Navigation
                
15. Dezember 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

Billing NO MERCY FESTIVAL 2002
Ort Offenbach, Hafenbahn
Datum 30.03.2002
Autor Andre Kreuz
>> Als E-Mail versenden

Leise rieselt der Kalk, jaja... Da fahr ich jetzt schon seit meinem dritten Lebensjahr mindestens viermal die Woche auf ein Konzert in der berühmt-berüchtigten Hafenbahn und dann das: Verfahren! Ich! Mich! Pah!! Na ja, eigentlich war's nur ein kleiner Umweg, was soll's.
Angekommen sind wir drei Helden dann um kurz nach halb Fünf auf dem Parkplatz und siehe da: Fans in Massen! Und das um diese unchristliche Uhrzeit, erstaunlich! Dementsprechend dann auch die Schlange am Eingang, also auf in den Kampf... Begrüßt wurden wir von einem alten Bekannten, quasi dem Maskottchen der Hafenbahn, dem Turban-Banger! Wer die Hafenbahn kennt, kennt auch ihn, wer nicht, hat wirklich was verpasst, ein echtes Original!

     
CATASTROPHIC                                                                  DISBELIEF

Endlich drin waren wir, wie immer, leider zu spät, so dass wir von OBSCENITY, die die undankbare Aufgabe des Openers übernommen hatten, nur noch das letzte Stück mitbekommen haben. "Cold blooded Murder" donnerte uns da von der Bühne entgegen, der Titeltrack des just veröffentlichten Werkes der Norddeutschen. Klar, publikumsmäßig war noch nicht so viel gebacken, trotz der Schlange vor der Tür. Umso fairer ist dann aber, dass OBSCENITY sich wohl jeden Abend mit DESTRÖYER 666 abwechseln, wenn's ums anheizen der Massen geht.
Nach der kurzen Umbaupause, die wir zur Erfrischung unseres gar durstigen Rachens genutzt haben, standen selbige dann auch forsch auf der Bühne und schmetterten ihren australischen Warmetal in das sich langsam aber sicher füllende Schlachthaus. Auch hier waren die Reaktionen noch ziemlich zurückhaltend, das war vor kurzem in Andernach noch anders! Dafür gibt es wohl mehrere Gründe, zum einen das etwas "andere" Publikum und allen voran die Tatsache, dass da schließlich noch einige andere Bands kommen würden, so dass sich der eine oder die andere die Energie noch etwas eingeteilt hatte, verständlich. Ich fand das Wolfpack trotzdem wieder richtig gut, einem harten Kern aus haareschüttelnden Freaks schien das ähnlich zu gehen. Gespielt wurde fast dasselbe Programm wie in Andernach, nur logischerweise etwas kürzer. Bei "Lone Wolf Winter" wurde auf den Einsatz von klaren Vocals mittels einen Gastsängers (wer auch immer das jetzt im JuZ gewesen war...) verzichtet und zusätzlich gab es noch zwei neue Songs vom noch zu veröffentlichenden Album zu hören. Die wussten dann auch zu gefallen, auch wenn ich mir nicht anmaße, mir nach einmaligem Hörgenuss schon ein Urteil bilden zu können. Bei "Australian and Anti-Christ" von der "Unchain the Wolves"-Platte jonglierte der Sänger gar mit der deutschen Sprache und flugs wurde aus dem Stück "Germany and Anti-Christ", auch nicht schlecht. Zum Abschluss war noch mal mitgrölen angesagt: "The eternal Glory of War" schallte es aus einigen Dutzend rauen Kehlen und dann war der australische Spuk auch schon vorüber. Alles in allem ein solider Auftritt, der mich aber nicht ganz so zu begeistern wusste, wie noch letzte Woche in Andernach.
Aber dann, aber DANN!!!! Da hatte ich mich am meisten drauf gefreut, MALEVOLENT CREATION!! Meiner hochqualifizierten Meinung nach eine der besten Death Metal Bands südlich des Nordpols, jawoll! Da ändert auch die Tatsache, dass Sänger Brett Hoffmann mal wieder gefeuert wurde nix dran. Zumal "der Neue", sonst bei HATE PLOW aktiv, seine Sache verdammt gut machte! Seine Shouts verstärkten den ohnehin unglaublich aggressiven Anstrich der Musik nur noch. Echt Wahnsinn, wie die Malevolenten sich da durch ihre Songs geprügelt haben! Und das alles so was von dermaßen tight, dass es eine wahre Freude war! Erstmals war vor der Bühne auch halbwegs was los, aber wer da stillhalten kann dem ist eh nicht mehr zu helfen. Gespielt wurde ein netter Querschnitt aus so ziemlich allen CDs, vermisst hab ich nur das kongeniale "Multiple Stabwounds" vom Debüt-Album. Aber man kann halt nicht alles haben, ne!? Als letztes ging es in die "Kill Zone" vom letzten Leckerbissen namens "Envenomed". Schade, schade, schade. Die hätten von mir aus noch `ne halbe Stunde länger zocken können, war das geil!!! Sorry wenn ich mich wiederhole, aber dieser Auftritt geht in meine Top-Ten der besten Live-Gigs ein, keine Frage. Bleibt uns also nur das Warten auf die neue Platte "The Will to kill", die uns angeblich im Laufe des Mais beglücken soll, bin gespannt!

