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17. Oktober 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

Tony McCarroll - Die Wahrheit über Oasis
Titel Die Wahrheit über Oasis
Autor Tony McCarroll
Verlag Iron Pages Books (I.P. Verlag Jeske/Mader GbR)
Website www.ip-verlag.de
Seiten 224
Verfasser Stephan Mertens
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Als mir vor wenigen Wochen das Corpus Delicti zugesendet wurde, war ich mehr als skeptisch. OASIS zählen ganz sicher nicht zu meinen Lieblingen im Musikgeschäft und im ersten Moment wirkte "Die Wahrheit über Oasis" wie eine rein kommerzorientierte Abrechnung mit Noel Gallagher. Dieser war anscheinend in erster Linie für den Rausschmiss des Autors und ersten Schlagzeugers, Tony McCarroll, verantwortlich. Hinzu kommt, dass ich den Preis von knapp 20 EUR für großbedruckte 224 Seiten, arg überteuert fand und noch finde. Inhaltlich entpuppte sich das Werk allerdings als kleine Überraschung, denn McCarroll erzählt glaubhaft und überraschend unterhaltsam.
Statt eine klassische Schlammschlacht ins Rollen zu bringen, beleuchtet er zunächst, am eigenen Beispiel, das Aufwachsen von ganz normal-kaputten Teenagern in Levenshulme, einem Vorort von Manchester. Seine Freunde und er selbst ließen keine Gelegenheit aus, sich möglichst interessant und auch destruktiv die Zeit zu vertreiben. Ob nun Drogenmissbrauch, fanatischer Fußball-Wahnsinn oder kriminelle Handlungen, irgendwie musste man sich in den 80er-Jahren, als Teil der Generation X, auf der Straße durchschlagen. Das einzige, was Tony damals ansonsten interessierte, war die Leidenschaft für das Schlagzeugspielen. Schnell war die erste Formation RAIN aufgestellt und mit dem Neuzugang Liam Gallagher, entwickelte sich eine punkige Vorstufe der später gefeierten Superstars. Dieser Teil des Buches erinnert an die großen Jugendbücher der 60er- und 70er-Jahre, sowie an deren Verfilmungen. Ein paar Mal musste ich an "Quadrophenia" (Regie: Franc Roddam) oder das amerikanische Gegenstück "The Wanderers" von Richard Price (verfilmt von Philip Kaufman) denken. McCarroll beherrscht eine passende, lockere Sprache und kann das Erzählte authentisch und unterhaltsam rüberbringen.
Danach folgt die Phase, in welcher aus einer Bande Halbstarker, innerhalb kürzester Zeit, mit jeder Menge Hilfe von außen, eine Rockband mit Hitpotential wurde. Im Grunde jagte damals, Anfang der 90er-Jahre bereits ein Streit den nächsten. So wirkt es rückblickend beinahe wie ein Wunder, dass OASIS nicht schon vor ihren ersten Erfolgen zerbrochen sind.
Im längsten und letzten Teil des Buches, ändert McCarroll seinen Stil und berichtet von den ersten Jahren im Rampenlicht in Tagebuch-Form. Hier gibt es Informationen über die erste größere Tournee in Großbritannien und später auch in den USA, sowie Japan. Ob Spaß, Ehrgeiz oder Drama, diese Phase im Leben der jungen Musiker muss unheimlich intensiv gewesen sein. Auf der Handvoll Bilder im Buch erkennt man, dass es sich bei den Jungs, rein optisch, noch fast um Kinder gehandelt hat. So ist es auch kein Wunder, dass neben dem Erfolg immer wieder Reibereien aufkamen, die nicht selten darauf zurückzuführen waren, dass diese jungen Menschen es nie gelernt haben, mit dem Ruhm umzugehen. Unter anderem werden etliche Schlägereien, das Zerstörten von Hotelzimmern und der Konsum leichter, wie auch härterer Drogen aufgeführt. Dies und die persönlichen Differenzen mit Noel Gallagher, auf welche ebenfalls näher eingegangen wird, führten schließlich dazu, dass McCarroll und der Rest der Kapelle, kurz nach der Veröffentlichung des Debütalbums "Definitely Maybe", getrennte Wege gingen.
"Die Wahrheit über Oasis" hebt sich positiv von vielen schnell runtergekritzelten Machwerken, anderer verbitterter Ex-Mitglieder bekannter Musikgruppen, ab. Der Autor versteht es, einen interessanten, spannenden, sowie humorvollen Abriss über die Entstehung einer für mich völlig überbewerteten Rockband, abzuliefern. Ganz nebenbei bekommt der Leser Einblicke in eine zum Scheitern verurteilte Jugendkultur. In wie weit die Übersetzung ins Deutsche, Einfluss auf den Stil der Texte hatte, kann ich nicht beurteilen. Ein paar kleine Rechtschreib- und Druckfehler konnte ich zudem ausmachen, aber selbst das ist bei relativ kleinen Verlagen, heutzutage leider nichts Außergewöhnliches. Schlussendlich kann ich das Buch wirklich nur empfehlen. Wer keinen großen Draht zur Musik der Briten hat, wird vom relativ hohen Preis abgeschreckt sein, OASIS-Fans müssen aber zugreifen! Alleine schon, weil McCarrolls Schilderungen stark von anderen bisher "gültigen Wahrheiten" abweichen.
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