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23. Oktober 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

Billing KID ROCK, FINGER ELEVEN
Ort Offenbach, Stadthalle
Datum 12.12.2008
Autor Christian Schfer
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Vor vielen Jahren, ungefhr Mitte der 1990er, hrte ich erstmals von Kid Rock. Damals hat mich seine Musik, eine Mischung aus HipHop, Metal, Country, Soul, Southern Rock und Gospelchren vllig umgehauen. Da, wo die BEASTIE BOYS in Lethargie und Stagnation verfielen, fing der Chaot aus Motorcity Detroit erst an. Musikalisch wurde es trotz groer Anfangserfolge in den letzten Jahren ruhiger um den Mann aus Michigan. Seine rekordverdchtige Kurzzeitehe mit Tittenfee Pamela Anderson brachte ihn kurzzeitig zurck ins ffentliche Gedchtnis, jedoch bedurfte es der Single "All Summer Long", um uns Kid Rock, mit brgerlichem Namen Robert James Ritchie, wieder als ernst zu nehmenden Musiker zu vergegenwrtigen. Als Mr. Rock nach seinen "Rock am Ring/Rock im Park"-Auftritten (Endlich passten diese Namen mal richtig gut zum Programm!) im Winter auf Headlinertour nach Deutschland kam, war der Besuch einer Show unausweichliches Pflichtprogramm. Nicht nur fr mich, sondern auch fr weitere knapp 5000 Leute die sich in der Stadthalle zu Offenbach einfanden, um sich ein kompaktes Best-Of-Programm an amerikanischer Musik der letzten 30 Jahre zu Gemte zu fhren. Das vorm Eingang wartende Publikum ist bereits eine separate Show fr sich. Abgesehen von sonnigen Sonntagnachmittagen auf der Kirchweih zu Dingolfing gibt es kaum ein so buntes und vielfltiges Vlkchen wie an diesem kalten Freitagabend im Dezember. Prpubertre Teenager, gesetzte Herren mittleren Alters, sprlich bekleidete Mittzwanzigerinnen, in Ehren ergraute Freunde traditioneller Countrymusik und bereits im Vorfeld sternhagelvolle und mchtig rallige Damen freuten sich gemeinsam auf den Auftritt des Mannes aus Detroit. Bevor der Meister sein achtes Studioalbum, "Rock'n'Roll Jesus", live prsentieren durfte, gab's ein sehr cooles Vorprogramm mit FINGER ELEVEN. Um Punkt 20:00 gingen die Kanadier auf die Bhne und trugen ihre Mischung aus spt-Neunziger Alternativerock und groovendem Postrock sehr souvern vor. Hierbei bedienten sich hierbei frech bei den frhen RADIOHEAD und PEARL JAMs Gitarrengott Stone Gossard. Besonders Snger und Joe-Cocker-Verehrer Scott Anderson beeindruckte durch stimmliche Vielfalt und punktete durch kurze Ansagen; sein zotteliger Kollege und Gitarrist Rick Jackett, vermutlich bei einem BLACK CROWES-Revivalband Casting entlaufen, nervte mit berflssigem Gezappel und andauernden Tanzeinlagen. Insgesamt konnte die hierzulande leider unbekannte Band aus Ontario jedoch voll und ganz berzeugen. Hierfr gab's nach exakt einer halben Stunde Spielzeit verdienten und anhaltenden Applaus. Das eigentlich zu kurze Gastspiel des elften Fingers endete um exakt 20:30 mit der aktuellen Single "Paralyzer" sowie einem Medley aus FRANZ FERDINANDs "Take Me Out", LED ZEPPELINs "Trampled Under Foot" und "Another Brick In The Wall" von PINK FLOYD.

Finger Eleven live Kid Rock live

In der kurzen Umbaupause mit Soundcheck, in der sich die Halle zusehends fllte und die Luftqualitt proportional zum Anstieg der Personendichte abnahm, geschah das Dumme: die bereits erwhnten, stark alkoholisierten Damen, sechs Stck an der Zahl, bezogen ihren Posten in unmittelbarer Nhe zu meinem Kollegen Andi und mir. rmel wurden hochgekrempelt, mit blauem Edding wurden Arme mit Parolen wie "Fuck Me" und "Fuck Me Harder" beschriftet und eine kleine Plastiktte mit -getragenen??- Schlpfern mit Handynummern versehen. Eine der besagten Damen trug ein KISS-Shirt von 1974- ist schn, wenn man sich die die jugendliche Begeisterungsfhigkeit erhalten kann, gell?

