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12. Dezember 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

Billing ROCK AM TÄNNCHEN
Ort Weiterstadt bei Darmstadt
Datum 15. und 16. Juli 2011
Autor Sebastian Braun
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Auch wenn der Sommer dieses Jahr nicht richtig in die Puschen kommen will, die Festivalsaison läuft auf Hochtouren und sowohl die großen, wie die kleinen Festivals laden mit illusteren Programmen zu rocken unter freiem Himmel ein. Das "Rock am Tännchen" gehört eher zu der Kategorie kleine, aber feine Freiluftveranstaltung. Am Rande eines Waldes von Weiterstadt, eine gewerbedurchsetzte Vorstadt von Darmstadt, liegt das Gelände hinter Sportplätzen und einem Minigolfparcours. Wer jetzt biologische Korinthen kacken möchte, mag konsternieren, dass es sich bei dem Wald eher um einen Fichtenwald als um Tannen handelt. Wer also dachte, sich nebenbei frühzeitig billig mit einem Weihnachtsbaum eindecken zu können der wurde enttäuscht, aber ansonsten gab es beim Rundherum nicht viel zu meckern. Der Eintrittspreis von 15,- EUR für 2 Tage und 8,- EUR für das Abendticket ist mehr als fair. Getränkepreise von 2,- EUR für Bier und Co., sowie 1,- EUR für Wasser sind auch eine prima Sache. Und die gemütliche Atmosphäre am Waldrand tut sein Übriges für gediegenes und entspanntes Festival-Treiben. Wer Bock hatte, konnte auch sein Zelt aufschlagen, dass Angebot haben aber leider nur wenige in Anspruch genommen, der Großteil der Besucher kam wohl aus der näheren Umgebung und trat nach Ende der Veranstaltung die Heimreise an.

Rockpilot Rockpilot Joe Blob & The Sixtyniners

Da ich die Jungs bereits vor einigen Monaten bei einer anderen lokalen Musikveranstaltung gesehen habe, wusste ich bereits was uns erwartete: Gute Laune Rock in Form von Popsong-Covern. Die Band schreckt weder vor Liedern von BRITNEY SPEARS noch vor LADY GAGA zurück, die sie dann durch den Rock-Fleischwolf drehen. Die Jungs treten allesamt in farbigen Trainingsanzügen und Perücken auf. Der Sänger ist in einem grünen Hasenkostüm verkleidet. Soweit, so verrückt, dass die Jungs ihre Instrumente ganz gut im Griff haben, macht die Sachen nicht nur optisch unterhaltsam, sondern man kann sich das Ganze auch anhören. Auf Dauer finde ich ein bisschen nervig, dass mehrere Lieder in ein einem Stück verwurstet werden, dass macht die Sache etwas hektisch. Aber im Grunde ein optimaler Start für ein Festival.

ROCKPILOT

Die Jungs aus Wiesbaden machen, positiv ausgedrückt, gefühlvollen Pop-Rock mit deutschen Texten zu allen Facetten des Lebens. Das klingt nach Promotext und so hört sich die Band auch an. Musikalisch ist alles sauber arrangiert, sauber gespielt und harmonisch rund. War da noch was? Ach ja, rocken soll es ja auch noch, aber da fangen meine Probleme dann an. Wenn der Sänger ankündigt jetzt mal ne rockige Nummer zu spielen, denke ich mir, die Jungs müssten sich die nicht vorhandene Schuluniform vom Leib reißen und mal richtig Gas geben, aber irgendwie erinnern mich die Songs weiterhin an PUR, die es mal versuchen so richtig krachen zu lassen. Aber sei es drum, die recht beachtliche Menge vor der Bühne scheint meine Probleme nicht zu haben und feiert zu den Songs der Band ausgelassen und die Stimmung ist gut. Jedes Dippsche hat sei Deckelsche, würde der geneigte Hesse jetzt sagen.

REBEL MONSTER

Der geneigte Musikkenner wird erkennen worum es geht. Richtig, es handelt sich eine Coverband von VOLBEAT. Da ich die Dänen bisher leider noch nicht Live erleben konnte, fehlt mit zwar der Vergleich zum Original, aber die Jungs aus der Nähe der Loreley spielen an diesem Abend eine saubere Performance und wissen das Publikum mit zu reißen. Die Instrumente hören sich ziemlich original an und auch bei der Stimme, sicher ein schwieriger Part bei VOLBEAT, wird von dem Frontsänger und dem Schlagzeuger als zweiter Vocalpart, saubere Arbeit geleistet. Da die Jungs dann auch ordentlich Ausdauer haben und locker mal 1,5-2 Stunden Spielrepertoire bieten, können sich die Besucher, inklusive uns, richtig schön ausrocken. Und als gegen 1 Uhr Nachts auf dem Festivalgelände langsam Stück für Stück die Lichter ausgehen, dürften selbst die ausdauerndsten Duracell-Metaler langsam froh über die Schlafenspause sein.

