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13. Dezember 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

Billing THE BOSSHOSS
Ort Rdesheim, Magic Bike Week
Datum 22.05.2008
Autor Christian Schfer
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BOSSHOSS also. THE BOSSHOSS. Ich bin gespannt, die Typen mal live zu erleben. 2005 sind sie mit durchaus witzigen Arrangements von OUTKAST und BRITNEY SPEARS bekannt geworden, haben zwischenzeitlich drei Alben mit eigenem Material verffentlicht und erfreuen sich einer zunehmenden Bekanntheit. Was nicht viel heien muss, denn in der musikalischen Landschaft unserer bunten Republik wird frher oder spter jeder Arsch populr, der wei wie eine Gitarre aussieht und einen Majordeal im Rcken hat. Dabei ist das mit der Gitarre noch keine Voraussetzung.

The Bosshoss The Bosshoss

Da die Berliner Spacowboys eigentlich gerade auf Grobritannien-Tour sind, wurden sie von den Veranstaltern der Magic Bike Week in Rdesheim eigens fr einen Auftritt auf diesem kleinen Motorradfestival eingeflogen. Das will schon was heien. Rdesheim am Rhein liegt idyllisch inmitten von Weinbergen am Rhein. Ich wei nicht wie gro dieses Stdtchen ist, aber auf der Suche nach einem Parkplatz ist man schon mal schnell wieder hinausgefahren. Das Stadtbild ist geprgt von Futterbuden, Eisdielen und anderen Touristenabzockbuden. Fndig wird hier, wer eine original Schwarzwlder Kuckucksuhr, oder eine echte bayerische Lederhosen sucht, oder der schon immer einen Tirolerhut haben und dazu einen hessischen Ebbelwoi (nicht Apfelwein) genieen mchte. Schrcklich! In einer Burgruine mit Blick aufs Wasser, umgeben von popeligen Harleys von der Stange, coolen Custom Harleys, Muscle Cars und grovolumigen, bonbonfarbigen Cadillacs und Chevrolets befindet sich der Veranstaltungsort. Ein riesiges Zelt, das bei Ankunft meiner Kollegin Nina und mir bereits gut gefllt ist. Harte zottelbrtige Biker mit speckigen Kutten und Fastnachtsbiker, die tagsber vermutlich Zahnarzt oder Sachbearbeiter sind stehen friedlich vereint. In Ehren ergraute Veteranen und sogar Kinder warten gespannt auf das, was sich in Krze ereignen soll. Einige sind voller Vorfreude, andere wie z.B. ich sind eher skeptisch. AC/DC und DEEP PURPLE drhnen aus den Boxen, das Bier fliet und die Stimmung ist sehr gut. Dann wird das Licht gedimmt, es ertnt Boss Hoss von den SONICS: Scheppernder Garagenbeat der ersten Stunde. Frhe bis Mitte der 1960er Jahre. Urpunk. Geil. Das nenne ich eine stilsicher gewhlte Intromusik. Hierzulande ist das wenig bekannt und dennoch (oder trotzdem?) kommt es richtig geil. Die Lautstrke des Publikums nimmt schlagartig zu, Nina und ich werden massiv in Richtung Bhne gedrngt. Zum Glck gelingt es mir die Ohrenstpsel anzubringen bevor die Hlle losbricht.

Snger und Gitarrist Hoss steht allein am Bhnenrand und leitet den Abend ein. Nur mit einer senfgelben halbakustischen Gitarre bewaffnet spielt er die ersten Takte von Stallion Battalion, dem Titeltrack des aktuellen Albums Stallion Battalion. Dann legt, begleitet von aufblitzenden Scheinwerfern, der Rest der Band los. Alle mit Cowboyhten, Stiefeln und zeitlos schicken Herrenunterhemden. Wow, die Mnner machen Druck, mchtig Druck. Das Publikum wei das zu schtzen, Insider singen sofort lauthals mit, vereinzelte Bierbecher fliegen. Hierauf reagieren THE BOSSHOSS gelassen. Der erwartete Anschiss bleibt aus, stattdessen prosten die Cowboys dem Publikum zu. Sowas erlebt man nicht oft. Pluspunkt. Das ist ein gelungener, echt cooler Einstieg. Nach einer kurzen Begrung machen die Mnner aus Berlin, Mississippi sofort mit Rodeo Radio vom zweiten Album weiter. "Rodeo Radio" ist wieder ein kerniger Rocker der richtig Spa macht. Ich bemerke ein leichtes Zucken im rechten Fu.

