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23. Oktober 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

Billing DOWN
Ort Wiesbaden, Schlachthof
Datum 18.04.2008
Autor Christian Schfer
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Groe Ereignisse geschehen nie einfach so. Sie werden angekndigt. Wie beispielsweise der Frhlingsanfang. Der steht jedes Jahr im Kalender. Oder durch Kometen, wie die Geburt von Jesus Christus. Oder durch einen Brustkorbkopfball nach niveauloser Provokation, wie der ermogelte WM-Gewinn Italiens. Oder durch leicht angetrunkene Langhaarige in CROWBAR- und PANTERA-T-Shirts am Darmstdter Hauptbahnhof.
Der Reihe nach: am 18.04.2008 fand der letzte von vier Auftritten der Sdstaaten-Allstar-Kapelle DOWN auf deren "Over The Under"-Tour statt. Und zwar im Schlachthof in Wiesbaden.
Der Frhling, der sich in diesem Jahr als verlngerter Herbst erweist, war uns an diesem Tag gndig, die Anreise mit drei Kollegen verlief trotz Berufsverkehr nahezu reibungslos, und so herrschte zwischen dem Wiesbadener Hauptbahnhof und dem Parkplatz vor dem Schlachthof regelrechte Festivalstimmung. Down Down Offen stehende Kofferrume, Menschen auf Decken, Menschen, die eine nahegelegene Baustelle vollpinkeln, slicher Rauchgeruch und Menschen, die bereits so besoffen sind, dass sie zumindest den Konzertbeginn in nicht mehr ansprechbarem Zustand erleben drften. Wenn berhaupt.
Nach einem kleinen Imbiss, bestehend aus lecker Sandwich mit Putenbrust und Ketchup (Danke, Tobi!) und ein paar Schlckchen Pls geht's in Richtung Eingang. Kurz hinter der ewig langen Schlange raten uns zwei eigens aus Berlin angereiste (!) Scherzkekse, unsere Grtel ins Auto zu bringen, weil man mit Grtel nicht in die Halle gelassen wird. Echt wie bei 'nem Festival, geil.
Nachdem man uns am Eingang erklrte, dass die Band wnscht, dass nichts was als Waffe zu gebrauchen wre, mit in die Halle genommen wird, wurde ein Freiwilliger mit Autoschlssel und vier Grteln zurck zum Auto geschickt. Wenigstens darf ich meine Digicam mit reinnehmen, obwohl auch die ein gutes Wurfgeschoss abgbe.

Als wir endlich im Saal stehen, geht's auch gleich los. Nicht mit der Vorgruppe, komischerweise. Sowas gibt's heute Abend nmlich nicht. Nein, DOWN zeigen einen Film. Mit DOWN, ber DOWN. DOWN im Studio, DOWN beim Feiern. Zwischendurch gibt's immer wieder Konzertausschnitte von Bands und Musikern, die DOWN beeinflusst haben. Ted Nugent, AC/DC, THIN LIZZY, GRAND FUNK RAILROAD, LYNYRD SKYNYRD und natrlich BLACK SABBATH. Das Publikum reagiert auf diese ungewhnliche Art der Einstimmung gelassen, es wird gelacht, als z.B. Zakk Wylde zu sehen ist, wie er einen Terracotta-Pflanzkbel aus einem Hotelfenster wirft; bei AC/DCs "It's A Long Way To The Top If You Wanna Rock'n'Roll" wird lauthals mitgegrhlt sowie konstant druckbetankt.
Nicht jede Band knnte sich diese Art des Anheizens leisten. DOWN sind allerdings nicht irgendeine Band. Gern werden die Sdstaaten-Allstars als ewiges Projekt verspottet- mglicherweise, weil sie nur Alben aufnehmen, wenn ihnen der Sinn danach steht und eine Tour in Angriff nehmen, wenn ihre Laune es zulsst. Andererseits ist es sicher auch diese Einstellung zu Hektik und Druck im Musikgeschft, die DOWN so einzigartig macht. Southern Comfort eben- in der Golfmetropole New Orleans wird nach diesem Motto musiziert. Ob der offizielle DOWN-Fanclub aus diesem Grund "Brotherhood Of Eternal Sleep" heit?
Egal, Erwartungen und Vorfreude der ca. 2500 Fans im restlos ausverkauften Wiesbadener Schlachthof waren gro, nachdem DOWN zuletzt im Jahre 2006 sage und schreibe zwei (!) Konzerte in Deutschland spielten. Bei einigen fhrten Ungeduld und groer Durst zu Problemen der Artikulation und beim geradeaus Laufen, dennoch sind Stimmung und gute Laune fast nicht mehr zu steigern, als unvermittelt das Licht ausgeht, der Vorhang fllt und DOWN mit "Underneath Everything" loslegen.