Rebel Monster Rebel Monster

Der Samstag beginnt für uns leider erst um 17.00 Uhr mit ENGRAINED. Die beiden vorherigen Bands DEATH CELL ACTION HERO und BRANKO SLAVA haben wir leider verpasst. Das ist der Fluch, wenn man auf einem Festival nicht übernachtet, sondern von Zuhause aus startet und den Arsch nicht rechtzeitig aus der Haustür bekommt.

ENGRAINED

Aber das erste Bier bei ENGRAINED läuft dann sehr gut. Das liegt zum Einem an dem perfekten Sommerwetter, zum Anderen an den dreckigen MOTÖRHEAD Covern und dem Punk'n'Roll Stil der Band. So stelle ich mir ordentliche Livemusik auf einem Festival vor, vergleichsweiße laut, dreckig, staubig und schwitzig. Eine Band die auf einem Rock-Festival auftritt und aussieht als käme sie gerade frisch aus der VIP-Dusche und hat mit dem neuen Edel-Pfirsich-Makadamianußöl Duschgel gebadet, würde meiner Meinung auch nicht zusammen passen. Ein prima Einstand in den Samstagabend also.

Passend dazu gibt es im Anschluss des Acts auf der anderen Seite des Festivalgelände eine Motorrad Burn-Out Show von irgendeinem Rockerclub. Es qualmt ordentlich bis der Reifen platzt und riecht nach verbranntem Gummi. Bei dem trockenen Hals, den man davon bekommt, hat man die perfekte Ausrede für das nächste Bier. Keine lange Schlange, wie übrigens das ganze Festival über, und weiter geht’s Richtung Bühne um auf die die nächste Band zu warten.

SPEED BOTTLES

Die stellt sich als SPEED BOTTLES vor und kommt, dem eigenen Bekunden nach aus dem Edelsteinstädtchen Idar-Oberstein. Die Jungs machen allesamt noch einen recht jungen Eindruck und erinnern mich eher an eine Schülerband, als an gestandene Rocker, aber wir wollen ja keine schnellen Vorurteile walten lassen. LORDI sehen auch aus als machen sie bösen Metal und nicht den warmen Pups, der am Ende dann aus der Box kommt. Und die Jungs versuchen auch ordentlich schnellen Rock zu spielen. Ihre Instrumente beherrschen sie auch soweit ganz gut, dass man sich das Ganze auch anhören kann. Leider fehlt noch ein bisschen der Feinschließ oder die Erfahrung, dann könnte aus den Rohdiamanten ja vielleicht noch ein stahlharter Rockdiamant werden. Aber für einen Festivalnachmittag ist das Bisherige durchaus ok. Leider ist es auch noch etwas leer, weshalb es durchaus höflichen Applaus von den vereinzelten Menschenansammlungen gibt, eine Menschenmenge vor der Bühne sieht aber leider anders aus.

JAMIES BACKYARDs

Musikalisch gibt es, würde ich sagen, eine Mischung zwischen alten INCUBUS Kram und Stoner Rock. Das klingt stellenweiße ganz gut, teilweise für mich etwas zu Emo-mäßig, aber rein handwerklich haben die Jungs ihre Hausaufgaben soweit gemacht. Anscheinend kennen die Jungs auch die nachfolgende Truppe BUSHFIRE, eine in Darmstadt mittlerweile recht bekannt Stoner Rock Band, ganz gut und flaxen mit denen ein bisschen rum. Der Sänger geht auch mit seinem Funk-Micro durch die Menge zur Band, die sich an einem Biertisch den Gig anschaut. So entsteht ein bisschen der Eindruck, das BUSHFIRE ihre eigene Vorband mitgebracht haben und musikalisch ist das eine akzeptable Einstimmung.

Bushfire Bushfire BUSHFIRE

Die Band macht sehr intensiven, gefühlvollen Stoner Rock. Da die Jungs um den charismatischen Frontman Bill in Darmstadt und dem Rhein-Main-Gebiet schon so etwas wie Lokalmatadore sind, füllt sich die Fläche vor der Bühne auch im Vorfeld schon gut mit Menschen und es kommt Leben auf das Festivalgelände. Da die Sonne mittlerweile auch schon tief im Westen steht, kündigt sich langsam der Abend an und Rocker sind ja bekanntlicherweise eher von der nachtaktiven Sorte. Da die meisten Zuschauer die Band wohl kennen dürfte, gibt es auch keine Überraschung, sondern ein ordentliches Stoner-Rock Konzert. Und ich muss mal wieder feststellen, dass die Jungs echt gute Musik machen. Auch wenn die Band noch nicht so bekannt ist wie die Jungs von BURDEN, die auch aus dem Rhein-Main-Gebiet kommen und sich ebenfalls mit Stoner-Rock in der letzten Zeit einen Namen gemacht haben und als Vorband von ST. VITUS und KYUSS LIVES! ziemlich durchgestartet sind, bieten BUSHFIRE eine ordentliche Portion Wüstenstaub, auch wenn das Ried klimatisch Kalifornien sicher nicht das Wasser reichen kann.

