halten knnen. Wer kann es den Leuten verdenken, denn die Jungs tragen zwar schicke Kopfbedeckungen, wissen mit ihrem Neorock jedoch nicht wirklich zu fesseln. Das hat man von Beardfish schon alles wesentlich besser und vor allem auch unterhaltsamer dargeboten bekommen. Also nix wie raus in die Sonne. Auerdem gibt es noch den Keller mit einem kleinen Metalmarkt und einer coolen Bar zu entdecken. Dort steht ein Kicker, auf dem ich Torsten auf die Schnelle eine Lehrstunde in Sachen Tischfuball erteile.

Sole Remedy Sole Remedy MEMENTO WALTZ

Pnktlich zu MEMENTO WALTZ stehen wir dann wieder vor der Bhne, denn die Italiener sind fr mich eine der vielversprechensten Newcomerbands des (letzten) Jahres. Ihre Promo-EP "Antithesis Of Time" luft bei mir schon seit Monaten rauf und runter, sodass ich es kaum erwarten kann, die Songs endlich live zu hren. Meine hohen Erwartungen werden sogar noch bertroffen. Die Jungs prsentieren ihr beraus komplexes Material so dynamisch und perfekt, dass mir ganz schwindelig wird. Mehr als einmal kommen Gedanken an die genialen Watchtower auf, allerdings ist die Bhnenshow von Memento Waltz nicht annherend so spektakulr wie die der Texaner. Dazu sind die Italiener einfach noch zu grn hinter den Ohren. Insbesondere Snger Marko, der singt wie ein junger Gott, ist sehr nervs und entschuldigt sich stndig fr sein schlechtes Englisch. Das kommt jedoch total sympathisch rber, so wie die ganze Band, bis auf Basser Giuseppe vielleicht, der etwas verbissen wirkt. Dafr bearbeitet er sein Langholz genauso virtuos wie Gitarrist Livio seine Klampfe. Die beiden haben die meiste Zeit ber beide Hnde auf dem Griffbrett und tappen sich parallel ins Nirwana. Drummer Gabriele liefert dazu den passenden Schlagzeugteppich und trommelt bis ihm der Schwei die Hosen durchnsst. Die neuen Songs sind sogar noch vertrackter als die EP-Tracks und werden hoffentlich bald verffentlicht. Nach ihrem Gig haben wir die Gelegenheit die Bandmitglieder und ihre mitgereisten Frauen persnlich kennen zu lernen. Sie sind wirklich super nett, tiefergehende Gesprche scheitern jedoch an der Sprachbarriere, da wir kein Italienisch sprechen und es um deren Englisch nicht zum Besten gestellt ist.

Kingcrow Kingcrow SOLE REMEDY

SOLE REMEDY sind mir und vielen anderen Metalheads bislang unbekannt, was sich am Ende des Tages, wie oben erwhnt, schlagartig ndern wird. Mikko Laine ist auf der Bhne ein eher ruhiger Typ, der seine Gitarrenparts zumeist mit geschlossenen Augen spielt. Im Mittelpunkt der Show steht ganz klar Snger/Leadgitarrist Jukka Salovaara, der mir durch sein Karnivool-Shirt schon im Publikum aufgefallen war. Mit seinem langen Haarkranz wirkt er wie eine Mischung aus Devin Townsend und Karlsson vom Dach. Dies hindert ihn jedoch nicht daran sein verbleibendes Haupthaar krftig zum Headbangen einzusetzen. Dazu kommt ein verrckt-verschmitztes Grinsen und auch sonst eine eindringliche Mimik, die sehr unterhaltend wirkt. Der atmosphrische Postprog der Finnen ist live nicht so ganz einfach zu verdauen, zieht das Publikum aber trotzdem in seinen Bann. Ich setze Sole Remedy nach ihrer Show jedenfalls ganz oben auf meinen CD-Einkaufszettel. Um halb sechs ist dann erstmal eine Stunde Pause zum Essenfassen, die wir nicht auf dem Festivalgelnde, sondern in einer nahegelegenen Pizzeria verbringen. Die Pizzen sind lecker und mit soviel Knoblauch belegt, dass wir nach unserer Rckkehr pltzlich tierisch viel Platz um uns herum haben...

KINGCROW

Mit KINGCROW erwartet uns nach dem Abendessen die zweite italienische Combo des Tages. Leider knnen die Rmer fr meinen Geschmack nicht mal ansatzweise ihren Landsleuten von Memento Waltz das Wasser reichen. Dabei ist das Sextett, mit seinem modernen Neoprog, rein musikalisch ber jeden Zweifel erhaben, aber der Snger geht mir total auf den Sack. Der Typ gehrt eher ins Big Brother Haus oder in ein DSDS-Casting denn auf ein Progfestival, so geknstelt und bertrieben wirkt sein Stageacting und so schief ist sein Gesang. Mir will ein Posting im Progpower-Forum einfach nicht aus dem Kopf, in dem es heit, dass Redemption, die sich gemeinsam mit Kingcrow auf Europatour befinden, eher in deren Vorprogramm gehren wrden. Auf welchem Planeten leben wir denn hier - Absurdistan?!