     
Thor mit Trevor Perez                                                        VADER

Tja, und dann gibt's ja immer noch Leute, die sich aufregen, dass OBITUARY mehr oder weniger das Zeitliche gesegnet haben. Ich zähl mich mal dazu. Und nicht dass Trevor Peres mit CATASTROPHIC einen vollwertigen Ersatz geschaffen hätte, aber weit davon weg ist er ganz sicher nicht! Mit geschlossenen Augen und einigem guten Willen könnte man fast meinen, dass die slowly rottenden Deather von einst selbstpersönlich auf der Bühne stehen würden. Zumindest was Riffs und Gitarrensound angeht, beim Songwriting muss man denn doch einige Abstriche machen. Wie dem auch sei, der Auftritt war auf jeden Fall gelungen und die soundmäßig leider etwas kränkelnde Mucke wurde vom Publikum dankbar angenommen. Besonders Kollege Thorsten schien ganz begeistert zu sein, was in einem spontanen CD-Erwerb gipfelte. Da sich die Temperatur in der Hafenbahn mittlerweile in reichlich gehobene Sphären schraubte, begaben wir uns nach dem letzten Song erstmal vor die Tür, wo ich vor einem der Tourbusse die Gelegenheit beim Schopfe packte um den Gitarren-Jens von OBSCENITY mal nach dem Verbleib meines schon ziemlich lange weggeschickten Interviews zu fragen. Ist wohl wegen Tourstress und Häuslebau-Aktionen des Sängers etwas in Vergessenheit geraten, aber vielleicht wird's ja doch noch was!
Vor lauter Dummlaberei wären wir hernach fast nicht mehr rechtzeitig in den sich schließenden Seiteneingang reingekommen und hätten den unfasslich weiten Umweg durch den Haupteingang nehmen müssen... Aber von diesem in seiner Dramatik kaum zu überbietenden Zwischenfall haben wir uns natürlich die Laune am DISBELIEF-Auftritt keinesfalls vermiesen lassen, wäre ja noch schöner! Hätte ich ja nicht gedacht, dass die Band es schafft, live so intensiv zu klingen wie auf CD, aber von wegen! Die gehen livehaftig mindestens genauso unter die Haut, was sie mit Songs wie "Walk", "Misery" oder dem mit einem seltsamen Drumbeat angereicherten "The Decline" eindrucksvoll unter Beweis stellten. Dieser Beat war's dann wohl auch, der jemanden in meiner Nähe zu einem "We will Rock you"-Ausruf inspirierte, na ja... Sehenswert war indes Mr. Karsten Jäger, der Reinhold Messner des Metal. Nur dass letzterer auf dem Gipfel des Mt. Everest dem Yeti wohl kaum noch so krass entgegenbrüllen würde. Als krönenden Abschluss groovte DISBELIEF den Fans mit "God-Master" den Schmalz aus den Ohren und ich hab auch mal angefangen meine Nackenmuskulatur, seit MALEVOLENT CREATION etwas abgekühlt, wieder auf Betriebstemperatur zu bringen. Das Lied ist einfach dermaßen geil und rockt wie die besagte Sau, hell yeah!!!
Der Umbau zu VADER hin dauert nun etwas länger, war aber nicht weiter dramatisch, da wir die Zeit zu einem erfrischenden Päuschen draußen vor der Tür genutzt haben. Drinnen ging die Temperatur nämlich langsam aber sicher der Schmerzgrenze entgegen. Irgendwann waren die Roadies dann fertig und ein gar mystisches Intro schallte uns aus den Boxen entgegen. So, Intro-Gedudel fertig, jetzt aber! VADER! Absolut allererste Liga in Sachen technischem Death Metal. Ich kann von mir (im offensichtlichen Gegensatz zu einem Großteil der Zuschauer) zwar nicht behaupten, ein beinharter Fan der Osteuropäer zu sein, aber dennoch war der Auftritt ganz schön schön! Der Frontmann überraschte mit Ansagen in nahezu perfektem Deutsch und wusste auch ohne theatralisches Gepose zu überzeugen, sympathisch! Ganz anders da der Gitarrist vorne links: Ich hab mich die ganze Länge der Auftritts über gefragt, ob das dumme Gesicht seine Art zu posen ist, oder ob er nicht doch ganz einfach einen furchtbar nervigen Juckreiz in der Nase hatte... Sah jedenfalls ziemlich lustig aus, hehe! Der nächste Charakterkopf der Truppe ist zweifelsohne der Onkel Doktor hinter der Schießbude, was der da zaubert ist schier unmenschlich. Die Menschwerdung des Drumcomputers. Und das ohne eine Miene zu verziehen oder wenigstens mal so zu tun, als ob ihn das Highspeed-Gekloppe zumindest etwas anstrengen würde. Hier ein Blast, da eine Doublebass-Attacke und nebenbei mal eine Runde über die Becken, Hammer! Da werden wohl einige Schlagzeugschüler in tiefe Depressionen
verfallen.