The Bosshoss The Bosshoss

Sptestens beim dritten Song, Hey Joe, geschrieben brigens von THE BOSSHOSS selbst am Lagerfeuer, gibt es kein Halten mehr. Das Zelt bt sich bis ganz hinten im gepflegten Ausrasten. Alle singen mit, tanzen, soweit der Platz es zulsst und haben einfach groen Spa. Die Luft fllt sich mit einer herben Mischung aus Kippenqualm, Schwei, Biergeruch und Crowdsurfern. Hinzu kommen Kettenfett und Schmierl. Harrrrr! Jeder Atemzug riecht nach Rock'n'Roll. Boss und Hoss greifen Zwischenrufe auf, spielen mit dem Publikum und lenken, obwohl sie Namensgeber und die unbestrittenen Stars der Band sind, immer wieder die Aufmerksamkeit von sich selbst auf ihre Mitmusiker weg. Diese hren auf drollige Namen wie Russ T. Rocket (Oder Rusty Rocket?), Guss Brooks (Etwa eine Verarsche des weichgesplten Countrypoppers Garth Brooks?) und Ernesto Escobar de Tijuana und sind allesamt groe Meister des amtlichen Rumposens. Ich erinnere mich an keine Band bei der ein tauber Mensch vergleichbaren Spa haben wrde, weil schon fr's Auge so viel geboten wird. THE BOSSHOSS tun es ihrem Publikum gleich und feiern auf der Bhne ihr eigenes kleines Fest mit reichlich Bier und einer kursierenden Flasche leckeren Moskovskaja-Wodka. Dazu qualmen sie selbst als gbe es kein Morgen, gieen sich Bier und Wasser ber und haben mindestens genauso viel Spa wie der vllig austickende Mob. Exotische Instrumente wie Melodica und Stylophon werden eingesetzt und die Menge wird immer wieder zum Mitsingen und Yee-haw-Brllen animiert, was diese dankbar, gerne und oft tut. Percussionist Ernesto versucht sich irgendwann an einem schaurig-schrecklichen Trompetensolo, das Hoss glcklicherweise durch das Einfllen eines frischen Pils' in den Trompetentrichter abbricht. Ein Riesenspa!

A propos Spa: der hlt sich whrend des Konzerts konstant auf hchstem Niveau. Ich muss es aller anfnglichen Skepsis zum Trotz sagen. Supergeile, weil klasse arrangierte Coversongs jeglicher Art (z.B. ELVIS' bzw. TONY JOE WHITEs Polk Salad Annie, SNOOP DOGs Drop It Like It's Hot, der Discoklassiker Hot Stuff mit T.N.T.-Intro, Ca Plane Pour Moi von PLASTIC BERTRAND oder Sabotage von den BEASTIE BOYS) werden nahtlos in den eigenen Sound der Band integriert und in mehr oder weniger (eher weniger) geistreichen Dialogen von Boss und Hoss an- und abgekndigt. Irgendwann nach knapp zwei Stunden Krach und Saufen verabschieden sich THE BOSSHOSS in den verdienten Feierabend. Da das Publikum jedoch noch nicht ans Aufhren denkt und die Zuuuu-gaaaa-be!-Rufe so laut sind, dass mit ihrem Ende vorerst nicht zu rechnen ist, kommt Hoss noch mal raus, singt - sich selbst auf der Akustikgitarre begleitend - ein etwas lahmes Liebeslied an eine Frau, die er nach einem Gig kennenlernte und die partout nicht auf seine Anrufe reagiert. Tragisch. Danach kommt die Band auch noch mal zum Vorschein und spielt eine Zugabe von drei Songs, insgesamt noch mal fast 'ne halbe Stunde. Falls ich es mir nicht eingebildet habe, ging die Stimmung beim Rausschmeier und CAMEO-Coversong Word Up noch mal richtig in die Hhe, bevor das Licht angeht und als Outro die Melodie von Die Glorreichen Sieben ertnt, wellche ein Herr neben mir erkannt hat. Allerdings knnten THE BOSSHOSS diesen ehrwrdigen Titel bei aller gebotenen Bescheidenheit fr sich in Anspruch nehmen. Finde ich.

The Bosshoss The Bosshoss

Am Merchandisestand geben sich Schlagzeuger Frank, Harp- und Madolinenspieler Hank und Bassist Guss volksnah, plaudern mit Fans, posieren fr Fotos und signieren Eintrittskarten und CD-Cover. Obwohl ich wirklich kein Freund von Cowboys, Western und Pferdepfeln bin bzw. war: seit diesem Abend bin ich es. Definitiv! Knftig ernhre ich mich ausschlielich von Kinder Country und Pferdesalami, trage Stiefel und gre mit Howdy bzw. Yee-haw! Diese Jungs haben mir das Genre Country, das ich hauptschlich mit fragwrdig-angestaubter Raststttenromantik la TRUCK STOP verbunden habe, echt schmackhaft gemacht. Country ist mehr als Sonnenuntergang und Lagerfeuer, Traktor und Misthaufen. Hiermit kann man durchaus etwas anfangen wenn man noch nicht 60 ist. Country ist cool. Leute, besorgt euch Hut und Stiefel und schaut euch THE BOSSHOSS mal live an. Yee-haw!!

  • Stallion Battalion
  • Rodeo Radio
  • Hey Joe
  • Monkey Business
  • I'm On A High
  • Hey Ya
  • Polk Salad Annie
  • Seven Nation Army
  • Early Morning Rain
  • Hot Stuff
  • I Say A Little Prayer
  • Yeehaw
  • Rodeo Queen
  • Ca Plane Pour Moi
  • Sabotage
  • Mary Marry Me
  • High
  • Hot In Herre
  • Word Up
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