Navigation
                
22. Oktober 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

Billing ROTTEN SOUND, TRAP THEM, GAZA, THE KANDIDATE, HAUST
Ort Kln, Underground
Datum 02.04.2011
Autor David Lang
>> Als E-Mail versenden

Totaler Underground im Underground. Ehrenfeld-Hopping sei Dank ist der Klner Stadtteil an jenem sonnigen und sogar warmen Samstagabend (im April!) hoffnungslos berlaufen. Haust The Kandidate An jeder Straenecke stehen unzhlige Menschen, die die teilnehmenden Clubs und Kneipen zum Bersten fllen. Dagegen hat das zeitgleich stattfindende Konzert im coolsten Club des Veedels mit seinem krassen Line-Up natrlich kaum eine Chance.

So finden sich letztlich leider nur 100-120 zahlende Nasen im Underground ein, um dem Lrm zu frnen. Mir persnlich kommt das gerade recht, da die kleine Location dazu neigt, schnell stickig und unangenehm zu werden.
Als wir die heiligen Hallen betreten, haben die erffnenden Haust bereits ihr Set begonnen. Dieses krnkelt allerdings, und das wird schnell klar, an zwei Dingen. Zum einen ist der Sound definitiv zu laut, zum anderen ist die Halbwertszeit der Musik nicht mal so lang wie der Gig. Laut Myspace spielen die Osloer eine Mischung aus Black Metal, Hardcore und Punk. In meinen Ohren war das lediglich uninspirierter Hardcore, der nur ganz selten aufhorchen lie. Auf der Haben-Seite steht dagegen der Fronter, der auf seine ganz eigene Weise einen interessanten Blickfang darstellt. Als eine Mischung aus Sideshow-Bob und Jack Osbourne stampft das dicke Mnnlein in seinem besudelten Feinrippunterhemd in einem fort ber die kleine Bhne und guckt angestrengt bse. Ist soweit ganz witzig, aber auch verzichtbar.

Gaza Gaza

Anschlieend wird erstmal das halbe Merch des Headliners verhaftet und den Toiletten ein Besuch abgestattet. Als ich zurckkomme, bin ich zunchst von der Prsenz des The Kandidate Sngers irritiert. Kann es sein...?, und jepp, niemand Geringeres als Ex-Hatesphere Fronthne Jacob Bredahl fuchtelt gerade in den ersten Reihen herum und geht, wie man es von ihm kennt, auch gleich auf Tuchfhlung mit den ersten Reihen. Leider ist dort immer noch nicht mehr los, als bei Haust, doch Bredahl, ganz der Bhnenprofi lsst sich davon nicht irritieren und bedankt sich brav beim Publikum fr den Zuspruch.

Die Dnen spielen einen geflligen Mix aus Thrash und Hardcore mit leichter Asirock-Schlagseite. In den schnelleren Momenten erinnert die Band, allein durch ihren Snger zwar unweigerlich an dessen alte Brtchengeber, jedoch knnen The Kandidate mehr Groove auf ihrer Seite verbuchen. Wenngleich von den Songs auch kaum etwas hngen bleibt, macht Bredahl vieles durch seine schiere Prsenz wett. Der Mann ist einfach nur unglaublich authentisch, und was immer er tut, macht er offensichtlich aus berzeugung. Fr eine Vorband auf jeden Fall schon mal gut.

Was danach kommt, spottet einfach jeder Beschreibung. Suchen die hinteren Reihen (es ist mittlerweile angenehm voll geworden) zunchst vergeblich nach dem Mensch, der den Lrm, der ihnen entgegenschlgt "gesanglich" veredelt, wird das Rtsel weiter vorne schnell gelst. Gaza erffnen ihr Set sofort mit einer Menge Aggression und ihr Fronter tobt, anscheinend etwas verstrt durch die vorderen Reihen. Der lange, hagere Glatzkopf schreit sich zu den disharmonischen Kakophonien seiner Mitstreiter durch ein Inferno von einer Show. Doch auch der Drummer (sorry, keinerlei Infos bzgl. der Bandmitglieder gefunden) scheint fr diese Tour extra von der Muppet Show ausgeliehen worden zu sein. Spter besttigt dieser mir meine Theorie zumindest teilweise. Jeder Drummer habe die gottverdammte Pflicht das Publikum wenigstens glauben zu lassen, Animal se hinter den Kesseln.

