Navigation
                
23. Oktober 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

Billing SEPULTURA, CROWBAR, HAMLET, ARMED FOR APOCALYPSE
Ort Darmstadt, Centralstation
Datum 15.04.2010
Autor Sebastian Braun/Christian Schfer
>> Als E-Mail versenden

Mitte April stand im beschaulichen Darmstadt ein spannender Metalabend an. Kollege Braun und meine Wenigkeit waren seit Wochen extrem gespannt und voller Vorfreude: Mit CROWBAR und SEPULTURA luden zwei ganz wichtige Bands aus Jugendtagen zum Stelldichein, hinzu kamen zwei Vorgruppen. Eine kurze Internetrecherche ergab, dass der zustndige Booker sowohl mit den Kaliforniern ARMED FOR APOCALYPSE als auch mit HAMLET aus Spanien Geschick und Verstand bewiesen und zwei hervorragend ins Billing passende Vorgruppen ausgesucht hatte. Auerdem sollte ein Interview mit Andreas Kisser, dem langjhrigen SEPULTURA-Gitarristen stattfinden- ein starkes Programm fr einen Donnerstag, mchte man meinen.

Crowbar Crowbar

Also ging's an einem metalmig-sauwettrigen Abend in die (nicht das!) Darmstdter Centralstation. Am vereinbarten Treffpunkt rief ich den Tourleiter an, der leider nicht an sein Mobilteil ging. Egal, nach einem Strkungsbier versuchten wir's noch mal. Erfolglos. Da es bereits kurz vor 20:00 Uhr war und ARMED FOR APOCALYPSE pnktlich die Bhne betraten, entschlossen wir uns gezwungenermaen spontan, dass Interview nicht vor dem Set der Amerikaner durchzufhren. Das war gut so, denn sonst htten wir einen echten Anheizer verpasst! Das Quartett aus Chico im Sonnenstaat legte los wie die Feuerwehr und war verdammt stolz darauf, fr solche Headliner erffnen zu drfen. Wer wre das nicht? Die Snger Kirk und Cayle bedankten sich mehrfach bei dem noch sehr zurckhaltenden Publikum, das seine wachsende Begeisterung fr den geilen, groovebetonten Hardcoresound der Amis nach ca. 15 Minuten gestehen musste und dennoch nicht so richtig feiern wollte... das soll einer verstehen! Leute, auch bei der Vorgruppe darf man das Haupthaar schwingen! An dieser Stelle empfehlen ein Reinhren in "Defeat", das aktuelle Album von ARMED FOR APOCALYPSE.
Nach diesem meiner Meinung nach viel zu kurzen Auftritt und einer kurzen Umbaupause samt erneut erfolglosem Versuch, den SEPULTURA-Tourmanager zu kontaktieren, betraten HAMLET die Bhne. Die Madrilenen (also die Typen aus Madrid) kamen durch ihre sehr sympathische Art gut beim Publikum an. Ihre Musik, eine Mischung aus Power- und Thrashmetal mit schnellen Lufen und allzeit prsenter Doublebass war nett zu hren, aber so richtig toll war's nicht. Sehr viel Melodie, stellenweise ausufernde Frickelattacken- diese Mischung kam an. Auer bei mir. Kollege Braun und das sonstige Publikum nahmen's mit Fassung und groem Beifall und wurden von Snger Molly auf HAMLETs Debtalbum "La Puta Y El Diablo", zu deutsch "Die Hure und der Teufel" (geil, oder!?) hingewiesen. Obwohl sie stilistisch nicht so recht in den Kreis der Bands dieses Abends passten, machten HAMLET ihre Sache sehr gut. Sie verstanden es, trotz der spanisch-deutschen Sprachbarriere mit dem Publikum zu kommunizieren und hatten sichtlich Spa an ihrem Auftritt. Super Sache!