Dann, wieder unglaublich pnktlich, gingen um 21:00 das Licht aus, die Stimmung hoch und Kid Rock samt seiner Band TWISTED BROWN TRUCKER auf die Bhne. Frenetischer Applaus brach aus, als Mr. Rock, sonnengebrunt und ganz in wei gekleidet erschien. Nach dem Opener "Rock'n'Roll Jesus", den der Gute sich unbescheiden auf den Leib geschrieben haben drfte, stellt er klar: "Everything you hear tonight is played live by real musicians with real instruments, the incredible TWISTED BROWN TRUCKER band! My microphone is ON! This is no American Idol Bullshit, this is American Badass Rock'n'Roll!" Bezug nehmend auf die wenig erfreuliche Wirtschaftslage und den saftigen Ticketpreis bedankt der Oberproll sich hflich bei all denen, die fr das Konzert ihr sauer Verdientes investieren. Eine sehr nette Geste, wie ich finde. Vom ersten Ton an war der Sound -nicht nur fr Stadthallenverhltnisse- nahezu lupenrein und lie fast keine Kritik berechtigt erscheinen. Die zu leise Snare von Schlagzeugerin Stefanie Eulinberg wurde durch eine unglaublich wuchtige Bassdrum mehr als wett gemacht. Trat die gute Frau ein paar beherzte Presswirbel, so trat mir zwar nicht der Bruch aus, jedoch war zu sprende Vibration in Bauch und Brust enorm. Enorm geil. Angeblich hat whrend des ersten Songs ein Securitymann von Kid Rock Backstagepsse an hbsche, mehrheitlich junge Damen in den vorderen Reihen verteilt haben.

Kid Rock live Kid Rock live

Weiter ging's mit "MLFM" und "American Badass", Kid Rocks Adaption des METALLICA-Klassikers "Sad But True". Er und TWISTED BROWN TRUCKER spielten die groen und grten Erfolge aus den ber 15 Jahren gemeinsamen musizieren und frderten hierbei so manche Perle zutage. Insgesamt war das Programm des Abends sehr 1970er-lastig. Viele Funkanleihen, DOOBIE BROTHERS-Percussions, WahWahende Gitarren und Wabernde Orgeln waren Garanten fr ausgelassene Stimmung, lautes Mitsingen und, soweit mglich, eifriges Zappeln. Fr zustzliche Stimmung sorgten Coversongs wie LYNYRD SKYNYRDs "Sweet Home Alabama" und der Titelsong der Serie "Dukes Of Hazard". Bei verschiedenen Songs zeigte Kid Rock sich zudem als Pianist (bei "Cowboy"), Gitarrist ("Fuck You One More Time", bekannt vom TV-Auftritt bei Stefan Raab), Schlagzeuger und Scratcher. Seine Mitmusiker durften sich ebenfalls durch Soli profilieren und wurden, wie der Meister selbst, mit anhaltendem Applaus gefeiert. Dieser erreichte seinen Hhepunkt bei den separaten Gesangeinlagen der beiden Backgroundsngerinnen, die neben einer uerst sehenswerten Physis auch am Mikrofon zu berzeugen wussten. Einen besonderen Auftritt hatte Stefanie Eulinberg, mit der Herr Rock sich bei der Machohymne "Half Your Age", seiner persnlichen Abrechnung mit seiner Pmmela, ein Battle lieferte. Das Duell aus den Songzeilen "She's half your age, but twice as hot" (Kid Rock) gegen "He's half your age but twice the cock" (Stefanie) endete unter Einbezug des Publikums unentschieden. Die beschrifteten mittelalten Damen bekundeten ihre Sympathie bei diesem Lied durch ihr bis dahin lautestes Mitbrllen sowie Dekoration des rechten Bhnenrandes mit ihren schwarzen, weien und roten Hschen.

Nach der meiner Meinung nach nicht unbedingt notwendigen Countryschnulze "Picture" erwies Kid Rock bei einem weiteren Gitarrensolo seinen Vorbildern Bob Seger und Ted Nugent mit dem Anspielen von "Old Time Rock'n'Roll" und "Cat Scratch Fever" Referenz. Das Set endete mit "So Hott", einem recht harten Song mit wuchtigem Drop-D-Riff und der Zugabe "Bawitdaba".

Die Show war ein Fest fr Fans vornehmlich amerikanischer Musik. Nahezu alle bekannten Genres wurden wenigstens ein mal zitiert, vermengt und virtuos dargeboten sowie mit typischem Kid Rock-Arbeiterstadt-Charme vorgetragen. Tolle und vielfltige Musik, feiner und grober Humor- kurz vor Weihnachten war dies ein Abend, gegen den Heiligabend wie ein mdes Familienfest wirkt. Sagenhaft, DAS war mein persnliches Konzerthighlight des Jahres 2008.

    Setlist Kid Rock
  • Rock'n'Roll Jesus
  • MLFM
  • American Bad Ass
  • Lowlife
  • Cocky
  • All Summer Long (+ Sweet Home Alabama)
  • Roll On
  • Amen
  • Cowboy (+ Dukes of Hazard)
  • Fuck U One More Time
  • Half Your Age
  • Only God Knows Why
  • Devil Without A Cause
  • Picture
  • 3 Sheets To The Wind
  • So Hott
  • Bawitdaba

Fotos: Tommy K
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