HYPOCRISY (uns Peter Tägtgren)

Die sollten sich aber tunlichst bald wieder erholen, denn jetzt kommen die Mannen um den einzig wahren Lord-of-the-Augen-Rings, Peter Tägtgren. HYPOCRISY!! Als Opener fungierte auch dieses Mal "Fractured Millenium" und vorne war denn auch gleich die Hölle los. Wenn die Temperatur vorher schon heiß war, dann ging sie im Verlaufe der weiteren Show so langsam Richtung unerträglich. Aber da muss man durch, hilft ja alles nix! Die Schweden brachten von jedem Album mindestens einen Song, bei denen manche gar in Form eines Medleys zusammengeschraubt wurden. So u.a. geschehen mit "Pleasure of Molestation" und "Osculum Obscenum". Bisschen Angst hatte ich ja zugegebenermaßen vor den Stücken der neusten CD "Catch 22", für die ich mich nach wie vor nicht so richtig erwärmen kann. Live kam "Destroyed" und "A public Puppet" aber bei weitem nicht so "schlimm", wie ich befürchtet hatte. Mal abgesehen davon gab's ja auch ältere Kracher zur Genüge: "Apocalypse", "The final Chapter" und natürlich "Roswell 47", um nur einige zu nennen. Der neue Live-Gitarrist, der aus irgendwelchen mir unbekannten Gründen den anderen langjährigen Aushilfsklampfer ersetzt hatte, beherrschte seinen Teil im Übrigen einwandfrei. Erstaunlich auch die auffallend gute Laune von Peter und Mikael, beide strahlten übers ganze Gesicht und hatten sichtlich Spaß dabei, dem aufgedrehtem Pulk vor der Bühne den Rest zu geben. "It's hot as hell in here!" meinte Herr Tägtgren irgendwann und da konnte man ihm nur recht geben. Hafenbahn gut und schön, aber die Lüftung, falls überhaupt vorhanden, ist absolut für den Arsch! Genauso wie das seltsame Bühnenbild, das HYPOCRISY da aufgefahren hatten: Die komischen, grauen Aliengemälde links und rechts sahen ja ganz nett aus, aber kann es wirklich Sinn und Zweck der Sache sein, dass man damit Drummer Lars fast zudeckte?? Hmhmhm. Einige, verflucht anstrengende Zeit später war dann Feierabend mit den Jungs und ich hatte meinen persönlichen Rekord im T-Shirt-Nassschwitzen um Längen gebrochen, lecker! Aber wie gesagt, das waren bestimmt 250°C da in der Halle. Mindestens.
Beim Rückweg vom Auto, wo wir vor IMMORTAL mal kurz waren, sahen wir dann den nächsten "alten Bekannten" der Hafenbahn. Oder vielmehr haben wir ihn GEHÖRT. Was den Spinner plagt weiß wohl keiner so genau, Fakt ist, dass der auf fast jeden Konzert hier durch die Gegen blökt, als wäre er aus dem Volldeppenheim von um die Ecke ausgebrochen. Wer jetzt nicht weiß, was ich meine soll froh sein, der Typ hat echt `nen Schaden...