INHUMAN

Die nächste Band, INHUMAN, machte eigentlich, der Kalauer sei mir erlaubt, gar nicht so unmenschliche Musik. Grob würde ich sagen Heavy-Rock, der mit dem ein oder andere Metalriff dahergelaufen kommt. Die Jungs haben Spaß beim Spielen und geben sich merklich Mühe die Menschenmenge, die sich zu BUSHFIRE vor der Bühne versammelt hat, bei Laune und der Stange zu halten. So gibt es die, auf Festivals mittlerweile obligatorische, "Wall of Death", die in diesem Fall mit kitschigen Hello-Kitty-Wasserbällen im bunten Treiben, nun ja formulieren wir es mal positiv: aufgepeppt wurde. Da es im Laufe des Gigs auch nun richtig dunkel wurde, kommt auch schon ein bisschen Abend-Konzert Atmosphäre auf. Musikalisch bleiben die Songs von den Jungs zwar nicht wirklich im Gehörgang hängen, aber stilistisch und handwerklich passen sie gut in die Festivalatmosphäre.

The Other The Other THE OTHER

Der erste von beiden Haupacts ist mit THE OTHER eher von der düsteren Sorte. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass die Jungs eine billige Kopie von den Martial-Rockern RAMMSTEIN sind. Beim zweiten Hinhören fällt aber auf, dass die Jungs zwar ein düsteres Outfit haben und mit markigen Sprüchen wie "ich habe das Gefühl, dass heute Nacht noch jemand sterben muss" auf den Putz hauen, musikalisch aber häufig eher positive Dur-Klänge anschlagen. Damit klingen Titel wie "Talk To The Dead" schon wesentlich erfrischender und nicht so gezwungen ernst. Die Jungs haben auch ihre eigene beachtliche Fanscharr dabei, so dass der Platz vor der Bühne deutlich enger wird. Die Menge selber macht auch keinen depressiven Emoeindruck, sondern feiert und rockt schön fröhlich mit. Und als der Schlagzeuger, verkleidet als Arzt, aus einen großen Glas Augen zum verspeisen in die Menge reicht, wirkt das Konzert auch eher als große Halloween-Party, als als ernstgemeinte Horrorshow. Ich für meinen Teil muss sagen, dass mir das deutlich besser gefällt, also eine blödsinnige "ich-bin-ja-so-böse" Show von anderen vergleichbaren Bands.

V8 WANKERS

Nach immerhin beachtlichen 1,5 Stunden ist Schluss mit der Geistershow und der zweite Haupact, die V8 WANKERS kündigen sich an. Die Jungs aus dem hässlichen Offenbach machen genauso hässlichen, richtig schön dreckigen Strassenrock. Es geht, oft mit deutschen Texten, um schnelle Autos, Drogen und Frauen. Sex & Drugs & Rock'n'Roll eben. Die Jungs vergessen dabei nicht, das Ganze immer mit der richtigen Mischung aus Ernsthaftigkeit und einem ironischen Augenzwinkern vorzutragen. So sind Songs wie "Ich habe Eier aus Stahl" der absolute Kracher. Trotz einem langen Festivaltag kann man bei den Jungs eigentlich weder Füße noch Oberkörper still halten. Und so muss man am Ende noch mal Alles geben und sich richtig verausgaben. Die Band will es an diesem Abend auch wissen und gibt richtig Stoff. Die Offenbacher zeigen Live eine ziemliche Präsenz auf der Bühne und brettern eine ordentliche Sohle aufs Parket. Das es zum Ende der Show hin anfängt leicht zu regnen, stört nicht wirklich, sondern stellt einen willkommenen Ausklang des Festivals dar.

Alles in Allem gilt für das "Rock am Tännchen": Klein aber fein. Gemütliche Atmosphäre, günstige Eintritts- und Getränkepreise, sowie eine ausgewogene musikalische Mischung machen das Festival interessant. Der Sound war, trotz der relativ kleinen Bühne, ordentlich und druckvoll. Ein bisschen den richtige Festivaleindruck trübt, dass eher lokale Besucher da waren, die Nachts die Heimreise antraten und das Thema Camping auch etwas jungfräulich erschien. Dadurch fehlen natürlich die mehr oder weniger obskuren und unterhaltsamen Lagerstätten, sowie die durchzechten Spaßvögel, die als besoffene Gaukler sich so gerne zum Affen machen und somit rund um die rein musikalischen Veranstaltungen noch für zusätzliche Unterhaltung sorgen. Aber ich hoffe 2012 rockt es wieder im Tännchen!





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