MEKONG DELTA

Ich wollte MEKONG DELTA schon immer mal gerne live erleben, schon seitdem ich mir ihr Debtalbum zugelegt hatte. Damals umrankte die Formation noch ein Hauch von Mysterium, da sich die Bandmitglieder nicht offiziell zu erkennen gaben und man nur mutmaen konnte, dass Peavey von Rage hinter dem Mikro stand. Einziges verbliebenes Grndungsmitglied ist Ralph Hubert, der ja fr sein bersteigertes Ego bekannt ist und seinen oftmals groen Worten heute Taten folgen lassen kann. Um es gleich vorweg zu nehmen, gefallen mir Mekong Delta an diesem Abend gut, was aber sicher nicht an Herrn Hubert liegt, der wie ein gealterter Gockel ber die Bhne schreitet und spieltechnisch von so manch anderen Bassisten des Tages ausgestochen wird. Mekong Delta Mekong Delta Vielmehr sind es seine jungen Mitstreiter, die mich beeindrucken: Schlagzeuger Alex Landenburg (u.a. At Vance, Axxis), Snger Martin LeMar (Tomorrow's Eve), sowie die Gitarristen Benedikt Zimniak und Eric Adam H.. Letzterer ist mir noch von den hessischen Progmetallern Annon Vin in bester Erinnerung und steuert in deren Tradition immer wieder gelungenen Hintergrundgesang bei. Die Deutschen sind die mit Abstand hrteste Band des Abends und prgeln sich frmlich durch ihr Schaffenswerk, von "The Cure" vom Debt bis "Affection" vom aktuellen Album "Wanderer On The Edge Of Time". Gegen Ende spielen sie die Halle zwar ein wenig leer, aber insgesamt halten sie die deutsche Flagge tapfer nach oben.

REDEMPTION

Baarlo, kurz vor zehn und die Spannung steigt ins Unermessliche. Wie schon bei Shadow Gallery im letzten Jahr, kommt auch diesmal das Beste zum Schluss. Die amerikanischen Progmetaller um Bandleader Nick van Dyk und Fates Warning-Frontmann Ray Alder sind meines Wissens nach zum ersten Mal auf europischen Bhnen zu bewundern, nachdem sie mit ihren exzellenten Alben im Laufe der Jahre schon fr viel Furore in der Progszene gesorgt haben. Es geht los mit "Threads" von "The Fulness Of Time". Vom neuen Album "This Mortal Coil" bringt die Band an diesem Abend noch nicht sehr viel, wohl auch weil die CD erst vorgestern verffentlicht wurde und somit noch nicht sehr bekannt sein drfte. Bei mir luft das Ding schon seit ein paar Wochen auf heavy rotation und ich freue mich besonders ber den Neunminter "Dreams From The Pit". Auch sonst kommen meine Lieblingssongs zum Zuge, z.B. "Walls" von "Snowfall On Judgmentday" und "Memory" von "The Origins Of Ruin". Leider spielen Redemption das Titelstck des letzteren Albums heute nicht, was wohl auch der Tatsache geschuldet ist, dass man keinen Keyboarder an Bord hat und der Pianopart vom Band mit Ray allein auf der Bhne etwas albern wirken wrde. Dieser ist, wie schon bei den letzten Auftritten mit seiner Hauptband Fates Warning, nicht sonderlich gut bei Stimme, macht dies jedoch durch seine enorme Bhnenprsenz wieder wett. Nick spielt seine Parts souvern runter, ohne dabei auch nur eine Miene zu verziehen, was einen nicht weiter wundert, wenn man wei, dass der Mann gerade erst den Krebs besiegt hat. Redemption Redemption Ebenso agiert Bassist Sean Andrews, der die Kaputze seines Sweatshirts bis zum Schluss tief ins Gesicht gezogen behlt, was bei den saunahnlichen Temperaturen eine wahre Tortur sein muss. Da muss sein Frisuer wohl wirklich Mist gebaut haben...Neben Ray ist Bernie Versailles mit seiner arschlangen Matte und seinen virtuosen Soli der zweite Blickfang bei Redemption. Die Zeit vergeht wie im Fluge und gegen halb zwlf ist der Spuk dann leider vorbei. Um meinen Vergleich zu Shadow Gallery wieder aufzugreifen, kann ich auch im Falle von Redemption konstatieren, dass meine enorme Erwartungshaltung, die sich ber die Jahre gebildet hat, nicht vollends erfllt wurde, dass ich aber trotzdem zufrieden und glcklich bin, Redemption endlich livehaftig erlebt zu haben. Die vielen Stimmen im Progpower-Forum, die sie als Enttuschung bezeichnen, kann ich nicht nachvollziehen.

Und so geht ein ansich gelungener Festivaltag in Holland zu Ende, wre da nicht dieser eingangs erwhnte unseelige Zwischenfall passiert. Als wir losfahren, sehen wir hinter uns noch ein Blaulicht, denken uns aber nichts weiter. So friedlich und harmonisch wie das Progpower all die Jahre verlaufen ist, so vorbildlich und einfhlsam gehen die Organisatoren um Rene Janssen mit Mikkos Tod um. Auf der Homepage ist ein Kondolenzbuch eingerichtet worden und am 29.10.11 findet im JC Sjiwa eine Sole Remedy-Show zu Ehren des Verstorbenen statt. Ich finde es gut, dass Progpower Europe trotzdem im nchsten Jahr weiter gefhrt wird und werde versuchen dann an allen drei Tagen vor Ort sein zu knnen.

Fotos: Kollege Torsten Butz





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