Trap Them Trap Them

Pate fr den Sound des Salt Lake City Quartetts standen eindeutig extreme Sludge / Krachkapellen wie Eyehategod und Grief, nur agieren Gaza weitaus variabler. Grind, Hardcore, hier wird die Welt des Krachs zusammengefhrt und Kunst daraus erschaffen. Gaza darf man durchaus als Gesamtwerk verstehen. Sind sie auf Konserve in voller Albumlnge mitunter recht anstrengend, macht die Band live tierisch Spa. So atonal und wst der Sound der Vier klingt, so finden sich auf eine verstrende Art auch immer wieder schne Elemente in der Musik. Der Snger schafft es tatschlich, das recht mde Publikum in Bewegung zu versetzen. Zwischen den Songs verzichtet er komplett auf sein Mikro und interagiert quasi unplugged mit den Fans. Dabei wirkt er partiell gefhrlich, was der Show aber nur zugute kommt. Nach diesem Gig jedenfalls sieht man viele zufriedene Gesichter.

Trap Them, die ich leider erst mit ihrem neuen Werk "Darker Handcraft" kennen gelernt habe gehen anschlieend hnlich intensiv zu Werke und lassen das Underground steil gehen. Man gewinnt schnell den Eindruck, dass hier bereits die heimlichen Headliner die Bhne abfackeln. Die Amis metzeln ihren heftigen Grind, Hardcore, wasauchimmer-Core derart energisch ins Volk, dass einem angst und bange werden kann und man kaum eine andere Mglichkeit hat, als sich mitreien zu lassen. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Vierer brutal groovt, im Uffta-Takt rdelt oder via Blast die Decke wegballert.

Trap Them sind live eine Macht, das drfte selbst dem grten Zweifler nach den ersten Songs klar gewesen sein. Wie schon bei smtlichen Bands zuvor ist auch hier die Authentizitt der Mucker der groe Bonus. Lediglich Gitarrist Brian Izzi stellt so etwas wie einen stoischen Ruhepol dar; Bassist Stephen Lacour dreht whrend der Show zusehends immer mehr ab, schreit und stiert hypnotisch ins Publikum. Snger Ryan McKenney wirkt ebenfalls wie Rock 'n' Roll (im weitesten Sinne) sein sollte, nmlich wild und gefhrlich und schlgt sich mit seinem Mikro die halbe Stirn blutig und selbst Drummer Chris Maggio umgibt die Aura des Psychos.

Rotten Sound Rotten Sound

Wie bereits kurz angeschnitten steppt bei der Salem-Bande der Papst im Kettenhemd, doch wie bei smtlichen anderen Bands auch hier keine Spur von asozialem Verhalten oder gar Spacken-Kung Fu. Die meisten Reaktionen erhlt erwartungsgem das arschcool rockende "The Facts" vom neuen Album. Und jetzt alle: "I am a goddamn' son of a biiiiitch!!!"

Meine Bedenken, ob die Headliner die zwei grandiosen Darbietungen zuvor berbieten knnen, erweisen sich nur bedingt als berechtigt. Rotten Sound stinken nicht, Rotten Sound schwitzen nicht und Rotten Sound sind auch nur wenig abgefuckt. Rotten Sound sind die Gentlemen of Grind (alle komplett in schwarz) und doch so unglaublich heavy, laut und brutal. Hier muss nicht viel auf der Bhne passieren und das tut es auch nicht. Lediglich Snger Keijo Niinimaa nutzt mehr als einen halben Quadratmeter der Bhne. Seine Mitstreiter trmmern sich "nur" arschtight durch ein ultraheftiges Set. Hier liegt dann auch hchstens der Hund begraben. Whrend gerade Gaza und Trap Them immer wieder "tanzbare" Parts in ihrem Set hatten, regiert bei den Suomis fast durchgehend der Knppel. Natrlich packt das Quartett zwischendurch auch die berhmt-berchtigten Schleifer aus, doch bei einer knappen halben Stunde Spielzeit (und gut 20 Songs!) kommt leider kaum ein richtiger Pit zustande.

Lediglich gegen Ende geht Niinimaa in die ersten Reihen und schubst unter anderem den Rezensenten eures Vertrauens ein wenig herum. Die kurze Spielzeit kam brigens durch berziehende Vorbands und zu lange Umbaupausen zustande. So mssen die Headliner dann leider viel zu frh von den Brettern. Als wre das nicht schlimm genug, hrt man dazu lediglich eine Hand voll Nasen "One More!" rufen... sagen. Stellen wir uns einfach vor, Kln wusste, dass es zu keiner Zugabe kommen konnte.

Seltsames Ende, aber wieder einmal waren Rotten Sound Schuld an einer persnlichen Neuentdeckung. Kann man so oder so unter "Erlebnis" verbuchen. Muss man mal erlebt haben.

<< vorheriges Review
AXEL RUDI PELL, POWERWORLD - Kln, Essigfabrik
nchstes Review >>
MADBALL, BORN FROM PAIN, TRAPPED UNDER ICE, WISDOM IN CHAINS, ALL FOR NOTHING, DEVIL IN ME - Stuttgart, Club Universum


Zufällige Reviews