Down Down

Tja, da sind sie. Endlich! Glcklicherweise habe ich mich Minuten zuvor in Richtung Bhne abgeseilt, auf dem Weg dorthin mindestens die Hlfte meines Biers eingebt, es aber dennoch pnktlich zum Beginn der Show in den Fotograben geschafft und konnte sogar ein paar coole Bilder knipsen (siehe rechts u. links).
DOWN strahlen eine Energie aus, wie das sonst nur wenige Bands schaffen. Ihre pure Anwesenheit lsst die frhlich feiernde Menge innerhalb von Sekunden zu einem rasenden Mob werden. Bierbecher, fliegende Matten, Schwei und Crowdsurfer fllen die stickige Luft. So riecht Rock'n'Roll!
Die DOWN-Saitenfraktion, bestehend aus Kirk Windstein, Pepper Keenan und Bassist Rex Brown bewegt sich in astreiner CROWBAR-Manier, also fast gar nicht. Passend zu ihren wuchtigen Riffs wiegen sie sich, immer wieder ins vllig entfesselte Publikum grinsend, stoisch im Takt und haben sichtlich Spa. Jimmy Bower drischt auf seine Kessel ein als ginge es darum, sein Kit mglichst kurzfristig zu Granulat zu verarbeiten und hat einen immensen Verschlei an Zigaretten, Handtchern und Getrnken. Phil Anselmo, der mit PANTERA Metalgeschichte geschrieben hat, ist der bekannteste Mann bei DOWN. Drogen unterschiedlichster Art sowie exzessiver Alkoholgenuss haben ihn mehrfach beinahe umgebracht, aber hiervon ist ihm nichts mehr anzumerken. Sichtlich kraftsportgesthlt und bei bester Laune und Stimme brllt er eine Begrung, die die Menge begeistert erwidert, bevor es mit "Lysergic Funeral Procession" weitergeht.

Als beweglichster Mann auf der Bhne ist Phil Anselmo der Mittelpunkt der Show. Im VENOM-Shirt fegt er hin und her als htte er einen Schwarm Schnaken im Genick oder die Steuerbehrde auf den Fersen, fordert zum Mitsingen und Crowdsurfen auf und geniet die unglaubliche Stimmung im Schlachthof. Als ein leerer Bierbecher ihn knapp verfehlt, bricht er "On March The Saints" ab, rastet kurz und gepflegt aus, beschimpft den beltter und steigt nahtlos wieder in den Song ein. Ein Profi, ganz klar.
Bei "Learn From My Mistake", einer sehr persnlichen und schonungslosen Aufarbeitung seiner Drogeneskapaden wird Mr. Anselmo sehr emotional, sehr ehrlich.
Mit "Eyes Of The South", dem meiner Meinung nach strksten DOWN-Song berhaupt, endet das regulre Set des Fnfers aus New Orleans. Eingeleitet von Pepper Keenans langem, psychedelischen Bluesintro, in dem er Stevie Ray Vaughn Ehre und Referenz erweist, poltert Kirk Windstein mit einem schweren Riff los und die Herren Brown und Bower steigen in den trgen, die inzwischen bleischwere Luft greifbar machenden Song ein. Noch einmal kocht die Stimmung auf, bevor DOWN sich von der Bhne zurckziehen. Das eingespielte "Doob Interlude" vom Album "Down II: A Bustle In Your Hedgerow" kndigt an, was alle vermuten: DOWN kommen noch mal. Mit der ungewhnlichen Liebeserklrung an die Heimatstadt, "New Orleans Is A Dying Whore" steigen New Orleans' Finest in die Zugaben ein. Minutenlang brllt der zunehmend heisere Mob den Refrain mit; Down Phil feuert weiter an und mobilisiert die letzten Krfte des durchgeschwitzten, immer noch bangenden und pogenden Haufens. Es folgen "Stone The Crow" und "Jail" vom Debtalbum "Nola", bevor der Rausschmeier "Bury Me In Smoke" nach rund einer weiteren halben Stunde feinsten Sdstaatenmetals das Ende der Show bedeutet. Nicht alle wollen das wahr haben und fordern weitere Zugaben, woraufhin Mr. Anselmo sich nicht lumpen lsst, ein weiteres Mal erscheint und trotz der wieder angeschalteten Lampen noch den Anfang des LED ZEPPELIN-Klassikers "Whole Lotta Love" anstimmt, um sich dann endgltig zu verabschieden.

Vllig begeistert und mit einem leisen Summen auf den Ohren schleiche ich mich durch die milde Frhlingsnacht zum Parkplatz, wo die Kollegen bereits warten. ber zwei Stunden Vollbedienung mit geilstmglichem Metal, Pogo, Party- DAS nenne ich einen amtlichen Frhlingsanfang! Beide Daumen hoch fr den Fnfer aus dem Sumpf!

Setlist:

  • Underneath Everything
  • The Path
  • Lysergik Funeral Procession
  • Pillars Of Eternity
  • 3 Suns And One Star
  • Lifer
  • Swan Song
  • Mourn
  • Lies
  • Ghosts Along Mississippi
  • Learn From My Mistakes
  • N.O.D.
  • Beneath The Tides
  • On March The Saints
  • Losing All
  • Eyes Of The South
  • (Doob Interlude)
  • New Orleans Is A Dying Whore
  • Stone The Crow
  • Jail
  • Bury Me In Smoke
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