Crowbar Sepultura

Neue Pause, neues, Bier, neuer Anrufversuch, wir regen uns nicht auf, wir freuen uns. Auf CROWBAR nmlich. Die Gtter der New Orleans-Doomcore, die Band um den Gitarristen und Snger Kirk Windstein, dessen Songwriting auch den Sound der bergtter DOWN mageblich prgt- endlich sind sie mal wieder auf Clubtour unterwegs. Beim letzten Mal, es war in Frankfurt, hatten Kirk und seine Freunde vor ihrem Auftritt bereits intensiven Gebrauch vom Jgermeister-Catering gemacht und kamen entsprechend pappendicht zur Arbeit. Klar, irgendwie witzig, vier fette, ttowierte Kerle, die aus einem Gewitter von Rckkopplung und Trommelwirbeln auftauchen und mal eben die Hlle loslassen. Dabei war ihr Zusammenspiel so wenig tight wie die Abwehr von Hannover 96, nervig, nervig! Aber egal, dieses Mal waren CROWBAR nchtern. Und irgendwie schlecht gelaunt. Mglich, dass es an der mit geschtzten 600 Leuten bestenfalls halbvollen Centralstation lag, ob sie das deutsche Essen nur schlecht vertrugen oder was sonst Herrn Windstein zu gelegentlichen verbalen Ausflligkeiten gegenber seinen zahlenden Gsten veranlasste. Trotz Meckerns wurden CROWBAR von den Anwesenden gefeiert wie der Papst auf Safari. Dick und zhflssig pladderte ihr Sumpfsound an diesem Abend durch Darmstadt, kann es einen besser passenden Ort fr diese Musik geben? Besser als DARMstadt? Wohl kaum. Hh! Aus ihrem mittlerweile sehr sehr stattlichen Songkatalog whlten die Mnner aus Louisiana mehrheitlich neues Material aus und spielten viel von "Life's Blood For The Downtrodden", ihrem -noch immer- aktuellen Album. Ein begeisterter Fan wollte die Band an seinem Bier teilhaben lassen, was von dieser jedoch grndlich missverstanden wurde. Mit einer entsprechenden Hasstirade quittierte Herr Windstein das ihn nur knapp verfehlt habende Gastgeschenk und stapfte, seine drei Kollegen im Schlepptau, zornesrot von der Bhne. Mannomann, so ein rger wegen einem halbvollen Bier? Wenn's ein Eimer frischer, schweinedarmwarmer Glle gewesen wre okay, aber so kaum zu glauben.

