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18. Dezember 2017 - Uhr
 
Die Kolumne

Benedict Wells - Becks Letzter Sommer
Titel Becks Letzter Sommer
Autor Benedict Wells
Verlag Diogenes
Website www.diogenes.ch
Seiten 464
Verfasser Christian Schfer
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Der Klappentext von Benedict Wells' Debtroman, "Becks Letzter Sommer", klingt spannend:
Ein liebeskranker Lehrer, ein ausgeflippter Deutschafrikaner und ein musikalisches Wunderkind aus Litauen auf dem Trip ihres Lebens, von Mnchen durch Osteuropa nach Istanbul. Unter den Fittichen eines alternden Folkstars und seiner unsterblichen Songs. "Becks letzter Sommer" ist Knstlerroman, Roadmovie und Odyssee durch die Anfechtungen von Genialitt und Mittelma.
Der junge Autor erzhlt die Geschichte eines Musiklehrers und seines genialen Schlers. Seine Charaktere wirken vielschichtig und berzeugend: Robert Beck ist ein vermeintlich richtig cooler 37-jhriger Musiklehrer mit Jeans, dunklem Hemd und Lederjacke. Und einem Speckbauch. Dabei hatte er sich sein Leben ganz anders vorgestellt. Mit seiner Band "Kopfgeburt" spielte er vor unendlich langer Zeit in der Mnchener Muffathalle als Anheizer fr "New Order". Dennoch haben weder er noch seine damaligen Kollegen zu einer Erwhnung in einem namhaften Musikmagazin gebracht. Frustriert durch mangelnde Begabung, bescheidene Fhigkeiten als Songschreiber und ausbleibenden Erfolg hat Beck die Musik aufgegeben und sich auf sicherem Beamtenterrain verbarrikadiert. In der Schule, an der bereits sein Vater unterrichtete, plagt er sich tagtglich in Deutsch und Musik mit desinteressierten Schlern herum.
Der Traum von Ruhm und Karriere ist jedoch nicht ganz vergessen. Als Beck auf Rauli, einen brillanten Gitarristen und Snger aufmerksam wird, freundet er sich mit dem Jungen an, jammt mit ihm und wird sein Manager. Von neuem Optimismus gepackt organisiert er in der Schulturnhalle ein Konzert, zu dem er einen alten Bekannten vom Majorlabel BMG einldt. Lehrer Beck rechnet fortan als Entdecker eines knftigen Stars mit Ruhm und Ehre, allerdings sehen Becks Freunde die Dinge realistischer als der Protagonist des Buches. Die Hippiefrau Lara, die er in seiner Euphorie angesprochen hat und Becks bester und eigentlich einziger Freund Charlie, ein Hypochonder und Schwerenter, der nie Geld hat und eigentlich psychiatrische Hilfe braucht, wollen ihm seinen Traum ausreden. Seine Schlerin Anna, Gegenstand Becks erotischer Phantasien vereinfacht die zunehmend verfahrene Situation nicht.
Unverhofft kommt Leben in Becks kmmerliches, vegetatives Existieren, pltzlich sind da Bekanntschaften, Bindungen, Beziehungen und Menschen. Becks kleine Welt wird bunter und unbersichtlicher, chaotischer. "Becks Letzter Sommer" lebt von schrgen Vgeln und den Spannungen, die zwischen Menschen solchen Schlages beinahe zwangslufig aufkommen. Und vom Grundtenor des Romans, der immer wieder in unterschiedlichsten Situationen formuliert wird, nmlich, dass man das Leben akzeptieren muss, um es genieen zu knnen. Die wenigsten Menschen sind wirklich genial, aber deswegen muss man nicht mit sich und seinem vermeintlichen Schicksal hadern. Damit ndert man ohnehin nichts. Und so wird die Reise an den Bosporus zur Sinnsuche im Leben von Robert Beck. Schn, dass der strapazierte und inflationr gebrauchte Begriff der Selbstverwirklichung und des Freiwerdens von allen Zwngen hier nicht zum x-ten mal aufgebrht wird. Das Leben, so die Botschaft, holt einen immer wieder ein.
Bei "Becks Letzter Sommer" erkenne ich die unbekmmerte Erzhlweise, die ich auch in neueren deutschen Filmen beobachte. Besonders der Film "Im Juli" von Fatih Akin drfte Benedict Wells inspiriert haben. Die rastlose Umtriebigkeit von Beatautoren wie Jack Kerouac, die ich auch bei Robert Beck beobachte, sowie die von Bob Dylan-Songs bernommenen Kapiteltitel lassen weitere Rckschlsse auf geistige Heimat des Autoren zu. Man glaubt kaum, das der gute Mann erst 24 Jahre alt ist. Witzig geschrieben, voll unerwarteter Wendungen und toller Einflle habe ich das Buch innerhalb krzester Zeit verschlungen. Mal zum Lachen, mal zum Weinen ist es geschrieben, weckt groes Fernweh und ist deswegen fr alle empfehlenswert, die in ihrem Leben was vermissen. Nmlich das Gefhl, am Leben zu sein. Und nicht nur zu existieren. Groartiges Debt, mehr davon!
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