Aber scheiß der Hund drauf, wir wollen ja schließlich IMMORTAL nicht verpassen. Haben wir auch nicht, denn wieder drinnen angekommen war der Bühnenumbau noch nicht ganz fertig. Die Aliens wurden durch das "I" vom neueren Immortal-Logo ersetzt, das Problem des Drummer-Zubauens wurde damit aber auch nicht behoben... Wie vorhin good-old Peter, so war auch Abbath erschreckend gut drauf und animierte gleich von Beginn an immer wieder das angeheizte (im wahrsten Sinne des Wortes) Publikum. Das ließ sich auch nicht lumpen und mobilisierte trotz der erschöpfenden HYPOCRISY-Session noch mal letzte Kraftreserven, um zu "Sons of northern Darkness", "Damned in Black", "Solarfall" und dem mächtigen "Tyrants" zu bangen wie verrückt. So muss das sein!! Ich frag mich nur dauernd, wie zum Henker die Frostdämonen aus Norwegen diese mörderische Hitze überlebt haben, ich hätte mich jedenfalls nicht gewundert, wenn sie sich in kleine kokelnde Häuflein Asche verwandelt hätten... Aber von wegen, sogar zu drei Zugaben reichte es! Darunter "Battles in the North" und ganz zum Schluss logischerweise "Blashyrkh". Vorher spuckte Abbath übrigens noch Feuer, was auch ganz nett anzusehen war. Also, ebenfalls geiler Auftritt, auch wenn schon auffällt, dass die "alten" Immortal faktisch tot sind. Die beiden erwähnten Zugaben wären nämlichst die einzigen Stücke von den Alben vor der Kurskorrektur von "At the Heart of Winter". Schade, aber zugegebenermaßen sind die neuern Sachen wesentlich live-kompatibler und an Aggression auch nicht eben ohne. Halt anders, aber trotzdem gut.
Das war dann also das NO MERCY FESTIVAL 2002. Und zwar mit dem besten Billing der letzten drei Jahre, wenn ihr mich fragt. Nur fände' ich persönlich es besser, wenn man weniger Bands, von mir aus auch nur die Hälfte, holen würde. Acht Stück an der Zahl und alle mit dem Knüppel-aus-dem-Sack bewaffnet, das ist schon hart an der Grenze. Vor allem in so einem Backofen wie der Hafenbahn, die zudem soundtechnisch auch nicht eben auf der Höhe ist. Aber das erledigt sich im Sommer wohl von selbst, da wird das Ding abgerissen...

<< vorheriges Review
HELLBANGERS FESTIVAL I - Andernach, JuZ
nchstes Review >>
RUNNING WILD, REBELLION - Saarburg


Zufällige Reviews