In der letzten Umbaupause des Abends unternahmen Kollege Braun und ich keinen weiteren Versuch mehr, unseren Kontaktmann aus dem brasilianischen Dschungel zu erreichen. Vermutlich ist sein Handy in den Amazonas geplumpst. Ist ja auch egal. Viel spannender war ja die Frage, ob SEPULTURA es berhaupt noch so richtig bringen. Seit dem Weggang ihres ehemaligen Vorsitzenden Max Cavalera, der mit SOULFLY an alte Erfolge anknpfen und diese mittlerweile vermutlich bertreffen konnte, scheint die Band nicht mehr so richtig aus dem Quark zu kommen. Die groen Kracheralben bleiben nach wie vor aus, aber live berzeugen SEPULTURA immer- ob sie es in einer kleinen Stadt an einem Donnerstag vor halbvollem Hause auch tun? Eine sichtlich angeheiterte, in dezente schwarze Vorhnge gehllte und leicht ergraute Konzertbesucherin gleitet in einer Patchouliwolke heran und fragt in breitem odenwlderisch: "Hier, witer eigentlich ob de' Pablo noch dabei is'? h, de' Paolo?", was ich bejahe. "Ah, gut. Die Margit, mei' Freundin, un' ich, wir war'n uns net einig". Sepultura Sepultura Whrend die Dstere, ihre Freundin Margit, Kollege Braun und ich beraten, wer aus der guten alten Zeit noch bei SEPULTURA dabei ist und wer nicht, geht das Licht im Saale aus und die Mnner kommen raus. Mit dem Opener "Moloko Mesto" vom Album "A-Lex" beginnt der heie Tanz. Vier nicht mehr ganz junge Herren, die ihr fnfundzwanzigjhriges Bandbestehen feiern, lassen bestgelaunt die verdammte Hlle los! Snger Derrick Green fegt ber die Bhne als seien smtliche Steuerfahnder Hessens auf seinen groen Fersen, begeistert durch Ausdauer, Agilitt, witzige Ansagen auf deutsch und englisch und gewinnt die Menge im Handumdrehen. Gitarrist Andreas Kisser zeigt einmal mehr, warum er einer der einflussreichsten Axtschwinger der 1990er Jahre war und lsst auch gestandene Gitarrenprofis wie den Kollegen Braun das eine oder andere Mal mit offenem Munde stehen. Da sei es ihm verziehen, dass er meist eine hssliche Fender Strat spielt. Zustzlich punktete Senhor Kisser brigens mit einem original "Lilien"-Trikot, also des lokalen Fuballvereins SV Darmstadt 98 mit "Kisser"-Rckendruck. Eine nette und witzige Geste fr die Kickerfreunde im Publikum! Der bereits zitierte Bassist Paolo Xista ist tatschlich dabei und markiert wie immer den ruhigen Pol der Band. Ungerhrt tackert er tiefe Tne auf's Parkett, bedankt sich nickend fr Applaus und trinkt gelegentlich aus seiner Wasserflasche. Klar, wenn man mit Typen wie Derrick und Andreas auf der Bhne steht, hlt man entweder die Klappe oder man gibt auch Vollgas. Fr diese Mglichkeit hat sich der neue Fellgerber Jean Dolabella entschieden, allerdings gelingt es ihm trotz aufrichtigen Bemhens nicht, sein Schlagzeug zu Hobelspnen zu verarbeiten. Wie der Mann dieses Tempo ber knappe zwei Stunden Spielzeit durchhlt, konnten wir uns nicht erklren. In dieser Besetzung prgelten SEPULTURA sich durch ein umfangreiches Hitrepertoire, bei dem weder die frhen Gassenhauer "Troops Of Doom", "Inner Self", "Arise" noch die spteren Klassiker wie "Refuse/Resist" oder "Roots Bloody Roots" fehlten. Besonders Mr. Green verstand es zu punkten, in dem er einen Fan, der ein Bier nach ihm warf, gezielt ansprach: "Hey, fast httest Du mich getroffen, bitch" und empfiehlt ihm wie auch dem Rest der Anwesenden: "Trinkt euer Bier lieber, ihr habt sehr gutes in Deutschlnd!" Mit dieser Ansage hatte er die Lacher auf seiner Seite und bewies erheblich mehr Humor als Herr W. aus N.O., dessen Pbelei wir oben erwhnten. Auch wenn hier nicht verschwiegen werden soll, dass es sich um ein Darmstdter Bier handelte, bei dem das Trinken nur bei anvisiertem Rauschzustand eine ernstliche Alternative zum Bewerfen von Sngern darstellt. Tja, und so ging ein grandioser Abend mit den strksten SEPULTURA seit langem zu Ende. Glasklarer, fetter Sound, herrlich groovende Songs, vier Typen, die einfach Bock auf Metal hatten und deswegen bis zum Schluss nicht den Fu vom Gas nehmen, ganz gleich, ob in einem ausverkauften Stadion in Sao Paulo oder in der mig besuchten Darmstdter Centralstation! Das ist professionell, das ist geil, das geht ab wie die verdammte Scheihlle!

Deswegen, liebe Leser: SEPULTURA touren noch bis Ende August durch Europas Hallen, Stadien, Festivals. Geht hin, schaut's euch an, Ihr werdet es nicht bereuen. Kollege Braun und ich haben uns jedenfalls die Seele aus dem Leib gebrllt und mussten sie immer wieder auf's Neue runtersplen. Toll. Das msst Ihr auch erleben!.

Fotos: Christian Schfer

<< vorheriges Review
KATATONIA, LONG DISTANCE CALLING - Frankfurt am Main, Batschkapp
nchstes Review >>
GRAND MAGUS, BURDEN - Kln, Underground


Zufällige Reviews